Category : aktuelles

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„Angst essen Seele auf“

Wer klug ist, hält die Klappe. Seit hunderten Jahren. Denn: Wer seinen Mund aufmacht, muss gehen oder verschwindet. Typisch Russland? Ein westliches Klischee? Nein, leider nicht, stellt Lev Gudkov fest. „Angst konsolidiert Machtstrukturen.“ Der Moskauer ist eine Art Mastermind der russischen Meinungsforschung. Der 79-jährige Veteran agiert ungebrochen und bewundernswert angstfrei. Der Leiter des einzigen unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada in Russland weiß: „Selbstzensur und Angst bestimmen die russischen Gesellschaft“. Siebzig Prozent meinen, man dürfe anderen Menschen nicht trauen. Im Westen ist Gudkov Lew-Kopelew-Preisträger. In seiner Heimat gilt er als „ausländischer Agent“. Der Soziologe ist quasi vogelfrei.       Seine aktuellen Umfrageergebnisse: Achtzig Prozent unterstützen Putin und siebzig Prozent wünschen sich eine

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Die Macht der Machtlosen

Zwischen Karotten und Zwiebeln präsentiert ein Gemüsehändler in seinem Schaufenster den Spruch: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Nicht um sein Angebot attraktiver zu gestalten oder gar aus purer Überzeugung. Nein, der gute Mann will seine Ruhe haben. Diese kafkaeske Geschichte aus dem einst realsozialistischen Prag erzählt der Schriftsteller Václav Havel: „Er tut das nicht, weil er von der Wahrheit dieses Gedankens überzeugt ist, sondern weil es von ihm erwartet wird“. Schließlich folgt Havels berühmter Kernsatz: „Das Schild ist ein Zeichen der Unterordnung, ein Versuch, in Ruhe gelassen zu werden.“ In der Lüge leben, das ist die Realität in autoritären Ländern. Macht beruht nicht nur auf Gewalt, sondern auch auf der

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Tanz der Spione

Eine neue Doku über die Stasi? – Oh, my God. Was soll das? Der Verein ist doch so was von tot. Alles gesagt, alles erzählt, aus und vorbei. In Zeiten von Fake News, KI und der Herrschaft neuer Autokraten ist diese DDR-Schattenarmee nur noch Schnee von gestern. – Nein, sagt das US-Filmemacherduo Jamie und Gabriel Silverman, privat und beruflich ein Paar. Jamie arbeitete unter anderem für USA Today und kommt aus Minneapolis. Ihr Bruder demonstriert gegen die ICE-Einsätze, ihre Eltern sind Trump-Fans. Eine zerrissene Familie. Genau darum geht es in ihrem Film „Spione unter uns“. Im Mittelpunkt steht eine deutsche Familientragödie. Ein junger Mann gerät in den Strudel von Stasi

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Frau Mann

Spät, aber nicht zu spät haben wir uns kennengelernt. Gut so. An der Weltzeituhr am Alex. Rendezvous mit der „Lütten“, mit der Sängerin und Schauspielerin Angelika Mann. Gemeinsam tauschen wir Erinnerungen aus: an die Weltzeitspiele 1973 in der Hauptstadt der DDR. Ich war nicht dabei, aber die Lütte mittendrin. So etwas hatte Ost-Berlin noch nicht erlebt. Ein Hauch von weiter Welt. Acht Millionen Besucher aus 140 Ländern. 1.500 Straßenfeste, Konzerte und Foren. An neun Tagen schien alles möglich. Love, Peace and Rock ‘n Roll. Die Weltfestspiele, erzählst du, wurden zu Feldbettspielen mit langen Haaren, kurzen Röcken und ungebremster Leidenschaft. Das rote Woodstock.     Die lütte Angelika Mann, gerade mal

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Der Schulhofschläger

Es ist Winter. Straßen und Wege sind rutschig wie glitschige Seife. Die Schule leuchtet müde in der Morgendämmerung. Es ist kalt, es ist früh, es geht zur ersten Stunde. Als ich den Schulhof erreiche, trifft mich ein Schneeball ins Gesicht. Ich halte Ausschau in die Richtung, aus der dieser feuchtnasse Morgengruß geflogen ist. Da steht er. Grinsend, feixend, siegesgewiss. Er ruft schadenfroh: Treffer. Der Typ stammt aus meiner siebten Klasse. Einen Kopf größer, doppelt so breit und stark wie ich. Er grinst. „Oh, der Klugscheißer. Der feine Pinkel aus gutem Hause. Höchste Zeit, dass du endlich deine Abreibung bekommst“, ruft er mir zu. Ich versuche, unbeeindruckt weiterzugehen, um das Schulhaus

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Kaiser Donald I von Grönland

Was will er bloß im ewigen Eis? Warum droht, schmeichelt und trumpisiert er maximal, um eine riesige, eiskalte Insel, die größte der Welt übrigens, einzuverleiben? Soll das autonome Nunarput (grönländisch für „Unser Land“) seine Krim werden? Seit Wochen eskaliert der Mann aus Washington mit Zuckerbrot und Peitsche. Mal bietet er jedem Inuit ein Begrüßungsgeld von hunderttausend Dollar an. Dann erhöht sein US-Vize JD Vance den Druck. „Lassen Sie uns in zwanzig Tagen über Grönland sprechen.“ Und schließlich droht Donald Trump am 9. Januar 2026: „Wenn wir es nicht auf die einfache Art tun, werden wir es auf die harte Art tun“.       Willkommen im 19. Jahrhundert. Zurück in

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As tears go by

Sie singt den Song auf einer ausgelassenen Party. „Es ist der Abend des Tages. Ich sitze da und sehe den Kindern beim Spielen zu. Ich sehe lächelnde Gesichter. Aber ihr Lächeln gilt nicht mir. Ich sitze da und sehe zu. Während Tränen vorübergehen.“ Ein Lied, das rasch um die Welt gehen wird. Die junge Frau, die ihre Tränen besingt, ist siebzehn. Sie heißt Marianne Faithfull. Eine Schülerin. Bezaubernd, blond und bildhübsch. Mit ihrem Tränen-Song wird sie 1964 berühmt. Verfasst haben ihn die beiden Stones-Männer Keith Richards und Mick Jagger in der Küche. Es ist ihr erstes selbstkomponiertes Lied: As tears go by. Sie widmen es Marianne Faithfull aus dem Londoner

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Prosit Neujahr!

Am ersten Weihnachtsfeiertag stellte das ZDF folgende Frage online: Was ist vom US-Einreiseverbot zu halten, ausgesprochen für zwei Frauen der Plattform HateAid und einen ehemaligen EU-Kommissar für digitale Regulierung. Der Funke zum Frohen Fest verfing. Innerhalb weniger Stunden entflammten über dreitausend Kommentare zwischen Frühstück und Gänsebraten. Der Aufreger ging viral. Von Besinnung, Frieden und Versöhnung keine Spur. Statt „Oh, du fröhliche“ wurde um jedes Wort gestritten. Von Hexenjagd war die Rede oder von einer frohen Botschaft aus Washington.     Zwei unversöhnliche Lager bekämpften sich: heftig, zynisch und mit gezielten Tritten unter die Gürtellinie. Wer ist der Schulhofschläger? Wer, das verfolgte Unschuldslamm? Die beiden Positionen: Uneingeschränkte Meinungsfreiheit versus Verbot von

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„Kein Mensch, kein Problem!“

Premiere von „Zwei Staatsanwälte“ im vornehmen Cinema Paris am Kurfürstendamm. „Das ist unser Weihnachtsfilm“, witzelt der junge Hauptdarsteller Aleksandr Kuznetsov. Er verkörpert den frisch gebackenen sowjetischen Regionalstaatsanwalt Kornew. Dem jungen Absolventen wird ein mit Blut beschriebenes Stück Pappe zugespielt. Darauf bittet ein Gefangener um Untersuchung seines Falls. Als der Staatsanwalt nach langem Ringen den Häftling aufsuchen kann, trifft er in einer stinkenden Einzelzelle den schwer misshandelten Jura-Dozenten Stepjanek. Er war sein Vorbild am Institut.  Es ist das Jahr 1937. Stalin sichert seine Herrschaft durch beispiellose Säuberungsaktionen. Etwa 800.000 Menschen werden in der Zeit des Großen Terrors erschossen. Der renommierte Regisseur Sergei Loznitsa inszeniert das Kerker-System des Stalinismus als kafkaeskes Labyrinth,

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Held der Arbeit

Wir brauchen sie. Andere erschaffen sie: Helden des Alltags. Sie helfen uns, den vielen Widrigkeiten zu trotzen. Am aufregendsten sind Helden wider Willen. Menschen wie du und ich, die über sich hinauswachsen. Wolfgang Becker ist so einer. Ein Mann, der im Stillen wirkte, hinter der Kamera, ohne großes Gedöns. Dieser Autor, Filmemacher und Kultregisseur. Good Bye, Lenin, sein Welterfolg. „Der witzigste deutsche Wendefilm aller Zeiten“, wie die internationale Presse jubelte. Vor genau einem Jahr ist Becker im Alter von siebzig Jahren verstorben. Bis zum Schluss hatte er an seinen letzten großen Kinofilm gearbeitet. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße.“ Eine bittersüße Komödie vom Feinsten. Nach der Romanvorlage von Maxim Leo entwickelte

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