Archive for : August, 2015

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Das Geheimnis von Christianstadt

Die einstige Rüstungsschmiede von Christianstadt ist heute mit einem doppelten Maschendrahtzaun und NATO-Stacheldraht auf der Krone sowie Infrarot-Sensoren ausgestattet. Zutritt strengstens verboten. Gerüchteweise heißt es, dort befinde sich eine Spezialeinheit mit einem KFZ-Instandsetzungswerk. Sicher ist nur: hier war bis 1945 das Zentrum der größten Munitionsfabrik des Dritten Reiches.

Das verwunschene Werksgelände liegt mitten in einem riesigen Waldgebiet, eine Autostunde von der deutsch-polnischen Grenze bei Forst entfernt. Der Ort selbst heißt heute auf Polnisch Nowogród Bobrzanski. Ein verschlafenes Provinzstädtchen mit vielleicht zweitausend Einwohnern. Das nahe gigantische Sprengstoffwerk mit dem Tarnnamen Ulme war Geheime Reichssache. Und so scheint es, ist es bis heute geblieben.

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Munitionsfabrik Christianstadt im zugänglichen Teil. Wie Dinosaurier aus einer anderen Zeit ragen riesige Produktionsstätten in den Himmel.

 

Der äußere Bereich mit zwei Kraftwerksruinen und verfallenen Produktionsstätten,  die wie gefallene Skulpturen in einem Jurassic Park herumstehen, ist zugänglich. Aber nichts erinnert an die explosive Geschichte. Keine Gedenktafel, kein Hinweis in Reiseführern oder offizielle Darstellungen im Internet. Seit einiger Zeit bemüht sich eine private polnische Historikergruppe um eine Bestandsaufnahme. Ein kleines Besucherzentrum in der ehemaligen Kommandantur ist geplant, heißt es.

Lagerausweis Christianstadt

Lagerausweis Christianstadt. Bis zu 20.000 Arbeiter schufteten bis Januar 1945 in der Munitionsfabrik.

 

Betreiber des Werkes war die DAG, die Dynamit-Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. 1939 begann der Bau dieser geheimen „Nitrozellulose- und Sprengstoffanlage“ mit geplanten 800 Gebäuden, von denen die Hälfte fertig wurden. Die Fläche umfasste rund 1.500 Hektar. Das Fabrikgelände war drei bis viermal so groß wie die Waffenschmiede in Peenemünde. In Christianstadt wurde Sprengstoff für schwere Infanterie, MG, Artilleriegeschosse, Granatwerfer, Flugzeugbomben und auch Zünder für V1- und V2-Raketen hergestellt.

 

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Franzi nach Kriegsende. Die junge Tschechin aus Prag überlebte wie durch ein Wunder Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt.

Ein ständiges Brummen lag über den Wäldern. Viele tausend Fremd- und Zwangsarbeiter, vor allem aber junge Jüdinnen mussten täglich diesen lebensgefährlichen Job leisten. Die Frauen waren aus Theresienstadt oder dem Konzentrationslager Auschwitz herangeschleppt worden. Viele Häftlinge erkrankten an Krebs. Folge des ständigen Kontaktes mit Bleistaub, Salpeter, Schwefelsäure und anderen gefährlichen Chemikalien. Abwasser und Klärschlamm flossen ungeklärt in das Flüsschen Bober.

Bis heute ist unklar, was in Christianstadt wirklich geschah. Wurden schmutzige Bomben getestet oder hergestellt? Wieso wurde das gigantische Werksgelände nie bombardiert, obwohl der Royal Air Force detaillierte Luftaufnahmen vorlagen? Was war der Grund, dass im Januar 1945 eine Spezialeinheit der SS das Werk fünf Tage lang erbittert verteidigte? Wie kam es, dass der stellvertretende Werksleiter Walter Schnurr – der „Sprengstoffpapst des Dritten Reiches“ – nach Argentinien flüchten konnte und später Leiter des Kernforschungszentrums Karlsruhe wurde? Was machten die Sowjets mit dem Werk in den Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges? Was geschieht heute hinter Stacheldraht und totaler Abriegelung?

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Wandgraffiti aus der Zeit der Roten Armee in einer der endlosen unterirdischen Bunkeranlagen.

 

Christianstadt scheint sein Geheimnis bis heute zu hüten. Allen Wechselfällen und Versprechungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz. Es ist, als ob das Schicksal diesen vergessenen Ort dazu verdammt hat, genauso geheimnisvoll wie brisant zu bleiben – einst wie heute.

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Christianstadt heute. Das alte Werk ist mit einem neuen Zaun umgeben. Es handelt sich wieder um ein militärisches Geheimobjekt. Der Rest ist Schweigen.

 

Über den Alltag und einen schweren Unglücksfall Ende 1944 in Deutschlands größter Munitionsschmiede der Nazis berichtet zum ersten Mal ein ehemaliger leitender Ingenieur von Christianstadt. Es war sein letztes Interview vor seinem Tod. Dazu ausführlich mehr unter Rückschau Christianstadt.

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Einmal Flüchtling – immer Flüchtling?

Der Vater hat den Koffer gezimmert. Ein Bootsbauer aus Ostpreußen. Auf die Innenseite schrieb er die Adresse seiner Frau: Charlotte Glase. Königsberg. Herzog-Albrecht-Platz 2. Ein paar Habseligkeiten wurden verstaut. Dann hinaus auf die Ostsee bei zwanzig Grad Kälte. Auf einer Schute und mit der Tochter, der kleinen achtjährigen Ingetraud. Bootsflüchtlinge. Der Kampf ums nackte Überleben.

Dieser Koffer blieb Ingetraud Lippmann, heute 89 Jahre alt. Ihre neue Heimat Hamburg. Alles, was sie behielt, war dieser Koffer und Lottchen. Ihre Puppe, ein Jahr jünger als sie, ihr ein und alles. Die alte Frau sitzt im Sessel und erzählt von ihrer Flucht. Auf einem überfüllten Boot. In Zügen, auf deren Dächern sich Menschen klammerten.

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„Uns wurde nichts geschenkt.“ Ingetraud Lippmann. Flüchtlingskind aus Königsberg. Heute in Hamburg.

Sie beginnt zu weinen, als sie vom Schicksal ihres Vaters berichtet. Er blieb an der Kaimauer von Gotenhafen – heute: Gdynia – zurück. „Entsetzlich“. Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Vom Tod ihres Vaters in Kriegsgefangenschaft erfuhr sie erst 2003, genau 58 Jahre später.

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„Lottchen“ – ihr großer Schatz. Die Puppe hält sie seit 1937 in Ehren.

Ingetraud Lippmann flüchtete im Januar 1945 von Königsberg nach Kehdingen in der Nähe von Cuxhaven. Sie wurde beim reichsten Altbauern einquartiert. Im Keller mit 13 weiteren Kindern. Willkommenskultur? Von wegen. Der Empfang war eher abweisend und frostig. Nichts wurde ihnen geschenkt. Ihre Milch mussten sie beim Nachbarbauern kaufen. Die Mutter ging übers Land, um zu betteln. Sie bot ihre Arbeit an. Nähen von Kleidern. Gegenwert: vier Eier.

Die pure Not schweißte zusammen. Viele Kinder hungerten. Einzige warme Nahrung war die „Schwedenspeisung“ in den Schulen. Ingetraud erinnert sich an manche hilfsbereite Menschen aber auch an viel Neid. „Die Flüchtlinge brauchen ja nur zur Kleiderkammer zu gehen, um sich etwas Gutes auszusuchen“ hieß es. Oder: „Jetzt kommen noch mehr Polacken.“

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Überfülltes Flüchtlingsboot 1945. Über zwei Millionen Deutsche konnten sich über die Ostsee nach Westen retten.

 

Ingetraud war in der Schule die Beste, obwohl sie keine Bücher hatte. Das ärgerte die einheimischen Kinder. Ihr Flüchtlingsausweis A war anfangs wie ein Makel. Als sie sich bewarb, hagelte es ablehnende Antworten. Die Stelle sei bereits vergeben, hieß es stets. Die ersten verstorbenen Flüchtlinge wurden im Dorf auf dem Hundefriedhof begraben.

 

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Massenunterkünfte für Flüchtlinge 1945. Überleben auf engstem Raum. Das kriegszerstörte Deutschland nahm über 12 Millionen Flüchtlinge auf.

 

Doch Ingetraud gab nicht auf. Sie zog 1953 nach Hamburg, fand Mann und Arbeit. Ihr Lottchen war immer dabei. „Wir hatten alles verloren: Haus, Hof und Heimat. Das Wichtigste aber war: Wir leben!“ Ingetraud lächelt mich an: „Ich habe damals viel geschrieben. Tagebücher. Das viele Schreiben hat mein Herz frei gemacht.“ Und dann sagt sie noch: „Dieser verdammte Krieg. Wir müssen daraus lernen. Es darf nie wieder dazu kommen. Krieg zerstört alles.“

 

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Der Koffer von Königsberg. Heute steht er in Hamburg. „Direkt unter meinem Bett. Man weiß ja nie“, sagt Ingetraud Lippmann

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Wenn die Stunde schlägt

Es gibt Momente, die Geschichte schreiben. Am 6. Mai 1937 kurz vor halb acht stürzte ein Gigant brennend in die Tiefe. Der Stolz der deutschen Luftfahrt entzündete sich beim Anlegemanöver in Lakehurst unweit von New York.  Drei Explosionen erschütterten das Wasserstoffgefüllte NS-Vorzeige-Luftgefährt mit dem Namen Hindenburg. Wie durch ein Wunder überlebten 62 der 97 Passagiere. Noch wenige Stunden zuvor hatte der Zeppelin LZ 129 triumphierend Manhattan überflogen.

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Stolz überfliegt der Zeppelin „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 die Skyline von New York.

 

Doch die Katastrophe war einschneidend. Der Zeppelin-Riese, ein Propaganda-Projekt Hitlers zerschellte wie Ikarus am Boden. Die Weltöffentlichkeit nahm teil. Ein Radioreporter schilderte die dramatischen Minuten des Zeppelins Hindenburg. Ein Filmteam drehte den spektakulären Absturz. Diese Bilder brannten sich in das kollektive Gedächtnis ein. Das Desaster von Flug LZ 129 markierte das Ende der Verkehrsluftschifffahrt.

 

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Filmaufnahmen vom 6. Mai 1937 gegen 19.25 Uhr. Lakehurst. New Jersey. USA. Das Ende des Fluges L 129.

 

Diese atemberaubenden Aufnahmen sind nun allen und jederzeit zugänglich. Die Nachrichtenagentur AP öffnet gemeinsam mit dem Wochenschauarchiv British Movietone ihre Archivschätze. Mehr als eine halbe Million Videoclips sind ab sofort für jedermann zugänglich. AP hat sein gesamtes Nachrichtenarchiv von 1895 bis in die Gegenwart auf YouTube hochgeladen.

Es sind viele historische Momente und Ereignisse aus Sport, Politik, Forschung, Kultur und Gesellschaft. Das Erdbeben von San Francisco 1906 wie der Absturz der Hindenburg. Das Attentat auf Martin Luther King wie der Abriss der Berliner Mauer. Das 20. Jahrhundert kann nun durchgeklickt werden. Über eine Million Minuten digitalisiertes Bildmaterial steht zur Verfügung. Wer viel Ausdauer hat und alle Videos am Stück schauen will, ist damit die nächsten zwei Jahre beschäftigt.

Mehr Informationen und Videos bei AP.

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Nur für Erwachsene

Ein Vier-Sterne Hotel im schönen Kurort Bad Saarow bei Berlin geht neue Wege. Quengelnde Babys? Tobende Gören? Pubertierende Kids? – Nein danke! Für alle konsequenten Wellnessfreunde und notorischen Kinderhasser gibt es nun das definitive Entspannungspaket. Das feine Haus am See verkündet: Kinder müssen draußen bleiben. „Willkommen im Erwachsenenhotel: Das Hotel für Gäste ab 16+.“

Hotelchef Tom Cudok begründet den Schritt mit dem Ruhebedürfnis der Gäste und einer Neupositionierung am Markt. Auf der Hotelseite heißt es blumig: „Ab dem jungen Erwachsenenalter zieht es viele Urlauber nicht mehr in die gewöhnlichen Urlaubshochburgen, für die sich auch Familien entscheiden. Stattdessen sind sie auf der Suche nach einem Wellnesshotel ohne Kinder, einem Ort, an dem sie die verdiente Auszeit allein oder das romantische Wochenende zu zweit niveauvoll und ungestört genießen können.“

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Hotelchef Tom Cudok im künftig Kinderfreien Hotel Esplanade in Bad Saarow. Der Leipziger war zuvor u.a. Manager im Grand Hotel Heiligendamm. Das Haus ging 2012 in Insolvenz.

Die Hotelleitung präsentiert gleich zehn Gründe für die niveauvolle Kinder-raus-Maßnahme. „Erholung – Entspannung – Abschalten – Ungestört – Ruhe finden – Regenerieren – Kraft tanken – Rückzugsort – Zweisamkeit – Entschleunigung“. Das ist ein Versprechen, das in die Zeit passt. Daher gilt: Quengelgeister raus – Entspannung rein. Ich frage vor Ort an der Rezeption nach. Dieser Schritt sei notwendig, sagt eine Mitarbeiterin, „weil sich Kinder bei uns nichts so entfalten können wie sie es wollen.“

 

Nicht entfalten können, so lautet offensichtlich die Sprachregelung. Die Botschaft ist eindeutig: Kinder nerven, stören, müssen draußen bleiben. Ungerührt erklärt die Dame vom Empfang weiter: „Wir empfehlen unser Partnerhotel in Bad Saarow. Die Regelung gilt für Kinder bis 16 Jahren.“ Ein Einzelfall? Weit gefehlt. In Deutschland gibt es mittlerweile 34 kinderfreie – sogenannte – Erwachsenenhotels. Alterslimit: 16 Jahre. Das Portal www.urlaub-ohne-kinder.info listet weltweit 641 solcher Herbergen auf.

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Das Konzept der Zukunft? Kinderfreie Zonen in einer Gesellschaft, die seit längerem weltweit auf dem letzten Platz der Baby-Statistik steht.

 

Vielleicht gelingt dem jungen Hotelchef im brandenburgischen Bad Saarow tatsächlich ein echter Marketing-Coup. Vielleicht erobert er eine Marktlücke. Wahrscheinlich gelingt ihm dieses Hotel für Erwachsene mit dem Charme einer Seniorenresidenz in einer dahinalternden Gesellschaft zu etablieren. Mit garantierter Toten-Stille. Ruhe und allem, was zum echten Schein-Leben gehört. Das neue Wellness-Konzept mag erfolgversprechend sein. Aber wer möchte in einem Paradies leben, in dem nicht einmal Kinderlachen erlaubt ist?

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Heiter durch schlaflose Nächte

Ein Sonntag im August. Wummernde Bässe wabern die Spree hinauf. Harte Techno-Beats begleiten unsere Suche nach einem verwunschenen Ort. Das DDR-Funkhaus für einst 3.500 Mitarbeiter. Heute eine Geisterstadt an der Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide. Das riesige Areal im Osten der Hauptstadt wirkt verkommen, vergessen, wie von der Landkarte gewischt. Hier spielt Igor Levit an diesem Sommertag Bach.

Angekündigt sind die Goldberg-Variationen. Die Krönungsmesse für jeden Pianisten. Der junge russische Pianist nimmt im Aufnahmesaal von 1955 eine neue Einspielung vor. “Der Raum ist das Kleid der Musik”, heißt es. Das Funkhaus wirkt wie ein einziger Schneewittchensarg. Genau hier soll ein neues deutsches Mekka für Tonschaffende entstehen. Wachgeküsst nach Jahrzehnten Verfall und Stillstand.

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Eine Geisterstadt – manchmal mit Tönen. Das Funkhaus Berlin in der Nalepastraße. Ein privater Investor soll das Gelände sanieren und retten. Es ist mittlerweile der dritte Versuch seit 1989.

Igor Levit eröffnet den ersten berühmten Satz in G-Dur. Sinnlich souverän steigert sich der 28-jährige Pianist, erreicht in den dreißig Variationen mal Hochleistungstempo, dann wieder verhaltene Freude am leisen Spiel. Levit agiert körperlich, kriecht in Flügel und Tasten, vermeidet jedoch das laute Atmen eines Glenn Gould bei dessen berühmter Variation der Variationen. Die “Clavierubung” mit ihren 32 Sätzen hat es in sich.

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Allein im Aufnahmesaal von 1955. Igor Levit, Jahrgang 1987, spielt Bach.

 

Der Titel Goldberg fußt auf einer schönen Anekdote. Bach habe das Werk 1741 seinem dreizehnjährigen Klavierschüler Johann Gottlieb Goldberg gewidmet. Bach-Biograf Johann Nikolaus Forkel verbreitete diese Version. „Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte.“

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Igor Levit spielt die Goldberg-Variationen ein.

Igor Levit präsentiert einen hellwachen, fröhlich-forschen Bach. Neunzig Minuten Hochgenuss – leidenschaftlich, intensiv, überzeugend dem Motto des Meisters folgend: “Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach“. Bleibt zu hoffen, dass der Aufnahmesaal des Funkhauses nicht nur ein Geisterhaus bleibt, in das ab und zu Leben zurückkehrt. Hoffentlich hat das Funkhaus eine sichere und wohltemperierte Zukunft. Ein Investor soll ernsthafte Pläne verfolgen, heißt es jedenfalls.

Igor Levit 2014 im Funkhaus Berlin.  Igor Levit spielt Bach

 

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Weiße Flecke auf der Landkarte

Es gibt sie. Orte, die keiner kennt. Unbekannte Landschaften, durch die der Reisende eilt. Städte ohne Namen, Gesicht und Geschichte. Bad Langensalza ist so ein großer weißer Fleck. Ein kleines putziges Fachwerkstädtchen mitten in Deutschland. Weimar ist nicht weit, Eisenach um die Ecke, doch Bad Langensalza? “Man kennt uns nicht. Das ist unser Problem”, seufzt der Portier im Alpha-Hotel, einer aufgehübschten Platte mit vorzeigbarer Dachterasse.

Wenn der Reisende rein nichts erwartet, kann er nur überrascht werden. Marketingleute haben dem Städtchen in Thüringen das Image einer “Kur- und Rosenstadt”. verpasst. Bad Langensalza verfügt über ein Thermalbad, in dem mit viel Schwefel Gebrechen gelindert warden sollen. Es gibt einen Kurpark, in dem ältere Damen flanieren und jeden anfauchen, der die Rasenrabatte betritt: “Das gibt´s doch nicht. Rasen betreten verboten.”

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Bad Langensalza. 17.000 Einwohner. Mitten in Deutschland und doch unbekannt.

Der Namensgeber, der Deutsch-Ordensritter Hermann von Salza, wurde hier geboren. Das ist lange her, fast tausend Jahre. Der Mann war ein Reisender, Diplomat und Eroberer, steht auf den Erklärtafeln. Erobern wir das Zentrum, das alles zu bieten hat, was einem Touristen heute gefällt. Schloss, Rathaus mit stolzem Turm, Marktplatz mit schicken Fachwerkhäusern. Mächtige Kirchen. Malerische Gässchen.

Die kleinen Straßen und schmalen Häuser erzählen von Mittelalter, Fleiß, Handwerk, Enge, Biedermeier und Gemütlichkeit. Hier ist es zu finden: Das deutsche Wesen. Romantik und Provinz gehen Arm in Arm durch die Geschichte. Die deutsche Seele, hier ist sie zu Hause. Mit Bratwürsten, blitzsauberen Straßen und einem breitschultrigen Hünen vom Ordnungsamt, der in der Fußgängerzone Amt und Würde ausstrahlt.

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Enge Gässchen, frische Fassaden. Bürgerstolz und blauer Himmel.

 

Bad Langensalza. Ist dieses Freilichtmuseum deutscher Tugenden eine Reise wert? Unbedingt. “Hier kann man eigentlich schon zufrieden sein”, brummt ein Rentner. Der Mann auf dem Markptplatz ist ein wenig irritiert über meine Frage, aber stolz auf die letzten 25 Jahre Einheit. Seit der Wende sei aus der grauen Maus etwas Vorzeigbares geworden. Das stimmt. Die Fassaden sind hübsch anzusehen. Wer jedoch dahinter schauen will, muss Zeit mitbringen. Doch daran mangelt es dem modernen Reisenden bekanntlich am meisten.

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Genau hinschauen! Detail einer Holzskulptur an einem Fachwerkhaus.

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Do it yourself

Der Kapitalismus ist von Grund auf böse, und die armen einfachen Menschen sind ganz lieb. Bis zu 70% der Deutschen stimmen in Umfragen für eine Abschaffung des Turbo-Kapitalismus. Eine ähnliche Zustimmung erreicht nur noch der Wunsch, problemlos abzunehmen, lästert Harald Martenstein in einer seiner Kolumnen. Was ist also faul in Zeiten der Selbstoptimierung und Vermarktung?

Jeder ist seines Glückes Schmied. Und: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Die einzige Konsequenz: Ändere dein Leben und zwar sofort. Die Priester des Zeitgeists predigen seit über einem Vierteljahrhundert den allzeit bereiten erfolgshungrigen Selbstvermarkter. Verlangt werden Unterwerfungshandlungen, die niemand mehr einfordern muss, weil sie alle akzeptieren. Höher, schneller, den anderen ausbremsen.

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Sei erfolgreich. Ändere dein Leben. Erreiche deine Ziele. Die Selbstoptimierungsmaschine läuft auf Hochtouren.

 

Bestseller und Quotenkracher, kurzum der Hirschfaktor bestimmen den Alltag. Hirschfaktor? Das ist die Kennzahl für Reputation eines Wissenschaftlers. Nachgewiesen in der Zahl der Veröffentlichungen und der Höhe der Drittmitteleinwerbung. Geistige Leistung muss punktgenau messbar sein. Das Ziel: die Ökonomisierung geistiger Güter.

 

So werden weltweit jährlich 1,5 Millionen Aufsätze veröffentlicht, die kaum jemand liest. Eine ernüchternde Analyse ergab: 82% der Artikel werden nicht ein einziges Mal zitiert. Nur 10% der Leser halten bis zum Ende eines Textes durch. Millionen Forscher produzieren Wissensmüll für die Löschtaste. Der Preis: Weder gibt es nennenswerte Innovationen noch neue Lösungsansätze. Wer lässt sich in Zeiten von befristeten oder prekären Jobs auch auf kritische Untersuchungen ein?

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Alexander Humboldt. Naturforscher. Entdecker und Vermesser der Welt.

Was ist die Folge? Im Angesicht einer rasenden Gegenwart bewegt sich die Wissenschaft nur noch im Elfenbeinturm. Ein Wirklichkeitsverlust, der weh tut, findet Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen. Er vergleicht das Grundproblem mit einer Anekdote aus Vietnam. Während der französischen Kolonialherrschaft herrschte eine Rattenplage. Ein Gesetz wurde erlassen, das jedem, der eine tote Ratte ablieferte, eine Prämie versprach. Das Ergebnis: Die Menschen begannen Ratten zu züchten.

Dabei wären innovative Lösungen statt belangloser Auftragsproduktionen wichtiger denn je. Die Liste der aktuellen Menschheitsthemen ist lang: Flüchtlingselend, Krise des Kapitalismus, Klimawandel, Krise Europas, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Totalüberwachung durch Geheimdienste, Rückkehr des Kalten Krieges, Alterung und Fragmentierung der Gesellschaft.

An die Arbeit – Forscher, findet der Tübinger Wissenschaftler Pörksen. Der große Entdecker Alexander Humboldt habe auch nicht als erstes gefragt, welche Drittmittel bereitstehen. Er legte los, um die Welt zu verstehen. Wie lernt man aufrecht laufen? Ganz einfach: Von Fall zu Fall.