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Mona Lisa

„Lisa, der YouTube-Star aus Hollywood, genießt ihren Erfolg in vollen Zügen. Mit ihren charmanten Videos hat sie eine riesige Fangemeinde aufgebaut und ist zu einer festen Größe in der Online-Community geworden. Doch mit dem Ruhm kommen auch Intrigen und Neid. Viele Neider versuchen, Lisa zu schaden und ihr den Erfolg zu nehmen. Trotzdem lässt sich Lisa von solchen Dingen nicht beeinflussen und bleibt positiv und optimistisch. Sie weiß, dass hinter jeder Intrige auch ein Stück Eifersucht und Neid steckt und dass sie es sich durch ihre harte Arbeit und ihr Können verdient hat, wo sie heute steht.

Doch auch wenn Lisa glücklich und erfolgreich ist, spürt sie manchmal eine tiefe Sehnsucht nach ihrer Heimat. Sie vermisst ihre Familie und Freunde und das Gefühl von Geborgenheit. Doch dann denkt sie an all die unvergesslichen Erlebnisse, die sie in Hollywood hatte, und weiß, dass sie am richtigen Ort ist. Lisa ist ein Vorbild für viele junge Menschen und zeigt, dass man mit harter Arbeit, Mut und Positivität alles erreichen kann. Sie beweist, dass Erfolg keine Frage des Zufalls ist, sondern dass man selbst dafür verantwortlich ist.“

 

KI macht´s möglich. Texte, Bilder, Grafiken in Sekundenschnelle zu allen Themen, Wünschen, Lebenslagen.

 

Voilà. Vorsicht Falle! Unser Mona Lisa-Anfang ist komplett KI-gesteuert. Dank ChatbotGPT . Ein paar Stichwörter eingeben. Los geht´s. Die neue digitale Wundermaschine erobert in diesen Tagen Herzen und Hirne. Mit Rückenwind von Microsoft und Elon Musk gepusht, soll ChatbotGPT dem Marktführer Google Paroli bieten. Das Feuilleton überschlägt sich. Digital generierte Texte. Alles wird anders: Schule, Universitäten, Journalismus, Behörden, Business und Politik werden eine KI-Revolution erleben. Eine Veränderung, die so bahnbrechend sein soll wie die Einführung des Smartphones vor fünfzehn Jahren. Schöne Neue Welt! Alles Klar. Wir testen weiter: Was empfiehlt nun meine neue Mitarbeiterin ChatbotGPT? Welches Video soll ich mir von Lisa anschauen?

„Als KI habe ich keine Möglichkeit, Videos anzusehen, aber ich kann Ihnen empfehlen, nach Videos von Lisa auf beliebten Plattformen wie YouTube oder TikTok zu suchen. Sie können auch nach bestimmten Themen suchen, die Sie interessieren, wie zum Beispiel Mode, Beauty, Lifestyle oder Reisen, um ein Video von Lisa zu finden, das Ihnen gefällt. Wichtig ist, dass Sie immer darauf achten, dass Sie vertrauenswürdigen Quellen folgen und aufpassen, dass Sie keine gefälschten oder unangemessenen Inhalte anschauen.“

 

 

Aha. Also wähle ich die Musik auf YouTube selbst aus. Allerdings steuen auch hier die Algorithmen die Ergebnisse. Vorneweg US-Teenie-Girl Lisa mit Money, bislang 765 Millionen Klicks. Die eher relaxte und Bossa-Nova-jazzige Lisa Ono 6.1 millionenmal. Alle anderen Lisas, ob Stansfield, Eckhart oder wie auch immer überlasse ich Ihrer eigenen digital beflügelten Fantasie. Marktführer Google liefert in 57 Sekunden zurzeit 1.750.000.000 Lisa-Treffer. Da wird sich doch was finden.

 

 

Ein Gedanke zum Schluss. Meine Texte werden weiter handgemacht. Ohne KI. Aber mit all meinen Leidenschaften, Irrtümern, Ecken und Kanten. Versprochen!

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Wo ist Kamala?

„Lass dir von niemanden sagen, wer du bist. Sag du ihnen, wer du bist.“ Mamas Motto für Kamala Harris, Vizepräsidentin der USA. Das Einwandererkind, das es bis ganz nach oben geschafft hat. Vater Donald, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Jamaika, Mutter Shyamala Gopalan aus dem Südosten Indiens, Krebsforscherin. Ihre Eltern waren wie Feuer und Wasser. Sie nannten ihre Tochter Kamala, das bedeutet Lotusblüte. Die Kleine war fünf, als sie sich trennten. Und doch symbolisiert Kamala den amerikanischen Traum: „Du kannst die Erste sein, aber bleib nicht die Einzige“. Kamala, die Perfektionistin. Malocherin. „Top-Cop“, Kämpferin für Gerechtigkeit.

Viele fragen sich: Was macht die große Hoffnungsträgerin? Warum hört man nichts? Liegt es an den Medien, an der Bürde des Amtes oder an ihr? Zu ihrer Halbzeitbilanz twitterte die 58-jährige lediglich: „Nach zwei Jahren im Amt kann ich zuversichtlich sagen, dass wir an einer besseren Zukunft arbeiten.“

 

Kamala Harris und Joe Biden. 3. Februar 2023. Das offizielle Bild des Weißen Hauses zur Halbzeitbilanz.

 

Die Zeit schreibt, sie sei nicht nur für ihre Fans eine Enttäuschung. Die Welt kolportiert Beschwerden aus dem Weißen Haus, Mitarbeiter müssten sich erheben, wenn sie einen Raum betrete. Kaum zu glauben. Vor ihrem Amtsantritt sagte sie: „Wenn man durch die gläserne Decke stößt, dann schneidet man sich, und es tut weh. Es geht nicht ohne Schmerz.“ Kamala Harris hat als schwarze Zuwanderertochter „zweischneidige Erfahrungen“ gemacht. Ein starkes Gefühl der Zielstrebigkeit und Hoffnung, einen „tiefen Glauben an den amerikanischen Traum und die unbegrenzten Möglichkeiten“. Zugleich erfuhr sie alltäglich Vorurteile, Schuldzuweisungen und Diskriminierung. Jede Passkontrolle als Herausforderung.

 

Wie aus einer anderen Zeit. Washington. Juli 2021. Originaltext: Vice President Kamala Harris greets German Chancellor Angela Merkel Thursday, July 15, 2021, at the Vice President’s Residence in Washington, D.C. (Official White House Photo by Lawrence Jackson)

 

„Schau dich um. Denk nach“, gab ihre Mutter Kamala auf den Weg: Aufgeben gilt nicht.  Doch selbst die Kämpferin stößt an Grenzen. Ihre geliebte Mutter, die Krebsforscherin, erliegt 2009 genau der Krankheit. Sie studiert Jura, stürzt sich in Arbeit. Als erste schwarze Bezirksstaatsanwältin kämpft sie gegen eine „kaputte Strafjustiz“, mit Willkür und Rassismus.  Sie ermittelt wegen Mord, Menschenschmuggel, Hassverbrechen, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Schulschwänzer, Bankenopfer, betrogene Studenten (Corinthian Colleges) kriminelle Banden. Sie kämpft für Zuwanderer, Frauen und Senioren, gegen Abschiebung von Einwandererkindern. Und sie macht Karriere, an der Seite des zuweilen senilen Joe Biden bis hinauf ins Weiße Haus.

 

Kamala Harris als Bezirksstaatsanwältin. Spitzname: „Top-Cop“. 2014 anlässlich der Feier „50 Jahre Civil Rights Act“.

 

„Ich bin überzeugt, dass es kein stärkeres Mittel gegen das Gift unserer Zeit gibt als gegenseitiges Vertrauen.“ So verspricht sie für ihre Vizepräsidentschaft gegen Masseninhaftierungen, Pharmakonzerne, Kredithaie und die Leugnung des Klimawandels vorzugehen. In ihren ersten Amtsjahren reibt sie sich jedoch eher an der Reform des Wahlrechts auf, achtet als Vize penibel darauf, nicht die Kreise des Chefs, des Präsidenten zu stören. Auffällig: Für die Linken ist sie nicht „schwarz“ und progressiv genug, für die Rechten ist sie als People of Colour im Weißen Haus eine tägliche Provokation. Demnächst hält Joe Biden zur Halbzeitbilanz seine Rede zur Lage der Nation. Kamala Harris steht an seiner Seite, lächelt routiniert und kontrolliert. Nicht mehr unbefangen, selbstbewusst und fröhlich wie früher. Ist das der Preis der Macht?

 

Im Hause Harris eine Hymne. Aretha Franklins: Young, gifted and black.

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Die Wahl

Bald darf Berlin wieder wählen. Weil die letzte Wahl in die Hose ging. Sie muss wiederholt werden, wegen „eklatanter Mängel“. So ist das in der Hauptstadt. Alle wollen hin, nichts funktioniert richtig. Nicht einmal Wahlen. – Ausweis verloren? – Wohnung ummelden? – Katastrophe. Wartezeit bis zu drei Monate. Nachwuchs stellt sich ein. Was für ein Glück! Doch das Berliner Murkelchen muss warten, bis es seine amtliche Geburtsurkunde bekommt. Sterben muss jeder. Doch in Berlin dauert das behördliche Ableben besonders lange. Für die Sterbeurkunde brauchen Angehörige viel Geduld. Es gibt noch Fälle aus dem letzten Sommer. Ein Bestatter klagt. „Eine Person, die Weihnachten 2021 gestorben ist, konnte noch nicht beerdigt werden.“ Wer im Januar 2023 heiraten will oder einen Wohnberechtigungsschein benötigt, sollte Nerven wie Stahlseile haben… es wird langweilig. Es reicht.

Das Kernproblem der wachsenden Metropole an der Spree hat einen Namen: Verantwortung. Präziser: das Fehlen derselbigen. Dieser Begriff scheint ein unaussprechliches Fremdwort aus vergangenen Zeiten geworden zu sein. Der für die Wahlpleite zuständige Innensenator ist weiter im Amt, wenn auch in einem anderen. Momentan versucht er das Mega-Wohnungsproblem zu lösen. Durchwursteln ist der Berliner Markenkern. Behördenpingpong heißt das. Eine (Verkehrs-) Ampel kann bis zu 25 Jahre dauern. Merkwürdigerweise wird die organisierte Unzuständigkeit beklagt und erduldet wie das nasskalte Schmuddelwetter im grauen Berliner Winter. Fehlt der Stadt eine funktionierende Stadtgesellschaft oder ist diese Leidensfähigkeit typisch für Millionenstädte, nicht anders als etwa in Kairo oder Mexiko-City?

 

Berlin. Friedrichstraße. Foto: Bianca Girlich

 

Berlin hat die Wahl. Wie es nach Umfragen aussieht, wird sich nicht viel ändern. So können weiter bunte Luftschlösser versprochen, ein paar Straßen gesperrt und ein paar neue rot-grüne Symbolmaßnahmen diskursiv, nachhaltig und geschlechtergerecht verkündet werden. Berlin bleibt die Stadt der Projekte. Identität ist alles. Früher hieß es dazu: „Jeder nach seiner Façon“. Heute geben sich die tonangebenden Milieus „woke“, „queer“ oder „divers“. So gibt es in der Hauptstadt immer weniger Erwerbsarbeit. Dafür dominiert die Arbeit an Geist, Körper und Seele. Am besten nach einem Hafermilchdrink auf der Yoga-Matte.

Hallo Berlin! Du erfindest dich immer wieder neu. Das ist deine Stärke. Die Stadt bietet Außenseitern und Minderheiten Schutz. Zehntausende Kreative suchen den Sound, hoffen auf den richtigen Kick, werkeln am passenden Chic. Sie träumen vom großen Wurf, von Glanz, Licht, Ruhm und Anerkennung. Was gibt es Ehrlicheres als nach einer durchzechten Berliner Nacht frühmorgens mit Brummschädel nach Hause zu wanken, dabei die Götter anzuflehen, endlich das Glück auf einen hernieder prasseln zu lassen. Bis schließlich der Kater zuschlägt.

 

In einem sechs Jahre alten Werbefilm über Berlin heißt es: „Wenn man es sich schön macht, auch wenn es hässlich ist“. Und: Hoffen auf den nächsten Sommer.

 

Zu Berlin noch ein paar Anmerkungen:

„Es fehlt das Pathos, das falsche, aber auch das echte, und damit fehlt die Fähigkeit, sich schön dazustellen. Die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, war jung, rücksichtslos und unternehmend. Dieser Mittelstand hat sich ohne Einschränkung zum Anwalt des Kapitalismus gemacht, zum Anwalt aller kapitalistischen Tugenden und Laster. Er betet den Amerikanismus an, weil er sich selbst darin wiederfindet, und gibt sich der Gottheit der Quantität uneingeschränkt hin.“

„Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

Die letzten Zitate stammen aus der Feder eines zugezogenen Berlin-Kritiker. Karl Scheffler hieß der gebürtige Hamburger, der 1910 der Stadt in der märkischen Streusandbüchse diesen Satz schenkte: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“

 

Tanzende. 1920. Der in Berlin lebende polnische Maler Wladyslaw Roguski wurde 1940 von den Nazis ermordet.

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Warten auf den 101er

Bushaltestelle U-Bahnhof Konstanzer am Berliner Preußenpark. Alle zwanzig Minuten hält hier ein Bus. Nicht weit vom Kurfürstendamm, im gutbürgerlichen Wilmersdorfer Westen. Seit vielen Monaten sitzt in der Haltestelle eine Frau und wartet auf den Anschluss. Sie hat sich mit Decken, Tüten, Rollkoffer und Schirm auf den Sitzbänken eingerichtet. Sie wohnt, lebt, schläft hier. Die Busse kommen, halten und fahren weiter. Sie steigt nicht ein. Mit einem Handbesen hält sie Ordnung, fegt den Boden. Meistens hat sie sich in Decken gehüllt. In eiskalten Januar-Nächten wie an heißen Julitagen. Der Hauptstadtverkehr tobt an dieser vielbefahrenen Kreuzung. Passanten hasten achtlos vorbei. Die Frau bleibt. Ihre Adresse ist die Bushaltestelle 101. Sie ist eine von tausenden Obdachlosen in der Hauptstadt. Ganz in meiner Nähe.

Wer ist diese Frau? Woher kommt sie? Welcher Schicksalsschlag hat sie in die Wartehalle verbannt? Ist sie freiwillig hier? Hat sie Familie? Einen Mann? Kinder? Freunde? Verwandte? Wer kümmert sich um sie? Wie hält sie das durch? Auf alle diese Fragen kann ich keine Antwort geben. Ich habe sie angesprochen, ihr Geld geben wollen. Sie hat mich brüsk und voller Stolz abgewehrt und schimpfte auf Slawisch. Sie muss irgendwo aus Osteuropa im Berliner Westen gestrandet sein. Einmal habe ich ihr heimlich einen Schein zugesteckt, während sie offenbar schlief. Ein anderes Mal habe ich gesehen, wie sie in ihrer Haltestelle für Sauberkeit gesorgt hat. Die kleine, stolze Frau muss älter sein. Ihr Gesicht ist von den Strapazen der Straße gezeichnet.

 

Haltestelle 101. Mitte Januar 2023. Außentemperatur: -2 Grad.

 

Direkt hinter der Bushaltestelle ist ein großer Spielplatz. Gegenüber befindet sich eine Kirchengemeinde. Laufen alle an ihr vorbei? Ob andere Menschen ihr etwas zustecken? Wo isst sie? Was hat sie zum Leben? Was – vom Leben? Wieder fährt der 101er vor. Er hält nur  kurz, weil niemand einsteigt. So ist das alle zwanzig Minuten, im Berufsverkehr alle zehn Minuten. Ich habe aus meiner journalistischen Arbeit mit Obdachlosenprojekten gelernt, wie schnell ein Mensch alles verlieren kann. Haus und Hof, Familie und Freunde, Beruf und Gesundheit. Halt und Hoffnung. Wer keine Hilfe findet, landet am Ende auf der Straße. Oder an der Haltestelle des 101er.

In den letzten Nächten war es in Berlin bitterkalt, deutlich unter dem Gefrierpunkt. „Meine Busfrau“ sitzt in ihrer Wartehalle dick vermummt. Die Decke über den Kopf gezogen. Die Decke bewegt sich. Sie atmet. Sie lebt. Ich habe die Notnummer des Kältebusses gewählt. Mein Hilferuf schaffte es nur bis zum Anrufbeantworter. Zurückgerufen hat niemand. Vielleicht waren sie vor Ort? Oder haben die Freiwilligen einfach zu viel zu tun? Mich quält eine Frage: Was macht man mit Menschen, die in Not sind, sich aber nicht helfen lassen wollen? Jeder Mensch ist doch bestimmt zu leuchten.

 

Haltestelle 101. Anfang Juli 2022. Außentemperatur: +30 Grad.

 

Die Berliner Notnummern: Kältebus der Berliner Stadtmission. Tel. 030 699333690. 20 – 3 Uhr. Wärmebus des Deutschen Roten Kreuz. Tel. 030 600 300 1010. 18-24 Uhr.

 

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Last Song

„Gitarrengott. Jahrhundert-Gitarrist. Saitensänger“. Die Nachrufe auf den 78-jährigen Geoffrey „Jeff“ Arnold Beck schwelgen weltweit in Superlativen. Jeff Beck verabschiedete sich in diesen Tagen überraschend – für immer. Wenn es ein Himmelsorchester gibt, dann erhalten Jimi Hendrix, B.B. King, Chuck Berry, Prince, Stevie Ray Vaughan und viele andere eine brillante Verstärkung. Das Fachblatt Rolling Stone setzte den Briten einmal auf Platz fünf der 100 besten Gitarristen aller Zeiten. Dabei landete der stille Gitarrero kaum eigene Hits. Er sprang in den Sechzigern für Eric Clapton bei den Yardbirds ein. Spielte gemeinsam mit Jimmy Page. Jeff war der Typ vielgefragter Studiomusiker. Seine Mission? Er verfeinerte Songs, experimentierte, ließ mit seiner Fender-Stratocaster die Saiten singen, gemeinsam mit Rock-, Blues- oder Jazz-Größen. Er brachte seine Gitarre zum Sprechen. Tanzen. Vibrieren. Lachen. Weinen. Und wie!

„Wenn du nicht singst, musst du dich auf das konzentrieren, was die Leute hören. Klang ist alles“, meinte Jeff Beck. Seine Neugierde leitete den Gitarristen über sechzig Jahre: im Studio, in kleinen Clubs oder auf großen Bühnen. Ein schönes Beispiel, wie Jeff seinen Gefühlen den richtigen Drive geben konnte, ist: Cause we´ve ended as lovers.

 

 

Drei Wochen vor Woodstock löste Jeff Beck 1969 seine Band auf und verpasste den ganz großen Durchbruch. Dafür experimentierte er in den Siebzigern mit Jazz-Größen wie dem tschechisch-amerikanischen Keyboarder und Komponisten Jan Hammer. Später jammte er gemeinsam mit Stevie Wonder im Rhythmus von Soul und Funk. Hier „Superstition“  – eine Live-Version des Welthits.

 

 

Jeff Beck: „Ich liebe es, wenn jemand meine Musik hört, aber keine Ahnung hat, was ich für ein Instrument spiele. Das ist für mich das größte Kompliment“. Hier folgt ein Live-Auftritt mit der wunderbaren Beth Hart aus dem Jahre 2017. Die beiden interpretieren I’d Rather Go Blind.

 

 

Vor wenigen Tagen hat Jeff Beck seine Lebensreise beendet. Trotz des Alters kam sein Tod überraschend. Eine Meningitis-Infektion war stärker. Noch im vergangenen Herbst 2022 war er mit Johnny Depp und ihrem Album „18“ auf Welttournee. Zum Abschied ein Live-Mitschnitt aus dem legendären Crossroads-Festival von 2007.

Jeff. Ich hoffe, es gibt im nächsten Level eine Gitarre für Dich und gutgelaunte, musikalische Mitstreiter. Spiel weiter, wo immer du auch bist.

 

 

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Amour fou Teil 5 – Finale

Was blitzartig entflammt, kann glänzend leuchten. Irgendwann verlischt das Licht wieder. Es wird ausgepustet. Oder vergeht, hat keine Kraft, findet keine Nahrung mehr. Was ist Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen, meinte einmal ein Berliner Entertainer. Ingeborg Bachmann und Max Frisch waren beide stets auf der Suche nach dem kleinen und großen Glück. Sie wussten: Schreiben kann Küssen mit dem Kopf sein. Am Ende ihrer aufregenden, rasch aufreibenden gut vierjährigen Beziehung werden die Briefe kürzer, schärfer und unversöhnlicher. Gebrochene Herzen schmerzen. Leben will ich, heißt es so schön: und nicht immer nur so tun.

Mittlerweile streiten sich die Gelehrten, ob der Briefwechsel „eine Sensation“ oder „auf keinen Fall“ hätte veröffentlicht werden dürfen, weil Privates privat bleiben sollte. Hier meine letzte Folge von kurzen Auszügen, das Finale einer Amou fou der Literaturgeschichte. Wer es genauer wissen will: „Wir haben es nicht gut gemacht“ bietet (mit mehreren Nachworten) auf mehr als tausend Seiten viel Lesestoff.

 

Dokument der Auseinandersetzung auf der Rückseite eines Briefes. Juli 1962. (Brief 157) Quelle: Piper/Suhrkamp

 

2.Juni 1963 – Rom Max Frisch

„Liebste Ingeborg,

Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen, leider, ohne unser Zutun. … Ich danke Dir noch einmal für die Lektüre meines Manuskripts, für den entscheidenden Ansporn, den Du mir von Anfang gegeben hast zu diesem Unternehmen, das so gefährlich ist, das ich manchmal verzweifle. Deine Kritik ist für mich einleuchtend. Dass vieles noch sehr schlecht geschrieben ist, sagst Du nicht, aber ich weiß es ja; ich möchte den Sommer verwenden. Inzwischen hat sich schon viel verändert, teils auch in dem Sinn deiner Kritik. …

Es ist auch mein eigener Wunsch, dass ich das fertige Manuskript, bevor ich es aus der Hand gebe, nochmals zeigen darf. Das wäre, so hoffe ich, im Herbst. Außer einem Abschnitt (Gantenbein als Vater) ist jetzt alles skizziert, aber streckenweise so dürftig geschrieben, dass ich schwitze, wenn ich darin lesen muss. Es ist mein höchster Ehrgeiz, dass das Buch vor Dir bestehen kann; das ist, ich weiß, nicht ein fernes Ziel, und dann zweifle ich wieder, ob ich es erreiche, aber dann werde ich es auch nicht herausgeben. Lass mich also wissen, wann und wo Du ankommst.

Alles Gute dein alter Max“

 

20. Juni 1963 – Ingeborg Bachmann (auch an Marianne Oellers)

Rom Hotel Savoy, wo ich wohne

„Max, dieser Brief ist auch für Marianne bestimmt, sie soll ihn mitlesen. Ich reise heute ab, es ist also zum zweitenmal gelungen, mich loszuwerden, nur ich reise diesmal mit einem anderen Gefühl, dem der totalen Hoffnungslosigkeit. …

Leb wohl. … Was uns betrifft, das ist auch kein Geheimnis vor ihr; wir werden einander nicht mehr sehen, nach diesen Worten nicht. Ich bin nach Rom gekommen, nicht Du nach Berlin, und das hat ein Ende. Ich kann nicht weiter.

Ingeborg“

 

 

21. Juni 1963 – Rom Max Frisch

Liebste Ingeborg,

…“Was deine Freunde sich dachten: ob ich dir zu alt bin oder nicht außerordentlich genug, verglichen mit ihnen, soll mich nicht kümmern. Du machtest mich (da ich das Wort schon einmal in den Mund genommen haben´, zögere ich nicht mehr es zu verwenden) zum Arschloch, wenn ich mich dann, sei es in der Gegenwart oder ebenso ohne deine Gegenwart, durchaus zu deinem Gefährten ausgab. … Und ich wünsche Dir Glück, Ingeborg, ich wünsche es Dir wirklich. Ich habe Dich sehr geliebt.

Dein alter Max“

 

Ingeborg Bachmann Quelle: Münchner Stadtmuseum

 

20. März 1964 – West-Berlin Ingeborg Bachmann

Lieber Max,

ich will alle Briefe zurückhaben, nicht nur die Zettel und Briefe, die mir versprochen wurden und die bis heute nicht eingetroffen sind, nach monatelangem Warten. Auf die Angabe der Gründe verzichte ich, da Du sie kennst und ich Dir die Aufzählung ersparen möchte. Ich möchte nur noch jedem denkbaren Missbrauch vorbeugen, und es ist selbstverständlich, dass ich nichts aufbewahren werde. Ich versprach Dir schon vor langer Zeit, dass ich Dich, Deine Arbeit und alles immer schützen werde. …

Ich ersuche nur noch um die rasche Rücksendung aller Papiere, damit die Tortur ein Ende hat.

I.“

 

Max Frisch. 1960. Quelle: DHM

 

6. April 1964 – Rom Max Frisch

Liebste Ingeborg,

… “Ich will alle meine Briefe zurückhaben, schreibst Du. Diesen Wunsch werde ich Dir nicht erfüllen. Deine Briefe gehören mir, so wie meine Briefe Dir gehören. Wenn Du dir eine Tortur daraus machst, dass Du mir einen gemeinen Missbrauch mit den Briefen zutraust, kann ich Dir nicht helfen. Du wirst dich damit begnügen müssen, dass ich jede Veröffentlichung von Briefen testamentarisch verboten habe, nicht jetzt, schon vor Jahren. …

Wenn Du immer und immer wieder verletzt sein willst, kann ich´s nicht hindern, auch damit nicht, dass ich auf diesen feindseligen Ton mit Ruhe antworte. Ingeborg! Das ist nicht gut, ich beschwöre Dich.

Dein alter Max“

 

ENDE

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Amour fou Teil 4 – Alles wird anders

Das neue Jahr beginnt mit einem Heiratsantrag. Warum nicht? Entscheidend ist, ob die Werbung zum passenden Zeitpunkt kommt. Und ob der oder die Angesprochene Ja sagt.  Es geht um das Wagnis der Ehe mit Zweisamkeit bis „an das Ende unserer Tage“. Das bedeutet in aller Konsequenz eine feste Bindung mit Trauschein. Für supersensible Kopfmenschen wie Ingeborg Bachmann und Max Frisch wäre die Ehe eine heikle Sache geworden. Wer ständig nach Freiheit und Unabhängigkeit strebt, muss eine Bindung rasch als Gefängnis empfinden. Bachmanns Antwort auf den Frisch-Antrag blieb aus. Verheiratet waren die beiden nie. Dennoch zeigt die vierjährige Affäre alle Merkmale der „Banalität einer Beziehung“. Alltag kehrt ein, mit Missverständnissen, gekränktem Stolz und Eifersucht. Aus dem stürmischen Wagnis zum gemeinsamen Glück ergeben sich alsbald komisch-traurige Szenen wie in einer Ehe. Bachmann und Frisch sind sich am Ende in einem Punkt einig: Wir haben es nicht gut gemacht. Ihr nun vorliegender Briefwechsel ist auch 2023 eine Empfehlung.

 

8. Oktober 1959 – Portoverene Max Frisch

Meine geliebte Ingeborg!

Ich sehne mich sehr nach Dir, aber das soll Dich nicht stören in deinem Glück, wieder allein zu hausen; auch dieser Brief soll Dich darin nicht stören. Genieße es, arbeite, erschrick nicht! Du weißt es ja schon, was ich Dir schreiben will. Das Jahr seit Portovenere erscheint mir als ein großer Weg für uns beide; ich stehe, wo ich ohne Dich nicht stünde, und glaube, auch Du stündest anderswo, wenn wir einander nicht gefunden hätten, vor allem (wenn) wir einander nicht schon einmal verloren, und durch den Verlust wiedergefunden hätten, wieder und anders und ohne Zurück.

Ich möchte, dass du meine Frau wirst, Ingeborg, dass wir heiraten und dafür eine Einrichtung finden, die dir deine Arbeit und deinen Selbstsein nicht verhindert, aber eine wirkliche Ehe mit der vollen Verbindlichkeit. Sag mir jetzt nichts; ich werde Dich zum Jahresende fragen, ob Du es auch wollen kannst. Bedenke dabei auch unseren Altersunterschied. Ich weiß jetzt, dass ich es nicht nur will, weil Du es einmal erwartet hast, sondern ich glaube, dass wir jetzt nach diesem Sommer erst im Stande sind zu unserer Ehe.“

 

Das Leben – ein Schachspiel? Ingeborg Bachmann. Frühjahr 1962 Foto: Österreichische Nationbibliothek

 

11. Oktober 1959 – Zürich Ingeborg Bachmann

„Liebster,

ich habe heute deinen Expressbrief von der Sihl-Post abgeholt; beim Wiederlesen jetzt wo ich Dir drauf antworten wollte, bemerkte ich, dass du sagst, ich solle jetzt nicht darauf antworten – also tue ich es nicht. Aber ich danke Dir sehr, sehr. … Ich brauch dich so! Aber wie soll ein Bär das aushalten, so eine Frau ohne Zeitbegriff und mit Schwermut. Ich liebe dich und ich umarme dich fest, fest – Deine Ingeborg“

 

18. November 1960 – Uetikon Ingeborg Bachmann

Liebster Max,

… Ich fürchte, der schwerere Fall bin ich, obwohl es mir auch gut geht. Aber heute morgen (mittag) bin ich wirklich verzweifelt aufgewacht, denn was mit meinem Schlaf los ist, das ist langsam zum Verrücktwerden. Es zerstört mir den ganzen Tag und nachts kann ich doch auch nicht arbeiten. Ich bemühe mich derart zu einer Normalität zu kommen, mit Pulvern, Anstrengungen, aber es wird immer schlimmer.

Gestern bin ich um neun Uhr schlafen gegangen, weil ich müde war, gegen zwei wache ich auf und kann dann trotz aller Tabletten es gegen den Morgen einschlafen und wache betäubt zu Mittag auf. Und wenn ich abends nicht einschlafen kann, dann schlaf ich erst gegen fünf oder sechs Uhr früh ein und das ist zum Verrücktwerden, weil mir bei diesen Nachtwachen nur elend ist, der Kopf zerspringt mir dabei, und am Tag bin ich halbtot. Ach, Bär, ich bin wirklich verzweifelt, zum Arbeiten bleibt so wenig Zeit – und wie soll ich das ändern? Vielleicht hätte ich doch in dieses Institut nach München zum Kreislaufentstören gehen sollen. Something is wrong with me. Aber ich weiß nicht, wo der Defekt zu suchen ist, ob im Körper oder in der Seele. …

ich habe so wenig zu berichten von hier. Drum schicke ich dir nur viele Grüße, Zärtlichkeiten und Aufmunterungen.

Deine Ingeborg.“

 

Max Frisch Rom 1962 Foto: Mario Dondero

 

5./6. Mai 1962 – Rom Max Frisch

Geliebte Ingeborg,

„… und ich hörte, dass es einen Menschen gibt, den Du sehr lieb hast. Ich bat dich um den Namen. Du hast ihn gesagt. Ich habe mich damit abzufinden. Einen Menschen sehr lieb haben, das heißt viel. Du hast in deinem Brief, soweit ich ihn richtig erinnere, recht, wenn Du sagst: Venedig-Vertrag, aber dann ist es halt nicht so. Nicht ein Flirt, nicht eine Nacht, sondern Du ahst einen Menschen sehr lieb. Dass dir das zusteht, ist außer Frage. Es fragt sich nur, wir ich im besten Fall damit fertigwerde; das ist meine Sache. Ich gestehe dir, dass ich darauf nicht gefasst war, darauf nicht. Drum meine tiefe Verwirrung, obschon es früher oder später zu erwarten war. …

Wenn ich mich frage, wohin ich meine Mühe richten soll. Es gibt nur eine Richtung für meine Mühe, die schwerste: der Verzicht. Venedig-Vertrag. Ich sagte dir in der Nacht, dass ich davon Gebrauch gemacht habe. Ich werde älter, ich musste wissen, ob ich noch ein Mann bin. Ich habe, mich an den Vertrag haltend, darüber geschwiegen; ich konnte es, denn ich habe keinen Mensch sehr lieb außer Dir. Es hat uns nicht berührt. …

Ich liebe Dich, Ingeborg, aber ich weiß, dass daraus keinerlei Anrecht abzuleiten ist. Mach´s gut!

Dein alter Max“

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Alle Jahre wieder

Für viele war dieses abgelaufene 2022 ein anstrengendes, beschwerliches und beängstigendes Jahr. Pandemie, Klimakrise, Krieg, Energieteuerung und Inflation haben uns Grenzen vorgeführt. Was mich am meisten beschäftigt: Unsere Eliten wirken erschöpft, sie sind offenbar nur noch mit Machterhalt und dem eigenen Wohlergehen beschäftigt, ob beim kleinen RBB oder der großen FIFA. Dazu eine UNO, die wie ein gelähmter, kranker Riese hilflos durch eine Welt in Flammen, Hunger und Not stolpert. Da muss sich was ändern.

Alternativen gibt es immer. Im privaten wie im gesellschaftlichen Leben. Ich wünsche angenehme Weihnachtstage zum Durchatmen, tolle Erlebnisse mit Familie, Freunden, Nachbarn oder Überraschungsgästen. Viel Zuversicht, Kraft und Energie für 2023.

Vielen Dank für Eure/Ihre Treue.

Christhard Läpple

 

Wer mag, ein junges Trio, das mich 2022 überrascht hat.

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Oh, Sister

Es ist ihr Abend. Hanna Kopylova läuft nervös durch den Saal, der sich gleich füllt. Ihr Film „Oh, Sister“ hat Deutschland-Premiere. Wer wäre da nicht aufgeregt? Doch die Frau aus Kiew, die in der Berliner Staatsoper eine Nobelpreisträgerin, eine Kulturstaatsministerin und ein neugieriges Publikum erwarten kann, ist aus einem anderen Grund „total gestresst“. Ihre beiden Kinder (12 + 9 Jahre alt) verbringen in Kiew den Tag nicht in der Schule, sondern im Bunker. Luftalarm! Zum x-ten Mal. Putin schickt seine Raketen und Drohnen zur „Befreiung vom Nazismus“. Die ukrainische Luftabwehr hat alle Hände zu tun. Sie kann viele der 72 Geschosse abfangen, aber eben nicht alle. Wieder sterben Menschen. Wieder gibt es in weiten Teilen kein Strom, keine Wärme, kein Wasser. „Ich wäre jetzt viel ruhiger, wenn ich bei meinen Kids in Kiew wäre“, sagt die 34-jährige. „Hier in Berlin ist Weihnachtsmarkt. Es riecht nach Glühwein. Die Menschen sind sorglos. Das stresst mich.“ Das Licht geht aus. Ihr Film „Oh, Sister“ beginnt.

 

 

Hanna Kopylova hat im Juni 2022 die drei Nobelpreisträgerinnen Leymah Gbowee aus Liberia, Tawakkol Karmen aus dem Jemen und Jody Williams aus den USA auf einer Reise durch ihr geschundenes Heimatland begleitet. Alle drei Frauen setzen sich vehement für Friedenslösungen ein, kämpfen zum Beispiel für das Verbot von Landminen. Die Ukraine ist mittlerweile ein Land voller Minen und noch mehr Leid, aber auch ein Land mit mutigen, unbeugsamen Frauen. Deren Geschichte erzählt der nur zwanzigminütige Streifen mit eindrucksvollen Beispielen. In diesem berührenden Film berichten eine 24-jährige Sanitäterin, eine Apothekerin, eine Juristin, zwei Schaffnerinnen und die Leiterin einer Kindeshilfsorganisation ohne Pathos von ihrem täglichen Kampf ums Überleben. An der Front, dahinter, mittendrin. Putins Raketen fliegen ihnen um die Ohren. Die Frauen nähen Tarnnetze, verbinden Wunden, evakuieren Kinder aus größter Not. Sie riskieren ihr Leben und halten stand: Sie sind wie ein „Fels in der Brandung“.

Irgendwann stellt die US-Amerikanerin Jody Williams die Frage, die unausweichlich zu stellen ist. Warum müssen Frauen den Schlamassel wegräumen, den Männer anrichten? „Wir Frauen müssen klar Schiff machen. Männer müssen endlich zur Seite treten“.  Die jemenitische Menschenrechtlerin Tawakkol Karmen stimmt zu: „Wer macht den ganzen Müll, das ganze Chaos? – Männer. Und wer räumt den Schlamassel weg? – Wir Frauen!“ Das Wichtigste, was jetzt zu tun sei, formuliert Oleksandra Matviychuk, die Friedensnobelpreisträgerin von 2022: „Wir brauchen einen Internationalen Gerichtshof, der die Kriegsverbrechen anklagt. Ja, wir brauchen ein zweites Nürnberg, wie nach dem II. Weltkrieg. Putin und alle Verantwortlichen, auch die Generäle, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“

Die ukrainische Anwältin Oleksandra Matviychuk sagt noch: „Bisher haben wir 27.000 Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentiert.“ Mehr Infos unter #TribunalForPutin.

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Amour fou – Teil 3

Frühjahr 1958. Da bin ich im Mai geboren. Meine Mutter meinte, ich sei ein Spätstarter gewesen. Meine Mutter war Musikerin. Sie liebte, nein, sie verehrte in jenen Tagen Ingeborg Bachmann.  Die Lyrikerin und Preisträgerin der Gruppe 47 hat in diesem Frühling 1958 ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ veröffentlicht. Max Frisch arbeitet zeitgleich an den Inszenierungen von Biedermann und die Brandstifter. Frisch schreibt der »jungen Dichterin«, wie begeistert er von ihrem Hörspiel ist. Mit Bachmanns Antwort im Juni 1958 beginnt der Briefwechsel, der, so der Suhrkamp-Verlag, „vom Kennenlernen bis lange nach der Trennung in rund 300 überlieferten Schriftstücken Zeugnis ablegt vom Leben, Lieben und Leiden eines der bekanntesten Paare der deutschsprachigen Literatur“.

Beim dritten Teil vom Amour fou befinden wir uns im Jahre 1959. Der Rausch der ersten Liebe ist verflogen. Der Ton wird abwägender, distanzierter und misstrauischer. Die Briefe sind verletzender und verletzbarer. Es geht um das Verhältnis von „Herr und Magd“. Beide schenken sich nichts. „Wir haben es nicht gut gemacht.“

 

Die Liebe. Ein Versprechen, ein Versuch, ein Glück… ein Fluch?

 

4. Juli 1959 – Rom Ingeborg Bachmann

„eben kam Dein Expressbrief, diesmal ein geschwinder, es scheint, als wolle die Post die Briefe rascher bringen, die einen verzweifelt machen. Und vor zwei Tagen habe ich Dir noch geschrieben, dass ich nicht zornig bin. Jetzt bin ich doch voll von einem hilflosen Zorn, zumindest voll Auflehnung, und die wird noch öfter kommen, denn man lässt sich doch nicht einfach ein Gefühl vernichten, das für einen das Wichtigste ist, ein abgewiesenes, verurteiltes Gefühl, aber für mich ist es da und es will sich nicht umbringen lassen. Glaubst Du, ich würde sonst seit Ende April herumgehen wie eine Wahnsinnige und jetzt noch jede Nacht herumgehen bis 4 Uhr und 5 Uhr und 6 Uhr früh, – es ist nur, weil ich davon nicht loskomme. …

O Max, aber das ist so schwer, diesen Gedanken zu ertragen, es ist furchtbar zu glauben, dass man dem Mann, den man liebt, nicht genügt hat und keine wirkliche Freude war. Es ist so schlimm wie verstoßen zu werden und es gehört, ganz tief unten, vielleicht zusammen. Wenn ich an alles das denke, meine ich unterzugehen, so viele Steine haben sich an mich gehängt, so wenig Selbstvertrauen ist zurückgeblieben; ich werde nie mehr glauben können, dass jemand imstande ist, mich zu lieben, werde immer denken müssen an diese Aussätzigkeit. …

bist so grausam gegen mich, dass ich manchmal einfach mitten auf der Straße zu schreien anfangen möchte, so fürchterlich schreien, dass alles zusammenfällt oder hier in dieser finsteren angeräumten Wohnung, bis sie nicht mehr da ist und ich selbst nicht mehr und überhaupt nichts. … Rom ist öde, nebenbei natürlich schön wie immer, aber man müsste Augen dafür haben. Es war eine der größten Dummheiten, jetzt hierher zu gehen, einen Grund sage ich Dir erst später, aber nun ist nichts mehr zu machen und ich werde es schon durchstehen.

Deine Ingeborg“

10. Juli 1959 Freitag nachts – Rom Ingeborg Bachmann

„Du hast dieses Wort aufgebracht von „Herr und Magd“, das mich zuerst verwundert hat, aber es ist etwas Richtiges dran, und seit ich alles hundertmal durchsuche in der vergangenen Zeit nach Fehlerquellen, glaube ich, diese eine gefunden zu haben. Freilich kann man sie kaum aus der Welt schaffen, denn sie hängt für mich mit dem Altersunterschied zusammen, mit dem sonst ja nichts zusammenhängt. …

Max, es ist so schwer zu erklären, aber ich habe nur ganz selten das Gefühl der Gleichberechtigung, der gleichen Stufen zwischen uns. Ich stehe von Anfang an etwas unter Dir oder hinter Dir, Du hast es bestimmt nicht gewollt und ich auch nicht, aber es bringt Dich dazu, mit mir zu reden manchmal wie zu einer Schülerin, bald liebevoll, bald tadelnd. Ich bin aber, wenn ich nicht bei Dir bin, auch erwachsen, einem Mann gewachsen und lasse mir, wie die Brechtmädchen sagen würden, nichts gefallen. …

Deine Ingeborg.

Ich hoffe, dieser langweilige Nachtbrief ohne Inhalt langweilt Dich nicht zu sehr! Verzeih.“

 

Max Frisch und Ingeborg Bachmann. 1962 in Rom. Foto: Mario Dondero. Max-Frisch-Archiv/SV

 

16./17. Juli 1959 – Uetikon/Schweiz Max Frisch

„Es ist entsetzlich, Ingeborg, was du mir berichtest, dass du überhaupt nicht arbeiten kannst. Ich verstehe es, indem ich die äußeren Umstände erfahre. Rom wird für mich der Name einer Schuld. Im Winter dachte ich, Rom sei der Name unseres Sommers. Ich sah dich, als ich im Krankenbett lag und Rom sagte, unter fröhlichen Freunden in einer Stadt, wo Du am ehesten, so meinte ich immer, heimisch bist, ich war schon eifersüchtig auf deine Heiterkeit ohne mich. …

Wo habe ich dich, was das Geld betrifft so gekränkt? Du bist zutiefst gekränkt überhaupt, voll Hader gegen mich und wie ein Opfer. Inge, es ist seltsam, wenn ich deine Briefe wieder lese deine Briefe jetzt; zuerst freue ich mich über jedes Zeichen von Dir, bin bestürzt, wenn ich dich in so widrigen Umständen sehe, und froh um jeden Satz, der uns eine Zukunft lässt. Beim Wiederlesen dann suche ich nach Spuren der Zärtlichkeit, erschreckt, es ist, als habe ich sie mir nur eingebildet; hervortritt aus jeder Zeile, scheint mir dann der unausgesprochene Vorwurf, der zunehmende Groll, die Anklage mehr und mehr. …

Wir sollten einander nicht verklagen, wenn wir nicht arbeiten können; mir jedenfalls ist die Unfruchtbarkeit in allen Lebenslagen vertraut. Wir sollten nicht zusammenwohnen, sagte ich, und es war ein Schock für Dich, Du schriebst, dass ich Dich nicht liebe, dass ich keine Liebe habe zu deinem Körper; Du fühlst dich verstoßen, und in jedem Brief, fast in jedem, lese ich deine Bitterkeit darüber, indem Du dich unterwirfst wie eine Erniedrigte, dem Gedanken an getrennte Wohnungen unterwirfst, der Dir im Grunde unannehmbar ist, sagst Du, und ich bin es, der das Unannehmbare fordert. Wäre es doch so. …

Betroffen hat mich, Inge, was Du über „Herr und Magd“, sagst. Nicht wegen Altersunterschied, womit Du es begründest. Betroffen, weil Trudy mir öfters dasselbe gesagt hat. Ich weiß es nicht, dass ich unterdrücke; ich muss es glauben es kommt mir kurios vor, dass jemand mich fürchtet. Ich muss es glauben, da man es mir in meinem Leben mehr als einmal sagt.  …

Bin ich eine Mimose ein Tyrann aus Mimosenhaftigkeit? ein Grobian aus verlorener Spontaneität, mag sein. Erinnerst Du dich, wie ich mich, wie es mich nervös machte, als du immer einen Schritt hinter mir gingst? Ich wünsche es mir von keiner Frau, Dir glaube ich es auch gar nicht. Woher fragst du soll die Gleichberechtigung bei uns kommen? Einiges ließe sich im Vordergrund erklären. Du bist nicht nur ungewöhnlich gescheit, Du bist eine Dichterin, dazu bist du auch noch eine Frau; Du bist gewöhnt, dass Du auf Händen getragen wirst, wobei die Hände es leicht haben; es musste dich vorerst irritieren. Inge, dass ich dich nicht auf Händen trage. Hat sich Gleichberechtigung nicht oft für dich so ausgenommen, dass Du, ohne dich in Szene zu setzen, der Mittelpunkt bis? Du brauchst das, und das ist kein Übel; aber, dass ich mich zu Hause zum Herrn mache dir gegenüber, das ist ein Übel. … So grüßt Dich, Geliebte, dein Herr.“

 

Leonard Cohen übernimmt mit Suzanne Anfang/Mitte der sechziger Jahre einen Song über eine unerfüllte Liebe.

Amour fou – Fortsetzung folgt