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1945 – Ein kurzer Sommernachtstraum

Alles neu macht der Mai. Ein beliebter Kinderreim. In diesen Tagen freuen wir uns über jede Lockerung. Vor 75 Jahren war am 8. Mai 1945 ein ganzes Reich untergegangen. In den Ruinen der „Reichshauptstadt“ notierte die Berliner Schriftstellerin Ruth Andreas Friedrich in ihr Tagebuch: „Wie ein Spuk ist das Dritte Reich zerstoben. Mit den Hakenkreuzfahnen ist auch Herr Hitler auf den Abfallhaufen geflogen. Fahr zur Hölle, Führer und Reichskanzler!“ Über die geschundene Stadt legte sich eine bleierne Stille. Kein Geschützlärm mehr, keine Granaten. Aber auch kein Strom, kein Gas oder etwa Wasser aus der Leitung. Merkwürdig nur: Die Nazis waren plötzlich alle verschwunden. Wohin?

Immerhin: Keine drei Wochen nach der Kapitulation – genau am 26. Mai 1945 – blüht in den Ruinen ein erstes kulturelles Pflänzlein auf. Die Philharmoniker bitten zu ihrem ersten Nachkriegs-Konzert in den Steglitzer Titania-Palast. Das Premieren-Programm hat eine klare Ansage: Auftakt mit der Sommernachtstraum-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dessen Werke waren unter den Nazis zwölf Jahre lang verschwunden, verfemt und verboten. Weiter im Programm folgen Mozart und die Vierte Symphonie von Tschaikowsky. Am Pult steht der 46-jährige Leo Borchard, genannt Andrik. Ein glänzendes Comeback. Das Publikum feiert ihn.

 

Der erste Nachkriegs-Dirigent der Berliner Philharmoniker Leo Borchard. (1899-1945) Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 

Der erste Nachkriegsdirigent der weltberühmten Berliner Philharmoniker ist ein gebürtiger Moskauer. Anfang 1933 dirigierte er als Shooting Star die »Populären Konzerte«. Doch er musste den Dirigentenstab abgeben, wegen »politischer Unzuverlässigkeit«. Leo Borchard tauchte in Berlin ab, lebte fortan gemeinsam mit der Schriftstellerin Ruth Andreas Friedrich im inneren Exil. Er unterstützte still und effektiv die Widerstandsgruppe Onkel Emil, die im südlichen Bezirk Steglitz Verfolgten Schutz bot. Zwölf Jahre lang ein Leben zwischen Bangen, Hoffen und Warten auf einen Neuanfang.

 

Leo Borchard dirigiert Johann Strauß. Eine seltene Aufnahme von 1933.

 

Endlich. Mai 45. Nach Hitlers Ende nehmen die Berliner Philharmoniker Kontakt zu Leo Borchard auf. Er ist ihr Mann für die Zukunft. Andrik steckt voller Pläne, hat tausend Ideen. Noch gilt in Berlin die Ausgangssperre. Am 23. August 1945 bittet der Besatzungs-Offizier Thomas R. M. Creighton Leo Borchard zu einem Abendessen. Der britische Oberst ist ein großer Musikliebhaber. Die Abendgesellschaft plaudert in der Offiziers-Villa im Grunewald über Bach und Mendelssohn. Spät am Abend soll ein Chauffeur den Musiker zurück in seine Wohnung im amerikanischen Sektor bringen. Die damalige Sektorengrenze am Bundesplatz durchfährt der Fahrer ohne anzuhalten. Weisungsgemäß eröffnet der amerikanische Wachtposten das Feuer. Eine Kugel trifft den Dirigenten tödlich. Das tragische Ende eines hoffnungsvollen Comebacks an der Spitze der Berliner Philharmoniker. Die Hoffnung auf einen Neuanfang blieb ein kurzer Sommernachtstraum.

 

 

Diese Mai-1945-Episode findet sich auch in dem sehr empfehlenswerten Buch von Jens Bisky. Berlin. Biographie einer großen Stadt.

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Bis zum letzten Atemzug

Vor genau 75 Jahren. Das Dritte Reich liegt in den letzten Zügen. Der 23. April 1945 ist ein Montag mit typischem Aprilwetter. Sonne folgt auf Regen. Auf der Landstraße von Neuruppin nach Wittstock ist auf einmal das tausendfache Klappern von Holzpantinen zu hören. Elendsgestalten in Blöcken zu jeweils fünfhundert Mann schleppen sich gen Norden. Die SS verfolgt ihren letzten teuflischen Plan. Über dreißigtausend KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen sollen zur Ostsee getrieben werden, um dort auf Schiffen versenkt zu werden. Am 29. April 1945 können die Überlebenden in Mecklenburg befreit werden.

 

Reinhold Heinen (1894-1969) überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen Richtung Ostsee.  Foto: Wikipedia

 

Der 51-jährige Reinhold Heinen ist einer der Todeskandidaten. Er quält sich im Block der Politischen seit zwei Tagen über die Chaussee. Teilweise bewacht von ehemaligen Mitinsassen, also eigenen „Kameraden“, denen die SS Knüppel und damit ein Stück Macht übertragen hat. Vier Jahre Konzentrationslager in Sachsenhausen hatte der frühere Chefredakteur des „Aachener Volksfreunds“ überstanden. Der Düsseldorfer will auf keinen Fall noch in den letzten Stunden in einem Straßengraben enden. Heinen hat die Kraft, Tagebuch zu führen. An diesem Montagabend (23. April 1945) notiert er:

„Steif, missmutig, kein Wasser. Kein Kaffee, nichts Warmes. Wir marschieren, machen vor dem Dorf an der Bahnstation Halt, kochen ab und warten. (…) Unsere Gruppe in eine Scheune, sehr eng, aber es geht. Am Nachmittag, der marschfrei ist, kann man sich säubern, rasieren, hinlegen, schlafen. Aber die Enge ist zu groß. Einer muss über den andern klettern. Auf den sechs Kilometern, die wir zurückgelegt haben, zählte ich zwölf Tote im Straßengraben, darunter einen Holländer. Ein Mann lag noch mit dem Genickschuss lebend und verdrehte die Augen, verfolgte unseren Marsch mit seinen Blicken.“

 

April 1945. Eines der vielen Opfer des Todesmarsches von Sachsenhausen. Foto: Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald

 

Die märkische Landbevölkerung beobachtet den Zug der Todgeweihten aus 18 Nationen eher gleichgültig bis misstrauisch. Nur ganz wenige fassen sich ein Herz und helfen. Als der Elendszug am Pfarrhaus von Rossow (heute Ostprignitz-Ruppin in Nord-Brandenburg) zum Stehen kommt, bietet Pfarrerstochter Edith von Jüchen den völlig Erschöpften etwas Warmes an. „Eine Selbstverständlichkeit.“ Die damals 24-jährige wird diese Stunden nie vergessen: „Wir hörten die Schüsse. Die KZ-Häftlinge wurden bei uns im Hof einquartiert. Der Pfarrhof wimmelte voller Menschen. Wir kochten Pellkartoffeln. Es waren verhungerte Gestalten. Sie umlagerten uns, bedrängten mich voller Hunger und Gier in den Augen. Ich bekam richtig Angst, als ich die Töpfe in den Hof trug. Es waren keine Menschen mehr, sie wirkten wie wilde Tiere. Am nächsten Morgen zogen sie weiter.“

 

Ende April 1945. SS-Angehörige plündern Hilfsgüter des Internationalen Roten Kreuzes. Eine bizarre Besonderheit war, dass es dem Schwedischen Roten Kreuz erlaubt wurde, KZ-Häftlingen auf dem Marsch Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Quelle: Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald

 

Wenig später weiter nördlich in Wittstock. Der sechzehnjährige Werner Zimmermann ist mit einem versprengten Trupp auf wilder Flucht vor der Roten Armee. Alles löst sich auf. Statt vom Endsieg träumt der Volkssturmjunge aus Köpenick nur noch vom Überleben. Der Schüler will kein Kanonenfutter mehr sein, genau wie seine Kameraden. In der Nähe des Flugplatzes Wittstock sieht er plötzlich den Todesmarsch aus nächster Nähe.

„Wir lagerten völlig erschöpft am Straßenrand. Unser Unteroffizier rief: „Keiner steht auf. Keiner rührt sich.“ Wir sahen die Leute. Das nackte Elend. Alle nur Haut und Knochen. Ein Häftling stürzte auf der Straße. Ein SS-Mann mit Hund brüllte: „Auf, aber dalli.“ Der Häftling rührte sich nicht. Dann schoss er mit seiner Pistole. Peng! Den Mann stieß er mit den Füßen in den Graben. Wir waren entsetzt, wollten helfen. Unser Leutnant brüllte: „Kein Aufsehen! Keiner geht hin!“ Wir haben uns dann in die Wälder zurückgezogen. Als wir später die Straße noch einmal passierten, habe ich viele Tote gesehen. Links und rechts von der Straße.“

 

Todesmarsch Belower Wald bei Wittstock. Quelle: BHS-tv 1995

 

Der Düsseldorfer Reinhold Heinen überlebte den Todesmarsch. Der christliche Verleger gründete nach seiner Rückkehr im rheinischen Düren die örtliche CDU. Er ist 1969 verstorben. Pfarrerstochter Edith von Jüchen lebt heute 95-jährig in Schwerin und nimmt weiter hellwach am Geschehen teil. „Nie wieder“ ist ihr Lebensmotto. Hitlerjunge Werner Zimmermann geriet Anfang Mai 1945 im Raum Schwerin in US-Gefangenschaft. Der mittlerweile 91-jährige wohnt wieder in Berlin-Köpenick.

Mehr über den Todesmarsch von Sachsenhausen in So viel Anfang war nie. Notizen aus der ostdeutschen Provinz.

So viel Zukunft war nie

Mein Krankenhaus, in dem ich seit drei Jahren ehrenamtlich mithelfe, ist geschlossen. Im gegenwärtigen Corona-Modus sind ganze Stationen geräumt und isoliert worden. Bisher blieb der große Ansturm aus. Gott sei Dank. Aber was ist mit dem Stammpersonal? Wie geht es den Pflegekräften und der Ärzteschaft? In Nachrichten und Talkshows sind Virologen Dauergäste. Aber Pflegerinnen und Pfleger, Schwestern, Stationsärzte? Fehlanzeige oder ganz seltene Ausnahmefälle. Dabei sind sie hautnah ganz vorne und am intensivsten an Corona-Patienten. Was auf der Hand liegt: Statt Balkon-Beifall für Pflege- und Stationspersonal wären angemessene Löhne und Gehälter eine wirkliche Verbesserung. Ein Schritt in die Zukunft.

Der 23-jährige Alexander Jorde ist einer der wenigen, der offen über die Schwächen im Gesundheitssystem redet. Der Krankenpfleger in Hannover hat sich einmal in einer Wahlsendung mit Angela Merkel angelegt. Da sagte er über den Alltag auf den Stationen: „Die Würde des Menschen wird tagtäglich in Deutschland tausendfach verletzt“. Pfleger, Schwestern, Ärzte sind „systemrelevant“. Wie einst Banken. Diese schlitterten damals in eine selbstverschuldete Krise. Folge ihrer hemmungslosen Zockerei. Sie wurden mit Milliarden Euros gerettet.

 

 

In den Krankenhäusern muss mit den Folgen eines weltweit außer Kontrolle  geratenen Virus ganz alleine gerungen werden. Wie sieht deren Schutzschild aus?  Tja. Es herrschen Atemnot, Improvisation, Stress und manchmal ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten. Gesundheitsminister Jens Spahn setzte als Sofortmaßnahme die Personaluntergrenzen aus. Noch mehr Druck. Dabei liegt der Pflegeschlüssel bereits bei gegenwärtig 13:1. Das heißt eine Pflegekraft versorgt im Schnitt 13 Patienten. Das ist einer der schlechtesten Werte in Europa. Schutzmasken müssen wegen Mangel in vielen Krankenhäusern mehrfach getragen werden. Kollegen fallen wegen Krankheit aus. Es gibt ein hohes Risiko selbst infiziert zu werden. Bei 12% liegt die Rate in Spanien. In Deutschland weiß man es nicht, es wird zu wenig getestet.

 

Vhelalde aus Mailand interpretiert mit ihrer Band einen Klassiker.

 

„Wir haben genügend Betten, wir haben genügend Beatmungsgeräte, wir haben sogar meistens auch genügend Ärzte. Aber wir haben nicht genügend Pflegekräfte“, sagt Pfleger Alexander Jorde. Er hofft, dass in Corona-Zeiten endlich ergebnisorientiert debattiert wird, wer die Gesellschaft am Laufen hält. Zum Beispiel seine Kolleginnen und Kollegen, genau wie die vielen Kassiererinnen, Kuriere, Lkw-Fahrer oder Erntehelfer. Jorde appelliert: „Wir müssen gemeinsam für bessere Löhne und anständige Arbeitsbedingungen kämpfen. Auch nach Corona.“ Ein frommer Wunsch des 23-jährigen aus Hildesheim? Jung und naiv?

 

So sieht Banksy in England die Quarantäne-Zeit. Seine Frau hofft, dass er bald wieder raus kann.

 

Was wird, wenn das Kontaktverbot wieder fällt und wir in den ersehnten Normalmodus zurückkehren? Lernen wir aus der staatlich verordneten Zwangspause? Die Chance ist da. Jetzt. Noch ist die Tür einen Spalt weit geöffnet. So viel Zukunft war nie.

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„Da müssen wir durch“

Leben im Sperrgebiet. Die Sonne strahlt. Kraniche ziehen übers Land. Birken blühen auf. Kröten wandern. Nicht wenige bleiben platt am Straßenrand zurück. Trecker auf Feldwegen wirbeln dickbraune Staubwolken auf. Sie schütten literweise streng riechende Gülle auf ihre Äcker. Es ist eigentlich wie jedes Frühjahr. Die märkische Heide ist im dritten Jahr staubtrocken. Wir warten auf die Störche. Oder gilt für sie auch das neue Einreiseverbot wie für alle Fremden, besonders diejenigen aus Berlin? Das kleine Herzdorf, wie unser Dorf in meinem Buch heißt, befindet sich seit zwei Wochen mitten in der Verbotszone. Der zuständige brandenburgische Landkreis OPR (Ostprignitz-Ruppin) hat ein Betretungsverbot erlassen. Corona führt Regie.

 

Kröten im Sperrgebiet. Mutter Natur hat folgendes arrangiert: das Weibchen trägt den etwas kleineren Kröterich im Huckepack zum Ort der trauten Gemeinsamkeit.

 

Wenige Tage vor Ostern fiel überraschend das Einreiseverbot. Nun dürfen Berliner mit Zweitwohnsitz ihre Feriendomizile wieder betreten. Zwei Berliner hatten sich mit ihrer Klage vor Gericht durchgesetzt. Einer der Kläger ist unser Nachbar. Und die Einheimischen? Sie sind hin- und hergerissen. Sie ziehen sich auf eingeübte Positionen zurück. „Was soll man machen? Die da oben machen sowieso was sie wollen.“ Selbst in schlimmsten Corona-Zeiten wie diesen bewährt sich die gewohnt märkische Sturheit. Manche nennen es Lebensklugheit.

Auf den ersten Blick präsentiert sich das „verbotene Land“ wie immer zu Ostern. In den Vorgärten mit bunten Eiern geschmückte Sträucher. Im Park ein beeindruckender Holzstapel. Doch das Osterfeuer fällt aus. Erstens wegen Waldbrandgefahr. Wie im Vorjahr. Zweitens wegen Corona, natürlich. Dieses Jahr gibt es strafverschärfend weder Bier am Feuerwehrhaus. Noch das Osterkonzert für bildungshungrige Besucher. Kein Reiten für Kinder. Kein Bett über Nacht. Eine Landfrau winkt ab. „Da müssen wir durch. Ist immer noch besser als Krieg. Wir haben zu essen, zu trinken, der Fernseher läuft. Wird schon werden.“ Sie lächelt und geht hinter die Scheune Holz hacken.

 

Frühling 2020 im Corona-Sperrgebiet. Freundlich aber staubtrocken.

 

Die Corona-Krise erinnert die Älteren im Dorf an den ungewöhnlich warmen Frühling 1945. Es waren Monate der Zeitenwende ohne Fernseher, Whatsapp oder Facebook aber mit Durchhalteparolen, Endsieg-Geschrei, Tieffliegern, Rotarmisten auf Panje-Wagen, Wodka, Vergewaltigungen, Kapitulation, Befreiung. Als urplötzlich alle Nazis weg waren und der Hunger zum täglichen Küchenmeister wurde. Als aus Graupen Suppen gezaubert und Katzen zu Delikatessen verarbeitet wurden. Als ein einziges Brot einen ganzen Wochenlohn wert war. Was die Kunst des Erinnerns heute ausrichten kann, ist möglicherweise die Erfahrung, dass uns das Erzählen solcher Situationen wieder zu Bodenhaftung und Demut verhelfen kann. Wenn wir bereit sind zuzuhören.

Aktualisierung: Eine gute Nachricht vom Lande. Der Storch ist seit dem 10. April 2020 wieder da.

Zur Kunst des Erinnerns noch eine spannende viertelstündige Kurzgeschichte von einem gewissen Robert Zimmermann, besser bekannt als Bob Dylan. Er lässt in seinem brandneuen Sprechgesang Murder most foul einen Mann aus hoffnungsvollen Zeiten wiederauferstehen – John F. Kennedy. Es ist Dylans Geschichte zu Ostern 2020.

Seid in diesen Ausnahmezeiten alle digital gedrückt!

 

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Der Brotaufstand von Rahnsdorf

AKTUALISIERT am 5. April 2022

Es ist wieder Krieg in Europa. Diesmal haben die russischen Streitkräfte unter Putin das Völkerrecht gebrochen und die Ukraine überfallen, um sie „zu befreien“. Vor 77 Jahren kamen die Russen tatsächlich als Befreier. Anfang April 1945 kehrte der Krieg  nach Berlin zurück, wo er von Hitler vom Zaun gebrochen wurde. Die Rote Armee setzte zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärte im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr meldete der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollten nicht mehr kämpfen. Sie versteckten sich in Kellern, hungerten und kämpften ums Überleben. „Reichsverteidigungskommissar für den Gau Berlin“ Joseph Goebbels verfügte eine Sonderbrotverteilung nur noch für NS-Parteigenossen.

 

Die ehemalige Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann: „Es gibt kein Brot mehr. Nur noch für Parteigenossen!“ Hunderte Menschen versuchten am Vomittag des 6. April 1945 verzweifelt an Brot zu kommen.  Foto: Werner Zimmermann, 1998.

 

Die Nachricht erreicht Berlin-Köpenick am 6 . April 1945. Es ist ein frühlingshafter Freitag. Im Ortsteil Rahnsdorf wird bekannt, dass die Bevölkerung kein Brot mehr erhalten soll. Hunderte Frauen, Kinder und Alte eilen zu den drei Bäckern des Ortes. Zwei verkaufen das Stück zu 50,- Pfennig, bis alles weg ist. Beim zentralen Bäcker in der Fürstenwalder Allee 27 weigern sich die nazitreuen Bäckersleute Brot an die Bevölkerung abzugeben.  Sie alarmieren NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann.  – „Es gibt kein Brot mehr. Nur noch für Parteigenossen!“ – Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Lage eskaliert. Erregt versucht eine vielköpfige Menge den Bäckerladen zu stürmen.  Reinhard Heuback war damals zehn Jahre alt. Der damalige Schüler erinnert sich genau. „Der komische Gathemann stand mit der Pistole in der Hand. Ich durfte noch gehen. Andere wurden verhaftet, in den Knast gesperrt.“

 

Margarete Elchlepp (1899-1945). Mit dem Tischler Max Hilliges als  „Rädelsführer“ enthauptet.  Foto: Familiennachlass Elchlepp

 

Der fanatische Nazifunktionär meldet der Gestapo den Tischler Max Hilliges (53) und die beiden Frauen Margarete Elchlepp (45) und deren Schwester Gertrud Kleindienst (36) als „Aufrührer“. Sie seien „Volksschädlinge“, würden sich widersetzen. Hilliges ist im Laden mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Er liefert sich mit dem NS-Mann, der mit der Waffe herumfuchtelt, ein Wortgefecht: „Gib doch den Frauen Brot, sie wollen es ja nicht für sich, sondern für ihre Kinder.“ Dann setzt Hilliges nach: „Es dauert ja nicht mehr lange, dann musst du deinen braunen Rock auch ausziehen.“ Noch am gleichen Tag gegen 18 Uhr wird der Tischler in seiner Wohnung verhaftet. Die Gestapo nimmt insgesamt 15 Personen fest, die zum Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht werden. Ein Standgericht verurteilt den Tischler und die beiden Schwestern Margarete und Gertrud am nächsten Tag als „Rädelsführer“ zum Tode.

 

Hier starben Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht vom 7. auf den 8. April 1945 – drei Wochen vor Kriegsende. Sie gehörten zu den letzten Opfern in Plötzensee. Quelle: Gedenkstätte Plötzensee

 

Keine drei Stunden nach dem Todesurteil werden Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht des 7. April 1945 gegen 0.45 Uhr in der Haftanstalt Plötzensee enthauptet. Die dritte als „Rädelsführerin“ zum Tode verurteilte Gertrud Kleindienst, Mutter von drei Kindern, wird  von Gauleiter Goebbels in letzter Sekunde zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt. Hitlers Propagandaminister notiert in seinem Tagebuch am 8. April 1945: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“ Am Tag darauf werden die Hinrichtungen „unter Trommelwirbel“, so Augenzeuge Heubeck, auf dem Bismarckplatz vor der Bäckerei verkündet. „Zur Abschreckung“ kleben NS-Genossen Flugblätter mit der Nachricht mit den vollzogenen Todesurteilen an Laternen und Bäume.

Keine zwei Wochen später marschiert am 21. April die 1. Weißrussische Front der Sowjetarmee im Berliner Vorort Rahnsdorf ein. NS-Ortsgröße Gathemann taucht in den Wirren unter. Für immer. Gerüchte besagen, er und seine Familie seien im Müggelsee „ins Wasser gegangen“ Tatsächlich führen die Spuren nach Moskau. Nach einem bislang unbestätigten Aktenfund soll Gathemann „zum Tode durch Erschießen“ verurteilt worden sein. Wann und wo, ist unklar. Eine Anfrage zum Verbleib Gathemanns ist beim zuständigen Militärstaatsanwalt in Moskau auf dem Wege. Gertrud Kleindienst aber überlebt. Sie wird am 2. Mai 1945 aus dem Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel befreit. Im September 1945 kehrt sie nach Rahnsdorf zurück.

 

Diese erste (fehlerhafte) Gedenktafel wurde 1998 an der ehem. Bäckerei Deter angebracht. Sie verschwand vor einigen Jahren spurlos. Tatsächlich wurden drei Todesurteile verkündet, zwei davon vollzogen.

 

Nach 1945 wird es viele Jahrzehnte still. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang gerät die Geschichte vom Brotaufruhr der Frauen in Vergessenheit. Selbst die Angehörigen der Opfer halten sich bedeckt. Dietrich Elchlepp lebt in Denzlingen bei Freiburg. Er gehört zur Familie der hingerichteten Margarete Elchlepp: „Ich erinnere mich noch sehr genau, wie die Familie allerdings nur sehr leise darüber sprach, mit einem gewissen Erschrecken auch im Gesicht. Aber es wurde nicht ausführlich über diese Ungeheuerlichkeit gesprochen. Man wollte es und konnte es anfänglich gar nicht glauben, was geschehen war. Das wohl der Hintergrund für das Schweigen“,  Der heute 83-jährige Ministerialdirigent i. R. über den tragischen Tod seiner Tante: „Ich war bei Kriegsende acht Jahre alt. Von meinem Onkel Walter (dem Witwer) weiß ich nur, dass er sagte, sie sei wegen einer Nichtigkeit kurz vor Kriegsende hingerichtet worden“.

Was wurde aus dem fanatischen NS-Mann Gathemann? Über ein dreiviertel Jahr ließ das angefragte Moskauer Justizministerium auf eine Antwort warten. Ende 2021 teilte der russische Militärstaatsanwalt auf unsere ZDF-Anfrage mit, dass NS-Ortsgruppenführer Gathemann am 1. August 1945 hingerichtet wurde. Er habe sich an „Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit“ schuldig gemacht. Das bedeutet: Auch der Denunziant Gathemann war nach Kriegsende denunziert worden.Wo genau das Urteil „Tod durch Erschießen“ vollzogen wurde, teilte die russische Justiz nicht mit.

1998 organisierten einige couragierte Bürger eine Gedenktafel am Ort des schrecklichen Geschehens. Die ehemalige Bäckerei wurde mittlerweile verkauft, das Haus vorbildlich renoviert, nur die Tafel verschwand. Seit 2016 versucht der Verein Bürger für Rahnsdorf  wieder eine Gedenktafel am Haus anzubringen. Der neue Hausbesitzer weigerte sich. Nach nun mehr als sechs Jahren Debatten, Petitionen und anschließendem Berliner Behördenbingo soll jetzt tatsächlich „noch in diesem Jahr“ eine neue Gedenk-Stele vor der ehemaligen Bäckerei aufgestellt werden. Diesen Informationsstand teilte der Bürgerverein Rahnsdorf mit. Stand: Anfang April 2022.

 

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Bruderliebe

Es sind Dokumente ohnmächtiger Wut. Botschaften an den Bruder. – „Die Person“. „Unser Wüterich.“ „Der raubgierige Mensch.“ „Der Hanswurst.“ „Der größte Schmutzfink und Geizhals.“ „Die gemeinste Bestie, die Europa hervorgebracht hat.“ „Der garstigste und boshafteste Dummkopf.“ „Der Tyrann.“ – Reicht´s? Ich denke ja. So bezeichnet ein ehrwürdiger Prinz seinen vierzehn Jahre älteren Bruder. Objekt der Verwünschungen: Der preußische König Friedrich II. Genannt „Friedrich der Große.“ Volkstümlich besser bekannt als „Alter Fritz“.

Der Unglückliche? Sein kleiner Bruder. Prinz Heinrich von Preußen. Zeitgenossen nannten ihn den „König von Rheinsberg“. In der idyllischen Provinz fernab von Macht und Hofstaat lebte 46 Jahre lang der ewige Zweite im Preußenstaat. Der vergessene Monarch. Dabei war Heinrich ein Mann von Charme, Format und Charakter. Heinrich der Kleine war kunstsinnig, europäisch und auch eine Prise schwul.

 

In vollem Ornament. Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen. (1726-1802) Der kleine Bruder vom „großen“ Friedrich. Der ewige Zweite im Preußenreich und vergessene Monarch.  Quelle: Wikipedia

 

Sein Pech. Er war das dreizehnte von vierzehn Kindern aus dem Hohenzollern-Clan. Eine reelle Chance auf den Thron hatte er nie. Sein großer Bruder Friedrich II stand ihm zeitlebens im Wege. Heinrich durfte als Offizier auf den Schlachtfeldern die Kastanien aus dem Feuer holen. Er war ein hochangesehener Feldherr. Beliebter bei seinen Soldaten als der sagenumwobene Alte Fritz, weil er im Gegensatz zu seinem Bruder nicht ständig seine Untergebenen schikanierte. Heinrich rettete als Diplomat in Verhandlungen mit der russischen Zarin Katharina der Großen die Zukunft des Preußenstaates. Alles im Auftrage seines poltrigen Bruders.

All sein Geschick, all seine Fähigkeiten nutzten Heinrich nichts. Im Gegenteil. Friedrich II stellte ihn in mit der Schenkung von Schloss Rheinsberg kalt, zwang ihn zu heiraten, obwohl er dies nicht wollte. Heinrich grollte fortan in der Provinz. Doch er machte aus der Not eine Tugend. In der märkischen Einöde von Rheinsberg organisierte er im Sommer Hoch-Kultur mit Theater, Oper und rauschenden Festen. Ein Erbe, das bis heute währt. Als sein kauziger missgelaunter Bruder 1786 starb, hoffte er vergeblich auf die Thronfolge. Intrigen am Berliner Hof verhinderten seinen Zutritt zur Macht. So blieb ihm nur beleidigte Zurückgezogenheit. Aus Feigheit? Oder war es doch die Klugheit eines uneitlen, bürgernahen Weltbürgers aus Rheinsberg?

 

Friedrich der Große hat den Hut auf. Mit dabei: Prinz Heinrich, der jüngere Bruder und Neffe Friedrich Wilhelm II. Er beerbt seinen Onkel, den „Alten Fritz“ 1786. Heinrich geht leer aus.    Quelle: CC-BY-NC-SA @ GLEIMHAUS Museum der deutschen Aufklärung

 

Sein älterer Bruder Friedrich II verspottete ihn am Ende nur noch zynisch. „Ich bin es müde über Sklaven zu herrschen.“ Was wurde aus Heinrich? Er gestaltete seinen Zufluchtsort Rheinsberg mit Theater und Park, Obelisk und Pyramide. Ganz nach seinen Vorstellungen. Nach seinem Tode 1802 wurde der kunstsinnige Prinz rasch vergessen. Der raubeinige Haudegen Friedrich II hingegen schaffte es zum Mythos – bis heute. Auf seine Grabplatte an der Pyramide von Rheinsberg ließ Heinrich folgende Inschrift eingravieren.

„Wanderer! Erinnere dich, dass Vollkommenheit nicht auf Erden ist. Wenn ich auch nicht der beste der Menschen habe sein können. Wenigstens gehöre ich nicht zu der Zahl der Bösen.“

Sein Vermächtnis verfasste Prinz Heinrich keineswegs im zeitgemäß preußischen Deutsch. Der kleine Bruder Friedrich Heinrich Ludwig wählte in Zeiten der Revolution das für ihn passendere Französisch. Die Kultur, die er so liebte.

 

 

 

Hinweis

Wer das schöne Rheinsberg in diesen Tagen besuchen will, muss sich gedulden. Der zuständige Landkreis hat am 23. März 2020 in einer Allgemeinverfügung „Reisen aus privatem Anlass zu touristischen Zwecken“ untersagt. Das Potsdamer Verwaltungsgericht hat das Betretungsverbot für Zweitwohnungsbesitzer mittlerweile gekippt. Für alle Touristen gilt die Verordnung weiter. In gutem alten DDR-Deutsch bedeutet das über Ostern: Einreiseverbot.

Das Schloss

Die Lage ist traumhaft. Hoch über dem Bodensee. Blick auf die Insel Reichenau. Gesichert durch Zäune versteckt sich Schloss Eugensberg hinter hohen Hecken im Kanton Thurgau, diskret wie ein Schweizer Nummernkonto. Ein Paradies auf Erden. Viele Millionen Franken wert. Sechs komfortable Wohnräume im Empire-Stil, elf Schlaf- und fünf Badezimmer. Pool, ein Tempel und selbstredend ein eigener Tennisplatz. Das Schloss hat eine sehr spezielle Geschichte. Zu berichten ist von stetem Aufstieg und Fall. Dieses Schloss verschlingt seine Bewohner.

 

https://youtu.be/xgsMdHVa_Go

 

Anfangs residierte der Hochadel, später der europäische Geldadel. Eugène de Beauharnais, Stiefsohn Napoleons und Vizekönig von Italien, ließ das klassizistische Schloss zwischen 1819 und 1821 errichten. Er vermachte aus Krankheitsgründen das Anwesen seiner Tochter Eugénie, der das Schloss gleichfalls wenig Glück brachte. Sie musste verkaufen. Später erwarb ein Augsburger Geschäftsmann das Schweizer Traumschloss. Der Deutsche hatte sein Vermögen „mit Balsam und Lebensessenzen“ gemacht. Auch er erkrankte wie der Bauherr schwer, verkaufte es weiter an eine Gräfin Amelie von Reichenbach-Lessonitz.

Nach ihrem Tod verkaufte die Tochter das Schloss an den Schweizer Großindustriellen Hippolyt Saurer aus Arbon. Dieser modernisierte das hochherrschaftliche Anwesen in der Zeit des I. Weltkrieges. Er blieb immerhin bis 1936 alleiniger Schlossherr. Nach Jahren der Ungewissheit im II. Weltkrieg wurde das Schloss 1948 für 850.000 Franken an die Diakonie verkauft. Vierzig Jahre lang diente das Schloss als Ferien- und Erholungsheim. Eine schöne Zeit für Familien mit Kindern, völlig ohne Skandale, Spekulation und Pleiten.

 

Schloss Eugensberg. Napoleons Stiefsohn ließ 1819 bis 1821 Schloss und Park an der Südseite des Bodensees anlegen.

 

Doch das Anwesen wurde der Diakonie zu teuer. 1990 schlug der Schweizer Autohändler Hugo Erb zu. Ein tüchtiger Patriarch alter Schule. Erb hatte sein Milliarden-Imperium mit Auto- und Kaffeehandel aufgebaut. In Glanzzeiten beschäftigte er über 5.000 Mitarbeiter. Die DDR wurde sein Verhängnis. Der Selfmade-Mann aus Winterthur verspekulierte sich in den Goldgräberjahren der Nachwendezeit. Er kaufte ostdeutsche Immobilien, die sich als Reinfall erwiesen. Sein Imperium mit sechzig Firmen stürzte ab.

Sohn Rolf Erb, ein gelernter Kunsthistoriker, übernahm den Konzern, konnte die Pleite aber nicht verhindern. 2.4 Milliarden Franken Schulden bedeuteten 2007 das Aus. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Patriarchensohn Rolf wurde wegen Betrug, Urkundenfälschung und Gläubigerschädigung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Vergeblich beteuerte er seine Unschuld. Ende März 2017 entschied das Gericht, der 65-jährige müsse hinter Gittern. Acht Tage später wurde er tot im Dachzimmer des Schlosses aufgefunden. Das Herz.

 

Seit 2019 residiert auf Schloss Eugensberg der deutsche Internetmillionär Christian Schmid. Foto: Wikipedia

 

Jahrelang stand das Schloss leer. Nun zieht ein Deutscher mit seiner Schweizer Gattin ein. Kaufpreis über 36 Millionen Franken. Die wahre Summe bleibt Geschäftsgeheimnis. Der neue Mann auf Schloss Eugensberg heißt Christian Schmid, stammt aus Tübingen und ist 39 Jahre alt. Das Internet hatte ihn reich gemacht. Gegen seine einstige Datenspeicherfirma «Rapid-Share» laufen zwar ein paar Klagen wegen Urheberrechtsverletzungen. Geschenkt. Das kinderlose Schlosspaar will das Anwesen „erhalten“. Der Rest spielt sich – wie seit genau zweihundert Jahren – hinter blickdichten Hecken und hohen Zäunen ab.

Das Wunder von Wilmersdorf

Berlin ist Corona-Sperrzone. Berlin hat den Klimanotstand ausgerufen. Berlin taumelt zuverlässig und manchmal selbstverliebt von Krise zu Krise. Und doch geschehen Zeichen und Wunder. Am 18. März 2020 gegen 12 Uhr 20 fuhr ein mit Jungbäumen beladener LKW vor. Entschlossen packten mehrere Männer an und hievten mit Hilfe eines Krans einen dünnen, aber ambitionierten Spitzahorn auf die verwaiste Fläche vor unserem Haus. Sie pflanzten einen Baum! Unfassbar. Ein kleines Wunder.

 

Der Neue grüßt. Ein Spitzahorn, gepflanzt mitten in Corona-Zeiten.

 

Potzblitz! Donnerwetter! Stockschwerenot! Was ist nur passiert? Wie ist das möglich? Egal. Was zählt sind Glücksmomente und Gänsehaut-Gefühle. Es ist geschehen. Es geht doch! Nach exakt 895 Tagen Warten, Bitten, Fluchen und Hoffen, nach einem Dutzend Protestbriefe, mal kämpferisch, mal ironisch, mal resignativ, nach unzähligen Telefonaten ließ die zuständige Senatsverwaltung tatsächlich einen Ersatzbaum pflanzen. Nun muss der kleine Straßenfeger nur noch kräftig wachsen.

Nur zur Erinnerung. Das Sturmtief Xavier brauste am 5. Oktober 2017 in wenigen Minuten über Berlin hinweg. Der Orkan mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 140 Stundenkilometern erwischte auch unseren kräftigen Ahornbaum. Er knickte ächzend und stöhnend geradezu wie in Zeitlupe auf den Mazda unserer Nachbarin. Niemand wurde verletzt. Gott sei Dank! Sie war zwanzig Minuten zuvor ausgestiegen. Dann blieb die Fläche genau zwei Jahre und sechs Monate eine Hundeauslauf – und -Abwurfstelle.

 

5. Oktober 2017. Orkan Xavier legte „unseren“ Hausbaum gezielt auf das Auto unserer Nachbarin. Unsere Räder blieben verschont.

 

Mitten in der Corona-Krise setzt das kleine Bäumchen nun ein kleines Zeichen. Lasst die Hoffnung wachsen. Wie heißt es bei Max Frisch: „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“  Zum guten Schluss muss das jetzt ausnahmsweise einmal sein: Allen Spendern und namentlich Susanne Lippert von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sei herzlich gedankt. Die Senatsmitarbeiterin war die Einzige in der Verwaltung, die mit Heiterkeit und Zuversicht unser Projekt unterstützte. Stadtbäume spenden geht übrigens nach wie vor. In Berlin sind allerdings – wie zu sehen – viel Geduld und ein verdammt langer Atem nötig. Anyway. Das Ergebnis zählt.

 

*** Aktualisierung  24. März 2020 ***

Mittlerweile wurde der Ahornbaum auch ordentlich eingehaust. Dabei erhielt der Baum eine Plakette: „Stadtbaum gespendet von Thea & Andrea 2020.“ Also zu früh gefreut: Das ist doch nicht unser Baum, auch wenn er jetzt vor unserem Haus steht. Ohne Posse kann diese Geschichte einfach nicht enden. Ich bleibe weiter dran und versichere allen Spendern, dass wir einen Ersatzbaum pflanzen werden. Irgendwo, irgendwie, irgendwann.

Fortsetzung folgt.

 

Der neue „Stadtbaum – gespendet von Thea & Andrea“

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Die Quittung?

Die Zeugen Jehovas stehen in doppelter Personal-Stärke am Bahnhof Friedrichstraße. Entschlossen und stumm halten sie ihren „Wachturm“ den Vorbeieilenden ins Gesicht. Doch kaum einer der Berlinerinnen und Berliner schaut auch nur auf. Dabei haben die Zeugen Jehovas in diesen Tagen richtig Rückenwind. Sie sagen: „Liebe Brüder, wir sind nun absolut sicher, dass Jehova den Corona-Virus dazu bestimmt hat, Harmagedon zu starten. Aus diesem Grund empfehlen wir Euch mit sofortiger Wirkung alle Spenden an die Organisation einzustellen, wir brauchen kein Geld mehr. Matth. 6:19.“ Nun kommt also das große Finale.

Die Erlösung von allem Bösen. Denn, so ihr Originalton: „Aus der Bibel wissen wir, dass Seuchen ein auffallendes Merkmal der letzten Tage sind (Lukas 21:11). Breitet sich eine Krankheit aus, ist es vernünftig, Schutzmaßnahmen für sich und andere zu ergreifen (Sprüche 22:3).“ Schützen. So viel Realitätssinn ist folglich erlaubt.

 

Schutz. Erlösung. Rettung. Die Heilsbringer aller Schattierungen sehen ihre Stunde gekommen. Denn nun heißt es: Halt auf freier Strecke. Die Dauer-Happy-Hour-Party ist vorbei. Ist die Gesellschaft außer Kontrolle? Nein. Noch lange nicht. In diesem Fall Gott sei Dank. Aber es dämmert, dass der Knopfdruck-Amazon-Kapitalismus an sein Limit geraten ist. Unsere Wohlstandskette ist gerissen, die da lautet: Auswählen. Bestellen. Liefern lassen. Konsumieren. Bei Nichtgefallen zurückschicken.

Die Globalisierung frisst ihre Kinder. Verhandelt wird das Ende der bequemen Sofa-Mentalität in den Komfortzonen dieser Welt. Was folgt, ist nahezu logisch. Panikkäufe, Hamstern, Schuldzuweisungen. Im großen Ringen um die Lufthoheit über unser Denken, Fühlen, Handeln heißt es: Schuld sind wahlweise die Chinesen, Russen, Europäer oder Amerikaner. Je nach Lesart und Standort.

 

Mutmacher-Songs. Musik hilft. Musik heilt. Eine kleine Auswahl.

 

Selbstverständlich hat unsere Angst einen harten, berechtigten, finsteren Kern. Die Corona-Seuche ist – noch – nicht kontrollierbar. Sie macht, was sie will. Sie kann jeden treffen, wie im letzten Krieg die Bomben, die vom Himmel auf Städte und Dörfer, Paläste und Hütten fielen. Kein Luftschutzbunker war sicher genug. Heute ist die Lage noch komplizierter: Viren sind nicht zu sehen, nicht zu hören oder zu fühlen. Sie können uns auf jedem Weg erreichen. Über den Partner, die Familie, den besten Freund oder meinetwegen auch den Lieblingsfeind.

Der Virologe Alexander Kekulé stellte folgende Corona-Formel auf: „Ein Kind, das irgendwo in der Schule sitzt und als Corona-Fall nicht erkannt wurde, hat in acht Wochen ungefähr 3000 Personen infiziert. Das können Sie ganz einfach nachrechnen. Etwa 0,5 Prozent sterben, das bedeutet wegen einem nicht entdeckten Kind sterben etwa 15 Menschen.“ Jede und jeder kann die Corona-Fracht weitertransportieren. Noch ein Beispiel aus der Praxis: Vor der Schließung, dem großen Shutdown in Berlin infitizierte ein ahnungsloser Corona-Träger im Club Trompete weitere 16 von 48 Gästen. War die Party so wild? Sie werden doch nicht alle aus einem Glas getrunken haben?

 

 

Was tun? Klar. Händewaschen. (Beim Waschen 2mal „Happy Birthday, verfluchter Virus“ singen; das reicht). „Sozialkontakte“ meiden. Ruhig bleiben. Aber es geht um mehr: zum ersten Mal sind wir bei diesem Stresstest ganz auf uns selbst zurückgeworfen. Das ist, ehrlich gesagt, eine große Chance. Wir können allen Ballast abwerfen, uns auf das Wesentliche konzentrieren. Nachbarn, Kranken und Schwachen helfen, Garten pflegen, Wohnung renovieren, Bücher lesen, wunderbare Lieder hören. Das bloße Hören von Lieblingssongs hilft, das ist wissenschaftlich belegt. Musik zielt direkt auf das limbische System im Gehirn. Dort werden sämtliche Gefühle gesteuert. Mutmacher-Musik macht die Angst in extremen Zeiten kleiner, gibt Halt. Ganz ohne Nebenwirkungen übrigens.

 

Scheitern als Chance

„Das Echte suchen, das Falsche demaskieren.“ Oder: „Inszenieren, um das Inszenierte offenzulegen.“ Das sind Sätze Marke Christoph Schlingensief. Merkwürdig. Er ist mittlerweile seit zehn Jahren tot, doch seine Arbeiten sind lebendiger denn je. Seine  stets umstrittenen Inszenierungen lagen einfach ein paar Schritte zu weit in der Zukunft. Der Theatermann war seiner Zeit voraus. Schlingensiefs Botschaft: Probiert Euch aus. Scheitern gehört dazu. Es ist eine Chance. Ein neuer Dok-Film von Bettina Böhler, zwei Stunden und zehn Minuten lang, erinnert nun an den Visionär aus Oberhausen: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien.

 

 

Schlingensief hatte mindestens sechs Leben. Mit der Super-8-Kamera seines Vaters hielt er die Wirtschaftswunder-Bundesrepublik fest. So dokumentierte er als Teenager sein Elternhaus. Das war zutiefst staatstreu, katholisch, rheinländisch. Vater Apotheker, Mutter Krankenschwester. Er scheiterte an der Filmhochschule, um danach richtig loszulegen. Er inszenierte (sich) als Bürgerschreck, brachte als Neuling mit 100 Jahre CDU einen Aufreger auf die Berliner Volksbühne.

Der Autodidakt tanzte nackt in der U-Bahn, karikierte Mainstream-Talkshows, trommelte in brandenburgischen Dörfern für seine Partei Chance 2000. Das Resultat: 180.000 DM Steuerschulden. Im „Deutschen Kettensägenmassaker“ nahm er früh das bis heute lähmende Ost-West-Mißtrauen aufs Korn. Nichts hielt ihn auf. 2007 inszenierte er Wagners Liebestod-Drama Parsifal auf dem Grünen Hügel. Der anarchische Bürgersohn Schlingensief in Bayreuth. Mehr geht nicht in diesem Lande.

 

Premiere auf der Berlinale. Ab Anfang April 2020 im Kino.

 

Keine Frage. Schlingensief stellte sich stets in den Mittelpunkt. Unermüdlich inszenierte er sich als Tabubrecher. Teilte aus, provozierte, steckte ein. Kritiker warfen ihm kindlichen Klamauk vor. Er sei ein selbstverliebter Theaterclown. Ich erlebte ihn in meiner aspekte-Zeit anders. Ernsthaft, an Erkenntnis und Ergebnissen interessiert. Als er 2003 Hamlet am Schauspielhaus Zürich inszenierte, besetzte er den rachsüchtigen Herrscher mit einem Neo-Nazi-Aussteiger. In Freak Star 3000 ließ er 2004 einen geistig Behinderten den damaligen FDP-Chef Jürgen Möllemann spielen. Ein Körperbehinderter übernahm die Rolle seines Kontrahenten Michel Friedman. Schlingensiefs Antwort auf das offizielle Polit-Theater. Moralisten mäkelten, er betreibe Missbrauch mit Abhängigen. Ich kann mich gut erinnern. Die Darsteller liebten Schlingensief und das Stück.

Schonung war für ihn ein Fremdwort. Er nahm sein Leben als Material, am Ende auch seine Krankheit. Er stellte sein Krebsgeschwür öffentlich aus – bis an die Schmerzgrenze in der Kirche der Angst (2008). Was bleibt? Das Operndorfprojekt in Burkina Faso, das seine Witwe Aino Laberenz weiterführt. Und die Erkenntnis, dass er ein Ausnahmekünstler war, im Gelingen wie im Scheitern. Schlingensief starb 2010 im Alter von 49 Jahren. Der Dokumentarfilm von Bettina Böhler lässt ihn zumindest auf der Leinwand wieder lebendig werden. Was für eine atemberaubende Wiederbegegnung!  Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien. Kinostart: 2. April 2020.