Archive for : November, 2016

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Bedingungsloses Höchsteinkommen

Josef Ackermann ist ein Mann von Welt. Korrekter Anzug, elegante Etikette, gut sitzende Frisur. Alles andere aber spielt verrückt. Boni zurückzahlen? – Geht gar nicht! Der Ex-Vorstandschef der Deutschen Bank erklärt, er könne doch „seine jüngeren Kollegen nicht unter Druck setzen“. Ackermanns Leistungsbilanz: Die Deutsche Bank ist heute nur noch die Hälfte wert. Im Mai 2002 übernahm er die Vorzeigebank für zehn Jahre und kassierte Millionen. Seitdem ist das Geldhaus im steten Sinkflug.

Alles Bingo in der Unternehmenskultur. Casino- und Manager-Kapitalismus haben sich auf ihr allerhöchstes Level geschraubt. Durchgezockt bis auf die Dachterrasse der 60. Etage, mit beiden Beinen am Abgrund. Geländer wurden abgeschraubt, zu teuer. Sicherheit ist ein unnützer Kostenfaktor. Überall überdrehte Unternehmensziele: Josef Ackermann wollte eine 25%-Eigenkapitalrendite, Martin Winterkorn pushte VW zum Weltmarktführer hoch, Drogist Schlecker träumte davon ganz Europa zu erobern. Alle glanzlos abgetreten und gescheitert. Nie war die Verweildauer von CEOs (Vorstandschefs) kürzer als heute. Der Durchschnitt liegt bei vier Jahren. Gerade etwas länger noch als Bundesligatrainer.

 

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Josef Ackermann. Deutsche Bank. 2002-2012.

 

Doch ob VW, Flughafen BER oder Ackermanns Deutsche Bank. Ein Prinzip bleibt trotz allem Schlamassel bestehen. Die Boni fließen weiter für Aufschneider, Blender und Versager. Die Kaste der Profiteure eines bedingungslosen Höchsteinkommens verteidigt eisern ihre Privilegien. Bezahlung ohne Leistung. Vorstand, Aufsichtsrat und Aktionäre dealen im „stahlharten Gehäuse“ (Max Weber) des Kapitalismus ihre Gehälter, Zulagen und Prämien weiter ungestört unter sich aus.

Der Staat holt sich seine Existenz-Grundlagen in Form von Steuern bei der Mittelschicht. Motto: Unten ist nichts zu holen, oben wird verschont. Weiter so? – Es sieht so aus. Nichts scheint den Zug der Zeit aufzuhalten. Der feudale Boni-Kapitalismus rast weiter bis zur nächsten Pleite. Dann rufen die Herren der Banken, Versicherungen und Immobilienfonds wieder nach dem Staat. Rettet uns! Wir haben es doch verdient.

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Ruf mich nicht an

Eine dicke Erkältung fesselte mich auf mein Sofa. Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Wummern im Kopf. Die Auszeit mit Kamillen-Dampfbädern und Ingwertee war nicht schön aber heilsam. Was ich nicht ahnte: ich blieb in diesen Tagen nicht allein. Denn das gute alte Festnetz-Telefon, eine Erfindung aus dem letzten Jahrhundert, ließ mich nicht im Stich. Es klingelte munter. Mal morgens, mal mittags, mal abends.

Doch nicht Freunde, Kollegen oder die liebe Verwandtschaft wollten sich nach meinen Gesundheitszustand erkundigen. Irrtum. Nummern tauchten auf dem Display auf, die ich nicht kannte. Als ich abhob, machte ich eine spannende Erfahrung. Am anderen Ende meldeten sich äußerst aggressive Stimmen, die mir erklärten, es sei höchste Zeit endlich meine aufgelaufenen Schulden zu begleichen. Hä? Ich war überrascht und verwirrt. Suchte nach Erklärungen, als mir eine schneidige Dame unmissverständlich darlegte, dass ich mit 69 Euro 95 monatlich seit drei Monaten im Rückstand sei.

 

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Anrufe aus dem Maschinenraum des Verkaufs-Kapitalismus. Manche versuchen es fünfzehnmal und mehr.

 

Ihr Ton wurde fordernder und ausfälliger. Auf meine Frage, wie sie auf mich käme und was das ganze soll, betonte sie mit einem Tremolo: Sie sei von der Schadensabteilung, ich hätte meine Rechnungen nicht bezahlt und werde auch noch frech. Sie habe meine Adresse „aus dem Internet“. Ich legte auf. Grübelte. Gewinnspielagentur hatte sie als Firma angedeutet. Dabei habe ich das letzte Mal in meinem Leben vielleicht vor dreißig Jahren Lotto gespielt. Ich kontrollierte die Nummer. 0152-264229… Achtmal war bereits von dieser Nummer aus angerufen worden.

Tags darauf meldete sich ein „Deutscher Energieverband“, Telefon 089-1437938…. Jetzt war ich gewarnt. Ich legte wieder auf. Auf dem Display waren zehn Versuche gespeichert. Dann folgte ein Anruf der Nummer 040-900 28… Dummerweise wartete ich auf einen Rückruf aus Hamburg. Doch der Anrufer entpuppte sich wieder als Mitarbeiter einer „Gewinnspielkündigungszentrale“. Erneut der frech-dreiste Tonfall. Ich hätte die Zwei-Monate-Zahlungsfrist überschritten. Insgesamt 15 Anrufe in fünfzehn Tagen. Okay! Nichts bestätigen, einfach auflegen, fertig.

 

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Bei ungebetenen Anrufen: Nichts bestätigen, auflegen, fertig.

 

Telefonterror vom Feinsten. Vielleicht eine Zersetzungsmaßnahme fremder Geheimdienste? Weit gefehlt. Im Internet sind die Nummern auf entsprechenden Warnseiten zu finden. Ich bin mit dieser Erfahrung nicht alleine auf dieser Welt, nur war ich mal zuhause. Wieder klingelte es. Am anderen Ende ein Herr Wolf. Seine Nummer 0176-833 49277. Er sei von der „Austragungs GmbH“. Verständnisvoll schmeichelt er, er habe gehört, ich würde von Werbeanrufen belästigt. Da könne er helfen. — Großartig! Ich wünschte diesem Datenfänger einen schönen Tag und drückte ihn schwungvoll weg.

Längst bin ich nicht mehr verschnupft und tagsüber nicht mehr Zuhause. So landen die ungebetenen Anrufer auf dem Display. Manche zehn bis fünfzehnmal. Bei besonders hartnäckigen Telefon-Terroristen empfiehlt sich eine Beschwerde bei der zuständigen Bundesnetzagentur. Ob es wirklich hilft, weiß ich nicht. Schade nur, dass man sich nicht mehr auf Überraschungsanrufe freuen kann. Dabei könnte Telefonieren so schön sein.

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Verdammt niemals zu sein

Berlin ist die Stadt der Projekte. Jeder, der etwas auf sich hält, steckt gerade in irgendeinem – Projekt. Kein Wunder: Bezahlter Erwerbsarbeit geht gerade die Luft aus. So existieren jede Menge Projekte, die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft der Menschheit aufarbeiten. Projekte, die Beziehungen und kommunikative Prozesse erforschen. So werden rundum Geist, Körper und Seele erkundet. Hauptsache, es ist ein Projekt. Alles fließt. Nichts muss, jeder nach seiner Fasson. Berlin ist die ungekrönte Stadt der projektgeförderten Träume.

 

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Karl Scheffler, 1910: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“

 

Trotz aller aktuellen Irritationen. Nicht Trump, Putin oder Le Pen geben den Ton an. Der Berliner Zeitgeist beharrt auf selbstbestimmter Egomanie. Die oberste Maxime lautet. Lebe dein Leben. Aber lass mich in Ruhe. Kurzum: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“ So sah 1910 der Kunstkritiker Karl Scheffler die aufstrebende Reichshauptstadt. Sein Essay „Berlin – ein Stadtschicksal“ erschien vier Jahre vor Ausbruch des I. Weltkrieges. Es ist das Verdienst von Florian Illies, die bestechende Polemik Schefflers über den Berlin-Boom wiederentdeckt zu haben. Altes neu entdeckt.

 

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Karl Scheffler, 1910: „Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße.“

 

Für den gebürtigen Hamburger Scheffler ist Berlin eine Kolonisten- und Pionierstadt. Ein Ort ohne Tradition. „Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße. Ein Zufluchtsort für solche, die nichts zu verlieren haben. …. Die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, war jung, rücksichtslos und unternehmend.“ Scheffler sieht einen „ungeheuren Mischmasch, in Sidney und Chicago kann es so bunt nicht hergegangen sein.“

 

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Karl Scheffler, 1910: „So kommt es, dass Berlin nicht das Resultat eines Stadtbewusstseins ist, sondern ein Produkt des Baumarktes.“

 

Berlin sei die hässlichste Metropole der Moderne, klagt Scheffler. Der Grund: „Der Mittelstand hat sich ohne Einschränkung zum Anwalt des Kapitalismus gemacht, zum Anwalt aller kapitalistischen Tugenden und Laster. Er betet den Amerikanismus an, weil er sich selbst darin wiederfindet, und gibt sich der Gottheit der Quantität uneingeschränkt hin. … Denn nicht die verantwortlichen Behörden haben Berlin und seine Vororte nach einheitlichem Plan gebaut, sondern ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und rohe Spekulanten hat die Stadt und ihre Vororte angelegt. … Ob man am Alexanderplatz wohnt oder in Steglitz, Tempelhof oder Pankow, das ist ziemlich dasselbe. … So kommt es, dass Berlin mit all seinen Vororten nicht das Resultat eines Stadtbewusstseins ist, sondern ein Produkt des Baumarktes.“

 

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Karl Scheffler, 1910: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig.“

 

Die Deutschen pflegten eine stabile Hassliebe zu ihrer neuen Hauptstadt. Scheffler: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

Scheffler beschreibt den Durchschnitts-Berliner als zugereisten Parvenü, der großmäulig und kleingeistig seine Rolle als Hauptstädter ausübt: „Jeder hält sich für gut und richtig nur was er sagt. Unter hundert Berlinern gibt es nicht zwei, die zuzuhören verstehen.“

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Schweine verboten

Wir scheiben das Jahr 2016. Der neue doppeltrotgrüne Senat hat ein Vorzeigeprojekt. Berlins Prachtstraße Unter den Linden soll wieder ein Bummel-Boulevard werden. Autofrei auf knapp anderthalb Kilometern. Eine Flaniermeile wie zu Fontanes Zeiten. Schon Kaiser Wilhelm II. erklärte vor gut einhundert Jahren: „Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung“.

Apropos Verkehr wie zu Kaisers Zeiten. Auch Pferdedroschken sollen künftig verboten werden. Was die Touristen lieben, sei reine Tierquälerei, erklären die Verantwortlichen von SPD, Linkspartei und Grünen. Obwohl es künftig keine stinkenden, lärmenden Automobile mehr auf den Linden geben soll. Spätestens 2019. Das ist der große Plan. Rechtzeitig zur Fertigstellung des neuen Schlosses, genannt Humboldt-Forum. Dann kann der Berlin-Besucher lärm- und abgasfrei von der Schlossbrücke bis zum Brandenburger Tor promenieren. So das Versprechen.

 

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Sackgasse Brandenburger Tor. Die Linden sollen ab 2019 autofrei werden.

 

Unverzüglich regt sich in Berlin heftiger Widerspruch gegen solche Pläne. Das sei „Unsinn“ stöhnen Stadtplaner, „einer Großstadt unwürdig“, die Linden würden nur „mit drittklassigen Stadtmöbeln und Aufstellern zugemüllt werden“. Völliger Quatsch meckern Vertreter der Autoclubs. Die Innenstadt ersticke im Stau. Doch Berlin soll nun gleichfalls autofrei werden wie der Times Square in New York oder das Seine-Ufer in Paris.

Die Linden existiert nun gut vierhundert Jahre. 1573 befahl Kurfürst Johann Georg einen Reitweg anzulegen. Es dauerte fast ein Jahrhundert bis 1706 mit dem Zeughaus das erste größere Gebäude fertiggestellt wurde. Dessen innerer Ausbau dauerte weitere 36 Jahre. Gleich darauf – 1707 – erließ Friedrich I. ein Gesetz, nach dem jeder Linden-Anwohner Hausschweine nur noch im Stall halten durfte. Der Grund: Schweine wühlten mit Hochgenuss den Boden der Linden auf.

 

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Unter den Linden 1691.

 

Der Kaiser verabschiedete 1880 ein spezielles Lindenstatut. Die Höhe der Bauwerke wurde auf 22 Meter begrenzt, die Straßenbreite mit 60 Meter festgelegt und die Mindestanzahl der Linden mit exakt 297 vorgeschrieben. Für Fußgänger gab es eine öffentlich heiß diskutierte Kleiderordnung. Soll es nun heute wieder so Biedermeier gemütlich werden wie auf alten Stichen? Die Damen mit Hüten und Herren im Gehrock? Heute kaum vorstellbar.

 

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Unter den Linden um 1900.

 

1905 fuhren die ersten motorisierten Omnibusse die Flaniermeile entlang. Dann eroberte das Auto die Straße. Die Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße verwandelte sich zum chaotischsten Knotenpunkt Berlins. Die Verkehrspolizisten tauschten die Trillerpfeife gegen Trompeten aus.

 

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Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße. Anfang 1900. Trompeten statt Trillerpfeifen.

 

In den letzten hundert Jahren erlebten die Linden Glanz, Gloria, Großmannssucht und alle Gräuel deutscher Geschichte. Siegesparaden, Bomben, Zerstörung, Teilung. Durch die Mauer wurden die Linden verkehrsberuhigt und zur „repräsentativsten Sackgasse der Welt“. Seit der Wende streiten sich nun Planer und Politiker über die Zukunft des Verkehrs. Erst wurde das Brandenburger Tor für Autos geöffnet, dann wieder geschlossen. Seit Jahren wird eine U-Bahn in den märkischen Sand gebuddelt. Das Datum der Fertigstellung ist gegenwärtig so unklar wie das des legendären Berliner Flughafen. Manche Dinge dauern in Berlin halt länger.

 

ADN-ZB/Donath Berlin 1946 Auch in der Straße Unter den Linden wurden sogenannte Trümmerbahnen eingesetzt, die den Schutt zerstörter Häuser abfahren. Im Hintergrund das Brandenburger Tor.

Unter den Linden 1946. Als die Stadt ein Schutthaufen war. Trümmerbahn.

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Good Bye, Mister Cohen

Die Schlange bei der Einreise am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv nahm kein Ende. Warten auf die Güte der Grenzbeamten. Ich summte „First we take Manhattan, then we take Berlin“. Warum, weiß ich nicht mehr. Hinter mir begann plötzlich eine mittelalte Frau mitzusingen. Ich drehte mich um. Sie lachte mich fröhlich an. „I love him. Leonard is simply the best“. Für einen kurzen Moment verwandelte sich die nervige Warteschlange am Flughafen zur unwichtigsten Nebensache der Welt. Leonard Cohen verband uns. Wir lächelten beide.

120 wollte er werden. 82 Jahre ist er geworden. Der beste und tiefsinnigste Melancholiker, der mein Leben zuverlässig begleitet hat. Vor kurzem erst zelebrierte er bescheiden mit rauer Stimme seinen Abschied. You Want It Darker erschien vor wenige Wochen. Auf Hebräisch hauchte er „Hineni, Hineni“. »Hier bin ich, hier bin ich.« bedeutet es. Der zentrale Ausdruck in der jüdischen Religion für menschliche Aufmerksamkeit und Bereitschaft, eine Aufgabe mit eindeutiger Verpflichtung und Präsenz einzugehen.

 

 

Cohen beginnt sein letztes Album mit Hineni, I´m ready my Lord. In einem Interview erklärte er: „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich.“ In seinem Abschiedslied heißt es weiter: »Wenn du der Dealer bist, bin ich raus aus Deinem Spiel. Wenn deines die Glorie ist, muss meines die Schande sein – du willst es dunkler, dann töten wir die Flamme.«

Cohen beschreibt eine Welt, »in der eine Million Kerzen brennen, für Hilfe, die niemals kam«. Wie kein anderer war er in seiner künstlerischen Arbeit der komplette Gegenentwurf zur heutigen Selfie-Spaßgesellschaft. Am Ende schien er all die Anfechtungen, Niederlagen und Schicksalsschläge zu akzeptieren – demütig, lebensklug und zum letzten Schritt bereit. „Hier bin ich.“ – „Hineni!

 

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„In Uffing wollte er sich erschießen“

Das Geburtshaus in Braunau soll abgerissen werden. Schluss mit dem Hitler-Rummel, sagen österreichische Behörden. Das wäre schade, meint Hobby-Historiker Harald Sandner. Er legte vor kurzem sein Mammutwerk vor: Hitler. Das Itinerar. Itinerar bedeutet so viel wie „Reiseroute“ eines Herrschers.  Jedem Krümel seines Lebens spürte der Coburger Geschichtsforscher mit Hilfe von Urkunden, Chroniken, Zeitungsartikeln und Tagebucheinträgen nach. Ein weltweit einmaliges Werk, an dem er Jahrzehnte arbeitete.

Der Mühe wert? Noch ein Hitler-Buch nach mittlerweile über achtzig seriösen Hitler-Biografien? Ja, schon stellt  das Itinerar stellt doch  etwas Neues dar. Die Sammlung ist Dokumentation, nicht Interpretation. Eine Art Hitler-Tagebuch, nur diesmal nicht gefälscht. Der methodische Ansatz: Hitler war ständig unterwegs. Das wird festgeghalten. Auf Reisen zelebrierte er seine Omnipräsenz und pflegte die propagandistische Inszenierung. Seine Botschaft: Ich bin überall. Hannah Arendt sagte dazu einmal: „Die Uneindeutigkeit des Machtzentrums ist das entscheidende Charakteristikum totaler Herrschaft.“

 

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„Unsern Hitler gibt uns täglich“. Itinerar-Forscher Harald Sandner. Foto: Philip Artelt.

 

Nehmen wir den 9. November 1923. Hitler ist auf der Flucht. Sein Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle endet mit einem ausgekugelten Arm. Sein großangekündigter Putsch versinkt im Desaster. Es gibt zwanzig Tote. Hitlers linker Arm ist lädiert, weil der bei ihm untergehakte Max Erwin von Scheubner–Richter von Kugeln getroffen auf den Anführer der NSDAP fiel. Auf dem Fluchtweg über Pullach ins oberbayrische Uffing bleibt der Wagen mit Motoschaden stehen. Auf Nebenwegen erreicht Hitlers Flucht-Trio am Abend erschöpft das Anwesen der Erna Hanfstaengel in der Uffinger Rußbichlstraße 2.

 

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Fluchtpunkt Uffing. Rußbichlstraße 2. Quelle: Harald Sandner.

 

Was dann passiert, schildert Itinerar-Autor Harald Sandner so: „Hitler ist leichenblass und barhäuptig. Gesicht und Kleidung sind schmutzig. Er hält sich im ersten Obergeschoss auf. NSDAP und SA werden verboten. Bei einem Putschteilnehmer wird Hitlers Notverfassung gefunden, in der es heißt: „Alle in Deutschland aufhältliche Angehörige des jüdischen Volksstammes sind in Sammellager zu überführen.“

Am darauffolgenden Sonnabend beschattet ein Gendarmerie-Kommissar das Haus. Die Polizei hat Hitlers Schlupfloch in Uffing ausgekundschaftet. Am Sonntag, den 11. November 1923 gegen 17 Uhr umstellen sieben Polizisten das Bauernhaus. Hitler bemerkt die Falle, zieht seinen Browning-Revolver und will sich im Wohnzimmer töten. „Das ist das Ende! Mich von diesen Schweinen verhaften lassen … niemals! Lieber tot!“ Harald Sandner weiter: „Frau Hanfstaengl entwindet den Revolver durch einen Jiu-Jitsu-Griff. Hitler sitzt in einem Polstersessel im Schlafanzug mit blauem Bademantel, als er durch Oberleutnant Rudolf Belleville verhaftet wird.“

 

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Sandners Mammutwerk. „Hitler. Das Itinerar“.

 

Wenig später stellen die bayrischen Behörden einen Schutzhaftbefahl aus. Was wäre der Welt erspart geblieben, hätte nicht ein beherzter Griff einer Frau Hitler an seiner Tat gehindert. Ausführlich beschreibt Harald Sandner diese Szene und viele weitere aus den 11.443 Tagen im Leben des Diktators. Hitler. Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945. Vier voluminöse Bände. 2.432 Seiten. Stolzer Preis: 499 Euro.

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Bürger begehren

Herrschaft bedeutet im Alltag primär Verwaltung, schrieb vor hundert Jahren Vordenker Max Weber. Heutzutage im Internetzeitalter produziert Verwaltung zuallererst Verdruss. Es heißt Warten auf die Gnade eines Termins. Auf einen Bescheid, eine Zugangsnummer, eine wohlwollende Prüfung. Der Bürger hat dankbar zu sein. Der Ton in den Amtsstuben ist dementsprechend rau. Hier überforderte Beamte, deren Dienststellen zusammengespart wurden, dort frustrierte Bürger, die ungeduldig auf einen Hauch  Besserung hoffen. Das Ergebnis: knechtische Gesinnung breitet sich aus. Folge einer tyrannischen Bürokratenherrschaft, die ihre Waffen Abstumpfung, Prinzipienreiterei und Gleichgültigkeit wirkungsvoll einzusetzen weiß.

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Beispiele gefällig? Bürgeramt Berlin-Kreuzberg in der Yorckstraße. Ein Herbsttag. 11 Uhr vormittags. Ein kranker Mann möchte einen Berlinpass beantragen. Die Dame hinterm Schalter: „Heute sind die Nummern alle, kommen Sie morgen wieder.“ Am nächsten Tag, 10 Uhr 20: „Heute sind die Nummern alle…“ Und so geht es eine Woche lang, bis…: „Ich möchte einen Berlinpass beantragen. Ich habe Krebs und war schon sieben Mal hier.“ Die Schalter-Dame: „Da können wir eine Ausnahme machen. Aber heute sind die Nummern alle, kommen Sie morgen wieder.“

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Nach mehreren Unfällen verlangen Bürger längere Grünphasen für Kinder und Alte an Ampeln. Berlins zuständige Behörde – die Verkehrslenkung VLB – antwortet nach sorgfältiger Prüfung: „Das führt nicht per se zu größerer Akzeptanz der StVO. Eine Verlängerung von fünf Sekunden für die querenden Fußgänger würde den Straßenverkehr für den MIV (Motorisierten Individualverkehr) erheblich beeinträchtigen. Die daraus folgende Staubildung führt zu weiteren Schadstoffbelastungen zum Nachteil von Mensch und Umwelt. Darunter würden alle Anwohner und vor allem die Kinder an Ihrem Wohnort leiden.“ Anliegen der Bürger abgelehnt.

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Da stimmt es geradezu heiter und gelassen, was Im Sommer zu Ferienende im Vorzeigebezirk Prenzlauer Berg geschah. An einer Grundschule fehlte zu Schulbeginn der Stundenplan. Kein Problem, sagten sich die Lehrer. Zur Beruhigung der besorgten Eltern konnten die Kinder am zuckerfreien Vormittag schon mal ihre Namen tanzen.

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Freude durch Arbeit

Eine große Mehrheit der Deutschen gibt an, gerne zu arbeiten.  88% erklären in Umfragen, Arbeit macht Spaß. Das ist weltweit Spitze. Typisch deutsch? – Typisch Luther! Da ist es das Mönchlein, das vor fünfhundert Jahren den Grundstein legte, Arbeit sei keine Strafe sondern sinnerfülltes Tun. Aus Beruf machte er Berufung, aus Musik eine höhere Mission. Die Folgen beschäftigen uns bis heute: Protestanten haben ein höheres Bildungsniveau als Katholiken. Am Ende des Tages klingelt es bei ihnen im Durchschnitt mehr im Portemonnaie. Zufall? Nein, sagen Luther-Experten. Das sei sein Erbe.

 

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Luthers Zeitgenosse Hieronymus Bosch machte sich ein eigenes Bild seiner Zeit. Hier: „Kreuztragung Christi“. etwa 1510-1535. Museum der schönen Künste Gent. Hiernoymus Bosch oder Nachahmer.

 

Martin Luther war ein Kraftmensch. Und ein Workaholic. Das Neue Testament übersetzte er in wenigen Monaten. Dabei plagte ihn eine 25-jährige Krankengeschichte. Der Darm quälte ihn – der Teufel auch. Ständig musste der Gotteskrieger Diät halten. Aber er konnte nicht stillsitzen. Seinen Arbeitseifer pflanzte er in die deutsche DNA. Heute macht der Durchschnittsdeutsche nicht nur die meisten Überstunden im Weltmaßstab. Nach wie vor opfert er zusätzlich seine freie Zeit in Bürgerinitiativen oder für Fußballvereine und im Schrebergarten.

 

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Martin Luther auf hohem Sockel. Der Reformator (1483-1546) überstand auch Dresden. Hier vor der Frauenkirche.

 

Die angesehensten Berufe stellen in Deutschland keineswegs Ärzte, Professoren oder Ingenieure. Ganz oben im Sozialranking  stehen Feuerwehrleute, Altenpfleger und Krankenschwester. Auf Platz sechs der Rangliste folgt der Müllmann, erst mit großem Abstand folgen Wissenschaftler, Politiker oder Journalisten. Luther hat das Aufopfern für eine Sache übrigens genau salonfähig gemacht wie den Antisemitismus. „Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding.“

 

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So sah Hieronymus Bosch den „Aufstieg in das himmliche Paradies“. Zu Luthers Zeiten enschied der Geldbeutel über die besten Plätze.

 

Ab jetzt möchte die Evangelische Kirche 500 Jahre Luther ganz groß feiern. Manche träumen von einer zweiten Reformation. Dazu mobilisiert sie im Atheisten- Eintopf- und Besorgte-Bürger-Land alle Kräfte. „Ich und Luther – Am Anfang war das Wort“ lautet die PR-Aktion. Ob Seelen zurück-gewonnen werden, steht auf einem anderen Blatt. Die Auftaktveranstaltungen waren mit Politikern und Würdenträgern gut gefüllt, aber die Kirchen bleiben sonntags weiter leer. Auch die Amtskirche leidet unter der Vertrauenskrise wie alle Institutionen ob Parteien, Banken oder Medien. Der Versuch eines Comebacks, einer einer zweiten Reformation hat gerade begonnen. Ausgang völlig offen.

Zum Lutherjahr erscheint eine Flut an Biografien. Ein erster Einstieg bei Willi Winkler. Luther – ein deutscher Rebell Rowohlt.