Archive for : Juni, 2026

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Thank you

Der grüne 16er Doppeldeckerbus quält sich vom Flughafen ins Zentrum von Dublin. Am Trinity College, eine der ältesten Universitäten der Welt, steige ich aus. Achtung! Linksverkehr. Die Uni ragt wie eine Festung mitten in die City. Viktorianischer Pomp mit Harry-Potter-Charme, ein riesiger Campus mit altehrwürdigen Gebäuden. Hier eine Gedenktafel für Samuel Beckett („Warten auf Godot“), der vor hundert Jahren am College studierte. Dort Institute, Bibliothek, Rugby-Feld und Tennisplätze. Versteckt ein Wohnheim mit Jugendherberge-Charme, die Nacht für zweihundert Euro, Frühstück in der Mensa inklusive. Dublin ist eine der teuersten Städte der Welt, erzählen die Einheimischen. Das wird wohl stimmen. Das einstige Armenhaus hat sich in eine Boomtown verwandelt. Dank der europäischen Zentralen von Tech-Giganten wie Google, PayPal & Co.

Dublin. Das ist Guiness, Irish Folk und sangesfrohe Menschen in jedem Pub und an jeder Straßenecke. Die Iren sind wahre Geschichtenerzähler. Ihre Anekdoten und Storys sind witzig und stets ein wenig skurril. Wer an der Trinity College während der Prüfungszeit unter dem Glockenturm hindurchgeht, fällt durch, wird behauptet. Die beiden Säulengebäude heißen Himmel und Hölle. Im Himmel wird geheiratet und gefeiert, in der Hölle gegenüber werden Examen geschrieben. Die Durchfallquote sei gigantisch, weiß unsere junge Guide, eine Absolventin. Nur sechs Prozent würden ihr Examen im ersten Durchgang schaffen.

 

Trinity College. In der Mitte der Glockenturm. Während der Prüfungen nie untendurch gehen. Weiter hinten „Himmel“ (rechts mit Säulen) und gegenüber „Hölle“.

 

Die Trinity-Uni aus dem 16. Jahrhundert ist die älteste Universität Irlands, betont die junge Frau weiter. Gegründet von Königin Elizabeth I als Kaderschmiede exklusiv für Protestanten. Erst 1873 wurden Katholiken zugelassen. Es dauerte ein weiteres Jahrhundert, bis 1970 junge Menschen aus aller Welt unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft studieren konnten. Heute kommt der Nachwuchs aus mehr als hundert Nationen. Auf dem Eingangstor weht die Regenbogenfahne. Im Museum von Trinity kann das Book of Kells für stolze 39 Euro bestaunt werden. Das Neue Testament, mehr als 1.200 Jahre alt. Die prächtig verzierte Bibel erstand das Trinity College 1661. Im selben Gebäude der altehrwürdige Lesesaal mit Büsten von Aristoteles bis Shakespeare. Mittlerweile sind im reinen Männerclub auch vier Frauenbüsten aufgestellt worden. Im Saal heißt es euphorisch: „Eine Bibliothek ist wie ein Paradies“.

 

Der altehrwürdige Lesesaal des Trinity College. Motto: Bibliotheken sind ein Paradies. Unter den Würdenträgern sind mittlerweile auch vier Frauen vertreten, u.a. Rosalind Franklin.

 

Hinaus ins Leben. Überall musizieren Straßenmusikanten. Songs auf der Klampfe, von den Beatles bis Billy Eilish. Es sind meist Profis. Sie müssen vor einer Jury vorspielen, versichert ein anderer Guide, um die begehrte Straßen-Lizenz zu erwerben. Die Iren trinken und singen gerne … und das sehr lange. Rasch fällt an der St. Andrews-Kirche eine Statue auf. Sie zeigt Molly Malone. Eine Marktfrau. Eine arme, aber freizügige Fischhändlerin, die früh stirbt, so die Legende. Und eine irische Institution. Gegenstand einer Volksballade, die inoffizielle Hymne Dublins. Es gibt sogar einen „Molly Malone Day“. Wer ihren Busen berührt, so der Volksmund weiter, erfährt ein wenig Glück. Der Fischhändlerin ist am Dekolleté anzusehen, wie viele Menschen nach dem Glück grabschen. „Diese Skulptur muss weg“, schimpft eine junge Frau. „Geht gar nicht. Sowas von vorgestern!“

 

An der legendären Marktfrau Molly Malone kommt kaum jemand vorbei. Viele legen an der Dame Hand an, weil das Glück bringen soll.

 

Irland war eines der letzten europäischen Länder, dass Scheidungen erlaubte. Lange Zeit schwang die erzkatholische Kirche unangefochten das moralische Zepter. Längst füllen Missbrauchsgeschichten ihres irdischen Personals ganze Buchregale. So überrascht es nicht, dass eines der angesagtesten Lokale ausgerechnet in der ehemaligen St. Mary-Kirche residiert. Seit zwanzig Jahren heißt es in der „Church Café Bar“: Guiness, Cheeseburger und Irisch Folk statt Amen, Predigt und Weihrauch. Die Bibel trägt hier Henkel, meint ein Scherzbold am Tresen.

 

 

Dublin präsentiert sich weltoffen, gastfreundlich, abwechslungsreich und leider auch sehr teuer. Die Globalisierung hat in der irischen Hauptstadt den Alltag kräftig umgekrempelt. Ein paar Dinge bleiben: Der unbedingte Freiheitswillen der Iren. Alles, bloß kein British Empire. Das Land ist nach wie vor geteilt. Tatsächlich existieren weitere liebgewonnene Traditionen. Wer in Dublin einen der vielen vollen Busse verlässt, ruft beim Ausstieg dem Fahrer ein lautes „Thank you“ zu. Für Berliner Ohren eine echte Überraschung. Geht doch, freundlich zu sein: in einer wuseligen und lebendigen Stadt. Got Irish!

Fortsetzung folgt.

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So viel Zukunft war nie

Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch.

Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir die breite Auffahrtsrampe zum Parkdeck. „Hoyerswerda kommt. Mit den Milliarden von der Kohle-Transformation investieren wir in Karbonfaser, Wasserstoff und Windräder. Die Lausitz wird zum Zentrum der Elektromobilität und Batterieproduktion.“

 

Hoyerswerda tanzt. Ein faszinierendes Projekt. Das pralle Leben in einem leerstehenden Kaufhaus. Selbst entwickelt, selbst gespielt und zurecht seit 2010 gefeiert.

 

Wir sind ganz oben. Über den Dächern der einstigen sozialistischen Vorzeige-Planstadt, im einstigen Braunkohlerevier und Energiezentrum der DDR, im heutigen Sachsen. Nach der Wende Krawall-, Frust- und Ausländer-Raus-Hochburg. Wir finden gemeinsam den Eingang. Hier sind wir richtig. Hier ist was los. Menschen plaudern vor dem Einlass. Sie hoffen auf eine wunderbare Sommernacht. Über Hoyerswerda zeigt sich der Junimond. Endlich ist was los: Tanztheater. Alle sieben Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zum wiederholten Mal seit 2010 heißt es. „Eine Stadt tanzt. Die Entscheidung.“ Tanz den Frust. Tanz ihn einfach weg. Gemeinsam. Über hundert Mitwirkende. Die meisten sind Laien. Menschen von nebenan. Pflegerin oder Arzt, dazu ein paar Profis. Bereit für achtzig Minuten Lebensgefühl. Für flotte Songs, Rhythmus, Bewegung und Begeisterung.

 

 

Im Saal ist es heiß und stickig. Egal. Die Show beginnt. Die erste von dreizehn Tanz-Szenen beginnt furios. Eine neue Stadtplanerin soll die von siebzigtausend auf 32.000 Einwohner geschrumpfte Stadt retten. Die Bässe wummern. Die Songs gehen unter die Haut. Die Choreographie sitzt.  In den Augen der Beteiligten ist Glanz zu sehen. Schaut her, was wir können. Wir haben uns nicht aufgegeben. Für das Ensemble ist Hoyerswerda kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Zu bleiben. Die Welt zuhause besser zu machen. Lebens- und liebenswert. Im Stück ringen Traditionalisten mit Erneuerern. Klar ist: Die Abrissbirne ist keine Lösung. Auch nicht die Parolen der AfD. Oder die Ignoranz der Westler. Das Tanztheater steigert sich, fragt in den Songs: Was wäre, wenn?

Was wäre eine Stadt, die Spaß macht. In der nicht der Geldbeutel entscheidet. Eine Stadt von morgen, in der es gereicht zu geht. In die Menschen strömen und nicht wegziehen. Der Vater des Tanzprojekts ist Dirk Lienig. Ein ausgebildeter Tänzer, der die Welt bereist hat. In Hoyerswerda geboren will er seine Vaterstadt nicht weiter untergehen sehen. Der Erfinder und Regisseur der tanzenden Stadt sagt: „Beim Tanzen vergesse ich alles. Kummer, Sorgen, Stromrechnungen, Stress. Ich bin völlig bei mir. Schwebe schwerelos. Bin in einer anderen Welt.“

 

Eine Stadt tanzt. Über 100 Mitwirkende. Neunzig Tänzerinnen und Tänzern. Allesamt Laien. Sie tanzen sich frei.

 

Finale. Das Publikum rast vor Freude. Vergessen sind Alltag und Sorgen. Vergessen die Kritiker, die lästern, mit Tanz-Gedöns werde die Welt nicht besser werden. Hoyerswerda schwebt in diesen Minuten. Komm, das wissen wir: Seit der Einheit sind sechzig Prozent der Einwohnerschaft weggezogen. Hoyerswerda schrumpft gnadenlos weiter. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. In den nächsten Jahren treten die Babyboomer ab. Wer besetzt dann die viertausend Jobs in Verwaltung, Versorgung und Gesundheit?

 

Hoyerswerda leuchtet. Die 32.000 Einwohner-Energiestadt in der Lausitz will eine Zukunft haben.

 

Nicht jetzt. Hoyerswerda will sich amüsieren, tanzen und sich freuen. Die Menge tritt auf das Parkdeck hinaus. Genießt den Juni-Abend. Tanztheater-Chef Lienig: „Hoyerswerda wird geliebt, gehasst, be­lächelt, besungen, bewundert, links liegengelassen oder rechts eingeordnet.“ Für den 56-jährigen ist Hoyerswerda „eine der faszinierendsten Städte Deutschlands“. Er strahlt an diesem freundlich-lauen Abend. Geschafft! Klar, kommt der nächste Montag. Aber ist die Zukunft nicht „ne abgeschossene Kugel“? Wie es der Held von Hoyerswerda, der singende Baggerfahrer Gerhard „Gundi“ Gundermann besungen hat.

Die tanzende Stadt trägt die Kugel weiter. Mal sehen, wo sie hinfliegt. Zukunft in der Lausitz? Hier gibt es 99 Tipps.

 

 

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Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.

 

Die Berliner Gedächtniskirche musste sich immer wieder neu erfinden. Architekt Egon Eiermann bei der Einweihung 1961: „Ich wünsche mir und uns allen, dass nie wieder Schatten des Schreckens durch den Traum des Lichts dieser Gläser fallen mögen.“

 

Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete und Terroranschläge, Konzerte und Trauerfeiern unter anderem für Hildegard Knef oder Harald Juhnke.

Die Gedächtniskirche birgt ein Geheimnis. Ihr inneres Leuchten. Der Grundton Blau ist ein großes Versprechen. Wie das Meer oder der Himmel. Wie der Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit. An der Stirnseite der goldene, schwebende Auferstehungschristus, 1962 geschaffen von Karl Hemmerter. Der Kirchenraum schafft eine Atmosphäre von Klarheit, Stille und Spiritualität. Er weckt Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn. Besucher schwärmen von dem leuchtenden Ultramarinblau. Dieses magische Licht haben wir dem deutschen Architekten Egon Eiermann und dem französischen Glasbaukünstler Gabriel Loire zu verdanken. Ihre gemeinsame, streit- wie fruchtbare Arbeit vor über sechzig Jahren erreichte etwas völlig Neues. Damals hoch umstritten, mittlerweile längst ein Meilenstein der Moderne.

 

Der Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle. Er zeigt uns zwischen den Doppelwänden der Kirche das große Geheimnis der Gedächtniskirche.

 

Architekt und Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle führt uns eine Treppe hinter der Orgel hinauf zum begehbaren Ort des Geheimnis. Um Verkehrslärm und Leuchtreklame abzuschirmen, wurde der Kirchenneubau mit zwei Wänden in Stahlskelettbauweise mit Tausenden Glasfenstern in Betonwaben ausstaffiert. Der doppelwandige, achteckige Bau kann umrundet werden. Die Wände sind in kleine Raster aufgeteilt, mit insgesamt 21.334 Beton-Dickglas-Elementen in Betonwaben aus Stahl und Beton. Jedes einzelne farbige Glasteil ist ein Unikat. Handgefertigt, aus Altglas recycelt. Errichtet in anderthalb Jahren.

 

Alles eine Frage des Lichts. Die Betonwaben mit insgesamt knapp 22.000 Glasfenstern in den Doppelwänden der Gedächtniskirche.

 

Der Franzose Gabriel Loire war ein Meister der Dickglastechnik. Sein Vorbild: die Kathedrale von Chartres. In Loires Fenster-Waben entstehen keine konkreten Bilder, sondern unzählige farbige Strahlungen. Wie geschliffene Juwelen. Diese Fenster sorgen für das innere Leuchten. Die gläserne Lichtstrahlbrechung je nach Sonnenstand ergibt am Ende das blaue, warme Licht im Kirchenschiff. Menschliche Kreativität auf höchstem Niveau. Ohne App und KI.

 

Das Blaue Licht. Eine deutsch-französische Meisterleistung von Architekt Egon Eiermann und Glasbaukünstler Gabriel Loire. Damals als „Eierkiste“, „Papp- und Hutschachtel“, „Bibelschuppen“, „Puderdose mit Lippenstift“ und „Halleluja-Gasometer“ geschmäht. Längst eine Ikone der Moderne.

 

Dieses Leuchten hat im Laufe der Jahrzehnte durch Abgase und Abnutzung stark gelitten. Das Problem: Der Stahl der Bewehrung, der die Gläser zusammenhält, ist nicht rostfrei. Nun muss jedes einzelne der knapp 22.000 Gläser entfernt, gereinigt und in einer neuen rostfreien Stahlkonstruktion neu eingefasst werden. Das wird länger dauern als achtzehn Monate wie damals in der Bauzeit, dazu braucht es keine Propheten. Mindestens fünf Jahre Bauzeit sind aktuell veranschlagt. 35 Millionen Euro soll die Komplett-Sanierung kosten. Spenden sind erwünscht, damit die neue, alte Gedächtniskirche wieder leuchten kann. Im nächsten Jahr soll die Gedächtniskirche wieder Großbaustelle werden.

 

Der schwebende Jesus von Karl Hammeter aus Bayern in der „neuen“ Gedächtniskirche. Ernst Barlach lässt grüßen.

 

Ach, du schnöde Welt: das innere Leuchten ist wichtiger denn je. An diesem symbolträchtigen Ort, auferstanden aus Ruinen. Die Gedächtniskirche bleibt ein Mahnmal für Neuanfang und Niedergang, für Verständigung und Frieden. Wenn das blaue Licht wieder leuchtet, vielleicht sogar noch heller und besser als früher, dann wäre nicht nur Hegel begeistert. Er würde von der „List der Vernunft“ sprechen. Das ist doch ein schönes Ziel.

 

Das innere Leuchten. Es hilft gegen Verzagtheit, schlechte Laune und das Gerede vom Weltuntergang.