„Krieg in meinem Kopf“

Beth Hart gibt Konzerte ohne Handbremse. Ohne Playback. Ohne Schnickschnack. Sie geht bis an ihre Schmerzgrenze und manchmal weit darüber hinaus. Herz und Seele trägt sie offen auf der Zunge. Ihre Stimme ist voller Gefühl und Gebrochenheit, gereicht Janis Joplin oder Tina Turner zur Ehre. In die Logik der Unterhaltungsbranche mit ihren gecasteten Sternchen und Hochglanzprodukten passt sie eigentlich nicht rein: die US-Sängerin Beth Hart. Sie geht einen anderen Weg. Sie will ehrlich bleiben – zu sich und ihrem Publikum. Auf der Bühne ackert, rackert und sie bis zum Umfallen. Immer am Limit. Beth ist die weibliche Antwort auf Joe Cocker. Blues vom Feinsten. Mit einer Röhre zum Niederknien.

Beth hat ihr neuestes Album „War In My Mind“ genannt. Krieg in meinem Kopf. Es ist eine Begegnung mit ihren Dämonen, mit wunderbaren Höhepunkten und schmerzhaften Niederlagen. Auf und hinter der Bühne. Eine Frau, die alles gibt aber genauso schnell wieder verliert. Für sie gilt der alte Spruch vom Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Beth: „Mein innerer Heilungsprozess hat sehr lange gedauert, doch inzwischen fühle ich mich mit meiner dunklen Seite, meiner Verrücktheit und den Dingen, für die ich mich so lange schämte, sehr wohl.“

 

 

Beth kam 1972 in Los Angeles zur Welt. Bereits mit vier Jahren lernte sie Klavier spielen. Doch statt Vorstadt-High-School-Karriere schwänzte sie lieber die Schule und folgte ihrem eigenen Weg. Blues, Rock and Rock´n Roll. Der Absturz folgte auf dem Fuß. Too much Alkohol, Sex und Drogen. Von allem zu viel. Sie ist 24 als sie ihr Debütalbum „Immortal“ vorlegt. Beth ist 27 Jahre, genauso alt wurde Janis Joplin, als sie in ihrem zweiten Album „Screamin‘ For My Supper“ (1999) ihr Drogen- und Alkoholproblem offen legt. Der abgefahrene „LA-Song“ wird zum Kult-Song der alternativen Szene .

 

 

2011 veröffentlicht sie das erste Album gemeinsam mit Gitarren-Größe Joe Bonamassa. Ihr Durchbruch. Nun folgt nahezu jedes Jahr ein Album, zuletzt 2019 War in my mind. Sie jammt mit Jeff Beck oder anderen Blues- und Rockgrößen. Es sind Live-Konzerte, die unter die Haut gehen, weil Beth bis zur völligen Erschöpfung geht. Sie covert mit Whole Lotta Love einen Klassiker von Led Zeppelin oder Nutbush City Limit von Tina Turner. Sie veredelt Blues-Songs wie I`d rather go blind oder Caught out in the rain (2012). In ihrem jüngsten Album Krieg in meinem Kopf fällt auf: Immer wieder dankt sie ihrer Mutter, ihrem Mann, ihrer Band und ihrem Manager. Ohne sie hätte sie den völligen Absturz nicht überlebt.

 

 

Musik ist ihr Leben. Eine beliebte Plattidüde. Doch das Verrückte ist, bei ihr trifft diese abgedroschene Wendung exakt ins Schwarze. Sie lebt ihre Songs. Vor allem live auf der Bühne. Sie lässt ihre Kerzen an beiden Ende brennen getreu dem alten Motto: Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse überall hin.

 

 

Beth Hart ist im kommenden Sommer und Herbst im Rahmen ihrer Welt-Tournee auch in Deutschland zu sehen und vor allem zu hören. Unter anderem am 31. Juli 2020 in Leipzig und am 2. November 2020 im Berliner Tempodrom . Hingehen. Es lohnt sich.

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„Gutes tun“

Keine schlechte Idee. Gutes tun. Noch besser: „Im Verborgenen Gutes tun!“ – Das verheißt eine Imagekampagne des Verfassungsschutzes. Die Geheimdienstler suchen qualifizierten Nachwuchs. Festanstellung, Verdienst, Rente – alles gesichert. Um dann Gutes zu tun. So das Versprechen einer Behörde, die über 3.500 Mitarbeiter und einen Etat von 422 Millionen Euro hat. Zum Vergleich: Den obersten Verfassungsschützern, also dem Bundesverfassungsgericht, der zum Beispiel auch Missstände des Verfassungsschutzes notfalls auszubessern hat, stehen rund 31 Millionen Euro zur Verfügung. Die Personalausstattung: 16 Richter und 64 Mitarbeiter.

 

Werbekampagne. Bundesamt für Verfassungsschutz.

 

Wenn Michael und Elisabeth Buback an die verborgenen Verfassungsschützer denken, wird ihnen wenig wohl ums Herz. Seit vielen Jahren kämpfen die Bubacks um Aufklärung und Wahrheit. Sie wollen wissen: Wer waren die Mörder ihres Vaters? Wer erschoss Siegfried Buback, den Generalbundesanwalt in Karlsruhe? Wer feuerte am 7. April 1977 die tödlichen Schüsse ab – auf ihn und seine beiden Begleiter? Nach über fünfzig Jahren Vertröstungen und Verdrehungen glaubt das Ehepaar aus Göttingen an nichts mehr. Jedenfalls nicht in der Strafsache Buback, erschossen durch RAF-Terroristen.

Was hat das Attentat auf Buback mit dem Verfassungsschutz zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Die RAF feierte die Exekution als großen Erfolg. Tenor: „Der General muss weg!“ Bis heute schweigen die Täter. Staatliche Stellen hingegen mauern oder ducken sich weg. Die Bubacks (ver)zweifeln. Das Einzige was in diesem komplizierten Fall passt, ist der Mantel des Schweigens. Denn es besteht der begründete Verdacht, so die Bubacks, dass die wahre Attentäterin Verena Becker war, eine V-Person des Kölner Verfassungsschutzes. Die Bilanz nach zwei Prozessen. Es wurden die falschen Täter verurteilt. Die Wahrheit blieb auf der Strecke. Nichts wurde geklärt.

 

Siegfried Buback. (1920-1977) Foto: Michael Buback

 

Auch 2020 gibt es mehr Fragen als Antworten.

Wer sind die Mörder von Generalbundesanwalt Siegfried Buback?

Welche Rolle spielten Dienste, V-Leute und V-Mann-Führer?

Warum wurden Beweise/Dokumente/Spuren vernichtet, vertuscht bzw. ignoriert?

Warum besteht so wenig Interesse die Mörder von Generalbundesanwalt Buback zu finden?

Warum wurden in Stammheim nicht beteiligte RAF-Mitglieder verurteilt?

Warum hat der Bundesanwalt im Stuttgarter 2010er Nachfolge-Verena-Becker-Prozess eher die Verteidigerrolle der Angeklagten als die eines Anklägers vertreten, so Michael Buback?

Weshalb wurden Augen- und Belastungszeugen kaum beachtet bzw. die Hauptzeugin des Attentats in der Verhandlung von Stuttgart 2010 regelrecht vorgeführt?

Was waren die Gründe für das milde Urteil wegen Beihilfe für die Tatverdächtige Verena Becker?

Was haben staatliche Stellen aus dem Aufklärungs-Desaster des Buback-Attentats gelernt?

 

Zu Besuch in Göttingen. Seit 2007 versucht der Chemie-Professor Michael Buback die Wahrheit über den Tod seines Vaters und der beiden Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster herauszufinden. Foto: Heinz Kerber

 

Für Familie Buback bleibt die Welt aus den Fugen. Für sie geht der Schrecken weiter. Elisabeth Buback, Lehrerin im Ruhestand, sagt, es gehe ihr um „Vertrauen in staatliche Institutionen und um unseren Schutz vor Terrorismus.“ Ihr Mann, der Chemiker Michael Buback, sieht im Ermittlungsvorgehen einen „Verrat“ an seinem Vater und seinen beiden Begleitern „aber auch an allen Bürgern, die eine Aufklärung schwerer Verbrechen erwarten“.

Alles weitere und anderes Verstörendes ist in ihrem neuen 400-Seiten-Buch zu finden. Michael und Elisabeth Buback. „Der General muss weg.“ Osburg Verlag.

Frische Energie aus Estland

Das Land ist klein. Doch die Zahl der Talente groß. Estland im Baltikum zählt gerade einmal 1.3 Millionen Seelen. Da ist selbst München größer. In dem Kleinstaat an der Ostsee ist jedoch nicht Biertrinken oder Fußball Volkssport, sondern Singen. Die Ostsee-Republik hat mit Kadri Voorand einen neuen Shooting Star. Die vielseitige Sängerin experimentiert, wagt Grenzüberschreitungen und bewegt sich souverän zwischen Folk, Rock und Jazz. Ihre Performance ist jung, innovativ, frisch. I´m not in love … with you singt die 33-jährige. Ach, da heißt es: Ich liebe deine mitgebrachten Rosen. Aber dich liebe ich nicht.

 

 

Kadris Herz will erobert werden. Ihre Musik auch. Die Songs sind anspruchsvoll, aber voller Spannung. Sie fordert genaues Zuhören, belohnt jedoch mit großer Leidenschaft und Intensität. Kadri Voorand wandelt leichtfüßig auf den Spuren von Kate Bush. Live erinnert sie auch an die junge Nina Hagen. In ihrem kleinen Heimatland hat Präsident Kaljulaid die Sängerin zur „Jungen Kulturpersönlichkeit des Jahres“ ernannt. Nun geht sie auf Reisen.

Act – ihr neues Label – veröffentlicht im Februar 2020 ihr erstes Album in Deutschland. Es heißt schlicht: In Duo with Mihkel Mälgand. Mälgand ist ihr Begleiter und ein renommierter Bassist, der bereits mit Jazz-Größen wie Nils Landgren oder David Liebman gearbeitet hat. Musik ist Kadri in die Wiege gelegt worden. Ihre Mutter leitete ein Vokalensemble. So lernt die Tochter früh Singen und Geige, beginnt im zarten Alter von fünf Jahren Klavier zu „studieren“, wie das Jazz-Label Act verkündet, und „schreibt schon mit sechs erste eigene Lieder“. Früh übt sich, wer eine Meisterin werden will.

 

 

Folgerichtig studiert Kadri an der Musik- und Theaterakademie in ihrer Heimatstadt Tallinn. Die estnische Hauptstadt mit der beeindruckenden und bestens erhaltenen Altstadt. Danach entwickelt sie sich an der Musikakademie in Stockholm weiter. Ihr Talent fällt auf. Sie tritt mit dem EBU European Jazz Orchestra auf und brilliert als Solistin im Vokalensemble „Estonian Voices“ mit dem Song „Kättemaks“ in einer wunderschönen Acapella-Version.

 

 

Am 26. Februar 2020 stellt Kadri Voorand mit ihrem Bassisten Mihkel Malgand im Berliner Jazz-Club a-trane ihr neues Album vor. Mein Tipp: Ein Abend, der sich lohnt.

Ab März 2020 ist Kadri Voorand auf Europa-Tournee mit vielen Konzerten in Deutschland.

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„Ich wollte frei sein!“ (2)

Jutta Wehmann gehörte 1989 zum überschaubaren „Häuflein der Mutigen“. Sie wagte in der Kleinstadt Nordhausen (heute 42.000 Einwohner) mutig den Neuanfang. Die erblindete Musiklehrerin führte Tagebuch. Sie hielt die Umwälzungen in ihrer thüringischen Heimat vor dreißig Jahren fest. Hier der zweite Teil ihrer unveröffentlichten Notizen. Die Aufzeichnungen sind ein eindrucksvolles Dokument ihrer Hoffnungen und Ängste auf dem Weg zur deutschen Einheit.

 

 

„6.1.1990

In Nordhausen hat sich das Neue Forum (NF) und der Demokratischer Aufbruch (DA) etabliert. Dazu kam später Ende November die SDP (später dann die SPD). Von jeder Gruppierung saßen Abgeordnete am Runden Tisch in unserer Stadt auch von den geduldeten Führungskadern der ehemaligen SED, die sich noch im Dezember 89 zur PDS wandelten.

Wir bereiteten jedenfalls die Wahlen vor. Erste Gespräche in Herzberg! Zweite Einladung nach Osterhagen und für mich dann schon die persönliche Beschäftigung mit dem Einbinden der Bevölkerung im Wohnbezirk. Die Erfahrungen möchte ich nicht missen. Eigentlich fühlte ich mich diesen Aufgaben überhaupt nicht gewachsen. Ich bin eine fast blinde Frau, die sich nicht nur zur Ruhe setzen und „Däumchen drehen“ wollte.

 

Jutta Wehmann bei einer Ehrung 2015. Rechts der ehem. Oberbürgermeister Klaus Zeh. Foto: Stadt Nordhausen.

 

Gedanken wie es unserer Stadt weitergehen sollte und welche Möglichkeiten uns bleiben würden, mache ich mir viele. Viel geistige Hilfe konnte ich mir von Freunden aus der Bundesrepublik angedeihen lassen. Es zeichnete sich ab, dass alles zusammenbrechen würde in der Arbeitswelt unserer „Noch-DDR“! Es mussten feste Strukturen her! Koste es was es wolle. Also weitermachen! So erklärte ich mich bereit, die Wahl in unserem Wohnbezirk vorzubereiten. Diese Vorbereitungen brachten viele Ängste mit sich, wusste ich doch mit welchen Leuten ich es zum Teil zu tun bekäme!

In unserer Stadt wurde mir öfter die Frage gestellt: „Warum werdet ihr keine Partei?“ Einige Mitglieder des NF (Anm. Neues Forum) wollten das schon! Sie gingen zur Forumpartei, später FDP. Das war in Ordnung?! Für mich galt das aber nicht. Vor 1945 hatte unser Volk zwölf Jahre lang eine Partei! Vierzig Jahre mussten ALLE mit der SED konform gehen! „Die Partei hat immer Recht!“?? Nur mit einer Partei könne man etwas bewegen … so wurde gesagt!?!? Warum brauchen dann Parteien so lange, um etwas durchzusetzen? Es geht immer um Befindlichkeiten, viel Befindlichkeit Einzelner und zu wenig Vernunft!“ (…)

 

1990 vor den Wahlen. Gespräche mit Herrn Enzian und der Jagdgesellschaft in Niedersachswerfen. Tenor dieser aggressiven Stimmung jenes Abends (meinerseits beruhigend einzuwirken) war: „Stellen Sie sich vor, diejenigen, die sie anklagen sind ihre Nachbarn. Jeden Tag gab es Erklärungs- und Klärungsversuche von Waffenträgern und Zuträgern. Wir mussten uns mit Waffenträgern, manchmal auch Zuträgern der Stasi auseinandersetzen. Was nützt es diese Leute aus der Gesellschaft zu entfernen? Daraus erwächst nur Hass. Wir wollten nicht ihre Stasi-Methoden und Gewalttaten nachahmen. Diese Leute wussten auch alle, dass die DDR am Ende war. Zum Glück sind wir nur indirekt ihre Richter. Ämter aber und Regierungsaufgaben sollten diese ehemals Regierenden und ihre Mitläufer wirklich nicht mehr übernehmen dürfen!“

Am 18. März 1990 fanden in der DDR die ersten und letzten freien geheimen Wahlen zur Volkskammer statt.

„Ich wollte frei sein!“

Jutta Wehmann treffe ich in einem Hotel in Berlin-Mitte. Sie begleitet ihren Mann, einen Tierarzt zu einer Untersuchung in der Charité. Die rüstige Rentnerin sprudelt voller Ideen. Wie vor dreißig Jahren, als sie im thüringischen Nordhausen zum kleinen Kreis der Mutigen gehörte, die für einen Neuanfang standen. „Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln.“ Was sonst? Sie schaut mich an. Dabei ist Jutta Wehmann mittlerweile nahezu erblindet. Doch die einstige Musiklehrerin ist aufmerksamer als viele die sehen können und am Ende doch nur wegschauen. „Wo ist der aufrechte Gang des Volkes geblieben?“ fragt sie und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Schade- nur noch Oberflächlichkeit.“

Wehmann führte in Wendezeiten Tagebuch. Sie hielt fest, wie sich in ihrer kleinen, überschaubaren Kleinstadt in Thüringen plötzlich alles bewegte und veränderte. In einer Stadt, die überregional für ihren hochprozentigen Nordhäuser Doppelkorn und die Produktion von V2-Waffen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Was kaum bekannt ist: Wenige Tage vor Kriegsende bombten die Alliierten die Stadt in Schutt und Asche. Drei Viertel der einstigen Reichsstadt waren restlos zerstört. In der DDR blieb die Industriestadt Nordhausen eine graue Maus, am Rande des katholischen Eichsfeld. Still, zurückgezogen, weit entfernt von den großen Entwicklungen der Welt.

 

Stunden des Aufbegehrens. Nordhausen. 7. November 1989. Größte Demo in der Geschichte der Stadt mit nahezu 40.000 Beteiligten auf dem August-Bebel-Platz.

 

Menschen wie die Deutsch- und Musik-Lehrerin Jutta Wehmann waren in Nordhausen Außenseiter. Sie stritt gegen den DDR-Wehrkundeunterricht und für ein Offenes Europa, gründete das „Neue Forum“. Im Revolutions-Herbst 1989 sprang der Funke über. Die Nordhäuser kamen aus der Deckung und demonstrierten dienstags, einen Tag nach den Montagsdemos in Leipzig. Am 7. November 1989 versammelten sich fast 40.000 Menschen. Die Stadt Nordhausen selbst hatte 1989 gerade einmal 54.000 Einwohner. Heute sind es noch knapp 42.000.

Zwei Tage später fiel die Mauer. Jutta Wehmann wurde – wie die allermeisten – eiskalt überrascht. In ihrem Tagebuch notierte sie am Tag nach der Öffnung. „10. November 1989. Von nun an ist es ein politischer Wettlauf für die Demokratie in unserem gesamten Deutschland oder die Diktatur des Geldes!“ Dreißig Jahre nach der Wende gehört die unermüdliche Streiterin für Demokratie längst wieder zu einer kleinen Minderheit. Die Sieger der letzten Wahlen in Nordhausen im Herbst 2019 heißen Die Linke und AfD. Zusammengerechnet erreichten sie fast sechzig Prozent der Stimmen. Die Nachfolger von Jutta Wehmanns mitbegründetem Neuen Forum, kamen auf exakt 4,9%. Mehr war für die heutigen Grünen in Nordhausen nicht zu holen.

 

Jutta Wehmann mit dem ehem. OB Klaus Zeh bei einer Ehrung im Jahre 2015.                                  Quelle: Stadt Nordhausen.

 

Aus den Tagebüchern der Jutta Wehmann

„Das neue Jahr 1990 hatte uns in Empfang genommen. Ich plädierte dafür, so schnell wie möglich weiter zu arbeiten, um der Entwicklung nicht ganz hinterherzulaufen. Die ehemaligen Parteimitglieder der SED versuchten krampfhaft einen neuen Stil, eine neue Partei (jetzt mit Gregor Gysi) zu gründen und eigentlich hatten sie ja immer noch die Macht, sie konnten sie nur nicht gebrauchen … Gewalt hätte sie vor der Welt entlarvt.

„Wir waren für Momente ein Volk! Alle zusammen; Ost und West!“ Draußen (außerhalb unserer Gemeinschaft im Denken für ein besseres Zusammenleben in Demokratie) waren nur wenig Gestrige und Unbelehrbare, die meisten aber waren Abwartende und Mitläufer. Aber schon bald gingen alle wieder ihre eigenen Wege. Jeder hatte seine Interessen zu vertreten. Konsens zu finden, Mehrheiten zu bilden, Demokratie zu wagen. Es ist ein dorniger Weg von kleinen Schritten. Der eingeschlagene Weg schien mir der beste z.Z. Jede Woche (montags in Leipzig, dienstags bei uns und überall in den großen Städten) brachten große Massen von Demonstranten; immer nach der Arbeitszeit ihren Willen lautstark gegen Egon Krenz u.a. zum Ausdruck mit den Rufen „Wir bleiben hier!“ – „Die D-Mark muss her oder wir gehen zu ihr“ Die Abstimmung mit den Füßen blockierte die nun schon zweite Machtriege der DDR.“ (…)

 

Altendorfer Kirche in Nordhausen. Zufluchtsort für Jutta Wehmann. Ort für neue Ideen. Ab Mitte September 1989 Fürbitt-Andachten für Inhaftierte und Ausreisewillige. „Die Stimmung war wie bei einem Vulkanausbruch.“ Foto: wikipedia

 

Mir und einigen anderen fehlte der Wille zur Macht. Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln. Was mich ja nicht von Verantwortung lossagt. Durch eine hochgradige Kurzsichtigkeit invalidisiert hieß, volle Kraft konnte ich nicht geben. Trotzdem zehn Jahre durchgehalten und geholfen. Dafür kann ich nur danken. Das ist ein Gottesgeschenk.“

 

Teil II  folgt

 

 

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Hurra! Die Zwanziger kommen

Willkommen im Berlin der Zwanziger Jahre. In der Friedrichstraße gehen die Revue-Lichter wieder an. Im Admiral-Palast wird der perfekte Berlin-Nostalgie-Abend versprochen: „Paillettenkleider glitzern im Abendlicht, heiße Melodien treiben zu immer zügelloseren Tänzen an und alle Grenzen verschwimmen im sündigen Dickicht der Nacht.“ Babylon Berlin hat Konjunktur. Im Kino, auf Netflix, in den Clubs, in den Köpfen von Unterhaltungsmachern und Vergnügungssüchtigen. Der Spiegel meint in seiner Titelgeschichte über die Goldenden Zwanziger, „als die Vergangenheit noch Zukunft war“.

 

Berlins Exportschlager: Mackie Messer – ein Welterfolg

 

Alles auf Anfang! Die Zeitmaschine kommt auf volle Touren. Mythos Berlin. Die Roaring Twenties. Mit Heilsbringern, Propheten, viel Glitzer und Elend, Halunken, Huren, Kommunisten und Nazis. Berlin inszeniert seine Vergangenheit. Die Entertainementbranche liefert noch Zugaben wie Drittes Reich, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Fridays for Future, abgerundet durch Zeitgeistsprüche wie „das System ist am Ende“ und  „wir holen uns das Land zurück – spätestens 2021“.

Berlin mal wieder im Größenwahn? Reizt nur noch der Tanz auf der Rasierklinge? Viele Serien, Shows und Event-Partys servieren diesen Cocktail. Die Parole heißt: Vorwärts, zurück in die zwanziger Jahre. Mit Dandys, Swing und dicken Zigarren. Ladys mit Bubikopf, Zigarettenspitze und Charleston-Kleid. Mit dabei Glückspieler, Gigolos und Ganoven. Wie wäre es mit Absinth, Koks und ganz viel Testosteron?

 

Rammstein-Variante von Mackie Messer

 

Willkommen in den herbeieilenden „Zwanziger Jahren“ des 21. Jahrhunderts. Aus dem verruchten Babylon Berlin von einst ist hundert Jahre später eine brummende Boomtown geworden. Ein Magnet für Abenteurer, Investoren, Projektentwickler, StartUpper und Glücksritter. Die Preise explodieren. Clevere Geschäftemacher jubeln. Andere verlieren, fluchen, müssen weichen. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben“ verkündet der Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“. Es ist Gründerzeit. Marktwirtschaft war einmal. Jetzt regiert wieder Mackie Messer.

 

„Und der Haifisch, der hat Zähne

Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.“

 

 

In den Clubs und Theatern der Stadt werden mehr oder weniger ambitioniert die Zwanziger Jahre zelebriert. Katherine Mehrling beispielsweise gibt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die kesse, rotzige Gangsterbraut Polly Peachum aus der „Dreigroschenoper“. Es war das Berlin-Zeitgeist-Stück der Goldenen Zwanziger. Brechts Welterfolg feierte Ende August 1928 Premiere im Theater am Schiffbauerdamm – dem heutigen Berliner Ensemble. Keine fünf Jahre später verboten die neuen Herren die Moritat von Mackie Messer und seiner Göre Polly. Ab 1933 stimmten die Nazis neue, andere Töne an. Das Ende ist bekannt.

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Oh happy Day

Heiligabend. Einmal im Jahr sind die Kirchen so rappelvoll wie Fußballarenen oder Möbelhäuser am verkaufsoffenen Sonntag. Dann werden Wünsche nach Geborgenheit, Kindheit und Gemeinsamkeit bedient. Hobby-Bläsergruppen holen das Letzte aus ihren Geräten heraus. Manchmal klingt ihr „Oh du fröhliche“ so herrlich schräg, dass die Engel im Himmel verzückt Halleluja – herrlich daneben! – rufen könnten. Die Pastorinnen und Pastoren werden an diesem Tag nicht müde, Glaube, Liebe, Hoffnung und Demut in einer überdrehten Ego-Welt zu predigen. Wie meinte doch einmal der alte Spötter Heinrich Heine? – „Wir wollen hier auf Erden schon/das Himmelreich errichten.“

Gott als Selbsterfahrungstrip? Jesus als Retter? Vielleicht für ein paar Stunden an Weihnachten, im Alltag wohl kaum. In anderen weniger begüterten Gemeinden dieser Welt wird jeden Sonntag die helfende Kraft einer höheren Instanz beschworen, die  heilen und trösten kann. Oh Happy Day! ist so ein Lied. Je mieser die Lage, desto besser der Song. In kleinen Südstaaten-Gemeinden braucht es keine Heilig-Abend-Messe. Ein Gospel-Song, das reicht. Und ab geht die Luzi.

 

 

„Wissen Sie, Gospel ist nicht der Sound, der Klang – es ist die Botschaft. Wenn es von Jesus Christus handelt, ist es Gospel.“ Das sagte Edwin Hawkins. Der Mann schrieb vor genau fünfzig Jahren den Welterfolg „Oh happy Day“. Seine Geschichte? Der Chorleiter brauchte für seine 46-köpfige Sängerschar dringend Geld, um zu einem Kirchenkongress reisen zu können. Also nahm er in der Kirche von Berkely  den Song mit Hilfe eines veralteten Zweispurtonbandes auf. Egal. Das Lied ging um die Welt. Mittlerweile wurde Oh Happy Day unzählige Male gecovert, unter anderem von Elvis Presley, Sister Act, Ray Charles und vielen anderen.

 

 

Gospel ist göttliche Musik. Gospel bedeutet übersetzt sinngemäß Evangelium. Nina Hagen, ewig suchende Schlager- und Punk-Lady, ließ sich vor zehn Jahren taufen – trotz Moralkrise der Institution Kirche. Trotz Kindesmissbrauch, Korruption und gepredigter Scheinheiligkeit. Nina wählte als Taufspruch Johannes 7,38: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Warum, fragte ich sie bei einem Interview auf dem Blauen Sofa, warum sie als geborene Atheistin plötzlich religiös geworden sei? „Ach weeste, das ist nicht nur ne Masche. Ich folge meinem Herzen.“ – Pause. Ungläubiges Staunen. – „Religion ist doch irgendwie Protest gegen Kommerz. Und weeste: Die stalinistische Gleichschaltungsmaschine hat dasselbe Betriebssystem wie die kapitalistische. Ist doch so, oder etwa nich…?

 

https://youtu.be/IaAax9hYges

 

Frohe Weihnachten. Ob in deutschen Kirchen Oh happy Day! gesungen wird?

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Der Seiltänzer

Der ganze Ost-West-Streit heutzutage ist an den Haaren herbeigezogen und „pille-palle“. Das sagt der Berliner Maler Trak Wendisch, geboren in der DDR. Seit dreißig Jahren gesamtdeutscher Bundesbürger. „Die Digitalisierung ist der Epochenbruch. Das ist die Entscheidungsfrage. Wer es nicht will, muss den Seiltänzer machen.“ Die Balance im Leben halten ist ein Grundthema des 61-jährigen Künstlers. Immer nah am Abgrund. Dicht vor dem Absturz. Wie sich oben halten? Mit erhobenem Haupt, auf dünnem Seil, ohne Netz und doppelten Boden?

Trak Wendisch gehört eher zu den stillen Künstlern im Lande. Er lässt seine Werke sprechen, seine Haltung ist seine Botschaft. Er war in der DDR unangepasst, blieb sich in der Neuen Zeit treu und ist es heute noch. Auch wenn sein mittlerweile berühmter „Seiltänzer“ im Schloss Bellevue hängt, weil es Bundespräsident Steinmeier wollte. Trak – ein Staatskünstler? Das passt nicht zusammen. 1988 hatte er als einer der wenigen aus dem Kulturbetrieb den Mut offen Probleme anzusprechen. Der Ort? Eine Jubelfeier. Die Kulturfunktionäre feierten im Palast der Republik das Finale der „X. Zentralen Kunstausstellung der DDR“ mit insgesamt einer Million Besuchern. Es sollte die letzte der DDR werden, was damals niemand ahnen konnte. Und dann geschah im Festsaal etwas Unerwartetes.

 

 

 

Wendisch nahm allen Mut, trat ans Mikrofon. Statt Lobeshymnen ging er die Macht der Greisen im Politbüro an und forderte im Namen der Künstler mehr Freiheit und Modernität – inhaltlich wie stilistisch. Die staatliche Feierstunde erzitterte in ihren Grundfesten. Der Eklat war perfekt. Journalisten mussten eilig den Saal verlassen, allen Beteiligten wurde ein Maulkorb verpasst. Die DDR-Medien verschwiegen die Rede des Rebellen. Kein Wort war jemals zu hören oder zu lesen. Aber auch die Westkorrespondenten deckten den Mantel des Schweigens über die Palast-Revolte. Nichts sollte wohl das betuliche deutsch-deutsche Verhältnis 1988 belasten. Ruhe sollte herrschen.

In dieser bleiernen DDR-Endzeit blieb es Malern wie Wendisch vorbehalten, in ihren Bildern das „Ungesagte“ auszudrücken. Das Publikum verstand jede Anspielung, jeden Strich, jeden Hinweis. In einer Gesellschaft der hohlen Sprüche, der Lügen und Parolen fand Wendisch Antworten, formulierte bissig Zeit- wie Staatskritik. Legte die Finger in die Wunden der Mächtigen, die partout nicht mehr hinzulernen wollten. Das Ende ist bekannt. 1989 ging die DDR unter. Heute muss der Seiltänzer beweisen wie er im eiskalten Wind des Digital-Kapitalismus Balance halten kann. Abstürzen kann er jederzeit. Doch die Kunst besteht genau darin mit Haltung oben zu bleiben.

 

Trak Wendisch. Frau vorm Fernseher. 1984

 

Unter dem Titel Das Ende der Eindeutigkeit“ sind 34 Bilder der letzten DDR-Kunstausstellung noch bis zum 12. Januar 2020 in der Städtischen Galerie in Dresden zu sehen.

 

Trak Wendisch. Goldener Käfig. 2015

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Schöner Wohnen

Die Uhlandstraße in Berlin ist knapp drei Kilometer lang. Sie verbindet die gutbürgerlichen Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf, quert kerzengerade den Kurfürstendamm. Nach der Wende lange im Schatten vom neuen Babylon-Berlin in Mitte holt nun der „alte Westen“ auf. Ihren Namen verdankt die Straße Ludwig Uhland. Ein Dichter und Denker aus der schwäbischen Professorenhochburg Tübingen. Uhlands DNA ruht im bürgerlich-gelehrten Milieu. Rechtssinn und Unbeugsamkeit rühren vom Vater, heißt es, Phantasie und Gemüt von der Mutter. Ludwig Uhland war einer der Vordenker der bürgerlichen Revolution von 1848. Sie scheiterte. Aber der stille Dichter Uhland glaubte fest an eine humanistische Zukunft, in der nicht Besitz und Herkunft, sondern Talent, Fleiß und Können maßgeblich sind. Was für ein Traum.

 

Damenmode nach Maß. Das war einmal…  Wie hieß es bei der Linie 1 vom Grips-Theater: „Die Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wären wir schon längst chaotisch, russisch oder grün.“

 

In der Straße, die seinen Namen trägt, weht seit einiger Zeit der eisige Wind der allesverschlingenden Gentrifizierung. Häuser werden hin- und hergeschoben, gekauft und alsbald teurer weiterverkauft. Gute Zeiten für Glücksritter und Spekulanten aus aller Herren Länder. Haus um Haus verändert seinen Charakter. Viele der angestammten Bewohner klagen längst über schlechten Schlaf, besonders in der Uhlandstraße 61. Hier wird auffällig rabiat saniert. Für eine neue schicke Maisonette-Wohnung muss eine ältere Dame aus dem Stamme der berühmten Wilmersdorfer Witwen weichen. Die Rentnerin wohnt seit sechzig Jahren im Seitenflügel. Für die lukrative Umwandlung brauche es „nicht einmal eine Genehmigung“, klagt Dirk Franz, Sprecher der Initiative „Uhland61“.

 

Alles muss raus. Berlin. Uhlandstraße 61.

 

Die altehrwürdige Uhlandstraße verliert in diesen Tagen ihre kleinen Läden und damit ihr Gesicht. Was bereits der mächtige Online-Handel eingeleitet hatte, führt jetzt dank großer ausländischer Investoren zum Massenexitus kleiner Mittelständler-Unternehmen. Das Beste: Alles legal. Niemand stoppt diesen Prozess. Für Gewerbetreibende gibt es keinen rettenden Mietendeckel. Die Folge – es kracht ganze Straßenzeilen entlang: Der Reinigung wird eine 100%-ige Mieterhöhung zugestellt. „Unmöglich zu stemmen“, sagt die Betreiberin, „so viel reinigen kann ich gar nicht. Das war´s nach sechzehn Jahren harter Arbeit“. Das Resultat: Ende, aus und raus. Gleich nebenan Belle Moden, eine Boutique für die reifere Dame. Mieterhöhung. Ergebnis: Räumungsverkauf. Ende, aus und raus. Nicht anders der Schreibwarenladen. Ende, aus und raus. Der Bäcker, eine Ladenzweile weiter. Ofen aus und raus. Der Sushi-Laden. Ende – aus die Maus. Und so weiter…

 

Apotheke raus. Tigerlilly Waxing rein. Bitte klingeln!

 

Ach – es trifft auch die Apotheke gegenüber. Gekündigt. Feierabend. Exitus. Ende und raus. Zumindest in diesem Fall wurde kein Leerstand produziert. Nun gibt es statt helfender Medizin Haarentfernung: Tigerlilly waxing. Bitte diskret klingeln. Waxing braucht wahrlich der moderne Großstadtmensch. So ändert die altehrwürdige Uhlandstraße unaufhaltsam ihren Charakter. Nichts bleibt wie es war, dichtete Ludwig Uhland vor zweihundert Jahren. Aber nichts in der Welt muss ewig bleiben.

 

Wohnungsangebote in der Uhlandstraße? Alles eine Frage des Portfolios.

 

Ludwig Uhland – Gang der Welt
(1802)

Da zieht in des Triumphes stolzem Glanze,
Umflattert von des Glückes Lorbeerkranze,
Da zieht die freche Bosheit hin.
An ihrem Wagen keucht im Fesselklange

Die Tugend, trüben Blicks und blasser Wange,
Die unterdrückte Königin.

Da schwelgt der Frevler von der Länder Marke
Und führt von beiden Polen seinem Parke
Gefräß’ge Ungeheuer zu.

 

 

Seit zehn Jahren der Song zur Stadt. Dickes B von Seeed.

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Wollen wir tanzen?

Kaum zu glauben. In diesen Novembertagen meldet sich ein lange Vermisster zurück. Aus dem Nichts. Seine Stimme kommt direkt aus dem Jenseits. Aber sie klingt, als wäre sie nie weg gewesen. Als hätte sie sich mit neuen Rasierklingen aufgeladen. Hallelujah, Leonard Cohen ist zurück. Dieser bekannte Unbekannte bittet zum letzten Tanz. Sohn Adam (mittlerweile auch schon 47 Jahre alt) präsentiert posthum sein Album Thanks for the Dance mit neun neuen Songs. Aufgenommen kurz bevor er diese Welt im November 2016 still und leise verließ. Drei Jahre ist das schon her. Damals intonierte er im Angesicht des Todes demütig „I´m ready, my Lord.“

 

 

Seine allerletzten Lieder erzählen einmal mehr von Trauer und Einsamkeit. Ein Mann sitzt mutterseelenallein verlassen am Weihnachtstag in einer leeren Wohnung. Er fragt sich, warum niemand seine Gesellschaft sucht. Der Weihnachts-Blues, den viele kennen, über den jedoch niemand offen spricht. Cohen kämpfte sein Leben lang mit der Volkskrankheit Depression. Einmal sagte er: „Wenn ich von Depressionen spreche, spreche ich von klinischen Depressionen, die der Hintergrund meines ganzen Lebens sind, ein Hintergrund voller Angst und Beklemmung, einem Gefühl, dass nichts richtig läuft, dass Zufriedenheit nicht möglich ist und alle Strategien in sich zusammenfallen.“

Der Singer-Songwriter probierte alles aus, um den „schwarzen Hund“ los zu werden. Er zog sich jahrelang in ein buddhistisches Kloster zurück. Dann komponierte, schrieb und sang er wieder, perfektionierte seinen düster-unverwechselbaren Sprechgesang. Über dreitausend Cohen-Cover-Versionen gibt es mittlerweile. Ganze Musikergenerationen bedienen sich seiner Poesie, seinen Gefühlen und Balladen. Im neuen Album  Thanks for the dance fordert er seine Freunde ein letztes Mal zum Tanz auf. „But the green was so green/And the blue was so blue/I was so I/And you were so you.“

 

 

Sohn Adam finishte die Rohversionen seines Vaters aus dem Jahre 2016. An manchen Stellen klingt des Vaters Tanz-Album als hätte sie eine bayrische Blasmusi-Band intoniert, die einen Kameraden verabschiedet – mit einem letzten wehmütig-liebevollen Walzer.

 

 

Leonard Cohen. „Thanks for the Dance“. 2019.