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Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.

 

Die Berliner Gedächtniskirche musste sich immer wieder neu erfinden. Architekt Egon Eiermann bei der Einweihung 1961: „Ich wünsche mir und uns allen, dass nie wieder Schatten des Schreckens durch den Traum des Lichts dieser Gläser fallen mögen.“

 

Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete und Terroranschläge, Konzerte und Trauerfeiern unter anderem für Hildegard Knef oder Harald Juhnke.

Die Gedächtniskirche birgt ein Geheimnis. Ihr inneres Leuchten. Der Grundton Blau ist ein großes Versprechen. Wie das Meer oder der Himmel. Wie der Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit. An der Stirnseite der goldene, schwebende Auferstehungschristus, 1962 geschaffen von Karl Hemmerter. Der Kirchenraum schafft eine Atmosphäre von Klarheit, Stille und Spiritualität. Er weckt Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn. Besucher schwärmen von dem leuchtenden Ultramarinblau. Dieses magische Licht haben wir dem deutschen Architekten Egon Eiermann und dem französischen Glasbaukünstler Gabriel Loire zu verdanken. Ihre gemeinsame, streit- wie fruchtbare Arbeit vor über sechzig Jahren erreichte etwas völlig Neues. Damals hoch umstritten, mittlerweile längst ein Meilenstein der Moderne.

 

Der Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle. Er zeigt uns zwischen den Doppelwänden der Kirche das große Geheimnis der Gedächtniskirche.

 

Architekt und Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle führt uns eine Treppe hinter der Orgel hinauf zum begehbaren Ort des Geheimnis. Um Verkehrslärm und Leuchtreklame abzuschirmen, wurde der Kirchenneubau mit zwei Wänden in Stahlskelettbauweise mit Tausenden Glasfenstern in Betonwaben ausstaffiert. Der doppelwandige, achteckige Bau kann umrundet werden. Die Wände sind in kleine Raster aufgeteilt, mit insgesamt 21.334 Beton-Dickglas-Elementen in Betonwaben aus Stahl und Beton. Jedes einzelne farbige Glasteil ist ein Unikat. Handgefertigt, aus Altglas recycelt. Errichtet in anderthalb Jahren.

 

Alles eine Frage des Lichts. Die Betonwaben mit insgesamt knapp 22.000 Glasfenstern in den Doppelwänden der Gedächtniskirche.

 

Der Franzose Gabriel Loire war ein Meister der Dickglastechnik. Sein Vorbild: die Kathedrale von Chartres. In Loires Fenster-Waben entstehen keine konkreten Bilder, sondern unzählige farbige Strahlungen. Wie geschliffene Juwelen. Diese Fenster sorgen für das innere Leuchten. Die gläserne Lichtstrahlbrechung je nach Sonnenstand ergibt am Ende das blaue, warme Licht im Kirchenschiff. Menschliche Kreativität auf höchstem Niveau. Ohne App und KI.

 

Das Blaue Licht. Eine deutsch-französische Meisterleistung von Architekt Egon Eiermann und Glasbaukünstler Gabriel Loire. Damals als „Eierkiste“, „Papp- und Hutschachtel“, „Bibelschuppen“, „Puderdose mit Lippenstift“ und „Halleluja-Gasometer“ geschmäht. Längst eine Ikone der Moderne.

 

Dieses Leuchten hat im Laufe der Jahrzehnte durch Abgase und Abnutzung stark gelitten. Das Problem: Der Stahl der Bewehrung, der die Gläser zusammenhält, ist nicht rostfrei. Nun muss jedes einzelne der knapp 22.000 Gläser entfernt, gereinigt und in einer neuen rostfreien Stahlkonstruktion neu eingefasst werden. Das wird länger dauern als achtzehn Monate wie damals in der Bauzeit, dazu braucht es keine Propheten. Mindestens fünf Jahre Bauzeit sind aktuell veranschlagt. 35 Millionen Euro soll die Komplett-Sanierung kosten. Spenden sind erwünscht, damit die neue, alte Gedächtniskirche wieder leuchten kann. Im nächsten Jahr soll die Gedächtniskirche wieder Großbaustelle werden.

 

Der schwebende Jesus von Karl Hammeter aus Bayern in der „neuen“ Gedächtniskirche. Ernst Barlach lässt grüßen.

 

Ach, du schnöde Welt: das innere Leuchten ist wichtiger denn je. An diesem symbolträchtigen Ort, auferstanden aus Ruinen. Die Gedächtniskirche bleibt ein Mahnmal für Neuanfang und Niedergang, für Verständigung und Frieden. Wenn das blaue Licht wieder leuchtet, vielleicht sogar noch heller und besser als früher, dann wäre nicht nur Hegel begeistert. Er würde von der „List der Vernunft“ sprechen. Das ist doch ein schönes Ziel.

 

Das innere Leuchten. Es hilft gegen Verzagtheit, schlechte Laune und das Gerede vom Weltuntergang.