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L237 – Ein Dachboden enthüllt seine Geheimnisse

In der Straße Dlouha 24 in Terezin steht ein unscheinbares Eckhaus. Eine Pizzeria bietet im Erdgeschoss Pasta, Pizza und frisches Budweiser vom Fass an. Oben auf dem Dachboden hat sich siebzig Jahre lang ein gut gehütetes Geheimnis verborgen. Hier hat ein junger Mann zwischen Müll und Gerümpel Zeichnungen und Graffitis entdeckt. Zeichnungen von Kindern. Schauplatz: Terezin, auf Deutsch Theresienstadt. Das zweistöckige Haus gehörte einmal zum Block L 237. Mitten im Ghetto.

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Theresienstadt. Dlouha 24. Einst Bahnhofstraße. In der Zeit des Ghettos: Block 237.

Lukas Lev ist ein aufgeweckter tschechischer Student. Er verdient sein Geld mit Touristen, die aus der ganzen Welt nach Theresienstadt kommen – rund siebzig Kilometer nördlich von Prag. Kenntnisreich und energisch führt er die Besucher durch Festung und Garnisonstadt Terezin. Von der K.u.K-Monarchie im 18. Jahrhundert errichtet, um die Preußen aufzuhalten. Das Bollwerk wurde jedoch nie gebraucht. Erst die Nazis nutzten die monumentale Anlage als Aufnahme-, Sammel- und Durchgangslager. Es war – vor allem – ein Todeslager.

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„Mein liebes Bavorov – Städtchen im Böhmerwald.“ Eine der Wand-Botschaften aus dem Jahre 1944.

Von den 140.000 eingepferchten europäischen Juden starben in Terezin mindestens 35.000. Die meisten Insassen wurden zwischen 1942 und 1944 von dort aus weiter in die Vernichtungslager nach Osten transportiert. Endstation: Auschwitz. Über Theresienstadt gibt es einen legendären Propaganda-Film der SS. Der zehnminütige Streifen zeigt das Lager als blühende Landschaft mit Kräutergarten, Bäckerei, Theater und wohlversorgten Ghetto-Insassen.

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Karlsbrücke und Burg in Prag. Zeichnung auf dem Dachboden nach 70 Jahren entdeckt.

 

Die Wirklichkeit sah anders aus. Von 15.000 Kindern haben gerade 150 das Ghetto überlebt. Auf dem Dachboden im Block L237 hat Lukas Lev letztes Jahr an Wänden und Dachbalken letzte Hinterlassenschaften von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen entdeckt. Heimliche Zeichnungen. Zeichen des unbedingten Überlebenswillens. Sie erzählen von Hoffnung und Heimweh, Liebeskummer und Läusen. In insgesamt elf Dachböden sind solche beeindruckenden Botschaften gefunden worden.

Besonders die Zeichnungen der Kinder gehen unter die Haut. Bilder von Marienkäfern und Windmühlen. Es sind krakelige Hilferufe nach einem Leben ohne Gewalt, Angst und Willkür. Diese Zeugnisse wurden in den letzten Jahrzehnten vergessen. Sie sind akut bedroht, weil sich niemand von offizieller Seite findet, der die Funde retten will. Lukas Lev hat seine Arbeit bislang komplett aus eigener Tasche finanziert. Anfang Juni werden die Bilder zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

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Das „Sammellager“ Theresienstadt existierte von 1942 bis 1945. Die einstige Festung- und Garnisonstadt, ausgelegt für 6.000 Soldaten, war ständig mit rund 60.000 Menschen aus ganz Europa belegt.

 

Weitere Informationen unter ghettospuren.

The thrill is gone

Nun hat er seine letzte Reise angetreten. B.B. King hat uns verlassen. Er war der lebende Beweis für drei Dinge, die im Leben wichtig sind. Der Blues. Die Frauen. Und dass aus Niederlagen Glücksmomente werden können. Das war, das ist B.B. King. The thrill is gone. Dieser Kick ist vorbei. Aber seine Musik bleibt.

Unvergessen sind seine Konzerte mit Eric Clapton. Er war Lehrmeister für Generationen von schwarzen und weißen Musikern. 1925 in Mississippi geboren, bewies King allen Widerständen zum Trotz was es heißt der „König des Blues“ zu sein. Er ließ sich von allen rassistischen Anfeindungen nicht unterkriegen. Der Mann aus Mississippi brachte es auf mehr als 15.000 Auftritte, verkaufte mehr als vierzig Millionen Tonträger.

 

 

Er hatte fünfzehn Kinder von fünfzehn verschiedenen Frauen. Nicht ein einziges sei ehelich gewesen, heißt es. Seine beiden Ehen scheiterten. Wahrscheinlich weil er ein Leben lang unterwegs war. Verheiratet war er nur mit Lucille, seiner heiß geliebten Gibson-Gitarre. Seine simple Botschaft: „Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Müttern meiner Kinder – vorher, währenddessen und hinterher“.

B.B. King. Das BB stand für Blues Boy. John Lennon bewunderte ihn. BB spielte vor der Queen und im Weißen Haus. Seine Musik war einfach. Dazu sagte er: „Ich bin eben ein einfacher Arbeiter“. Aber seine Auftritte hatten den Blues. Eine Seele. Das bleibt. Am 14. Mai ist B.B. King im Alter von 89 Jahren gestorben. In diesem Sinne: Let the good times roll… Danke B. B. King!

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Vom „Berliner Unwillen“

In wenigen Wochen feiert das neue Berliner Schloss offiziell Richtfest. Humboldtforum soll das 600-Millionen-Projekt ideologisch-unverdächtig heißen. Ab Mitte 2019 soll der Neo-Preußen-Palast eingeweiht werden. Auf leisen Sohlen schleicht die politische Elite um den kolossalen Neubau. Es heißt: Bloß keine schlafenden Hunde wecken. Nur in keine Fettnäpfchen stolpern. Vor allem: kein finanzielles und organisatorisches Desaster wie beim Hauptstadtflughafen produzieren. Nur kein: Berlin kann alles – außer Prestigebauten.

Der stille Ehrgeiz der Macher gilt der besten Adresse Berlins. Schlossplatz 1. Einige Jahrzehnte lang hieß der zentrale Ort der Stadt Marx-Engels-Platz. Was auffällt: Planer und Verantwortliche drängt es weder in Talkshows noch zu offenen Bekenntnissen in den Nachrichten. Das Schloss soll möglichst geräuschlos auf die Bühne der Republik gebracht werden. Getreu der Devise: Die Zukunft im Sinn – die Vergangenheit als Vorbild.

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Berliner Schloss im Rohbau. Richtfest ist Mitte Juni 2015.

Der Schlossplatz war jedoch schon immer ein heiß umkämpftes und umstrittenes Gelände. Prunkbauten waren hier noch nie willkommen. Zudem: Keiner der Hohenzollern fühlte sich jemals im Stadtschloss wohl oder auch nur annähernd glücklich. Die Hausherren verflüchtigten sich lieber auf ihre Liegenschaften in Charlottenburg, Rheinsberg oder ganz besonders Sanssouci.

 

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So sieht das „Humboldtforum“ nach den Vorstellungen der Planer aus. Geplante Einweihung: ab Mitte 2019.

Schon im 15. Jahrhundert beim allerersten Schlossbau zeigten die widerspenstigen Berliner, was sie von den Plänen des damals regierenden Kurfürsten Friedrich II hielten. Nichts! Als der brandenburgische Markgraf, im Volksmund nur „Eisenzahn“ genannt, sein Prestigeprojekt durchdrückte, wurde der Bauplatz 1448 sogleich mit Spreewasser geflutet. Aufgebrachte Berliner verhafteten außerdem den Hofrichter Balthasar Hake und vernichteten alle Unterlagen.

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Kurfürst Friedrich II. Der „Eiserne“ oder auch „Eisenzahn“ genannt.

 

Das Schloss wurde um einige Jahre verzögert, konnte aber letztlich nicht verhindert werden. Die Proteste der aufmüpfigen Bürger gingen als „Berliner Unwille“ in die Geschichtsbücher ein. Friedrich II, jener besagte Eisenzahn, erhielt sein Schloss am heutigen Platze. Das Schloss machte den hartherzigen Markgraf bei seinen Untertanen zu keinem Zeitpunkt beliebter. Aber diese Geschichte ist über fünfhundert Jahre alt. Und längst vergessen.

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„Palast der Republik“. 1990 geschlossen. Der DDR-Prunkbau musste Anfang des 21. Jahrhunderts weichen, wegen Asbest, wie es offiziell hieß.

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„Zu feige“

Auf einer Mittelinsel mitten im Verkehrslärm der Berliner Uhlandstraße steht eine neue kleine Gedenktafel. Dort ist zu lesen: „Hier wurde in den letzten Tagen des April 1945 ein 17-Jähriger von den Nationalsozialisten erhängt.“ Auf und vor der Tafel liegen ein paar frische Blumensträuße. Selten bleibt ein Passant an dieser belebten Straße im Berliner Westen stehen. Verharrt für einen Moment um zu lesen, was dort steht.

Was ist hier passiert? Die Front nahte. In den letzten Kriegstagen hatte sich ein Junge in einem Keller im bürgerlichen Bezirk Wilmersdorf versteckt. SS-Männer zogen den 17-Jährigen aus seinem Versteck und knüpften ihn an einer Laterne vor dem Haus Uhlandstraße 103 auf. Die Wäscheleine dazu hatten sie sich im Nachbarhaus beschafft. Um den Hals banden sie dem Jugendlichen ein Schild. Dort war zu lesen: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen.“ Zur Abschreckung blieb sein Leichnam mehrere Tage hängen.

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Berlin-Wilmersdorf. Uhland-Straße. Eine unscheinbare Gedenktafel mitten auf der Straße.

Wer war dieser Junge, fast noch ein Kindersoldat? Auch siebzig Jahre danach ist nur bekannt, dass er zum Volkssturm gehörte und eine viel zu große Jacke trug – ausgerechnet eine der Waffen-SS. War er freiwillig bei der SS eingetreten wie einst Günter Grass oder hatte er die Jacke einfach gefunden? Ist er denunziert worden? Wie war sein Name? Wo kam er her? Welche Pläne hatte er?

Bis Anfang der fünfziger Jahre legten Anwohner am Todestag Blumen vor dem Haus nieder. Sie erinnerten mit einem beschrifteten Pappkarton an die Hinrichtung auf offener Straße. Vor zwanzig Jahren unternahm eine Friedensinitiative einen ersten Versuch, an den unbekannten Toten zu erinnern. Deren Antrag auf eine Gedenktafel wurde damals von der Kommission abgelehnt – wegen der Waffen-SS-Jacke.

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Die neue Gedenktafel. Vor 20 Jahren war ein Antrag in Berlin gescheitert. Begründung: der hingerichtete Junge hatte eine Waffen-SS-Uniformjacke an.

 

Adolf Hitler hatte einmal erklärt: „Soldaten können sterben. Deserteure müssen sterben.“ Der Junge aus der Uhlandstraße ist einer von 3.760.000 toten Wehrmachtssoldaten des II. Weltkrieges. Er starb in letzter Minute, weil er nicht mehr kämpfen wollte. Wenige Stunden, bevor die Rote Armee auch die Wilmersdorfer Uhlandstraße von SS-Kommandos befreite.

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Kain und Abel

Das Lächeln erlosch und sein Gesicht war so verschlossen, als habe man die schwerste Tür direkt vor seiner Nase zugeschlagen. So geht es zu, wenn sich die verfeindeten Brüder des Nahost-Konfliktes begegnen. Es bleibt eine einfache Frage: Wer kann dieses Menschheitsproblem zwischen Israelis und Palästinensern lösen? Den Streit  Kain und Abel?

Amos Oz, der große israelische Erzähler wagt sich an den brisanten Stoff und sucht in seinem neuen Roman „Judas“ nach Antworten. Findet er welche? Wer ist also der Held, wer der Verräter? Er schildert die Wahrheitssuche eines jungen Mannes, für den Judas Ischaroit kein Verräter von Jesus war, sondern „der treueste und ergebenste Jünger “.

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Der „Judas-Kuss“. Typische Darstellung des Menschheits-Verräters.

 

Amos Oz entwickelt die Geschichte des Zionisten Schealtiel Abrabanel, der sich 1947 bei der Staatengründung Israels offen gegen seine eigene Jewish Agency stellte. Der idealistische Außenseiter warb für einen Staatenverbund mit den Palästinensern, stimmte gegen einen unabhängigen Judenstaat. Er wollte mit den Arabern gemeinsam unter einem Dach zusammenleben. Als Partner.

Für sein Nein wurde Abrabanel von Zeitgenossen und einstigen Weggefährten als Judas attackiert, aus allen Organisationen geworfen und totgeschwiegen. Abrabanel zog sich verbittert zurück und „hüllte sich in seine Kränkung wie in ein Leichentuch“. Abrabanel gab es nie. Er ist eine fiktive Figur, die Oz zu Leben erweckt. Man nimmt sie dem großen israelischen Schriftsteller jedoch unbesehen ab.

 

Amos Oz erklärt an einer Schlüsselstelle seines lesenswerten Romans: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann.“ Und weiter: „Mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existenziellen Probleme des Staates Israel.“

Was ist nun die Lösung dieses jahrzehntealten Konfliktes, blitzgefährlich wie eine Zeitbombe? Amos Oz zitiert den großen deutschen Aufklärer Immanuel Kant: „Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts Gerades gezimmert werden.“ Eine Lösung gibt es folglich nicht, aber eine Entschärfung der explosiven Mischung aus Hass und Gift tut Not. Wenn Kain und Abel es nur wirklich wollten.

 

Amos Oz. Judas. Suhrkamp. 2015.

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Mehr Hirn

Täglich erneuern sich in unserem Hirn etwa 100 Milliarden Nervenzellen. Das ist gut so. Insgesamt rund eine Billiarde intakter Synapsen (eine Eins mit 15 Nullen) sind in einem menschlichen Gehirn bei guter Führung anzutreffen. Unser faszinierendes Navi im Hirn wird durch ständiges Training besser. Dieses Lernen sorgt dafür, dass unser Gehirn dichter, keineswegs schwerer wird. Gott sei Dank! Das würde nur Kopfschmerzen verursachen.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist dem Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer zufolge, dass unsere sozialen Fähigkeiten mit den Aufgaben wachsen. Dummerweise gilt umgekehrt folgende Grundregel: Je länger Menschen vor dem Laptop oder am Smartphone hängen, desto geringer ist ihr Sozialverhalten ausgeprägt. Empathie und Emotionen für andere nehmen mit Zunahme des digitalen Verkehrs deutlich ab. Ebenso Konzentration- und Merkfähigkeiten. Das belegen zahlreiche US-Studien aus Stanford, Princeton und Harvard.

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Unsere linke Hirnhälfte steuert Sprache und Emotionen.

Der Ulmer Psychologe weist darauf hin, dass es mittlerweile regelrechte Selbstmorde am Computer gibt – in Form von Herz- oder Hirntod durch übermäßige Nutzung bis zur totalen Erschöpfung. Spitzer sagt: „Google macht dumm. Bei Google lernt man am wenigsten.“ Der Computer merke sich alles, der Mensch vergesse diese Informationen sofort wieder. Ohne eigenes Wissen mache Google keinen Sinn. Lernen sei wie eine Kerze anzünden. Der Docht ist entscheidend. Der Docht beim Lernen ist die menschliche Neugierde.

Spitzers Hirnformel lautet: Wer dauernd dattelt, lernt weniger, erhöht sein Angstniveau und fördert letztlich Versagensängste. Handys machen also nur Stress, verhindern Lernfortschritte, Glück und Selbstbewusstsein. WLAN habe nichts in Schulen oder Hörsälen zu suchen. Multi-Tasking beim Lernen sei Unsinn. Der Mensch kann keine zwei Bedeutungsstränge zeitgleich verarbeiten, so Manfred Spitzer in seiner Rede zur Eröffnung der Medizinischen Hochschule Brandenburg in Neuruppin.

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Manfred Spitzer erklärt Studenten und Professoren, wie wichtig Hirn, Herz und Hand für den Erfolg sind. „Vergesst Google! Lasst den Laptop zuhause!“

Den erstaunten Jung-Akademikern rät er noch, dem Vorbild leitender Mitarbeiter von Google und Amazon zu folgen. Die Manager schicken ihre Kinder in Silicon Valley auf eine Waldorf-Schule. Dort sind Computer und Smartphones strikt verboten.

In diesem Sinne: Danke für Ihren digitalen Besuch. Wenn Sie ihr Hirn weiter trainieren wollen, schalten Sie baldmöglichst wieder ab!

Fliegende Teppiche

Die Fabrik am Stadtrand von Maknes mitten in Marokko wirkt unscheinbar. Halle und Hof sind von großer Ordnung und ungewöhnlicher Sauberkeit. Der Bus kippt seine Fracht Touristen aus. Zügig strömen die Senioren zum Eingang, betreten eine Art Teppichwerkstatt. Frauen sitzen an Webstühlen und knüpfen Knoten. Bis zu dreitausend am Tag, heißt es.

Die Gruppe wartet verlegen im Vorführraum. Plötzlich öffnen sich zwei Schwingtüren und ein gegelter Marokkaner stürmt in die Mitte. Der Mittvierziger stellt sich als Aladin vor, „meine Wunderlampe zeige ich Ihnen später“. So eröffnet der Ölprinz sein Programm in bestem Marketingdeutsch und erklärt ungefragt: „Ich bin nicht, was Sie denken. Ich bin kein Teppichverkäufer. Wir sind Teppichhersteller. Hier gibt es kein Kaufzwang!“

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„Unsere Engel“. Das sagt Aladin über die Knüpferinnen im Teppich-Kollektiv von Maknes.

Die Gruppe atmet erleichtert auf. Diese Firma sei etwas Neues, eine Art Kollektiv, führt der Mann in edlem Outfit fort. Alle Standards der WHO würden eingehalten. Mindestlohn. Sozialversicherung. Krankengeld. „Wir geben arbeitslosen Frauen Arbeit. Lohn. Brot. Hoffnung. Zukunft.“ Die Touristen staunen beeindruckt. Die marokkanische Frauen verstehen nichts, lächeln hilflos in Handys, die blitzen. „Das alles haben wir unserem König zu verdanken“, ergänzt Saladin und verweist auf das große Porträt, das im Empfangsraum an prominenter Stelle hängt.

Flugs wird die Gruppe in den nächsten Präsentationsraum weitergeleitet. Dort gibt es Tee und junge Männer, die auf Anweisung Aladins Kelims, Berber und Teppiche aller Art in atemberaubender Geschwindigkeit ausrollen. Der Verkäufer, der keiner sein will, gerät in Hochform. Er zeigt kleine Tricks, wie Teppiche auf Echtheit überprüft werden können und deutet an, jedes Stück sei zu einem Vorzugspreis frei Haus nach Deutschland lieferbar.

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„Der Kunde ist König.“ Aladin, der Teppich-Experte kniet vor seinen Kunden. Kurz danach fällt das böse Wort – alles nur Show!

Plötzlich verfinstert sich Aladins Wunderlampe. Aus dem gesetzten Publikum war leise ein Satz zu hören, der besagt, das sei doch nur die übliche Show. Aladin wird rot, seine Stimme explodiert: „Das ist hier keine Show! Wir zeigen Tradition und marokkanische Kultur. Unsere Kultur! In fünf Minuten ist die Veranstaltung zu Ende.“

Die Gruppe schweigt betreten. Aladin tritt ab. Seine Mitarbeiter stürzen sich auf die Touristen. Trotz des Eklats scheinen die Geschäfte mit kurzer Verzögerung in Gang zu kommen. Mindestens fünf der dreißig Besucher erwerben einen Teppich. Der Besuch hat sich gelohnt. „Unsere Teppiche haben eben Qualität“, lächelt einer von Aladins Verkäufern.

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König Mohammed VI ist überall. Gütig wacht er im Vorführraum über die Teppichgeschäfte seines Landes.

 

Der König, der so viel kann

Die islamische Welt ist in Aufruhr. Überall fließt Blut. Überall Aufstände, Attentate, Bürgerkriege, Hinrichtungen, Massenmorde. Einfach unvorstellbare Gewalt im Namen Allahs. Es gibt derzeit nur wenige friedliche Inseln. Marokko ist so ein Hoffnungsträger. Zwischen Casablanca und Marrakesch, zwischen Tanger und Sahara scheint das Zusammenleben von Orient und Okzident zu funktionieren. Von westlicher Lebensweise und islamischer Gottesgläubigkeit. Woran liegt´s?

„Das liegt an unserem klugen König“, antwortet spontan Hamed, ein Reiseleiter, dem es dank der zahlreichen deutschen Touristen gut geht. „Der König sorgt für Brot, Lohn, Arbeit, Hoffnung und Zukunft“, sagt Teppichverkäufer Aladin aus Maknes. „Der König modernisiert das Land und alle haben etwas davon“, sagt der Teehändler in Casablanca. „Schauen Sie, wir haben eine hochmoderne Straßenbahn. Gerade ein Jahr alt. Wir verdanken das dem König.“

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Ein glücklicher Bürger Marokkos. Der Mann verkauft auf dem Gauklermarkt in Marrakesch gebrauchte Gebisse und sich selbst. Das Foto kostet 20 Dirham, das sind zwei Euro.

Dieser König muss ein wahrer Supermann sein. Er heißt Mohammed VI, ist 51 Jahre alt, verfügt über zwei Kinder und 17 Königspaläste, hat in Frankreich studiert und ist im Volk offenbar sehr beliebt. Mohammed VI eröffnet permanent Kindergärten und Schulen, baut Brücken, Flughäfen und moderne Kulturpaläste. Er hängt in jeder Amtsstube und hinter jeder Hotelrezeption. Der König ist überall.

Reiseleiter Hamed, ein zurückgekehrtes Gastarbeiterkind aus Frankfurt am Main ist überzeugt, der arabische Frühling sei in Marokko völlig überflüssig gewesen. Denn das Land lebe längst eine moderne Demokratie. Minderheiten würden akzeptiert. Muslime, Christen und Juden könnten friedlich und unbeschwert miteinander klarkommen. Es wird in seiner Reiseleiter-Welt klar, dass in seiner Heimat Marokko nur Milch und Honig fließen.

 

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Der Orient in Abendstimmung. Die Sahara bei Erfoud im Süden Marokkos. Eine Touristenattraktion mit Jeeps, Kamelen und weiblichen Rallye-Fahrerinnen.

 

Natürlich trügt dieses Bild. Auch in Marokko gab es Proteste, mit insgesamt neun Toten, so offizielle Quellen. Aber das Land blieb stabil. Es produzierte keine neuen Generationen von Fanatikern und Heilsbringern, ausgestattet mit dem Koran, Kalaschnikows und Bombengürteln. „Die Armut muss bekämpft werden. In den Slums entsteht der Terror“, erklärt Hamed und rückt seine Sonnenbrille zurecht. „Und der König kümmert sich bei uns um die Habenichtse“, schiebt er lächelnd nach.

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Auf nach Marrakesch! Das islamische Marokko ist ein friedlicher Gegenentwurf zu Syrien, Jemen, Libyen, Somalia, Irak, Afghanistan, Mali, Nigeria, Kenia…

 

Ein König für die Armen! Ein orientalisches Märchen? Hamed glaubt fest daran, dass es genau so und nicht anders ist.

Wo bitte geht´s zum Paradies?

Vielleicht kennen Sie die Carnegie-Hall in New York? Ein Konzertsaal der Extraklasse. Gestiftet vor über 130 Jahren von einem Mann, der viel Geld hatte und noch mehr Bereitschaft, sein Vermögen mit anderen zu teilen. Der Spender hieß Andrew Carnegie. Ein gebürtiger Schotte aus ärmlichen Verhältnissen. Sohn eines Webers. Er wanderte 1848 in die USA aus und wurde dort zum reichsten Mann seiner Zeit.

Sein Vermögen machte er mit Stahl. Im Raum Pittsburgh betrieb er mehrere hochrentable Werke. Der Eisenbahnbau ließ ihn unvorstellbar reich werden. Im Alter von 64 Jahren setzte sich der Stahl-Tycoon zur Ruhe und veröffentlichte 1889 sein „Evangelium des Reichtums“. Darin forderte er, dass jeder Mensch einen Großteil des Vermögens bereits zu Lebzeiten spenden sollte. Sein Leitsatz: „Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“

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Filmheld und reichster Mann seiner Zeit. Andrew Carnegie.

Carnegie gründete Hilfsorganisationen für notleidende Bergbauretter, finanzierte Stiftungen für internationale Friedensarbeit, unterstützte Bibliotheken und soziale Projekte. Seiner schottischen Heimatstadt Dunfermline stiftete er einen Bürgerpark mit Botanischem Garten. Carnegie war der einzige Großunternehmer, der für die American Anti-Imperialist League offen gegen Kolonialkriege eintrat.

Seinem Vermächtnis folgend, haben sich mittlerweile 115 Superreiche in der Initiative „The Giving Pledge“ dazu verpflichtet, mindestens die Hälfte ihres Vermögens an die Allgemeinheit abzugeben. Mit dabei: Bill und Melinda Gates, Warren Buffet und als einziger deutscher Milliardär in diesem exklusiven Spendenverein: der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner.

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So sahen US-Karikaturisten Andrew Carnegie 1903.

Ein abschreckendes Beispiel für das, was Reichtum auch anrichten kann, sind die 24 Rockefeller-Erben. Allesamt reiche „Prinzen und Prinzessinnen“ der vierten Generation. Die Multi-Millionäre führen einen verbissenen Kampf um und gegen ihr eigenes Erbe. Jeder klagt gegen jeden. Ein glückliches Leben? Weit gefehlt. Gewinner sind in jedem Fall deren Anwälte. Eigenartig: manche der Rockefellers wirken wie Prinzen und Prinzessinnen, die sich danach sehnen, arm zu sein. Wie Getriebene, die ihren Reichtum verfluchen.

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Deutschland 1945 – Bis zum letzten Atemzug

Mit dem Scheitern der letzten deutschen Großoffensive in den Ardennen im Januar 1945 war der von Deutschland sechs Jahre zuvor begonnene Krieg für alle unwiderruflich verloren. Doch anstatt zu kapitulieren, setzte Hitler den Krieg fort – „bis zum letzten Blutstropfen“. Den Tod von unschuldigen Menschen und die totale Zerstörung des eigenen Landes nahm sein Regime bewusst in Kauf.

Im schwäbischen Brettheim nahe der Kreisstadt Crailsheim wollten Anfang April 1945 Hitlerjungen ihr Dorf gegen die herannahende US-Armee verteidigen. Der Bauer Friedrich Hanselmann entwaffnete die vier Jungs, schickte sie nach Hause und warf die Schießeisen in den Teich. Die Tat wurde verraten und Hanselmann vor das Standgericht gestellt. Als sich NSDAP-Ortsgruppenleiter Wolfmeyer und Ortsbürgermeister Leonhard Gagstetter weigerten das Todesurteil zu unterzeichnen, rastete SS-General Max Simon völlig aus.

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SS-Generalleutnant Max Simon. (1899 – 1961) Herr über Leben und Tod in Brettheim.

Wütend ließ der SS-Mann den Bauern und die beiden Beisitzer wegen „Wehrkraftzersetzung“ an einer Linde aufknüpfen. Tagelang baumelten ihre Leichname am Zugang zum Friedhof von Brettheim. Die SS hatte den Männern Schilder umgehängt. „Ich bin der Verräter Hanselmann“. Und: „Ich habe mich schützend vor den Verräter gestellt.“

Genau eine Woche später, am 17. April 45 befreiten die Amerikaner Brettheim von der Schreckensherrschaft des Herrn SS-Generalleutnants Simon. Da die Brettheimer nicht kapitulierten und keine weißen Fahnen gehisst hatten, wurde in dem kleinen Dorf bis zuletzt erbittert gekämpft. Das Dorf wurde zu drei Viertel zerstört. Weitere achtzehn Einwohner verloren ihr Leben. Bilder vom Vormarsch der 10. US-Panzer-Division im Raum Crailsheim, aufgenommen am 21. April 1945.

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Die drei Männer von Brettheim. Sie wollten das Dorf vor Zerstörung retten. Für ihren Mut bezahlten sie im April 1945 mit ihrem Leben.

 

In drei langwierigen Nachkriegsprozessen wurde ein einziger Schuldiger der Tragödie von Brettheim verurteilt. Alle anderen blieben unbehelligt. Der verantwortliche Kommandeur des XIII. SS-Armeekorps und Gerichtsherr Max Simon indes wurde für diese Tat nie verurteilt. Simon hatte es bei Kriegsende sogar noch fertig gebracht, einen Wehrmachtssoldaten fünf Stunden nach der Kapitulation zum Tode zu verurteilen.Er starb 1961 in Lünen, Nordhrein-Westfalen.

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Durchhalteparolen 1945.

 

Die kleine Ausstellung „Deutschland 1945 – Die letzten Kriegsmonate“ zeigt weitere erschütternde Beispiele vom Untergang des Dritten Reiches, führt vor Augen, wohin Verblendung und Fanatismus führen kann. Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Oktober 2015 in Berlin zu sehen.

 

Topographie des Terrors

Niederkirchnerstraße 8

10963 Berlin-Kreuzberg

 

Täglich 10 bis 20 Uhr

Eintritt frei