Archive for : Juni, 2026

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Wo war mein Opa 1945?

Mein Großvater war eine Respektperson. Eleganter schwarzer Anzug, rot-weiße Fliege, Einstecktuch. Ein Musikdirektor vom alten Schlage. Trollinger-Liebhaber, Caféhaus-Stammgast, Konzertkritiker. Er rauchte leidenschaftlich gern, selbst beim Klavierunterricht. Bei ihm lernte ich meine ersten Töne an seinen geliebten 88 Tasten. Da er seine Zigarette stets mit Spitze paffte, fiel die Asche manchmal zwischen die Tasten. Zum Ärger meiner Großmutter Maria, die sie mühsam herauskramen musste. Ich bewunderte meinen Opa, auch wenn ich beim Spielen im dichten Qualm ab und zu husten musste. Max nahm mich sogar in sein Lieblingscafé mit. Ich durfte eine Limo bestellen, während die älteren Herren neueste Skandale debattierten oder der Kellnerin Komplimente hinterherwarfen.

Mein Opa, geboren 1894, war eine Instanz für mich. Ein Mann der Musik, der Bildung und der Kultur. Seine Qualmerei wurde ihm Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Verhängnis. Was solls? Er lebte eben ein echtes Künstlerleben, bis zum Schluss. Musik und Freunde seien die beiden Dinge, die im Leben wirklich zählen, brachte er mir bei. Als zehnjähriger Steppke wollte ich so werden wie er: Pianist, Konzertmeister und tiefes Eintauchen in die wunderbare Welt der Musik.

 

Mein Großvater Max war Musiker, Musenliebhaber und mein Vorbild. Meine ersten Klaviertöne hat er mir beigebracht.

 

Kurz vor seinem Tod klärte mich mein Vater auf, mein geliebter Opa Max sei „in der Partei“ gewesen. Mein Großvater ein Nazi? Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich brauchte zwanzig Jahre Zeit, bis ich Anfang 2025 wagte, einen Antrag beim Bundesarchiv zu stellen. Das Ergebnis kam relativ prompt und war … positiv. Eingetreten ist mein „konservativ gebildeter Musiklehrer“, so steht es auf seiner Visitenkarte, am 1. Mai 1933, drei Monate nach der Machtergreifung Hitlers. War mein Opa ein Opportunist? Ein Überzeugungstäter? Oder einer der Millionen Mitläufer? Ich weiß es nicht. Von 1933 bis 1943 war er Mitglied in Goebbels Reichsmusikkammer, erfahre ich noch. Meine Vorfahren kann ich nicht mehr fragen. Was mache ich damit? Was hilft mir dieses Wissen?

Seit einigen Wochen können sich deutsche Enkel und Urenkel auf Spurensuche nach Oma und Opa im NS-Regime begeben. Per Mausklick, digital, ohne umständliche Anträge beim Bundesarchiv. ZEIT, SPIEGEL und Süddeutsche Zeitung bieten schnelle Online-Recherchen nach den Großeltern im Dritten Reich an. Trumps US-Regierung hatte die 1945 eroberte Nazi-Kartei Anfang 2026 freigegeben. Das Angebot wird millionenfach genutzt. Mehr als achtzig Jahre nach Ende des „Tausendjährigen Reichs“, das eine riesige Trümmerlandschaft hinterließ.

 

Susanne Beyer hat sich intensiv mit ihrem Großvater beschäftigt. Ein Buch, das viele Fragen stellt und eine Reihe Antworten gibt: Was hat Opa im Dritten Reich gemacht?

 

Das perfekte Buch zur Familienrecherche hat die Journalistin Susanne Beyer vor einem Jahr geschrieben. Es heißt poetisch „Kornblumenblau“. Ihr Großvater, dessen Namen sie nicht nennt, war Chemiker. Als Doktorand forschte er an der Blütenfarbe Blau, an dem schönen Kornblumenblau. Tatsächlich arbeitete er später für Buna an der Herstellung von synthetischem Kautschuk, um Gummi für Reifen herzustellen, denn: „Räder rollen für den Endsieg.“ Die IG-Farbentochter Buna errichtete 1942 ein neues Werk in Monowitz, besser bekannt als Auschwitz III. 35.000 KZ-Häftlinge arbeiteten auf der Baustelle, bis zu dreißigtausend seien gestorben, heißt es. Der leitende Chemiker und Großvater von Susanne Beyer wurde im April 1945 im brandenburgischen Kloster Lehnin erschossen.

Akribisch begibt sich die SPIEGEL-Autorin auf Spurensuche. Am Ende wird sie nicht klüger als zuvor sein. Weder lässt sich der geheimnisvolle Tod ihres Großvaters klären, angeblich sei er von seinen Kameraden ausgewählt worden, um als Opfer betrunkenen Rotarmisten zu dienen. Auch kann die „Kriegsenkelin“ nicht herausfinden, welche Rolle ihr Großvater im NS-System tatsächlich spielte. Susanne Beyer verweist auf „Gefühlserbschaften des Holocausts“.  Für sie war ihr Opa ein „Täter“, denn: „Wer Zeuge eines Unrechts wird, ist Teil des Unrechts.“

 

 

„Schädlich Wahrheit ziehe ich dem nützlichen Irrtum vor“, meint Altmeister Goethe. Aber: ist es nicht besser zu schweigen und den „alten Kram“ ruhen zu lassen? Was Susanne Beyers Buch nicht nur für Babyboomer lesenswert macht, sind zwei Dinge. Ihre Reportage ist emotional und – ja – gefühlig. Einen solchen Text können nur Frauen schreiben. Sicher kein Zufall. Männer schweigen lieber. Frauen wollen reden. Zum zweiten finden sich im Anhang viele Adressen, weiterführende Literatur und konkrete Recherchehilfen. Praktisch und hilfreich.

Susanne Beyer will das sympathische Bild ihres Großvaters nicht zerstören. Am Ende ihrer langen, intensiven Recherche bleibt nun eine große Leerstelle. Gewissheit gibt es nicht, Opas NS-Rolle und sein gewaltsames Ende bleiben ungeklärt. Aber sie hat herausgefunden, wie viele kleine Rädchen das große Getriebe einer Diktatur in Schwung halten.

Susanne Beyer. Kornblumenblau. Der geheimnisvolle Tod meines Großvaters und die Frage, was er mit den Nazis zu tun hatte. Eine Spurensuche.

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Thank you, Dublin Teil II

Am Eingang zum Literatur-Institut der Trinity Universität von Dublin stehen große Fragen: „Sind Bibliotheken die letzte Bastion der Demokratie? Hört Lernen jemals auf? Braucht Technologie Kultur? Kann Kunst widerstehen? Dienen Gesetze stets dem Allgemeinwohl? Sprechen Ruinen lauter als Denkmale? Ist Menschlichkeit in der Lage, einen lebenswerten Planeten zu erhalten? Wie sieht Frieden aus?“

Noch eine Frage lautet: „Wer erzählt unsere Geschichten?“ Diesen Punkt können wir alle selbst beantworten. Ganz einfach: Indem wir genau hinschauen, neugierig bleiben und nicht unentwegt auf Handys glotzen. Gleich gegenüber der Uni residiert die Zentrale der Bank of Ireland. Das mächtige Gebäude besitzt die größte Tür Irlands, aber kein einziges Fenster. Warum? Fenster bringen Unglück, sagt der irische Aberglaube. Das Geld fliegt zum Fenster raus. Dank der Tech-Konzerne ist das einst bitterarme Irland neureich. Die neue Zentrale der Bank of Ireland hat nur noch Beton und Glasflächen. Ob sich Fenster öffnen lassen, ist unbekannt. Dublin zählt zu den teuersten Städten Europas.

 

Keine Fenster in der Zentrale der Bank of Ireland. Warum? Sonst fliegt das Geld zum Fenster raus.

 

Das Kilmainham Gaol ist ein furchteinflößendes Gefängnis. Aber noch mehr: Ein Monument und Mahnmal. Gaol steht für die verhasste viktorianische Empire-Herrschaft, 1796 von den Briten als Reformgefängnis errichtet. Pro Zelle sollte nur ein Gefangener untergebracht werden. Tatsächlich waren es bis zu zehn, erzählt Guide Alan. Ein waschechter Ire. Wortgewandt und witzig, ein versierter Geschichtenerzähler. Er weiß alles, über den wichtigsten Ort der irischen Freiheitsgeschichte. In der großen Hungersnot 1840 drängten viele Iren freiwillig in den Knast, da es dort wenigstens einmal so etwas wie eine Mahlzeit gab. 1881 gelang einem Gefangenen mit Hilfe von Bettlaken die einzige erfolgreiche Flucht über die fünf Meter hohe Außenmauer. Die Freude währte kurz. Der Ausbrecher wurde rasch wieder geschnappt.

Am bewegendsten ist die Love Story von Joseph Blunkett. Der Dichter und Journalist war 1916 einer der sieben Unterzeichner der irischen Unabhängigkeitsresolution. Plunkett war mit der Künstlerin Grace Gifford verlobt. Eigentlich wollten sie am Ostersonntag heiraten, doch der Aufstand kam dazwischen. Als Grace erfuhr, dass Joseph zum Tode verurteilt worden war, kaufte sie in Dublin einen Ehering. Joseph Plunkett durfte sieben Stunden vor seinem Tod Grace in der Gefängniskapelle heiraten. Genau zehn Minuten konnten sie danach noch gemeinsam unter britischer Aufsicht in der Zelle verbringen. Am nächsten Morgen, am 4. Mai 1916, wurde der 28-jährige Joseph Plunkett im Innenhof des Kilmainham Gaol exekutiert. Seine letzten Worte waren: „Ich sterbe für den Ruhm Gottes und die Ehre Irlands“. Miss Joseph Blunkett, geborene Grace Gifford, konnte wenigstens noch eine Locke retten.

 

Zehn Minuten Zeit, um die Hochzeit zu feiern. Die Todeszelle von Joseph Blunkett in Dublin.

 

Beim irischen Oster-Aufstand 1916 kamen etwa 250 Zivilisten, darunter vierzig Kinder, ums Leben. Die Soldaten des British Empires schossen sogar mit Artillerie ins Stadtzentrum. Von den siebenhundert Gefangenen, berichtet Guide Alan, wurden neunzig hingerichtet. Sechzehn allein im Innenhof des Gaol-Gefängnis. Wie durch ein Wunder überlebte James Connolly die erste Exekution. Der Schwerverletzte wurde tags darauf auf einem Stuhl sitzend erschossen. „Hier änderte sich die Geschichte Irlands“, erklärt Alan mit Pathos in der Stimme, als wäre der irische Aufstand gerade erst niedergeschlagen worden. Der Hof ist Nationale Gedenkstätte, mit zwei einfachen Kreuzen und der irischen Nationalflagge.

 

Erschießungsstätte von irischen Widerstandskämpfern. Für Guide Alan im Gefängnis Kilmainham Gaol Mahnmal und Ort, der Irlands Geschichte grundlegend verändert hat.

 

Am 6. Dezember 1922 wird Irland vom Königreich unabhängig. 1949 tritt die Republik Irland aus dem Commonwealth aus und ist seitdem vollständig souverän. Die irische Insel jedoch ist bis heute geteilt. Das verhasste Gefängnis wurde 1924 geschlossen und erst 1966 wieder zeitweise als Gedenkstätte eröffnet. Nach jahrzehntelanger Renovierung durch eine private Initiative konnte Kilmainham Gaol 1996 als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein Besuch lohnt sich.

 

 

Zurück in Dublins City erklingen an allen Ecken und Enden Balladen und Lieder. Wer eine staatliche Lizenz ergattert hat, darf öffentlich auftreten. Dazu muss allerdings vorher eine Prüfung bestanden werden. Vor dem alten Jugendstil-Kaufhaus in der Grafton Street spielt ein Musiker unermüdlich live auf seiner Gitarre Songs von Pink Floyd bis Metallica. Einer der vielen Kleingeld-Prinzen und -Prinzessinnen von Dublin im Sommer 2026. Das ist typisch irisch: Sangesfreudig und gewitzt, unabhängig und frei, umsonst und schräg. Alles zusammen: höchst liebenswert. Denn: Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Leute haben keine Lieder.

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Thank you

Der grüne 16er Doppeldeckerbus quält sich vom Flughafen ins Zentrum von Dublin. Am Trinity College, eine der ältesten Universitäten der Welt, steige ich aus. Achtung! Linksverkehr. Die Uni ragt wie eine Festung mitten in die City. Viktorianischer Pomp mit Harry-Potter-Charme, ein riesiger Campus mit altehrwürdigen Gebäuden. Hier eine Gedenktafel für Samuel Beckett („Warten auf Godot“), der vor hundert Jahren am College studierte. Dort Institute, Bibliothek, Rugby-Feld und Tennisplätze. Versteckt ein Wohnheim mit Jugendherberge-Charme, die Nacht für zweihundert Euro, Frühstück in der Mensa inklusive. Dublin ist eine der teuersten Städte der Welt, erzählen die Einheimischen. Das wird wohl stimmen. Das einstige Armenhaus hat sich in eine Boomtown verwandelt. Dank der europäischen Zentralen von Tech-Giganten wie Google, PayPal & Co.

Dublin. Das ist Guiness, Irish Folk und sangesfrohe Menschen in jedem Pub und an jeder Straßenecke. Die Iren sind wahre Geschichtenerzähler. Ihre Anekdoten und Storys sind witzig und stets ein wenig skurril. Wer an der Trinity College während der Prüfungszeit unter dem Glockenturm hindurchgeht, fällt durch, wird behauptet. Die beiden Säulengebäude heißen Himmel und Hölle. Im Himmel wird geheiratet und gefeiert, in der Hölle gegenüber werden Examen geschrieben. Die Durchfallquote sei gigantisch, weiß unsere junge Guide, eine Absolventin. Nur sechs Prozent würden ihr Examen im ersten Durchgang schaffen.

 

Trinity College. In der Mitte der Glockenturm. Während der Prüfungen nie untendurch gehen. Weiter hinten „Himmel“ (rechts mit Säulen) und gegenüber „Hölle“.

 

Die Trinity-Uni aus dem 16. Jahrhundert ist die älteste Universität Irlands, betont die junge Frau weiter. Gegründet von Königin Elizabeth I als Kaderschmiede exklusiv für Protestanten. Erst 1873 wurden Katholiken zugelassen. Es dauerte ein weiteres Jahrhundert, bis 1970 junge Menschen aus aller Welt unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft studieren konnten. Heute kommt der Nachwuchs aus mehr als hundert Nationen. Auf dem Eingangstor weht die Regenbogenfahne. Im Museum von Trinity kann das Book of Kells für stolze 39 Euro bestaunt werden. Das Neue Testament, mehr als 1.200 Jahre alt. Die prächtig verzierte Bibel erstand das Trinity College 1661. Im selben Gebäude der altehrwürdige Lesesaal mit Büsten von Aristoteles bis Shakespeare. Mittlerweile sind im reinen Männerclub auch vier Frauenbüsten aufgestellt worden. Im Saal heißt es euphorisch: „Eine Bibliothek ist wie ein Paradies“.

 

Der altehrwürdige Lesesaal des Trinity College. Motto: Bibliotheken sind ein Paradies. Unter den Würdenträgern sind mittlerweile auch vier Frauen vertreten, u.a. Rosalind Franklin.

 

Hinaus ins Leben. Überall musizieren Straßenmusikanten. Songs auf der Klampfe, von den Beatles bis Billy Eilish. Es sind meist Profis. Sie müssen vor einer Jury vorspielen, versichert ein anderer Guide, um die begehrte Straßen-Lizenz zu erwerben. Die Iren trinken und singen gerne … und das sehr lange. Rasch fällt an der St. Andrews-Kirche eine Statue auf. Sie zeigt Molly Malone. Eine Marktfrau. Eine arme, aber freizügige Fischhändlerin, die früh stirbt, so die Legende. Und eine irische Institution. Gegenstand einer Volksballade, die inoffizielle Hymne Dublins. Es gibt sogar einen „Molly Malone Day“. Wer ihren Busen berührt, so der Volksmund weiter, erfährt ein wenig Glück. Der Fischhändlerin ist am Dekolleté anzusehen, wie viele Menschen nach dem Glück grabschen. „Diese Skulptur muss weg“, schimpft eine junge Frau. „Geht gar nicht. Sowas von vorgestern!“

 

An der legendären Marktfrau Molly Malone kommt kaum jemand vorbei. Viele legen an der Dame Hand an, weil das Glück bringen soll.

 

Irland war eines der letzten europäischen Länder, dass Scheidungen erlaubte. Lange Zeit schwang die erzkatholische Kirche unangefochten das moralische Zepter. Längst füllen Missbrauchsgeschichten ihres irdischen Personals ganze Buchregale. So überrascht es nicht, dass eines der angesagtesten Lokale ausgerechnet in der ehemaligen St. Mary-Kirche residiert. Seit zwanzig Jahren heißt es in der „Church Café Bar“: Guiness, Cheeseburger und Irisch Folk statt Amen, Predigt und Weihrauch. Die Bibel trägt hier Henkel, meint ein Scherzbold am Tresen.

 

 

Dublin präsentiert sich weltoffen, gastfreundlich, abwechslungsreich und leider auch sehr teuer. Die Globalisierung hat in der irischen Hauptstadt den Alltag kräftig umgekrempelt. Ein paar Dinge bleiben: Der unbedingte Freiheitswillen der Iren. Alles, bloß kein British Empire. Das Land ist nach wie vor geteilt. Tatsächlich existieren weitere liebgewonnene Traditionen. Wer in Dublin einen der vielen vollen Busse verlässt, ruft beim Ausstieg dem Fahrer ein lautes „Thank you“ zu. Für Berliner Ohren eine echte Überraschung. Geht doch, freundlich zu sein: in einer wuseligen und lebendigen Stadt. Got Irish!

Fortsetzung folgt.

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So viel Zukunft war nie

Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch.

Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir die breite Auffahrtsrampe zum Parkdeck. „Hoyerswerda kommt. Mit den Milliarden von der Kohle-Transformation investieren wir in Karbonfaser, Wasserstoff und Windräder. Die Lausitz wird zum Zentrum der Elektromobilität und Batterieproduktion.“

 

Hoyerswerda tanzt. Ein faszinierendes Projekt. Das pralle Leben in einem leerstehenden Kaufhaus. Selbst entwickelt, selbst gespielt und zurecht seit 2010 gefeiert.

 

Wir sind ganz oben. Über den Dächern der einstigen sozialistischen Vorzeige-Planstadt, im einstigen Braunkohlerevier und Energiezentrum der DDR, im heutigen Sachsen. Nach der Wende Krawall-, Frust- und Ausländer-Raus-Hochburg. Wir finden gemeinsam den Eingang. Hier sind wir richtig. Hier ist was los. Menschen plaudern vor dem Einlass. Sie hoffen auf eine wunderbare Sommernacht. Über Hoyerswerda zeigt sich der Junimond. Endlich ist was los: Tanztheater. Alle sieben Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zum wiederholten Mal seit 2010 heißt es. „Eine Stadt tanzt. Die Entscheidung.“ Tanz den Frust. Tanz ihn einfach weg. Gemeinsam. Über hundert Mitwirkende. Die meisten sind Laien. Menschen von nebenan. Pflegerin oder Arzt, dazu ein paar Profis. Bereit für achtzig Minuten Lebensgefühl. Für flotte Songs, Rhythmus, Bewegung und Begeisterung.

 

 

Im Saal ist es heiß und stickig. Egal. Die Show beginnt. Die erste von dreizehn Tanz-Szenen beginnt furios. Eine neue Stadtplanerin soll die von siebzigtausend auf 32.000 Einwohner geschrumpfte Stadt retten. Die Bässe wummern. Die Songs gehen unter die Haut. Die Choreographie sitzt.  In den Augen der Beteiligten ist Glanz zu sehen. Schaut her, was wir können. Wir haben uns nicht aufgegeben. Für das Ensemble ist Hoyerswerda kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Zu bleiben. Die Welt zuhause besser zu machen. Lebens- und liebenswert. Im Stück ringen Traditionalisten mit Erneuerern. Klar ist: Die Abrissbirne ist keine Lösung. Auch nicht die Parolen der AfD. Oder die Ignoranz der Westler. Das Tanztheater steigert sich, fragt in den Songs: Was wäre, wenn?

Was wäre eine Stadt, die Spaß macht. In der nicht der Geldbeutel entscheidet. Eine Stadt von morgen, in der es gereicht zu geht. In die Menschen strömen und nicht wegziehen. Der Vater des Tanzprojekts ist Dirk Lienig. Ein ausgebildeter Tänzer, der die Welt bereist hat. In Hoyerswerda geboren will er seine Vaterstadt nicht weiter untergehen sehen. Der Erfinder und Regisseur der tanzenden Stadt sagt: „Beim Tanzen vergesse ich alles. Kummer, Sorgen, Stromrechnungen, Stress. Ich bin völlig bei mir. Schwebe schwerelos. Bin in einer anderen Welt.“

 

Eine Stadt tanzt. Über 100 Mitwirkende. Neunzig Tänzerinnen und Tänzern. Allesamt Laien. Sie tanzen sich frei.

 

Finale. Das Publikum rast vor Freude. Vergessen sind Alltag und Sorgen. Vergessen die Kritiker, die lästern, mit Tanz-Gedöns werde die Welt nicht besser werden. Hoyerswerda schwebt in diesen Minuten. Komm, das wissen wir: Seit der Einheit sind sechzig Prozent der Einwohnerschaft weggezogen. Hoyerswerda schrumpft gnadenlos weiter. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. In den nächsten Jahren treten die Babyboomer ab. Wer besetzt dann die viertausend Jobs in Verwaltung, Versorgung und Gesundheit?

 

Hoyerswerda leuchtet. Die 32.000 Einwohner-Energiestadt in der Lausitz will eine Zukunft haben.

 

Nicht jetzt. Hoyerswerda will sich amüsieren, tanzen und sich freuen. Die Menge tritt auf das Parkdeck hinaus. Genießt den Juni-Abend. Tanztheater-Chef Lienig: „Hoyerswerda wird geliebt, gehasst, be­lächelt, besungen, bewundert, links liegengelassen oder rechts eingeordnet.“ Für den 56-jährigen ist Hoyerswerda „eine der faszinierendsten Städte Deutschlands“. Er strahlt an diesem freundlich-lauen Abend. Geschafft! Klar, kommt der nächste Montag. Aber ist die Zukunft nicht „ne abgeschossene Kugel“? Wie es der Held von Hoyerswerda, der singende Baggerfahrer Gerhard „Gundi“ Gundermann besungen hat.

Die tanzende Stadt trägt die Kugel weiter. Mal sehen, wo sie hinfliegt. Zukunft in der Lausitz? Hier gibt es 99 Tipps.

 

 

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Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.

 

Die Berliner Gedächtniskirche musste sich immer wieder neu erfinden. Architekt Egon Eiermann bei der Einweihung 1961: „Ich wünsche mir und uns allen, dass nie wieder Schatten des Schreckens durch den Traum des Lichts dieser Gläser fallen mögen.“

 

Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete und Terroranschläge, Konzerte und Trauerfeiern unter anderem für Hildegard Knef oder Harald Juhnke.

Die Gedächtniskirche birgt ein Geheimnis. Ihr inneres Leuchten. Der Grundton Blau ist ein großes Versprechen. Wie das Meer oder der Himmel. Wie der Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit. An der Stirnseite der goldene, schwebende Auferstehungschristus, 1962 geschaffen von Karl Hemmerter. Der Kirchenraum schafft eine Atmosphäre von Klarheit, Stille und Spiritualität. Er weckt Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn. Besucher schwärmen von dem leuchtenden Ultramarinblau. Dieses magische Licht haben wir dem deutschen Architekten Egon Eiermann und dem französischen Glasbaukünstler Gabriel Loire zu verdanken. Ihre gemeinsame, streit- wie fruchtbare Arbeit vor über sechzig Jahren erreichte etwas völlig Neues. Damals hoch umstritten, mittlerweile längst ein Meilenstein der Moderne.

 

Der Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle. Er zeigt uns zwischen den Doppelwänden der Kirche das große Geheimnis der Gedächtniskirche.

 

Architekt und Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle führt uns eine Treppe hinter der Orgel hinauf zum begehbaren Ort des Geheimnis. Um Verkehrslärm und Leuchtreklame abzuschirmen, wurde der Kirchenneubau mit zwei Wänden in Stahlskelettbauweise mit Tausenden Glasfenstern in Betonwaben ausstaffiert. Der doppelwandige, achteckige Bau kann umrundet werden. Die Wände sind in kleine Raster aufgeteilt, mit insgesamt 21.334 Beton-Dickglas-Elementen in Betonwaben aus Stahl und Beton. Jedes einzelne farbige Glasteil ist ein Unikat. Handgefertigt, aus Altglas recycelt. Errichtet in anderthalb Jahren.

 

Alles eine Frage des Lichts. Die Betonwaben mit insgesamt knapp 22.000 Glasfenstern in den Doppelwänden der Gedächtniskirche.

 

Der Franzose Gabriel Loire war ein Meister der Dickglastechnik. Sein Vorbild: die Kathedrale von Chartres. In Loires Fenster-Waben entstehen keine konkreten Bilder, sondern unzählige farbige Strahlungen. Wie geschliffene Juwelen. Diese Fenster sorgen für das innere Leuchten. Die gläserne Lichtstrahlbrechung je nach Sonnenstand ergibt am Ende das blaue, warme Licht im Kirchenschiff. Menschliche Kreativität auf höchstem Niveau. Ohne App und KI.

 

Das Blaue Licht. Eine deutsch-französische Meisterleistung von Architekt Egon Eiermann und Glasbaukünstler Gabriel Loire. Damals als „Eierkiste“, „Papp- und Hutschachtel“, „Bibelschuppen“, „Puderdose mit Lippenstift“ und „Halleluja-Gasometer“ geschmäht. Längst eine Ikone der Moderne.

 

Dieses Leuchten hat im Laufe der Jahrzehnte durch Abgase und Abnutzung stark gelitten. Das Problem: Der Stahl der Bewehrung, der die Gläser zusammenhält, ist nicht rostfrei. Nun muss jedes einzelne der knapp 22.000 Gläser entfernt, gereinigt und in einer neuen rostfreien Stahlkonstruktion neu eingefasst werden. Das wird länger dauern als achtzehn Monate wie damals in der Bauzeit, dazu braucht es keine Propheten. Mindestens fünf Jahre Bauzeit sind aktuell veranschlagt. 35 Millionen Euro soll die Komplett-Sanierung kosten. Spenden sind erwünscht, damit die neue, alte Gedächtniskirche wieder leuchten kann. Im nächsten Jahr soll die Gedächtniskirche wieder Großbaustelle werden.

 

Der schwebende Jesus von Karl Hammeter aus Bayern in der „neuen“ Gedächtniskirche. Ernst Barlach lässt grüßen.

 

Ach, du schnöde Welt: das innere Leuchten ist wichtiger denn je. An diesem symbolträchtigen Ort, auferstanden aus Ruinen. Die Gedächtniskirche bleibt ein Mahnmal für Neuanfang und Niedergang, für Verständigung und Frieden. Wenn das blaue Licht wieder leuchtet, vielleicht sogar noch heller und besser als früher, dann wäre nicht nur Hegel begeistert. Er würde von der „List der Vernunft“ sprechen. Das ist doch ein schönes Ziel.

 

Das innere Leuchten. Es hilft gegen Verzagtheit, schlechte Laune und das Gerede vom Weltuntergang.