Archive for : Juni, 2016

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Der Blick des Nachbarn

In der Vergangenheit war die Zukunft auch schon mal besser. Bunter. Vielversprechender. Das kann erfahren, wer bereit ist, unvoreingenommen über den Gartenzaun zu schauen. Zum Beispiel nach Prag oder auch nach Bratislava. Tschechische und slowakische Fotografen schätzen die Momente, die das Leben ausmachen. Meist in Schwarz-Weiß. Als lieferten sie die Bilder für Milan Kunderas unübertroffenen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. So entstehen Bilder in einem steten Wechsel aus Lebenslust und Melancholie. Motto: Wer mit dem Tod über das Leben verhandelt, der muss stark sein.

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Jan Zatorsky. Grenzübergang Röszke-Horgos. September 2015

Eine neue Ausstellung im Tschechischen Zentrum in der Berliner Wilhelmstraße zeigt eine Auswahl der besten Aufnahmen der letzten zwanzig Jahre aus dem Land der Schwejks und Vaclav Havels. Dabei ist das Tschechische Zentrum selbst eine Reise wert. Dieser Bau aus den späten siebziger Jahren im Stile des Brutalismus verkündete in seiner kantigen Formensprache ungebremste Zukunftseuphorie, gegossen in Stahl und Beton. Ein sozialistischer Zeitgeist-Klotz, der seinesgleichen sucht.

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Filip Singer. Kiew. Ukraine. Winter 2013. Fotografie des Jahres 2013.

Die Aufnahmen seien ohne staatliche Einflussnahme und völlig unabhängig ausgewählt worden, heißt es. Keine Propaganda oder Marketingaktion der Regierung wird versprochen. Tatsächlich fügen sich die Bilder wie Puzzlestücke zu einer eindrucksvollen Chronik unseres Nachbarlandes zusammen. Die Fotos erinnern an die großen Überschwemmungen um die Jahrtausendwende, an Prager Proteste gegen Globalisierung oder die dramatischen Stunden während der Flüchtlingskrise im vergangenen Sommer 2015. Die Kunst der Fotografen gibt nicht nur das Sichtbare wieder, sondern macht Dinge erst sichtbar. Es zählt der zweite Blick.

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Jarolsav Kucera. Proteste gegen Globalisierung. Prag. 2000.

Die Ausstellung „Best of Czech Press Photo“ ist den ganzen Sommer über bis zum 2. September 2016 in der Galerie TZB im Tschechischen Zentrum in Berlin-Mitte (Wilhelmstraße 44) zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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Strahlende Zukunft

„Wir sind die Schmuddelkinder der Nation“, sagt Jörg Möller. Der kräftige Mann lacht. Er ist einer, der in sich ruht: Ingenieur. Kraftwerker. Hobby-Historiker. Einst hat er die leuchtende Zukunft mitorganisiert. Strom aus der Steckdose. Angetrieben von der ungeheuren Energie der Atome. Seit 25 Jahren demontiert, zerlegt und verschrottet er seinen eigenen Arbeitsplatz. Möller ist zuständig für die verstrahlten Hinterlassenschaften eines Atomkraftwerkes. Ganz genau für die des Kernkraftwerkes „Bruno Leuschner“ in Rheinsberg.

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Rein oder Raus? Warnschild am Zugang zum einstigen Druckwasserreaktor im KKW Rheinsberg.

 

Das erste funktionierende AKW in Deutschland ging im Mai 1966 im Osten der Republik ans Netz. In der kleinen DDR. Ein großer Triumph für die Genossen. Ein knappes halbes Jahr später zog der Westen mit dem KKW Gundremmingen nach. Genau fünfzig Jahre später wickelt das längst vereinte Land die einstige Zukunftstechnologie ab. Die Energiewende – ein Milliardenprojekt. „Wir können das. Wir sind Pioniere. Wir waren die ersten bei Auf- und Abbau.“ Jörg Möller strahlt. Der 58-jährige erklärt, dass die Rheinsberger mittlerweile Meister der Demontage von Atomkraft sind. Sein Konzern die Energiewerke Nord, ein bundeseigener Betrieb, sei „weltweit der größte Stillleger für Atomkraft“.

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Die Leitstelle mit vielen Knöpfen und dem Charme der sechziger Jahre. Die Blockwarte des  „Raumschiff Orions“ befindet sich mitten im Naturschutzgebiet am Großen Stechlin, eine gute Autostunde nördlich von Berlin entfernt.

 

Tatsächlich bauen Möller und seine 170 Kollegen seit einem Vierteljahrhundert den sowjetischen Druckwasserreaktor WWER-2 bis auf die letzte Mutter zurück. Sie entschärften über 300 Brennstäbe, verkauften davon 74 an eine US-Firma. Sie zersägten in „heißen Zellen“ Stahlträger, Pumpen, Turbinenteile, Behälter, kurzum: sie demontierten in Abklingbecken verstrahlte und kontaminierte Elemente, um sie in ein Zwischenlager nach Greifswald zu transportieren. Die Ingenieure zerlegen damit ihre eigene Existenz, eine gewollte Selbst-Liquidation. Ein unternehmerischer Suizid. Noch weitere zehn Jahre wird es dauern, bis das einstige KKW Rheinsberg besenrein übergeben werden kann.

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KKW Rheinsberg Stolz der DDR. Ab 1966 am Netz. Seit 1990 abgeschaltet. Seit 1995 im Rückbau.

 

„Wir suchen dringend junge Leute. Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler“, betont Möller, der in Magdeburg Maschinenbau und Kerntechnik studiert hat. Über 100 neue Mitarbeiter sollen eingestellt werden, aber der Fachkräftemangel sei zum Verzweifeln. Möller und seine Verschrotter von Rheinsberg versprechen wieder eine blühende Zukunft. Ob in Deutschland oder weltweit, der Ab- und Rückbau von atomaren Anlagen sichere auf lange Sicht Arbeitsplätze. Allein im russischen Murmansk müssten 140 atombetriebene U-Boote „entschärft“ werden.

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Museumsreif. Die Vorrichtung für Brennstäbe. 74 unbenutzte neue Brennstäbe wurden in den neunziger Jahren in die USA verkauft.

So werden die Rheinsberger ein weiteres Mal Pioniere. Einst für ein Zukunftsversprechen mit Atomkraft. Heute als Modellbetrieb für den Ausstieg aus einer Technik, die einmal die Lösung aller Menschheitsprobleme versprach. Der Besuch im ehemaligen KKW Rheinsberg mitten im idyllischen Naturschutzgebiet am Stechlinsee ist wirklich eine Reise wert. Führungen im Sommer immer mittwochs ab 13 Uhr. Es empfiehlt sich eine rechtzeitige Anmeldung. Die Nachfrage ist groß.

 

 

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Johanssons Welt

Es ist eine fabelhafte Welt, die er zu erschaffen imstande ist. Es ist eine Welt, in der mit den Grenzen der Realität gespielt wird, bis sie leicht und elegant überschritten werden. So entstehen neue Räume, Szenen, Situationen. Der Mann greift nicht Momente auf, heißt es über ihn, er setzt Ideen um. Und wie! Die Rede ist von Erik Johansson, einem schwedischen Grafikdesigner. „Die einzige Sache, die uns begrenzt, ist unsere eigene Phantasie“, lautet sein Motto. Johansson ist ein wahrer Tüftler, geduldig und mit langem Atem. Einer, der geradezu genial die Grenzen unserer Vorstellungskraft austestet.

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Erik Johansson. Cut And Fold. 2012.

Der Stockholmer Künstler arbeitet mittlerweile in Prag, nachdem ihn Berlin nicht mehr inspirieren konnte. Johanssons Welt besteht aus Abbildern der realen Welt, aus denen er seine eigene Welt puzzleartig zusammensetzt. Dabei verwendet er ganz konventionell Schere, Lineal und Klebstoff. Wie ein Bühnenbildner modelliert er Elemente, um neue Mini-Kulissen zu entwickeln. Mehr als sechs bis acht Bilder sind in seiner Jahresproduktion nicht drin. Der Aufwand ist groß, das Ergebnis ist es allerdings auch. Seine Werke sind magisch. Atemberaubend. Fesselnd.

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Erik Johansson. Vertical Turn. 2009.

 

Hart arbeiten. Konzentriert sein. Dran bleiben. Gute Künstler sind in der Lage den Staub abzuschütteln. Und den Schweiß der Arbeit. Das sind der Preis und der Lohn. Denn die Zeit, die wir erleben und die wir durchschreiten, ist keineswegs ein langer ruhiger Fluss, sondern eine Ansammlung von winzigen Elementarteilchen. Und diese müssen präzise und stimmig zusammenpassen. Schließlich findet das Leben in Augenblicken statt, nicht in Chroniken. Johanssons Welt ist eine lange Expedition, die es jederzeit lohnt anzutreten. Die neugierig macht. Weiter zu gehen, bis ans Ende des Horizonts.

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Erik Johansson. Impact. 2016.

 

Man darf immer aufs Neue gepannt sein, was in seiner Welt hinterm Horizont hervortritt.

Wie viel Arbeit in seinen Bildern steckt, zeigt ein Work of Progress-Film des Schweden. Mehr unter Impact – Behind The Scenes bei und von Erik Johansson.

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Der kleine Unterschied

Ost trifft West. Zwei Kulturen, eine gemeinsame Sprache? Von wegen. Aber: eine spannende Beziehungskiste. Yang Liu ist in Peking geboren und aufgewachsen. Als sie dreizehn war, zog sie 1990 mit ihren Eltern nach Berlin. Ein echter Kulturschock. Sprache, Sitten, Einstellungen, Umgangsformen – alles änderte sich auf einen Schlag. Das volle Programm. Sauerkraut statt scharfer Nudelsuppe.

Yang Liu schaute von nun an sehr genau auf die kleinen und großen Unterschiede zwischen westlichen Europäern und fernöstlichen Chinesen. Sie verglich Kartoffeln mit Reis, Äpfel mit Birnen, deutsche Pünktlichkeit mit chinesischer Lautstärke. Ihre Anregungen und Antworten suchte und fand sie gleich vor der Haustür, im Alltag: Ost trifft West.

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Yang Liu. Party.

In einfachen Piktogrammen erklärt die Designerin die komplizierten Feinheiten unterschiedlicher Lebensarten. Völkerverständigung ohne viele Worte, das ist ihre Kunst.  Sie erinnert sich, als sie nach Deutschland kam: „Alle Dinge waren genau das Gegenteil von dem, was ich gewohnt war. Es gab unzählige Male, in denen ich unvorstellbar verwirrt, überrascht, verärgert und geschockt war – oder ich musste einfach lachen.“

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Yang Liu. Im Restaurant.

Ihr simples Prinzip: sie schildert Szenen aus dem eigenen Umfeld, beobachtet Freunde, Nachbarn oder im Restaurant den Tisch nebenan. Zielsicher steuert sie die Kampfzone der kleinen Konflikte an, mit ihren gewollten oder ungewollten Missverständnissen. Typisch deutsch oder so ist er eben, der Chinese. Die Farbe Rot symbolisiert China, Blau den Westen.

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Yang Liu. Sonntags auf der Straße.

Mittlerweile ist Yang Liu eine renommierte Künstlerin. Sie arbeitete in Singapur, London, New York und seit einigen Jahren auch wieder in Berlin. Die nunmehr vierzigjährige Grafik-Designerin blieb sich in allen Zeiten und Kulturen treu. Sie  versucht unsere komplexe Welt mit einfachen Strichen zu beschreiben, ohne zu vereinfachen oder zu verniedlichen, aber stets mit einem Augenzwinkern. So erklärt sie uns in zwei neuen Bänden weitere Problemzonen des alltäglichen Culture Clash, wenn es heißt: „Mann trifft Frau“ und „Heute trifft Gestern“.

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Yang Liu. Transportsysteme.

Zur Zeit ist Yang Lius Welt der Piktogramme im Schloss Neuhardenberg bei Berlin zu sehen. „Mann trifft Frau“ – bis 31. Juli 2016.

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Umsonst und üppig

Es ist heiß. Wie in einer dampfenden Waschküche. Das Thermometer zeigt auch abends noch 32 Grad. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei über 90 Prozent. Nach wenigen Minuten ist das Hemd klatschnass. Jeder Schritt fällt schwer. Neun Damen scheint die Hitze der Hongkonger Nächte wenig anzuhaben. Sie sind nackt, bewegen sich nicht, ruhen oder posieren voller Gelassenheit. Schaut her, egal was passiert, das Leben ist schön. Nehmt die Widrigkeiten nicht zu ernst. Wie Schönheitsstatuen aus der Renaissance-Ära trotzen die starken Frauen dem Zeitgeist.

Fernando Botero feiert Premiere in China. Der kolumbianische Bildhauer zeigt seine Skulpturen und Werke in Peking, Shanghai und zum ersten Mal in Hongkong. „Meine Arbeit spricht eine universale Sprache“, schreibt Botero über seine erste öffentliche Ausstellung im wuseligen Hongkong direkt an der Waterfront. Er sei stolz, den sieben Millionen Hongkonger mit seinen Werken Anschauung, Abwechslung und Freude vermitteln zu dürfen.

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Fernando Botero in Hongkong.

 

Aufmunterung können die Bewohner der Sonderverwaltungszone derzeit gut gebrauchen. Die Stimmung ist schlecht. Jedenfalls den Umfragen nach. 42% der Hongkonger würden wegziehen, wenn sie es könnten. In Shanghai sind es nur 17%. Und zwei von drei Bürger Hongkongs (66%) meinen, ihre Stadt sei kein guter Ort für Kinder, um hier aufzuwachsen. Nur 17% der Shanghaier sind der gleichen Meinung.

Was ist los in der einst quirligsten Metropole des asiatischen Finanzkapitalismus? Düstere Endzeitstimmung? Die pure Angst vor der Übernahme durch die Volksrepubik China, die 2047 endgültig vollzogen wird? Von wegen. Die Menschen sind unzufrieden mit ihrer Stadtregierung, mit exorbitant hohen Wohnkosten und explodierenden Ausgaben für Bildung. Wohnen und Kinder sind Luxus. Hongkong hat weltweit mit die höchsten Ausbildungskosten für junge Menschen. Ein Kind kostet im Jahr 16.182 $, wenn es in Hongkong auf eine höhere Schule geht oder studieren will. Zum Vergleich: der weltweite Satz für einen Uni-Platz liegt im Durchschnitt bei 7.631 $.

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Neun Skulpturen sind an der Waterfront zu sehen. Bis 14. August 2016.

 

Wenigstens Boteros Damen im Zentrum der teuren Stadt machen eine löbliche Ausnahme. Sie sind kostenlos zu bewundern und zwar noch bis zum 14. August 2016.

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Maos mächtiger Schatten am Horizont

In diesen Tagen besucht Angela Merkel mit großem Gefolge China. Es geht um Big Business, Börsenwerte und neue ökonomische Partnerschaften. Handel und Wandel auf hohem Niveau. Im Riesenreich jedoch wächst die Zahl der Abgehängten, Enttäuschten und Zurückgebliebenen. Immer mehr Chinesen träumen von alten Zeiten. Von mehr Gerechtigkeit, einer verlässlichen Macht und vor allem von Mao. Selbst junge Volksrepublik-Chinesen verehren den Führer des Großen Marsches und der Kulturrevolution. Es gibt eine anhaltende Sehnsucht nach der Ära der Kulturrevolution, schreibt die South China Morning Post, eine liberale Zeitung aus Hongkong.

Was ist los im Reich der Mitte? Zurück in eine Zeit der Finsternis, in der im Namen der Revolution über 1.7 Millionen Menschen eines unnatürlichen Todes starben, wie selbst offizielle Statistiken einräumen? Vor genau fünfzig Jahren brachen junge Rotgardisten auf, um Zaudernde, Zweifelnde und Gegner auf den richtigen Weg zu bringen. Wer nicht spurte, bekam die Macht von Maos Fußvolk zu spüren. Und heute? „Ich vermisse die unbedingte Hingabe an die Revolution. Ich vermisse Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen den Menschen“, sagt Zhou Jiayu, ein ehemaliger Rotgardist. Heute ist der 71jährige einer der vielen frustrierten Rentner.

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Mao ziert jeden 100 Yuen-Schein.

Aber auch junge Chinesen sympathisieren offen mit Maos Kulturrevolution vor fünfzig Jahren. Li Bifeng ist heute 38 Jahre alt. Der Absolvent der London School of Economics gehört zur Smartphone-Generation. Er begeistert sich für Maos Traum einer egalitären Gesellschaft. Li sagt: „Ich habe begriffen, was wichtiger ist als Wissen, nämlich Haltung und Verständnis. Für wen schlägt dein Herz mehr? Für die Mächtigen und Reichen oder die schikanierten und gefährdeten Menschen?“ Die Kinder der Globalisierung sehnen sich nach einer neuen Kulturrevolution.

Besonders Ex-Parteisekretär Bo Xiliai aus Chinas 27-Millionen-Megastadt Chongqing gilt unter Demonstranten und auf Meetings in den Provinzen als Held. Bo wurde 2012 aus dem Amt entfernt, weil er – so die Lesart – die Kreise der mächtigen Kader zu sehr gestört habe. Er hatte sich für niedrige Mieten eingesetzt, überhaupt für eine Sozialpolitik, die den Namen verdient. Und der missliebige Parteisekretär förderte die Wiederbelebung alter Kampflieder aus Maos Zeiten. Das kommt bis heute gut an. Im Mai dieses Jahres, schreibt die South China Morning Post, wurde in der Großen Halle des Volkes in Peking ein Revolutionslied frenetisch gefeiert. Es heisst: „Segeln durch stürmische See hängt vom Steuermann ab“.

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Mehr als Nostalgie? Der Handel mit Mao-Nippes und Souvenirs boomt.

So erleben Nostalgiker in China derzeit ein grosses Comeback, egal ob sie jung oder alt sind. Angetrieben durch alltägliche Erfahrungen von Ungleichheit und Ungerechtigkeit träumen sie von einer „guten, alten Zeit“, für die der Große Führer Mao steht. Und sie reden nicht mehr über Prada, sondern vom Proletariat. Sie sehnen sich nicht mehr nach McDonalds, Max Mara oder Mercedes, sondern bewundern Mao Tse Tung.  Als wäre von fünfzig Jahren nichts gewesen. Wiederholt sich Geschichte?

 

Großstadt-Dschungel

„Es heißt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Das ist das Motto von Andy Yeung. Dessen Luft-Bilder machen sprachlos. Unweigerlich hält der Betrachter den Atem an, sucht Halt, fürchtet den Taumel der Tiefe. Man ist gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Die Aufnahmen des jungen Fotografen aus Hongkong sind außergewöhnlich, aufregend und beeindruckend. Yeung zeigt seine Heimatstadt Hongkong völlig anders. Eine Millionen-Metropole mit Häusern bis zum Himmel, ohne Menschen, aber Lichterströmen, die sich wie Lava durch die Straßenschluchten schieben.

 

Vielleicht lässt sich die asiatische Mega-City nur aus der Vogel-Perspektive ertragen. Am besten von ganz weit oben. Am Boden sieht die Welt anders aus. Menschen eilen, drängen und hetzen durch volle Straßen, arbeiten in riesigen Großraumbüros, leben in winzigen Wohnungen, die sich in Wohnmaschinen bis auf drei- vierhundert Meter Höhe stapeln. Die Behausungen sind teuer und klein wie Hasenställe. In die Schlafzimmer passt maximal ein Bett. Mehr nicht. Wohnen auf engstem Raum.

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Sheung Wan. Projekt: Urban Jungle. Quelle: Andy Yeung. Hongkong.

Geduld, Disziplin und Rücksichtnahme sind Hongkonger Tugenden. Warenhäuser, U-Bahnen und Shopping-Center sind zuverlässig prall voll. In den Fahrstühlen ist der Tür-zu-Schalter der wichtigste Knopf. Die automatischen Türen brauchen zu viel Zeit für eilige Hongkong-Bewohner. Nur in den Gärten kommt ein wenig Ruhe und Entspannung auf. Im Wetgarden-Freizeitpark mahnen Schilder: „Please be calm. Birds have ears.“

 

Vögel können fliegen. Genau wie Andy Yeungs Drohnen-Bilder. Leicht und luftig zeigen sie, was sonst im Alltag verborgen bleibt. Eine bunte, intensive Stadt voller Ästhetik, Energie und Schönheit. Es bleibt wohl ein kurzer Traum. Denn die meisten Vögel in Hongkong sind eingesperrt – im Vogelkäfig. Zu sehen im Stadtteil Mong Kok auf dem riesigen Vogelhändler-Markt, den die Hongkonger so sehr lieben.

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Happy Valley. Projekt: Urban Jungle. Quelle: Andy Yeung.

 

Hier mehr über den Fotografen Andy Yeung und sein „Urban Jungle“-Projekt.

Der Retter

Sein Reihenhaus in Troisdorf war bescheiden. Doch die Tür stand immer offen. Von hier aus kümmerte sich ein Mann mit Seefahrerbart und voller Energie um Ausgestoßene, Verfolgte und Bedrängte. Menschen, die auf der Flucht sind. Sein Name: Rupert Neudeck. Sein Lebensthema: Das Retten von Menschen in Not. Deshalb gründete er Organisationen wie Cap Anamur, Deutsche Notärzte und zuletzt 2003 die Grünhelme.

Rupert war fünf Jahre alt, als Familie Neudeck in Danzig beschloss, im Januar 1945 vor der Front zu flüchten. Seine Mutter wollte unbedingt das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff erreichen. Sie kamen anderthalb Stunden zu spät. Der Onkel an der Kaimauer schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie sahen nur noch den riesigen weißen Dampfer aus dem Hafen in Richtung Ostsee ziehen. Die Verspätung war ihre Rettung. Denn die Gustloff wurde von sowjetischen Torpedos versenkt. Über 9.000 Flüchtlinge ertranken.

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Rupert Neudeck. 2008.

Kindheitsmuster Flucht. Rupert Neudeck: „Daraus ist ein Trauma bei mir geblieben. Ich wollte, ich musste helfen. Ich konnte es nicht zulassen, dass Menschen einfach absaufen.“ Familie Neudeck rettete sich in den letzten Kriegstagen über Sachsen-Anhalt nach Hagen. Die westfälische Stadt war voller Flüchtlinge. Viele Einheimische halfen. Doch andere schimpften über das Pack aus dem Osten. Zuwanderer galten als Habenichtse, die anderen das Wenige auch noch wegnehmen. Rupert Neudeck erinnerte sich: „Wir hatten als sechsköpfige Familie zwei Zimmer. Mehr nicht. Aber wir lebten und hatten eine Sicherheit.“

Die Neudecks gehörten zu den über zwölf Millionen Flüchtlingen in Deutschland. Not machte damals erfinderisch. Ankömmlinge wurden mit DDT eingesprüht – zur Entlausung. Bekamen ein Stück Brot. Trotzdem hungerten viele. Aus dieser prägenden Lebenserfahrung zog Rupert Neudeck eine Verpflichtung, von der er bis zum Schluss keinen Millimeter abrückte. „Das war 1945 eine großartige Leistung. Wir müssen weiter retten. Das ist das europäische Erbe. Auch weil sich Europa etwas auf die universalen Menschenrechte einbildet. Das können wir nicht verraten.“

 

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Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Grünhelme. Der Verein mit Sitz in Köln setzt sich für den Bau bzw. Wiederaufbau von Gemeinden in ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten ein.

 

Am Ende wollte sein Herz nicht mehr wie er es wollte.  Sein Tempo war so intensiv und leidenschaftlich, dass es für viele Leben gereicht hat. Ihn hat das Schicksal von Anderen nie gleichgültig oder zynisch werden lassen. Neudeck konnte manchmal sehr wohl unbequem und dickköpfig sein. Aber das musste sein: sonst hätte er in seinem Leben nicht so viel erreicht. Seine Idee wird bleiben, sein Vermächtnis weiter leben. Ich bin stolz, ihn vor knapp zehn Monaten noch einmal in seinem Reihenhaus getroffen zu haben. Als er unablässig Pläne für die Seerettung im Mittelmeer schmiedete wie einer, der nie aufgibt.

Rupert Neudeck starb am 31. Mai 2016 im Alter von 77 Jahren.