Archive for : August, 2026

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„Der Dummheit schaden“

Die Dummheit besiegen. Wie geht das? Eine gute Frage, so alt wie die Menschheit. Eine Antwort wäre derzeit nötiger denn je. Die Lage ist apokalyptisch. Glaubt man der wissenschaftlichen Weltuntergangsuhr von Albert Einstein und Frank Oppenheimer. Die beiden Physiker stellten 1947 diese Uhr im Jahr ihrer Einführung auf sieben Minuten vor Mitternacht. Heute, 2026, steht sie bei 25 Sekunden vor zwölf. Was macht man mit 25 Sekunden vor dem Finale? Einfach umdrehen und weiterschlafen, den oder die Liebste küssen? Oder einen frischen Aperol Spritz bestellen, in der Hoffnung, dass dieser nach dem Armageddon ankommt?

In Zeiten von Abstieg, Unsicherheit, Kriegen, Katastrophen und notorisch unfähigen bis korrupten Eliten schlägt die Stunde der Heilsbringer. Sie regieren von Washington bis Moskau, sie gehen auf Dummenfang. Das Böse machen sie in Demokratie, Dekadenz, Klimawandel und linksgrünem Wokismus aus. Es geht um die große Unzufriedenheit mit der Gegenwart: „Überall nur Stillstand, Stagnation in der Gesellschaft, der Politik und leider auch in Wirtschaft und Technologie“, klagt Multi-Milliardär Peter Thiel. Ähnlich würde jeder Handwerkermeister ins gleiche Horn blasen. Der gebürtige Frankfurter Peter Thiel lädt seine Untergangs-Rhetorik mit einer sehr speziellen christlichen Heilslehre auf.

 

 

Das Ergebnis ist hochtoxisch. US-Investor und Trump-Freund Thiel, PayPal- und Palentir-Gründer, aktuell geschätztes Vermögen 32 Mrd. Dollar, verknüpft Geld und Glaube in Allmachtsphantasien. Kernthese: „Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar.“ In „Weltverbesserern“ wie Papst Leo, der Klimabewegung, aber auch in UNO und EU sieht er Antichristen, sprich „falsche Messiasse“, am Werk, so Thiel auf einer Vortragsreihe in San Francisco. Im März 2026 doziert er in Rom über Katechon. Nie gehört? Katechon ist eine vage Nebenfigur aus dem zweiten Thessalonicher-Brief.

Katechon sei die Kraft, die sich zur Rettung der Welt über alles hinwegsetzen kann. Thiel bedient sich eines Taschenspielertricks, so Theologen, wenn er die Figur als Kronzeuge für den Kampf gegen das Böse aufbauscht. Die Botschaft von Jesus in der Bergpredigt – Gebot der Nächstenliebe – bzw. du musst dich entscheiden, welchem Gott du folgst: Geld oder Glaube“ – würden vernachlässigt bzw. ignoriert. Thiel sagt, er wolle mit Hilfe von Tech-Lösungen den Armageddon verhindern. Er möchte quasi selbst Gott spielen.

 

 

Was tun? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagte neulich, US- Tech-Jünger wie Thiel oder Elon Musk hätten jede Bodenhaftung verloren. Bei ihren Kreuzzügen drohten „apokalyptische Machtkämpfe“. Die Thiels, Musks und Bezos bildeten demnach „eine kleine diabolische Minderheit, die es mit ihrem schwarzen Realismus fertigbringt, den Rest der Welt zu irritieren.“ Das Problem: für ihre unendliche Gier ist die Welt zu klein.

Wem nun glauben? Selbsternannten katholischen US-Fundis wie Thiel oder Vatikan-Chef Papst Leo? Der war gerade in Assisi. In die umbrische Stadt pilgern derzeit Hunderttausende, um Franz von Assisi zu ehren. Die Botschaft des reichen Kaufmannsohnes im Mittelalter: in vollkommener Armut leben wie Jesus. Er war ein Heiliger der Armut und des Elends. Ein Poverello, ein Mann der Wohlstandsverzicht predigte und lebte. Sein Prinzip: Durch Teilen Gemeinschaft und Gerechtigkeit herstellen. Am 3. Oktober 2026 jährt sich Franz von Assisis früher Tod mit 45 Jahren mittlerweile zum 800. Mal.

 

 

Wem das zu katholisch wird, sollte sich an den evangelischen Pfarrersohn Friedrich Nietzsche halten. Der Verfasser des Anti-Christ, eine der schärfsten Abrechnungen mit dem Christentum, wurde gefragt, was das Hauptgeschäft der Philosophie sei? Ganz einfach: der Dummheit schaden.

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Intensivstation

Als ich zum OP-Saal geschoben werde, fragen mich Pfleger und Schwestern immer wieder: Name? Größe? Gewicht? Schließlich legt die Anästhesieassistentin an Hand und Arm Zugänge für die OP. Wieder die Frage: Name? Größe? Gewicht? Und überraschenderweise folgt eine weitere: Beruf? – „Journalist“. – Wo? – „Ich war lange beim ZDF.“ Fake News ruft lauthals eine Kollegin, die ich nicht sehen nur hören kann. Meine Schwester verdreht die Augen und sagt noch: „Ach, bei aller Kritik, ich finde es gut, dass es sie gibt. Gerade in diesen Zeiten.“ Dann wird mir eine Sauerstoffmaske übergestülpt. Ich verschwinde in das Land der Träume.

Als ich drei Stunden später auf der Intensiv wach werde, befinde ich mich an Schläuchen, die zu Messgeräten führen, die mich wiederum überwachen. Herzschlag, Blutdruck, Puls. Manchmal piept das Gerät aufgeregt. Die lebensrettende OP an der Aorta sei gut verlaufen, sagt mir plötzlich jemand in blauer Ärztekluft. Aufatmen! Wie schön! Ich lebe, auch wenn jetzt alles schmerzt. Die nächsten 24 Stunden sehe ich viele Gesichter. Gesichter, die sich um mich kümmern, versorgen, messen und beruhigen. Menschen, jedweder Herkunft, jedweder Hautfarbe. Mit und ohne Kopftuch. Einmal rund um den Erdball. Von Asien bis Afrika, von Syrien bis zum Balkan. Intensivschwester Karena ist mein Herzblatt.  Mit ihrem leicht slawischen Akzent trifft sie den richtigen Ton. Sie schenkt mir genau das, was ich brauche: Kompetenz und Zuwendung.

 

Hubertus-Krankenhaus Berlin. Spezialisiert auf Gefäßmedizin. Foto: Johannesstift Diakonie.

 

Meine Nachbarin auf der Intensiv ist eine ältere, mehrfach operierte Frau. Wir sind nur durch einen dünnen Vorhang getrennt. „Hilfe! Hallo! Hört mich keiner?“ Die Dame schreit, ruft und drückt alle paar Minuten den roten Notknopf. „Ich will hier raus. Man hält mich fest. Helft mir!“ Die Anfang Achtzigjährige kommt nicht zur Ruhe, verlangt verzweifelt ihre Söhne und ruft nach ihrer Mutter. „Ich will nicht sterben! Ich will raus!“ Immer wenn das Pflegpersonal an ihr Bett eilt, schreit sie noch lauter. Nach Stunden Dauerstress für alle wird die demente Frau ins Isolationszimmer verlegt. Es war mittlerweile freigeworden. Gottseidank! Noch am nächsten Morgen höre ich ihre lauten Rufe aus der Ferne: „Hallo! Hilft mir denn keiner?“

Am nächsten Tag werde ich auf Normalstation gebracht. Es ist heiß im Krankenhaus, aber ich habe ein Einzelzimmer (Privileg, ich weiß) mit Blick auf den Krankenhausgarten. Das Grün wird mein persönlicher Ruhe- und Sehnsuchtspunkt. Mein Glück einer erfolgreichen OP teile ich allerdings wieder mit dem Pech, dass mein direkter Nachbar ein dementer älterer Herr ist, der im besten Pavarotti-Bariton stundenlang tönt: „Hilfe! Ich will hier raus!“ Sein Zimmer sieht aus wie ein Schlachtfeld. Manchmal trauen sich Pflegekräfte nur zu dritt zu ihm. Auch dieser Patient ist dement. Wieder behält das Personal die Nerven. Kümmert sich, pflegt und versorgt uns Frischoperierten. Auch auf der Normalstation geht es zu wie auf der Arche Noah.

 

Für mich ein Paradies: Der Krankenhausgarten.

 

Das evangelische Hubertus-Krankenhaus befindet sich in Schlachtensee, in einer der vornehmsten Ecken Berlins. Eine patientengerechte Betreuung ohne zugewanderte Menschen wäre weder möglich noch realistisch machbar. Von der einfachsten Küchenkraft bis zu meinem Chefarzt, der iranische Wurzeln hat. Ihm und allen anderen habe ich zu verdanken, dass ich am schönen Leben weiter teilhaben kann. Was für ein Glück! Der 6. August wird mein zweiter Geburtstag. Den werde ich künftig feiern, aber mein großer Respekt gilt den Teams von der Intensivstation und Station 6.

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Theater, Blitz und Donner

Es musste so kommen. Der Himmel über Netzeband, dem kleinen märkischen Theaterdorf, verfinstert sich dramatisch. Die Premiere von „Nacht des Schicksals“ steuert gerade auf ihren Höhepunkt zu. Mitten im ESC-Contest um 350 Jahre Musikgeschichte, von Guiseppe Verdi bis Roland Kaiser entlädt sich die Hochspannung. Blitz und Donner gehen auf den Theaterpark nieder. Sogleich ergießt sich heftiger Regen über die Kulisse. Ensemble, Technik und Publikum werden innerhalb weniger Minuten klatschnass. Das Wunder! Niemand wird vom Blitz getroffen, nur wenige verlassen ihren Platz. Die meisten bleiben und klatschen am Ende begeistert Beifall. Was für eine Nacht! Was für ein Spektakel! Die Kraft der Natur trifft auf die Kreativität der Kultur.

 

Was für eine Premiere! Petrus inszeniert mit. „Die Nacht des Schicksals“ mit Blitz, Donner und Gewitterregen.

 

„Am Rande der Welt entstehen die besten Ideen“, sagte einmal Theatermann Jürgen Heidenreich. Er gilt als Gründungsvater vom Theaterwunder in Netzeband. Einem 180-Seelen-Dorf, knapp hundert Kilometer nördlich von Berlin. Es ist seit genau dreißig Jahren eine echte Erfolgsgeschichte. Kultur am gefühlten Ende der Welt. In einem ehemaligen DDR-Dorf, von den Einheimischen liebevoll-melancholisch „das letzte Loch vor der Hölle genannt“. Mit der Einheit kam für das Dorf der Bauern, Soldaten und Jäger der stetige Niedergang. Die LPG ging pleite, Jobs und alte Sicherheiten waren weg. Die Jugend zog der Arbeit hinterher gen Westen. Das Dorf versank in Schnaps, Frust und Depression.

Wie in einem Märchen tauchte Anfang der neunziger Jahre ein Investor aus Düsseldorf auf. Landschaftsarchitekt Horst Wagenfeld und Ehefrau Johanna, eine Marketingexpertin, krempelten das Dorf komplett um. Sie sanierten mit Hilfe von Fördermitteln Gutskirche, Park und Höfe, träumten von „Integrierter Ländlicher Entwicklung“ und holten Theaterleute aus der Stadt. Während die hochambitionierten „Wessis“ Wagenfeld nach wenigen Jahren scheiterten, blieb der damals junge Regisseur, Schauspieler und Theatermann Frank Matthus bis heute. Ein Glücksfall. Matthus und sein kleines, aber großartiges Team beweisen seitdem: Kultur kann sehr wohl etwas verändern, wenn die richtige Mischung aus Kreativität, Programm und Bodenhaftung zum Tragen kommt. Wenn Profis und Laien gemeinsam Theater machen.

 

Hilfe! Wer rettet das Dorf vor Investoren? Foto: Uta Gasper

 

Netzeband mauserte sich in drei Jahrzehnten zu einem kleinem Dorf mit großem Anspruch. Diese Entwicklung feiert die diesjährige Neuinszenierung „Die Nacht des Schicksals“ von Frank Matthus und Axel Poike. Das Pop-Oper-Freiluft-Spektakel ist Höhepunkt von dreißig Jahren Theatersommer Netzeband und zwanzig Jahren Synchrontheater. Synchron bedeutet: Stimmen kommen vom Band, Menschen geben in Masken und Kostümen ihren Protagonisten Herz und Seele. Intendant Frank Matthus: „Wir zitieren auch die Masken der vergangenen Jahre. Es ist sowohl Feier, Einkehr als auch Zukunftsexperiment. Was daraus wird, wird sich zeigen.“

Hier kurz die Story: Friedhof, Dorf und Gutspark eines kleinen Provinznests sollen einem Ferienresort weichen. Der Investor „West goes East Holding“ verspricht Zukunft, Jobs und das große Geld. Allein der Friedhofsgärtner hält dagegen. Er will, dass alles so bleibt. Ihm kommen plötzlich „Untote“ zu Hilfe. Die Vergangenheit erhebt sich aus den Gräbern. Alle machen mit: von Theodor Fontane über Kleists Prinz von Homburg bis zum hier herrschenden Adelsgeschlecht der von Königsmarck. Sie prägten Jahrhunderte das abgelegene, arme Gutsdorf zwischen Berlin und Hamburg.

 

Auch im ersten Akt mischt Co-Regisseur Petrus mit: Abendliches Wolkenleuchten kurz vor der Gewitter-Entladung.

 

Der Plot – Friedhofsgärtner gegen Marketing-Manager, David gegen Goliath – geht an diesem Abend auf. Die Jubiläums-Inszenierung mobilisiert großartige Arien und Songs. Ein wilder Mix aus Klassik und Popkultur. Von Verdi, Puccini, Mozarts Zauberflöte bis zu Richard Wagners „Walkürenritt“. Von Black Sabbath, Money, Money aus Cabaret bis zu Brecht/Weills Dreigroschenoper und Roland Kaiser. Für Nicht-Opern-Experten eine echte Herausforderung.

Das Finale soll nicht verraten werden. Nur so viel: Michael Jackson und die beste Sparkasse der Welt spielen bei der Rettung des Dorfes eine gewisse Rolle. Und ein gewaltiger Gewitterschauer. Den gibt es allerdings nur, wenn Petrus mitspielt.

Operndrama „Die Nacht des Schicksals.“ Netzeband. Brandenburg. Bis 29. August 2026. Fr/Sa 20.30 Uhr. (ab Berlin mit RE6). Mehr als ein Geheimtipp! Es lohnt sich.