Archive for : Oktober, 2016

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Apokalypse Now

Die Apokalypse findet statt. Jetzt. In Aleppo. Das Stalingrad des 21. Jahrhunderts. Die Allermeisten schauen weg. Die Waffe der Gleichgültigkeit. Sie ist sehr effektiv. Andere verstecken sich hinter einem Panzer aus Ideologie und Gewissheiten. Schuld ist Putin! – Schuld sind die Amerikaner! – Schuld sind die Muslime! – Diese Reaktionen verlängern das Abschlachten in Aleppo. Und führen zu Bilden von Ameer Alhalbi. Auf den ersten Blick ist sein Foto auszuhalten. Kriegsalltag eben. Ein Mann kauert fassungslos in den Trümmern eines zerstörten Hauses.

 

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Aleppo. 23. September 2016. Foto: Ameer Alhalbi AFP/Getty Images.

 

Auf den zweiten Blick ist die Aufnahme Ameers kaum noch zu ertragen. Aus dem tonnenschweren Schutt ragt ein kleiner Kinderfuß. Kopf und Körper sind verschüttet. Das Kind ist erstickt, erdrückt und ermordet worden. Aufgenommen an einem Freitag im September 2016, genau am 23. September. Unfassbar. Wer war dieses Kind? Wo sind sein Lachen, seine Träume, seine Zukunft geblieben? Begraben unter einem Schutthaufen. Die Aufnahme entstand nach einem Luftangriff des syrischen Regimes auf ein Wohnviertel in Aleppo.

 

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Ameer Alhalbi aus Aleppo. Fotograf aus Syrien.

 

Wenn solche Bilder Sinn machen, wenn Betrachter nicht völlig abgezockt sind, dann liegen sie im Momentum des Schocks. Empörung ist die Einstiegsstufe in Empathie. Empathie ermöglicht Humanismus. Humanismus stellt Fragen. Natürlich kann Humanismus keinen Krieg der Welt beenden. Nicht in Aleppo, Mossul, Jemen oder anderswo. Das Foto klagt an. Nicht mehr, nicht weniger. Denn bilderlose Kriege sind völlig unsichtbar. Sie finden einfach nicht statt.

Ameer Alhalbi, der junge Fotograf aus Aleppo, dokumentiert seit drei Jahren unerschrocken und einfühlsam das Sterben seiner Heimatstadt. Er schreibt in seinem Blog. „Ich glaube ehrlich gesagt, dass der Krieg in Syrien niemals enden wird.“ Wenn seine verstörende wie wertvolle Arbeit einen Sinn machen soll, dann diesen, unseren eigenen Panzer der inneren Abwehr zu durchbrechen und die Frage zuzulassen: Was können wir denn tun?

 

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Aleppo, 2016. Quelle: Ameer Alhalbi. (AFP)

 

Apokalypse Now. Nicht im Kino, sondern im richtigen Leben. Die Bilder des Ameer Alhalbi aus Aleppo.

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Vogel flieg

Wer ist der größte Feind einer guten Idee? Der eigene Kopf. Die eigene Mutlosigkeit. Und: Das Weiter-so-bloß-nichts-ändern-Denken. Jeder kennt das. In großen Unternehmen hat es der kleine Freigeist besonders schwer. Er trifft allzu schnell auf den Typus des Feldwebels. Dieser vertritt Dienstweg, Vorschriften und die Kraft der Vorgesetzten. Denken ohne Geländer? Geht gar nicht. So werden die besten Ideen zielsicher zur Strecke gebracht. Gebügelt, geplättet, notfalls bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen. Der Illustrator Christoph Niemann kennt diesen Kreislauf der Kreativen zur Genüge.

 

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Alle Illustrationen: Christoph Niemann.

 

Aus einem kleinen Fabelwesen, das so gerne das Fliegen lernen will, kann schnell ein bunter, prächtiger Paradiesvogel werden. Die Fantasie nimmt ihren Lauf. Ungehemmt, wild und herrlich geheimnisvoll verschlungen.

 

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Schon wetzen die Bedenkenträger ihre Messer. So nicht! Lautet ihr Urteil. Zurückgeschnitten wird der Vogel, so einer kann doch nicht fliegen. Untauglich, riskant, das will doch keiner sehen.

 

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So wird der kleine Ideenvogel zurechtgestutzt, bis er gerupft und federleicht das Weite sucht. Eine einfache aber geniale Idee wird zu Grabe getragen. Da kann ja jeder kommen! Herzblut, Schweiß und Tränen sind umsonst vergossen worden.

 

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Zurück an den Schreibtisch. Ein guter Künstler kann Experimentieren ohne Rücksicht auf Verluste, sagt Christoph Niemann. Seine Lösung: Üben, üben und nochmals üben. Denn: „Schreiben, zeichnen, designen – darin ist man nicht einfach gut. Darin wird man gut.“

 

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Mehr über den fantasievollen Überflieger und Illustrator Christoph Niemann, der erst in New York und nun in Berlin lebt und der stets zwei unterschiedliche Dinge auf verblüffende Weise neu zusammenbringt, in seinem gerade erschienenen Buch Sunday Sketching bei Knesebeck.

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Erinnerung an Esbjörn

Es war ein warmer freundlicher Sommertag, dieser 14. Juni 2008. In den Schärengärten vor Stockholm sprang Esbjörn Svensson in die Ostsee und tauchte ab. Sein Sohn wartete am Ufer. Dann passierte Schreckliches. Esbjörn verhedderte sich, tauchte nicht mehr auf. Das abrupte Ende einer Leidenschaft. Einer der bedeutendsten und einflussreichsten Jazz-Pianisten der Jahrtausendwende starb im Alter von 44 Jahren. Ein Unglück notierte die schwedische Polizei. Es war eine Tragödie für die Welt des Jazz.

Esbjörn Svensson, Sohn einer Konzertpianistin, revolutionierte den gefühlvollen Piano-Jazz. Der große Bach-Liebhaber setzte mit seinem Trio e.s.t. neue Maßstäbe. Nach dem Motto Weniger ist mehr machte er das Komplexe sinnlich begreifbar und ließ das Einfache nicht banal klingen. Er schuf auf seinem Flügel wahre Ohrwürmer, die er umspielte, erweiterte und um deren Kern er einfühlsam experimentierte. Großartiger Jazz zum Niederknien.

 

 

Jetzt über acht Jahre nach seinem Tauchunfall versuchen Esbjörns schwedische  Musikerkollegen ihrem unvergessenen Freund ein Denkmal zu setzen. Mit Unterstützung eines neunzigköpfigen Klangkörpers entstand in diesem Sommer die E.S.T Symphony. Der schwedische Dirigient und Arrangeur Hans Ek erweckte das verstummte Trio zu neuem Leben. Mit dabei die beiden alten Weggefährten Esbjörns: der Bassist Dan Berglund und der Schlagzeuger Magnus Öström.

 

 

Den Part des Klaviers übernahm der finnische Ausnahme-Pianist Iiro Rantala, die sinfonische Interpretation das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra.  Welcome back, Esbjörn Svensson. Geniale Musik kennt kein Verfallsdatum. Am 28. Oktober 2016 erscheint das Album E.S.T Symphony. Wir dürfen gespannt sein.

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Ein Leben mit vielen Akten

Es war das einzige Buch, das in fast fünfzehn Jahren meiner Moderationen auf dem Blauen Sofa während der Buchmessen sofort geklaut wurde. Es war ein neuer Bildband von Günter Rössler. Den damals bereits betagten Leipziger Fotografen begleitete ich von der Bühne hinunter zum Signieren an den nahen Autogrammtisch. Das Buch ließ ich für einen winzigen Moment liegen. Ein Fehler. Als ich zurückkehrte, war es längst weg.

 

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Günter Rössler. (1926 – 2012)

 

Rösslers Buch erschien 2006. Es hieß: „Mein Leben in vielen Akten“. Es erzählt die Geschichte eines DDR-Fotografen, der aus Leidenschaft unbekümmert und unverkrampft die Weiblichkeit in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hatte. „Nacktheit empfand ich von Anfang an nicht als Peinlichkeit oder etwas Verbotenes“, erklärte Rössler. So machte er sich ans Werk. Sein Vorbild: der italienische Maler Modigliani. Rössler arbeitete ohne großen Stab, Effekte und Aufwand.

Seine Bilder waren in der DDR Bückware. Sie erschienen in der kleinen aber begehrten Monatszeitschrift „Das Magazin“. Er fotografierte die Damenwelt gerne nackt aber genauso auch schick angezogen  für die Modezeitschrift „Sibylle“ oder die „Berliner Zeitung“. Rössler meinte mit einem Lächeln: „Die meisten Frauen, die ich liebte oder liebe, waren oder sind größer als ich.“ Seine Vorliebe galt natürlichen Motiven: „Juliette Greco beeindruckte ohne Spektakel. Große Wirkung durch das Einfache.“

 

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Günter Rössler. Berlin. 1966. Bildrechte: Günter Rössler.

 

Der „Helmut Newton des Ostens“. Dieses Prädikat konnte er partout nicht ausstehen. Inszenierung von exklusiver Schönheit der Reichen und Wohlhabenden waren ihm fremd. Rössler konzentrierte sich lieber auf Anmut und Wahrhaftigkeit von Schönheit. Am liebsten in Schwarz-Weiß, ohne Schnickschnack, wie er sich ausdrückte.  Nach  Wende und Siegeszug einer durchkommerzialisierten  Busenindustrie geriet der Leipziger Frauenfreund in eine tiefe künstlerische Krise. Er war ratlos. Rössler: „Aber die Kunst? Die Aktfotografie? Für wen? Und warum angesichts der Überfülle an Kunst und Künstlichem? Zwischen 1992 und 1995 fotografierte ich keinen Akt mehr.“

 

 

Voilà.  Mitte der neunziger Jahre erlebte er seine Wiedergeburt. Nach überstandener  Depression, erfolgreicher Herzoperation und junger Vaterschaft mit über siebzig Jahren zog er wieder los, um Frauen auszuziehen. Auf seine Art. Er schuf seine Welt mit Anna, Anastasia, Filia und wie sie alle hießen.

Die Ausstellung MEISTERFOTOGRAFIE. Günter Rössler & Michael Bader feiert in Leipzig noch bis zum 31.10.2016 den Fotografen, der die Frauen liebte – so wie sie sind.

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Musik, die träumt

Er wird viel gespielt, ist verkannt und vergessen. Von jungen Musikern wird er jedoch begeistert wiederentdeckt: Gabriel Fauré. Ein französischer Komponist und Pianist. Spätromantiker vom Scheitel bis zur Sohle. Ein stiller, leiser Mann, der die sanfte Macht der Musik zelebrierte wie kein anderer. Er ist es wert, gespielt zu werden. Besonders Cantique, sein Lobgesang. Komponiert im Alter von 19 Jahren. Ein frühes Meisterwerk.

 

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Gabriel Fauré. Mit Neunzehn gelang ihm ein ganz großer Wurf. Cantique de Jean Racine.

 

Der junge Student vertonte im Choral Cantique, auf Deutsch Lobgesang, eine 200 Jahre alte Textvorlage seines Landsmanns Jean Racine aus dem Jahre 1688. In dieser Hymne heißt es:

„Gieße aus auf uns das Feuer deiner machtvollen Gnade,

dass die ganze Hölle flieht vor dem Klang deiner Stimme.

Vertreibe diesen Schlummer einer trägen Seele,

der sie verleitet, deine Gebote zu vergessen.“

 

 

Das fünfminütige Loblied Cantique de Jean Racine wird gerne gemeinsam mit dem Requiem aufgeführt. Diese Werke verkörpern die magische Welt des Gabriel Faurés. (1845-1924) Seine Arbeiten sind intim und introvertiert, voller Anmut und Zauber. Er schuf eine vielfach verkannte Musik, die träumt. Die in sich ruht. Fauré ließ beim Komponieren die Sehnsucht von der Kette. Er war stets auf der Suche nach der verlorenen Zeit, genau wie sein Freund und Weggefährte Marcel Proust.

Mit Mitte fünfzig erkrankte Fauré und wurde schwerhörig. Er zog sich einsam zurück. Späte Anerkennung fand er erst im Tod. Das offizielle Paris spendierte 1924 ein pompöses Staatsbegräbnis. Sein Requiem gehört heute zu den häufig gespielten Werken, ob vor zwanzig Jahren bei der Trauerfeier für Francois Mitterand oder jüngst für die Opfer des LKW-Attentäters von Nizza.

Richtig entdeckt habe ich Cantique bei einem Studenten-Konzert der Berliner Universität der Künste. Junge Musiker verabschiedeten liebevoll ihren langjährigen Ausbilder Professor Ulrich Mahlert, der nach 95 Semestern Ausbildungszeit, wie er sich ausdrückte, in den Ruhestand ging. Die angehenden Musiker der größten Kunsthochschule Europas boten Beethovens Zweite, Robert Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und eben Fauré. Zum Wegschmelzen schön.

Mehr bei Jean-Michel Nectoux. Fauré. Seine Musik – sein Leben.

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Was Recht war…

„Alles war Recht und Gesetz.“ – „Wir taten nur unsere Pflicht.“ – „Fachleute werden immer gebraucht.“ So hieß es unter Juristen nach Kriegsende. Der Rest war Schweigen. Jahrzehntelang. Erst jetzt über siebzig Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes klärt eine aufsehenerregende Studie, wie unbeschadet Justizvertreter in der Nachkriegszeit im neuen Bundesjustizministerium weiter machen konnten. Als wäre nichts passiert. Zehn von dreizehn Abteilungsleitern der Rosenburg, dem ersten Bonner Dienstsitz, waren im Jahre 1957 frühere Parteigenossen der NSDAP. Das bedeutet 76,9 Prozent. Mit dabei Eduard Dreher, einst Sonderstaatsanwalt am NS-Sondergericht in Innsbruck.

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Die „Rosenburg“ auf dem Venusberg bei Bonn. Erster Dienstsitz des neuen Bundesjustizministeriums mit reichlich altem Personal.

 

Eduard Dreher machte in der Rosenburg Karriere. Er stieg in den fünfziger Jahren am Bonner Venusberg zum Referatsleiter auf, kommentierte das Strafgesetzbuch und koordinierte die Strafrechtsreform. Dreher war unbestritten der Doyen des bundesdeutschen Strafrechts. Ganze Studentengenerationen paukten seine Texte. Niemand störte offenbar, dass er in der NS-Zeit am Sondergericht Innsbruck insgesamt 17 Mal die Todesstrafe gefordert hatte, für Vergehen wie diese:

 

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Eduard Dreher. Referatsleiter im Bundesjustizministerium. 1954-1969.

 

Drehers Liste:

  • Todesstrafe für Anton Ratgeber. Dem 62-jährige Mann wurde 1943/44 vorgeworfen, nach Fliegerangriffen geplündert zu haben. NS-Sonderstaatsanwalt Dreher wendete den § 1 der „Volksschädlingsverordnung“ an.
  • Todesstrafe für Josef Knoflach. Der 56-jährige hatte mehrfach Brot, Zucker und Speck aus einem Bauernhof gestohlen. Dreher bezeichnete den Angeklagten als  „gefährlichen Gewohnheitsverbrecher“.
  • Todesstrafe für Karoline Hauser. Die Frau hatte Kleiderkartenpunkte gestohlen. Dreher erklärte sie 1942 zum „Volksschädling“. Das Gericht verurteilte sie letztlich  nur zu 15 Jahren Zuchthaus.
  • Todesstrafe für Maria Pircher. Die Angeklagte hatte bei einem Luftangriff einen fremden Koffer aufgebrochen und Kleider im Wert von 400 Reichsmark entwendet. Sie wurde 1944 hingerichtet, nachdem Sonderstaatsanwalt Dreher für die Frau als sogenannte Rückfalldiebin den Strang gefordert hatte.

Der Vorzeigejurist Dreher setzte sich auch in der Bundesrepublik für die Todesstrafe ein. Seine Karriere zeige exemplarisch, so die Professoren Görtemaker und Safferling in ihrer Studie, wie sich altes Personal in neuen Ämtern etablierte. Viele NS-Gesetze seien folgerichtig nur oberflächlich entnazifiziert, eine Strafverfolgung von Kriegsverbrechern vereitelt worden. Fazit: die Justiz hat sich selbst amnestiert. Ein Persilschein auf ganzer Linie. Am bedrückendsten: Kein Wort der Einsicht oder Entschuldigung war jemals zu hören.

 

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Roland Freisler. Staatssekretär im Reichsjustizministerium. Vorsitzender des Volksgerichtshofes. Hitlers fanatischer Vollstrecker. (1893-1945)

 

Bleibt eine berechtigte Frage. Wäre etwa auch Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofs, unbeschadet davon gekommen? Freisler hatte 1939 von seinen Volks-Richtern verlangt:

„Sie müssen ebenso schnell sein wie die Panzertruppe, sie sind mit ebenso großer Kampfkraft ausgestattet. (…) Sie müssen denselben Drang und dieselbe Fähigkeit haben, den Feind aufzusuchen, zu finden und zu stellen, und sie müssen die gleiche durchschlagende Treff- und Vernichtungssicherheit gegenüber dem erkannten Feind haben.“

Das Schicksal traf im Fall Freisler eine kluge Entscheidung: der furchtbarste Jurist des Dritten Reiches fiel einer Fliegerbombe zum Opfer. Wenige Monate vor Kriegsende.

 

Mehr über die braune Vergangenheit vieler Bonner Nachkriegs-Juristen in dem neuen und äußerst informativen Buch von Manfred Görtemaker und Christoph Safferling.  Die Akte Rosenburg. Das Bundesjustizministerium der Justiz und die NS-Zeit. C.H. Beck

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„Merkel muss weg“

Das muss weg, sagte sich Irmela Mensah-Schramm im Mai 2016. Die rüstige Rentnerin nahm eine Spraydose, Farbe Pink, und verwandelte die Parole in einer Unterführung  in ein friedlicheres „Merke! Hass weg“. Dazu sprühte sie zwei Herzchen. Die siebzigjährige Berlinerin wurde beobachtet, angezeigt und in diesen Tagen vom Amtsgericht Tiergarten offiziell verurteilt. Bei Wiederholung drohen der engagierten Frau 1.800 Euro Geldbuße und eine Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung.

Mit der grellen Farbe Pink habe sie wissentlich eine Sachbeschädigung herbeigeführt, argumentierte die übereifrige Staatsanwältin. Sie beharrte auf einer Bestrafung, obwohl das Gericht zu einer Einstellung des Verfahrens tendierte. Die Frau, die sich selbst einmal als Politputze bezeichnete, wäre damit vorbestraft. Dabei ist sie seit  dreißig Jahren unermüdlich in den Straßen Berlins unterwegs, um Hassparolen und Nazi-Schmähaufkleber zu entfernen.

 

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Irmela Mensah-Schramm. Jahrgang 1945. Geboren in Stuttgart. Seit dreißig Jahren in Berlin unterwegs.

 

Zweifelsohne ist Irmela Mensah-Schramm eine Überzeugungstäterin. Ihre Waffen: Ceranfeldschaber. Nagellackentferner. Dispersionsfarbe. Zivilcourage. Die gelernte Heilpädagogin hat mittlerweile über 130.000 Nazi-Parolen im Lande übermalt oder entfernt. Darüber führt sie penibel Buch. Warum? Weil aus Worten Waffen und aus Parolen Munition werden können, sagt sie. Hass-Graffitis sind für die Zehlendorferin ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Da müsse sie einfach einschreiten.

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Irmela Mensah-Schramm. „Ich gehe dagegen auf alle Fälle in Berufung“

 

Seit 1986 führt sie einen zähen einsamen Kampf um Sauberkeit im Straßenbild.  Dafür erhielt sie Schmähungen und Bedrohungen, aber auch das Bundesverdienstkreuz und zahlreiche Auszeichnungen. Wozu all das?  Irmela Mensah-Schramm: „Wichtig sind für mich Gespräche, die ich auch zu meinen Gegnern suche. Ich weiß aus Erfahrung, dass über bestimmte Dinge im Kollegenkreis oder in der Familie gesprochen wird und mein Verhalten mitunter Diskussionen auslöst – aber gerade das ist mein Anliegen.“

 

 

Doch manchmal gibt es kleine Erfolge: „Ich habe sogar erlebt, dass ich bei einem Zusammentreffen mit sympathisierenden oder bekennenden Nazis diese so in Verlegenheit brachte und sie – ohne Drohung gegen mich – schweigend weggegangen sind.“ Nun geht es also bald in höherer Instanz um Angela Merkel. Das Urteil muss weg, meint sie. Dafür will sie kämpfen und in Berufung gehen. Aufgeben ist nicht, sagt sie.

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Stadt der Zwerge

Wer genauer hinschaut, kann sie überall entdecken. 300 kleine Zwerge bereichern das Zentrum von Wroclaw. Mal versteckt, mal offen, jedoch stets aus Bronze. Musiker-Zwerge, Feuerwehrzwerge, deutsche und polnische Gartenzwerge: gemeinsam vereint, beim Feiern des Mauerfalls. Wo? In Breslau, der Stadt der Zwerge. Zudem für drei Monate noch Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, die heiter stimmt, trotz der traurigen Geschichte.

 

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In Breslau lebt Europa. Bis Ende des Jahres ist die polnische Großstadt noch amtliche Kulturhauptstadt Europas.

 

Eine polnische Stadt als offizielle Kulturmetropole Europas. Geht das denn? Die Breslauer müssen nicht lange überlegen. Sie fühlen sich allein durch die Frage geradezu beleidigt. Im Gegensatz zu Warschaus Eliten und den Menschen auf dem flachen Land, wo die EU verdammt und verteufelt wird, steht das junge Breslau für Europa. Jeder vierte Bewohner der traditionsreichen niederschlesischen Metropole ist Student. Die Stadt lebt, feiert, ist modern und kreativ, gibt sich wie Berlin. Arm aber sexy. Die polnische Variante.

Jenseits des offiziellen Kulturprogramms mit Literatur, Klassik, Jazz und Happenings aller Art gibt es auf jedem Schritt eine Stadt zu entdecken, die widersprüchlicher nicht sein kann – im besten Sinne. Prächtig restaurierte Barockhäuser, preußischer Gründerzeitpathos,  Klassiker der Moderne, Werkbundsiedlungen und heutige Investorenarchitektur konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Besuchers. Ein faszinierender Mix der Epochen und Stilrichtungen auf engstem Raum.

 

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Klassiker der Moderne. Das Kaufhaus Petersdorff. Architekt: Erich Mendelsohn. 1927-28.

 

Das alte Breslau ging 1945 mit dem fanatischen NS-Gauleiter Erich Hanke in Schutt und Asche unter. Die Innenstadt war zu 85% zerstört. Die Bevölkerung wurde komplett ausgetauscht. So entstand zunächst das sozialistische Wroclaw mit stalinistischen Bauten, nach 1989 das heutige Breslau mit Konzerthäusern, Unibauten der Extraklasse aber auch unvermeidlichen Shoppingmalls.

 

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Wer ganz genau hinschaut, entdeckt nicht nur Satellitenschüssel. Sondern auch Jugendstil-Ornamente aus dem Jahre 1904. Gesehen in der Ohlauer Vorstadt.

 

Die Geschichte mit den Zwergen hat einen historischen Hintergrund. Mitte der achtziger Jahre – in den bleiernen Jahren des dahinsiechenden Realsozialismus – forderten junge Künstler die Staatsmacht heraus. Mit einfachen aber wirkungsvollen Graffitis. Sie sprühten kleine Strichmännchen-Zwerge an die Wand. Mit Witz und Zipfelmützchen machten sich die Gnome über die Oberen lustig. Gegen so viel Ironie und Bissigkeit war der Staatsapparat hilflos. Heute sind die bronzenen Zwerge ein dankbarer Anziehungspunkt für Touristen, aber auch satirischer Kommentar zur aktuellen Weltenlage.

 

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Ohlauer Vorstadt gleich gegenüber. Das moderne Breslau. Projekt: Angel City.

 

Kein Zweifel. In Breslau/Wroclaw lebt Europa. Noch bis Jahresende ist die 600.000 Einwohnerstadt Europäische Kulturhauptstadt. Und ein Wochenende allemal wert.