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Das kurze Leben des Aylan

Man mag nicht hinschauen. Es lässt einen nicht los. Der reglose Körper des kleinen Aylan aus Kobane, Syrien. Angespült am Strand der Touristenhochburg Bodrum. Ertrunken im Alter von drei Jahren. Die Eltern wollten vor dem Krieg nach Kanada flüchten. Ohne Visum und die richtigen Papiere vertraute sich die Familie Schleppern an. Das kleine Boot kenterte nach dem Ablegen in Richtung Europa. Familie Kurdi wurde ausgelöscht. Mutter und zwei Söhne starben. Nur der Vater überlebte.

 

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Aylan Kurdi, 3 Jahre alt, aus Kobane, Syrien. Anfang September am Strand von Bodrum/Türkei.

Tausend Euro pro Person nahmen die Schlepper. Schwimmwesten gab es nicht. Die sind längst ausverkauft. Kurz nach der Abfahrt gerät das überladene Boot mit 23 Flüchtlingen in starken Wellengang. Vater Abdullah Kurdi schildert die dramatische Situation: „Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch. Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten.“

Die türkische Fotografin Nilüfer Demir machte die Bilder vom kleinen Aylan. Ihr stockte der Atem erzählt sie: „Als ich den dreijährigen Aylan Kurdi gesehen habe, gefror mir das Blut in den Adern. In dem Moment war nichts mehr zu machen. Er lag mit seinem roten T-Shirt und seinen blauen Shorts, halb bis zum Bauch hochgerutscht, leblos am Boden. Ich konnte nichts für ihn tun. Das einzige, was ich tun konnte, war, seinem Schrei Gehör zu verschaffen.“

 

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Der Polizist und der tote kleine Junge. Momentaufnahmen der türkischen Fotografin Nilüfer Demir.

 

Die Welt reagiert schockiert – und ratlos. Peter Bouckaert ist für die Hilfsorganisation Human Rights Watch (HRW) seit Jahren in Krisenregionen unterwegs. Der belgische Menschenrechtsaktivist hat das Bild Aylans per Twitter veröffentlicht. Nach intensiver Gewissensprüfung, wie er betont. Die schockierenden Bilder seien nötig gewesen, um eine abgestumpfte Öffentlichkeit wachzurütteln. Der 44-jährige verteidigt sein Vorgehen: „Ich finde es anstößig, dass ertrunkene Kinder an unseren Küsten angeschwemmt werden, wenn man mehr tun könnte, um sie vor dem Tod zu bewahren.“

 

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Peter Bouckaert von „Human Right Watch“: „Mir sind diese Kinder so wichtig wie die eigenen.“

 

Abdullah Kardi hat mittlerweile seine Familie in der zerstörten Heimatstadt Kobane zur letzten Ruhe getragen. Ehefrau Rehan, Sohn Galip, fünf Jahre alt und der kleine Bruder Aylan, drei Jahre alt. Aylan. Der Junge mit den neuen Turnschuhen, die ihn nach Kanada tragen sollten – in ein neues Leben.

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Das Geheimnis von Christianstadt

Die einstige Rüstungsschmiede von Christianstadt ist heute mit einem doppelten Maschendrahtzaun und NATO-Stacheldraht auf der Krone sowie Infrarot-Sensoren ausgestattet. Zutritt strengstens verboten. Gerüchteweise heißt es, dort befinde sich eine Spezialeinheit mit einem KFZ-Instandsetzungswerk. Sicher ist nur: hier war bis 1945 das Zentrum der größten Munitionsfabrik des Dritten Reiches.

Das verwunschene Werksgelände liegt mitten in einem riesigen Waldgebiet, eine Autostunde von der deutsch-polnischen Grenze bei Forst entfernt. Der Ort selbst heißt heute auf Polnisch Nowogród Bobrzanski. Ein verschlafenes Provinzstädtchen mit vielleicht zweitausend Einwohnern. Das nahe gigantische Sprengstoffwerk mit dem Tarnnamen Ulme war Geheime Reichssache. Und so scheint es, ist es bis heute geblieben.

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Munitionsfabrik Christianstadt im zugänglichen Teil. Wie Dinosaurier aus einer anderen Zeit ragen riesige Produktionsstätten in den Himmel.

 

Der äußere Bereich mit zwei Kraftwerksruinen und verfallenen Produktionsstätten,  die wie gefallene Skulpturen in einem Jurassic Park herumstehen, ist zugänglich. Aber nichts erinnert an die explosive Geschichte. Keine Gedenktafel, kein Hinweis in Reiseführern oder offizielle Darstellungen im Internet. Seit einiger Zeit bemüht sich eine private polnische Historikergruppe um eine Bestandsaufnahme. Ein kleines Besucherzentrum in der ehemaligen Kommandantur ist geplant, heißt es.

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Lagerausweis Christianstadt. Bis zu 20.000 Arbeiter schufteten bis Januar 1945 in der Munitionsfabrik.

 

Betreiber des Werkes war die DAG, die Dynamit-Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. 1939 begann der Bau dieser geheimen „Nitrozellulose- und Sprengstoffanlage“ mit geplanten 800 Gebäuden, von denen die Hälfte fertig wurden. Die Fläche umfasste rund 1.500 Hektar. Das Fabrikgelände war drei bis viermal so groß wie die Waffenschmiede in Peenemünde. In Christianstadt wurde Sprengstoff für schwere Infanterie, MG, Artilleriegeschosse, Granatwerfer, Flugzeugbomben und auch Zünder für V1- und V2-Raketen hergestellt.

 

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Franzi nach Kriegsende. Die junge Tschechin aus Prag überlebte wie durch ein Wunder Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt.

Ein ständiges Brummen lag über den Wäldern. Viele tausend Fremd- und Zwangsarbeiter, vor allem aber junge Jüdinnen mussten täglich diesen lebensgefährlichen Job leisten. Die Frauen waren aus Theresienstadt oder dem Konzentrationslager Auschwitz herangeschleppt worden. Viele Häftlinge erkrankten an Krebs. Folge des ständigen Kontaktes mit Bleistaub, Salpeter, Schwefelsäure und anderen gefährlichen Chemikalien. Abwasser und Klärschlamm flossen ungeklärt in das Flüsschen Bober.

Bis heute ist unklar, was in Christianstadt wirklich geschah. Wurden schmutzige Bomben getestet oder hergestellt? Wieso wurde das gigantische Werksgelände nie bombardiert, obwohl der Royal Air Force detaillierte Luftaufnahmen vorlagen? Was war der Grund, dass im Januar 1945 eine Spezialeinheit der SS das Werk fünf Tage lang erbittert verteidigte? Wie kam es, dass der stellvertretende Werksleiter Walter Schnurr – der „Sprengstoffpapst des Dritten Reiches“ – nach Argentinien flüchten konnte und später Leiter des Kernforschungszentrums Karlsruhe wurde? Was machten die Sowjets mit dem Werk in den Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges? Was geschieht heute hinter Stacheldraht und totaler Abriegelung?

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Wandgraffiti aus der Zeit der Roten Armee in einer der endlosen unterirdischen Bunkeranlagen.

 

Christianstadt scheint sein Geheimnis bis heute zu hüten. Allen Wechselfällen und Versprechungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz. Es ist, als ob das Schicksal diesen vergessenen Ort dazu verdammt hat, genauso geheimnisvoll wie brisant zu bleiben – einst wie heute.

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Christianstadt heute. Das alte Werk ist mit einem neuen Zaun umgeben. Es handelt sich wieder um ein militärisches Geheimobjekt. Der Rest ist Schweigen.

 

Über den Alltag und einen schweren Unglücksfall Ende 1944 in Deutschlands größter Munitionsschmiede der Nazis berichtet zum ersten Mal ein ehemaliger leitender Ingenieur von Christianstadt. Es war sein letztes Interview vor seinem Tod. Dazu ausführlich mehr unter Rückschau Christianstadt.

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Einmal Flüchtling – immer Flüchtling?

Der Vater hat den Koffer gezimmert. Ein Bootsbauer aus Ostpreußen. Auf die Innenseite schrieb er die Adresse seiner Frau: Charlotte Glase. Königsberg. Herzog-Albrecht-Platz 2. Ein paar Habseligkeiten wurden verstaut. Dann hinaus auf die Ostsee bei zwanzig Grad Kälte. Auf einer Schute und mit der Tochter, der kleinen achtjährigen Ingetraud. Bootsflüchtlinge. Der Kampf ums nackte Überleben.

Dieser Koffer blieb Ingetraud Lippmann, heute 89 Jahre alt. Ihre neue Heimat Hamburg. Alles, was sie behielt, war dieser Koffer und Lottchen. Ihre Puppe, ein Jahr jünger als sie, ihr ein und alles. Die alte Frau sitzt im Sessel und erzählt von ihrer Flucht. Auf einem überfüllten Boot. In Zügen, auf deren Dächern sich Menschen klammerten.

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„Uns wurde nichts geschenkt.“ Ingetraud Lippmann. Flüchtlingskind aus Königsberg. Heute in Hamburg.

Sie beginnt zu weinen, als sie vom Schicksal ihres Vaters berichtet. Er blieb an der Kaimauer von Gotenhafen – heute: Gdynia – zurück. „Entsetzlich“. Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Vom Tod ihres Vaters in Kriegsgefangenschaft erfuhr sie erst 2003, genau 58 Jahre später.

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„Lottchen“ – ihr großer Schatz. Die Puppe hält sie seit 1937 in Ehren.

Ingetraud Lippmann flüchtete im Januar 1945 von Königsberg nach Kehdingen in der Nähe von Cuxhaven. Sie wurde beim reichsten Altbauern einquartiert. Im Keller mit 13 weiteren Kindern. Willkommenskultur? Von wegen. Der Empfang war eher abweisend und frostig. Nichts wurde ihnen geschenkt. Ihre Milch mussten sie beim Nachbarbauern kaufen. Die Mutter ging übers Land, um zu betteln. Sie bot ihre Arbeit an. Nähen von Kleidern. Gegenwert: vier Eier.

Die pure Not schweißte zusammen. Viele Kinder hungerten. Einzige warme Nahrung war die „Schwedenspeisung“ in den Schulen. Ingetraud erinnert sich an manche hilfsbereite Menschen aber auch an viel Neid. „Die Flüchtlinge brauchen ja nur zur Kleiderkammer zu gehen, um sich etwas Gutes auszusuchen“ hieß es. Oder: „Jetzt kommen noch mehr Polacken.“

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Überfülltes Flüchtlingsboot 1945. Über zwei Millionen Deutsche konnten sich über die Ostsee nach Westen retten.

 

Ingetraud war in der Schule die Beste, obwohl sie keine Bücher hatte. Das ärgerte die einheimischen Kinder. Ihr Flüchtlingsausweis A war anfangs wie ein Makel. Als sie sich bewarb, hagelte es ablehnende Antworten. Die Stelle sei bereits vergeben, hieß es stets. Die ersten verstorbenen Flüchtlinge wurden im Dorf auf dem Hundefriedhof begraben.

 

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Massenunterkünfte für Flüchtlinge 1945. Überleben auf engstem Raum. Das kriegszerstörte Deutschland nahm über 12 Millionen Flüchtlinge auf.

 

Doch Ingetraud gab nicht auf. Sie zog 1953 nach Hamburg, fand Mann und Arbeit. Ihr Lottchen war immer dabei. „Wir hatten alles verloren: Haus, Hof und Heimat. Das Wichtigste aber war: Wir leben!“ Ingetraud lächelt mich an: „Ich habe damals viel geschrieben. Tagebücher. Das viele Schreiben hat mein Herz frei gemacht.“ Und dann sagt sie noch: „Dieser verdammte Krieg. Wir müssen daraus lernen. Es darf nie wieder dazu kommen. Krieg zerstört alles.“

 

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Der Koffer von Königsberg. Heute steht er in Hamburg. „Direkt unter meinem Bett. Man weiß ja nie“, sagt Ingetraud Lippmann

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Wenn die Stunde schlägt

Es gibt Momente, die Geschichte schreiben. Am 6. Mai 1937 kurz vor halb acht stürzte ein Gigant brennend in die Tiefe. Der Stolz der deutschen Luftfahrt entzündete sich beim Anlegemanöver in Lakehurst unweit von New York.  Drei Explosionen erschütterten das Wasserstoffgefüllte NS-Vorzeige-Luftgefährt mit dem Namen Hindenburg. Wie durch ein Wunder überlebten 62 der 97 Passagiere. Noch wenige Stunden zuvor hatte der Zeppelin LZ 129 triumphierend Manhattan überflogen.

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Stolz überfliegt der Zeppelin „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 die Skyline von New York.

 

Doch die Katastrophe war einschneidend. Der Zeppelin-Riese, ein Propaganda-Projekt Hitlers zerschellte wie Ikarus am Boden. Die Weltöffentlichkeit nahm teil. Ein Radioreporter schilderte die dramatischen Minuten des Zeppelins Hindenburg. Ein Filmteam drehte den spektakulären Absturz. Diese Bilder brannten sich in das kollektive Gedächtnis ein. Das Desaster von Flug LZ 129 markierte das Ende der Verkehrsluftschifffahrt.

 

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Filmaufnahmen vom 6. Mai 1937 gegen 19.25 Uhr. Lakehurst. New Jersey. USA. Das Ende des Fluges L 129.

 

Diese atemberaubenden Aufnahmen sind nun allen und jederzeit zugänglich. Die Nachrichtenagentur AP öffnet gemeinsam mit dem Wochenschauarchiv British Movietone ihre Archivschätze. Mehr als eine halbe Million Videoclips sind ab sofort für jedermann zugänglich. AP hat sein gesamtes Nachrichtenarchiv von 1895 bis in die Gegenwart auf YouTube hochgeladen.

Es sind viele historische Momente und Ereignisse aus Sport, Politik, Forschung, Kultur und Gesellschaft. Das Erdbeben von San Francisco 1906 wie der Absturz der Hindenburg. Das Attentat auf Martin Luther King wie der Abriss der Berliner Mauer. Das 20. Jahrhundert kann nun durchgeklickt werden. Über eine Million Minuten digitalisiertes Bildmaterial steht zur Verfügung. Wer viel Ausdauer hat und alle Videos am Stück schauen will, ist damit die nächsten zwei Jahre beschäftigt.

 

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Heiter durch schlaflose Nächte

Ein Sonntag im August. Wummernde Bässe wabern die Spree hinauf. Harte Techno-Beats begleiten unsere Suche nach einem verwunschenen Ort. Das DDR-Funkhaus für einst 3.500 Mitarbeiter. Heute eine Geisterstadt an der Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide. Das riesige Areal im Osten der Hauptstadt wirkt verkommen, vergessen, wie von der Landkarte gewischt. Hier spielt Igor Levit an diesem Sommertag Bach.

Angekündigt sind die Goldberg-Variationen. Die Krönungsmesse für jeden Pianisten. Der junge russische Pianist nimmt im Aufnahmesaal von 1955 eine neue Einspielung vor. “Der Raum ist das Kleid der Musik”, heißt es. Das Funkhaus wirkt wie ein einziger Schneewittchensarg. Genau hier soll ein neues deutsches Mekka für Tonschaffende entstehen. Wachgeküsst nach Jahrzehnten Verfall und Stillstand.

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Eine Geisterstadt – manchmal mit Tönen. Das Funkhaus Berlin in der Nalepastraße. Ein privater Investor soll das Gelände sanieren und retten. Es ist mittlerweile der dritte Versuch seit 1989.

Igor Levit eröffnet den ersten berühmten Satz in G-Dur. Sinnlich souverän steigert sich der 28-jährige Pianist, erreicht in den dreißig Variationen mal Hochleistungstempo, dann wieder verhaltene Freude am leisen Spiel. Levit agiert körperlich, kriecht in Flügel und Tasten, vermeidet jedoch das laute Atmen eines Glenn Gould bei dessen berühmter Variation der Variationen. Die “Clavierubung” mit ihren 32 Sätzen hat es in sich.

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Allein im Aufnahmesaal von 1955. Igor Levit, Jahrgang 1987, spielt Bach.

 

Der Titel Goldberg fußt auf einer schönen Anekdote. Bach habe das Werk 1741 seinem dreizehnjährigen Klavierschüler Johann Gottlieb Goldberg gewidmet. Bach-Biograf Johann Nikolaus Forkel verbreitete diese Version. „Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte.“

Igor Levit präsentiert einen hellwachen, fröhlich-forschen Bach. Neunzig Minuten Hochgenuss – leidenschaftlich, intensiv, überzeugend dem Motto des Meisters folgend: “Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach“. Bleibt zu hoffen, dass der Aufnahmesaal des Funkhauses nicht nur ein Geisterhaus bleibt, in das ab und zu Leben zurückkehrt. Hoffentlich hat das Funkhaus eine sichere und wohltemperierte Zukunft. Ein Investor soll ernsthafte Pläne verfolgen, heißt es jedenfalls.

Igor Levit 2014 im Funkhaus Berlin.  Igor Levit spielt Bach

 

Do it yourself

Der Kapitalismus ist von Grund auf böse, und die armen einfachen Menschen sind ganz lieb. Bis zu 70% der Deutschen stimmen in Umfragen für eine Abschaffung des Turbo-Kapitalismus. Eine ähnliche Zustimmung erreicht nur noch der Wunsch, problemlos abzunehmen, lästert Harald Martenstein in einer seiner Kolumnen. Was ist also faul in Zeiten der Selbstoptimierung und Vermarktung?

Jeder ist seines Glückes Schmied. Und: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Die einzige Konsequenz: Ändere dein Leben und zwar sofort. Die Priester des Zeitgeists predigen seit über einem Vierteljahrhundert den allzeit bereiten erfolgshungrigen Selbstvermarkter. Verlangt werden Unterwerfungshandlungen, die niemand mehr einfordern muss, weil sie alle akzeptieren. Höher, schneller, den anderen ausbremsen.

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Sei erfolgreich. Ändere dein Leben. Erreiche deine Ziele. Die Selbstoptimierungsmaschine läuft auf Hochtouren.

 

Bestseller und Quotenkracher, kurzum der Hirschfaktor bestimmen den Alltag. Hirschfaktor? Das ist die Kennzahl für Reputation eines Wissenschaftlers. Nachgewiesen in der Zahl der Veröffentlichungen und der Höhe der Drittmitteleinwerbung. Geistige Leistung muss punktgenau messbar sein. Das Ziel: die Ökonomisierung geistiger Güter.

 

So werden weltweit jährlich 1,5 Millionen Aufsätze veröffentlicht, die kaum jemand liest. Eine ernüchternde Analyse ergab: 82% der Artikel werden nicht ein einziges Mal zitiert. Nur 10% der Leser halten bis zum Ende eines Textes durch. Millionen Forscher produzieren Wissensmüll für die Löschtaste. Der Preis: Weder gibt es nennenswerte Innovationen noch neue Lösungsansätze. Wer lässt sich in Zeiten von befristeten oder prekären Jobs auch auf kritische Untersuchungen ein?

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Alexander Humboldt. Naturforscher. Entdecker und Vermesser der Welt.

Was ist die Folge? Im Angesicht einer rasenden Gegenwart bewegt sich die Wissenschaft nur noch im Elfenbeinturm. Ein Wirklichkeitsverlust, der weh tut, findet Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen. Er vergleicht das Grundproblem mit einer Anekdote aus Vietnam. Während der französischen Kolonialherrschaft herrschte eine Rattenplage. Ein Gesetz wurde erlassen, das jedem, der eine tote Ratte ablieferte, eine Prämie versprach. Das Ergebnis: Die Menschen begannen Ratten zu züchten.

Dabei wären innovative Lösungen statt belangloser Auftragsproduktionen wichtiger denn je. Die Liste der aktuellen Menschheitsthemen ist lang: Flüchtlingselend, Krise des Kapitalismus, Klimawandel, Krise Europas, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Totalüberwachung durch Geheimdienste, Rückkehr des Kalten Krieges, Alterung und Fragmentierung der Gesellschaft.

An die Arbeit – Forscher, findet der Tübinger Wissenschaftler Pörksen. Der große Entdecker Alexander Humboldt habe auch nicht als erstes gefragt, welche Drittmittel bereitstehen. Er legte los, um die Welt zu verstehen. Wie lernt man aufrecht laufen? Ganz einfach: Von Fall zu Fall.

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So macht der Sommer Spaß

Celina Bostic geht zu Fuß. Und ist wie ein Vulkan. Wenn sie singt, dann gurrt, gluckst, röhrt, schnalzt sie, mal leise, mal kräftig, aber stets mit einem unwiderstehlichen Augenzwinkern. Ihre Lieder haben eine einfache Botschaft: Das Leben ist schön, trotz aller Widrigkeiten. Denn: „Hauptsache der Schlüppi sitzt!“

Live geht es sofort ab. „Alle Männer sind Stricher außer Papa“, ist ihr Hit. Die Frauen singen begeistert mit. Die waschechte Berlinerin aus Charlottenburg stimuliert das männliche Publikum zur Antwort. „Alle Frauen sind Schlampen außer Mutti“ brummen nunmehr die Kerle, während die Damenwelt konternd den Papa hochleben lässt. Celina Bostic ist ein echtes Live-Erlebnis. Auf der Bühne zeigt sie, was sie kann. Alleine. Nur mit einer Gitarre, der Loop-Station zu Füßen und einer wunderbaren Stimme.

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Alleine mit der Gitarre. So präsentiert sich Celina Bostic.

 

Viele Jahre war sie im Background versteckt. Sang für Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer und besonders Farin Urlaub von den Ärzten. Jetzt mit 35 Jahren schwimmt sie sich frei. Und sie singt sich in die Herzen ihres begeisterten Publikums. Eine Band – wozu? Celina traut sich was. „Ich bin mein eigener Beatboxer und mein eigener Chor.“ Das Schönste. Es funktioniert.

Als ihre jüngere Schwester Laila mit auf die Bühne kommt, folgt beim gemeinsamen Lagerfeuer-Soul eine weitere Kostprobe ihres Könnens. Die Bostic-Schwestern trompeten um die Wette. Es ist, als würden junge Delfine in der Morgendämmerung vor Freude in die Höhe hüpfen. Wieder solo verwandelt sie ihren Song „Kartoffelsuppe“ fröhlich in Michael Jacksons pulsierenden „Billy Jean“. Und sie verzaubert bayrisches Schuhplatterln in eine coole Stepping-Nummer.

„Ole ole ole – ich erfülle das Klischee“, singt sie ironisch. Kein Wunder, sie geht ja zu Fuß. So heißt ihr neues Album. Celina Bostic ist eine echte Entdeckung. Vielleicht schafft sie es doch noch auf eine der großen Bühnen. Ganz vorne. Verdient hätte sie es. Denn diese Berliner Göre hat den Groove.

 

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Sommergäste

Es ist ein Erlebnis – dieses irre Gefühl, in der Dämmerung am Rande des Flusses zu sitzen. Einen weichen Teppich von Sand, Gras und Blättern unter den Füßen, mit dem Wind, der die Bäume und Sträucher zu einer beweglichen lebendigen Kulisse werden lässt. Mit den Stimmen der Natur, die sich scheinbar endlose Wortduelle liefern. Alles wirkt so natürlich-irdisch, zum Greifen nah. Der Fluss, die Wiesen. Das Ufer auf der anderen Seite. Die Ruhe.

Die sich leerenden Dörfer Brandenburgs rücken ins Visier der städtischen Kopfarbeiter, der Theatermacher, Literaten und Soziologen. Mit der Schrumpfung sind die Rückkehr der Wölfe und neuer Sehnsüchte verbunden. Das kleine Strodehne an der Havel hat bereits eine längere Karriere als Aussteiger- und Sehnsuchtsort hinter sich. Das kleine märkische Dorf zwischen Rathenow und Havelberg ist seit Jahrzehnten Anlaufpunkt für Künstler und Ausstiegswillige.

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Versorgungsengpass Strodehne. Ein Künstlerprojekt im Sommer 2015.

 

Ein schmucker Dorfanger. Eine Kneipe mit dem Namen Stadt Berlin, das Versprechen: „rustikale deutsche Küche“. Eine herrliche Badestelle am Fluss. Barfußkinder und nackte Mütter. Enten, Hühner, Kraniche. Eine Astrid-Lindgren-Bullerbü-Idylle. Irgendwo kläfft ein Hund. Eine Künstlerinitiative verkauft im ehemaligen Konsum selbstgebackenen Kuchen und träumt den Traum von selbstbestimmter Kunst. In der alten LPG-Kantine gibt es Mahlzeiten zu 1,50 (EVP) oder 2,50 für Auswärtige. Ach, auch der große Bernhard Heisig hat früher in Strodehne einmal gemalt.

 

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„Früher war alles besser.“ Mahlzeit in der LPG Essenküche Strodehne – mit Kulturprogramm. Das Comeback ist bereits vorbei. Vielleicht gibt es eine Wiederholung?

 

Es riecht nach Erde, Apfel und Kindheit. Hier grüßt das ungeschminkte Gesicht des einfachen Landlebens. Naive Aussteiger-Prosa? Von wegen. Provinz ist doch stets dort anzutreffen, wo man sich nicht mehr bewegen mag: gedanklich, materiell oder mit der eigenen Neugier. Wenn einen nichts mehr interessiert, alles gesagt ist. Die Provinz ist immer in den eigenen vier Wänden, im Kopf zuhause. Provinzler kann man in der größten Stadt der Welt sein. Das kleine Strodehne lädt zum großzügigen Leben und Schwärmen ein. Solange der Sommer zu Gast ist.

 

Versorgungsengpass Strodehne. Landkreis Havelland. 90 Kilometer westlich von Berlin.

 

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Auch das nahe Wassersuppe unweit von Kotzen im Havelland ist eine Reise wert.

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Homeland

„Brot kann schimmeln. – Du kannst gar nichts.“ Kurzer Schlagabtauch in einer Dorfkneipe. Tresen-Weisheiten. Der gemeine Brandenburger macht nicht viel Aufheben. Er verliert nur wenige Worte. Die trockene Pointe zählt. Brandenburg stammt von Branten. Es ist ein altes Wort für Pratzen oder Tatzen, in dem klanglich „Bandenburg“ mitschwingt. Da liegt doch die Geschichte vom störrischen Esel Buridan nahe, der zwischen zwei vollen Heuhaufen wählen, aber sich nicht entscheiden kann. Am Ende verhungert er.

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Die Mühle von Gülpe. Bei Tage. Nirgendwo in Deutschland sind die Nächte aufregender als hier – jedenfalls der Sternenhimmel.

„Es ist nicht alles Chanel es ist meistens Schlecker, kein Wunder dass so viele von hier weggehen, aus Brandenburg. Da stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln, in Brandenburg. Brandenburg, ich fühl‘ mich heut‘ so leer, ich fühl‘ mich Brandenburg. In Berlin bin ich einer von drei Millionen, in Brandenburg kann ich bald alleine wohnen…“, lästerte schon vor Jahren Liedermacher Rainald Grebe. Wo wohnt der gute Mann? – In Brandenburg.

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3.000 Seen gibt es in Brandenburg. Und fast so viele Herren- und Gutshäuser. Nicht alle sind so gepflegt wie hier in Gülpe im West-Havelland. Rund 100 Kilometer von Berlin entfernt.

Während in Berlin-Mitte und angeschlossenen Szenevierteln allerletzte Brachflächen zugebaut, Wohnraum knapp und teure Luftschlösser geplant werden, schrumpfen im Umland Städte und Gemeinden, werden Dörfer von der Außenwelt abgehängt oder verschwinden ganz von der Landkarte. Die Ideologie des stetigen Wachstums weicht einer Kunst des Schrumpfens. Hier können nunmehr gepflegte Langeweile und Müßiggang geübt werden. Es ist die Suche nach dem Modell für ein neues Leben.

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Der Himmel über Gülpe.

Es ist der Versuch in menschenleeren Gegenden zu siedeln. Immer mehr Menschen suchen in der Streusandbüchse ihr Glück, während viele junge Einheimische nur noch weg wollen. Der dunkelste Ort in Deutschlands liegt natürlich in Brandenburg. Gülpe heißt er, knapp einhundert Kilometer westlich von der boomenden Hauptstadt entfernt. Hier schlägt das Herz Dunkel-Deutschlands. Das hat einen wesentlichen Vorteil: Nirgendwo ist die Nacht schwärzer. Nirgendwo die optische Luftverschmutzung so gering. Hier kann der aufmerksame Beobachter die meisten Sterne sehen.

Gülpe ist Deutschlands erster Sternenpark. Umsonst und draußen. Ein Campingstuhl genügt. Und ein bisschen Geduld und Glück…

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Fasanenjagd im Englischen Garten

An einem keineswegs geruhsamen Ostersonntag notiert Victor Klemperer in sein Tagebuch: „Kommunion und Kommunismus, Ludwigstraße und Schellingstraße, sind buchstäblich schwarz von den Tausenden, die aus der Messe strömen.“ Es ist der 20. April 1919. In München herrscht seit drei Wochen eine Sowjetrepublik. Es ist Weltrevolution in Schwabing. Klemperer schreibt für die erzkonservative Leipziger Neuesten Nachrichten Revolutionsberichte aus der bayrischen Unruhe-Metropole.

Unter dem Pseudonym Anti-Bavaricus notiert er am 20. April 1919: „ Kein Tag, an dem dieses gewissenlose Jagen, das eine bloße Gaudi ist, nicht seine Opfer fordert. So stirbt man für die Freiheit! Das Fahren ist Gaudi, das Knallen auch. Man kann jetzt schöne Fasanenfedern, wie Bajonette an den Gewehren steckend, sehen: die Fasanen im Englischen Garten sind sehr verlockende Jagdobjekte.“

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Victor Klemperer alias „Anti-Bavaricus“ – unbestechlicher Beobachter der Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919.

Wenige Tage und viele Versammlungen, Resolutionen, Streiks, Gerüchten und Parolen später hält Klemperer fest. „Jetzt, da die Bürger zu merken begannen, dass das räterepublikanische Spiel, in dem sie halb apathisch, halb missmutig zugesehen hatten, für sie doch wohl Schlimmeres bedeuten konnte als nur eine wilde karnevalistische Veranstaltung, wie zeigten sie jetzt ihr Erwachen zum Widerstand? – Durch spontanen Antisemitismus. Saujuden!“ Nun soll dem Spuk ein Ende gemacht werden. „Wenn sie nur kämen und uns endlich von dem Gesindel befreiten!“, beobachtet Klemperer Volkesstimme.

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Ein Soldat mit Händen in den Taschen (Pfeil) beobachtet das revolutionäre Münchner Treiben im Februar 1919. Es soll sich um den Gefreiten Adolf Hitler handeln.

Es kommt zum blutigen Showdown. Über 30.000 Freikorps- und Reichswehrsoldaten erobern auf Befehl des preußischen Innenministers Gustav Noske (SPD) das rote München. Die Intellektuellen-Revolution wird niedergeschossen. Anti-Bavaricus registriert am 2. Mai 1919: „Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben – die Herrlichkeit dauerte keine zwei Tage – sah ich eine freudige bayrisch-preußische Verbrüderung.“

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Einige Köpfe der Münchner Sowjetrepublik. Es ist eine Revolution der Bohémians. Mit Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller und anderen standen auffällig viele Dichter und Denker an der Spitze der Rätebewegung.

Es folgen Standgerichte, Hinrichtungen, Fememorde. Die meisten der Führer werden ermordet. Der Spartakusaufstand fordert über tausend Opfer. Klemperer hält mit unbestechlichem Blick fest, „in alle Straßen verteilen sich starke Patrouillen und Abteilungen verschiedener Waffen, und an allen Ecken, wo man gedeckt ist und doch Ausblick hat, drängt sich das Publikum, häufig das Opernglas in der Hand“.

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Die „Weißgardisten“ nahmen bei der Niederschlagung der Räterepublik in München heftig Rache. Die Zahl der Toten wird auf über 1.000 geschätzt.

Nach vier Wochen ist die Münchner Sowjetrepublik Geschichte. Klemperer am 10. Mai 1919: „Es ist die alte grausame Naturnotwendigkeit: von einer schwächlichen Regierung ungehindert haben die Spartakisten Tod säen dürfen, und nun haben sie ihn hundertfach geerntet.“ Die Bilanz des Chronisten deutscher Tragikomödien lautet: „Alles ist jämmerlich, und alles ist blutig, man möchte immer weinen und lachen in einem.“

 

Victor Klemperer. Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919. Aufbau-Verlag. 2015.