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Schlaflos in Pjöngjang

Die Welt taumelt am Rande einer Katastrophe schreibt der Spiegel. „Jeden Augenblick könnte der Atomkrieg ausbrechen“. Die Rede ist von Nordkorea. Viele Menschen fürchten, dass am anderen Ende der Welt plötzlich einer die Nerven verliert. Diktator Kim Jong-Un und US-Präsident Donald Trump belauern, provozieren und drohen sich bis ans Messer. Droht der große Knall? Sterben für Korea? Ich will lieber vom Leben erzählen.

Vor über zehn Jahren hatte ich die einmalige Gelegenheit, das geschlossene System der Kim-Dynastie eine Woche lang zu besuchen. Als Mitglied einer deutschen Delegation unter Leitung der damaligen Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach. Eine kluge und unbeugsame Frau, die vor einem Jahr verstorben ist und in diesen Zeiten so sehr fehlt. Ich zitiere zum ersten Mal in Auszügen aus meinem Reisetagebuch. Übrigens: 2004 hieß der nordkoreanische Führer Kim Jong-Il. Der heutige Nordkorea-Diktator Kim Jong-Un ist dessen dritter Sohn. US-Präsident war damals George W. Bush.

 

Pjöngjang Kim Il Sung-Platz.

 

„Dienstag, 1. Juni 2004

Warm Welcome radebrecht der Portier an der Rezeption auf Englisch. Wir sind an einem heißen Frühsommertag am anderen Ende der Welt angekommen nach fünfzehn Stunden Flug … um sogleich aus der Zeit zu fallen

Das schlichte Zimmer 4020 befindet sich im Yanggakdo-Hotel. Diese prächtig glitzernde Devisen-Burg steht auf einer Insel, die einen breiten Fluss teilt, dessen Name ich mir nicht merken konnte.

Ich bin in Pjöngjang. Es ist die Hauptstadt der Koreanisch Demokratischen Volksrepublik. Besser bekannt als Nordkorea.

Ich sortiere meine mitteleuropäische Vorstellungswelt und stelle fest: ab jetzt bin ich Teil einer kuriosen Inszenierung, die anziehend und verstörend zugleich ist. Nordkorea. Der Schurkenstaat. Das kommunistische Disneyland. Das riesige Straflager.

Alles ist echt und wirkt doch inszeniert.

 

Parade in Pjöngjang.

 

Die Zeitreise beginnt in Peking.

Der Transitbereich im Flughafen Peking. Hektisch, laut, rücksichtslos. Alles ist komplett westlich geprägt. Reklameschilder, Luxusartikel, die Ikonen der Gucci und Christian Dior Welt leuchten. Luxusartikel werden an jeder Ecke angepriesen. Die Chinesen eilen, schubsen, drängeln. Sie wollen am neuen Kuchen teilhaben. Schnell, schnell, schnell. Nicht stehen bleiben. Hurry up, don´t wait, ruft der Gepäckträger. Wer dabei sein will, muss sich sputen. China ist im Konsumrausch. Der Raubtierkapitalismus wird hier zelebriert. Selbst der Klo-Mann schnorrt für eine Papierserviette einen Euro. Eine kleine Flasche Wasser kostet 3 Euro.

Endlich ist der Schalter G 16 erreicht. Air Koryo steht handgeschrieben über dem Schalter. Letzte Fragen, die Bordkarte. Der Gang zur Maschine in Richtung Pjöngjang. Und ab jetzt wird alles anders.“

 

Fortsetzung folgt.

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Alles nur Theater

An der blauen Donau. Die Chefin ist eine stattliche Frau. Mit strengem Dutt, einer stattlichen Tracht auf dem Leib und glühender Leidenschaft für ihr Haus. Christine Geierhofer, irgendwo in den Siebzigern, ist Hausherrin am Stadttheater Grein an der Donau. Grein? – Nie gehört! – Ein Fehler. Denn dieser kleine Ort in Österreich erzählt eine große Geschichte: Von der Bühne des Lebens. Seit 1791, seit Napoleons Zeiten, spielen sie im winzigen Donaustädtchen ums Leben gern Theater.

 

 

Stadtheater Grein. Seit 1791 Bühne für kleine und große Geschichten.

 

Christine Geierhofer erklärt, lächelt, schwärmt. Einmal die Woche führt sie Besucher aus aller Welt durch ihr Haus. Es wird zu einem echten Schlüsselloch-Blick hinter die Kulissen. Der Rundgang beginnt im Kerker. Die Zelle hat eine Besonderheit. Ein winziges Loch in der Wand ermöglichte den Deliquenten freien Zugang zur Kultur. Neben der Zelle führt eine Stiege zum Saal. Platz für 160 Besucher. Mit Sperrsitzen im Originalzustand. An der Wand ein Schlüsselbrett. Der Abonnent konnte mit dem passenden Schlüssel seinen Stammplatz aufschließen. Und nach Verlassen wieder sperren.

 

Sperrsitz. Nur mit Schlüssel zu entsperren.

 

„Sperrsitze gibt es im Original nur noch bei uns“ betont die Prinzipalin. „Das ist weltweit einmalig. Genau wie das stille Örtchen im Theatersaal.“ Tatsächlich befindet sich nach wie vor ein Locus Vivendi mit Vorhang im Greiner Rokoko-Theater. Wer musste, konnte bei Lachern, rasch den Vorhang lüften und verfolgen, was auf der Bühne gerade geschah. „Herrlich. Das passt doch“, freut sich Christine Geierhofer. Ihr Dutt wackelt im Rhythmus ihres Lachens.

 

Linkerhand. Das „stille Örtchen“ mit Blick auf die Bühne.

 

Das Repertoire? Gespielt wird alles, was ein Publikum findet. Leichte Kost, Operette, Volksstücke. „Sogar die Wiener kommen zu uns“. Aber auch Brechts „Dreigroschenoper“ oder Dürrenmatts „Biedermann und Brandstifter“ stehen auf dem Spielplan. Das Ensemble von der Greiner Dilettantengesellschaft – so heißen sie wirklich –ist mit Feuereifer dabei. Seit unzähligen Generationen. Für 16 Euro auf allen Plätzen. „Das reicht gerade so. Mit Theater wird man nicht reich“, ergänzt die unerschrockene Theaterintendantin. Das Publikum sei heutzutage leider launisch und verwöhnt. „Ach, das Internet!“

 

Für treue Abonnenten. Hier hängt der Schlüssel zum Sperrsitz und Theatergenuss.

 

Ab 4. November 2017 gibt es noch „Die Weberischen“. Eine musikalische Komödie über Mozarts Gattin. Anfang Dezember wird dann das traditionsreiche Haus, früher einmal ein Getreidespeicher, zugesperrt. Für drei Monate. „Wegen Denkmalschutz“. Im Winter wären Heizkosten und Brandgefahr einfach zu hoch. Im März heißt es im 226 Jahre alten Stadttheater wieder: Vorhang auf! Wir spielen – wie es euch gefällt.

 

Ein Stück weit Donauabwärts. Ein Monument für die Nibelungen. Helden sind wieder gefragt.

Hoch hinaus

„Solang ich klettern kann, solange ich Bücher schreiben kann, so lange bin ich jung.“ Zum Schluss wurden die Berge zu hoch. Die Knochen zu müde. Nur der Verstand blieb wach, fand keine Ruhe. Heiner Geißler. In einem seiner letzten Interviews vom Sommer erklärte er: „Die einzige Angst, die berechtigt ist, ist die vor dem Tod. Von hundert Leuten sterben hundert.“ Das Tröstliche: Sein Vermächtnis bleibt unsterblich. Wage zu denken. Nutze dein Leben. Gehe deinen eigenen Weg.

Heiner Geißler durfte ich in den letzten Jahren näher kennenlernen. Es war ein Vergnügen ihn zu treffen. Er öffnete Türen, ließ Gedanken zu, auch wenn er manche für unausgereift hielt. Er selbst wurde im Alter immer kompromissloser und unbeugsamer. Nur ein Beispiel: In einem kurzen Kulturbeitrag für aspekte forderte er die sofortige Sprengung der Siegessäule in Berlin. Warum? Das Monument stehe wie kein anderes für preußischen Militarismus, antwortete der gebürtige Schwabe trocken. Wir schafften es mit diesem Vorschlag auf Seite eins des Boulevards. BILD schäumte. „Geißler dreht durch“, hieß es.

 

Heiner Geißler. 2016 auf der Frankfurter Buchmesse.

 

Hatte sich Helmut Kohls einstiger Scharfmacher vom Saulus zum Paulus gewandelt? Einst attackierte er die Sozis als „fünfte Kolonne Moskaus“ und die Grünen brandmarkte er als Vertreter „eines Pazifismus, der Auschwitz erst ermöglicht“ habe. Nach seinem Sturz als CDU-Generalsekretär 1989 ging der bekennende Katholik und Jesuit eigene Wege. Alle Versuche eines Comebacks hintertrieb Kohl. Geißler suchte und fand nach Umwegen aber die Rolle seines Lebens. Als Mahner, Quer-Denker und radikaler Utopist. Er träumte den Traum einer besseren Gesellschaft.

 

Mit Heiner Geißler auf dem Blauen Sofa.

 

Geißler warnte vor der „Renaissance des Nationalismus“, das zu einem „architektonisch eher mittelmäßigen Hohenzollernschloss“ geführt habe. 2012 fragte er: „In welchem Geisteszustand befindet sich eigentlich die Verwaltung und Regierung von Berlin, die im Herzen ihrer Stadt das dümmste Monument der Republik anstandslos akzeptiert, nämlich die Siegessäule mit eingelassenen Kanonenrohren aus denen die Preußen auf deutsche Landsleute und Franzosen geschossen hatten, und die Hindenburgplätze, ja sogar Dscherschinski-Straßen für angemessen hält, es aber ablehnt, auch nur eine Nebenstraße nach dem von rechtsextremen Nationalisten ermordeten ersten Reichsfinanzministers Matthias Erzberger zu benennen.“

 

Siegessäule in Berlin. Weil er sie nicht sprengen konnte, nutzte er „das hässliche Moument“ als Trainingsstätte.

 

In seinem lesenswerten Buch „Sapere audere – Wage zu denken“ geißelte er die „Schande des Kapitalismus“. Er verurteilte „Spekulation mit Grundnahrungsmittel“ und forderte eine Transaktionssteuer. Damit schaffte er es in Talkshows, blieb im politischen Tagesgeschäft jedoch chancenlos. Heiner Geißler suchte stets die Herausforderung. Augenzwinkernd erzählte er mir noch über die Siegessäule, die er eigentlich sprengen wollte. „Da dies zeitnah nicht umzusetzen war, beschloss ich das Monument als Trainingsstätte zu nutzen. Für zehn Groschen alle Stufen rauf und wieder runter. Ein ideales Fitness-Programm.“ Dann lächelte er und schlug vor, die Zeit für einen guten Tropfen „Gleisweiler Hölle“ zu nutzen. Sein geliebter Wein aus dem eigenen pfälzischen Anbau.

 

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Der Schladi geht um

Alltag in einem Amt der Hauptstadt. Könnte auch woanders sein. Dienstag sind verlängerte Öffnungszeiten. Das ist im Behördenjargon der Schladi = der „Scheiß Lange Dienstag“. Gegen solche Zumutungen hilft nach Aussagen der zusammengesparten Mitarbeiterschaft nur die „Kuchenpause“. Sonst fällt der Zuckerspiegel, droht ein Burn-Out und am Ende geht gar nichts mehr. Ausweise verlängern? Auto ummelden? Hochzeit festlegen? Dafür braucht es viel Geduld und einen langen Atem. Ganz Berlin ist eine BER-Baustelle, die nie fertig wird. Ready to take off … für die nächste Verschiebung.

 

Herausforderungen sind das Salz in der Suppe des täglichen Betriebsablaufes. (Gesehen am Markt in Wroclaw/Breslau)

 

Wie wäre es mit dem Neubau einer Schule? Bildung ist wichtig, sagen alle. Kinder werden wieder in die Welt gesetzt, wie wir erfreut verzeichnen. Wer also bauen will, kann folgende Herausforderungen fest einplanen. Zunächst gilt es eine neue zentrale Aufgabenstellung mit zu definierenden Prioritäten, nachhaltiger Bürgerbeteiligung und unter Berücksichtigung geschlechtsneutraler sowie EU-weiter Ausschreibungskriterien festzulegen. Dann folgen Risikofaktoren wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter bei notwendiger Anhörung und Zustimmung der Personalräte.

 

Aufgaben und Zielstellung sind in eine geordnete Abfolge zu bringen. (Gesehen in St. Petri-Kirche Lübeck „Double Act“)

 

Beginnen wir das Werk: 1) Bauherr definiert Bedarf, 2) Mittel werden beantragt, 3) Testat wird erstellt, 4) Senat für Finanzen verabschiedet Investitionsplan, 5) Anmeldung durch Bezirk, 6) Senatsbeschluss, 7) Erarbeitung Bedarfsprogramm, 8) Genehmigung Bedarfsprogramm, 9) Vergabeverfahren, 10) Auswahlentscheidung, 11) Vorplanungsunterlagen (VPU) werden erarbeitet, 12)  VPU werden genehmigt, 13) Veranschlagung im Haushalt, 14) Bauplanungsunterlage (BPU) wird erarbeitet, 15) BPU wird genehmigt, 16) Ausführungsplanung, 17) Ausschreibungscheck, 18) Baubeginn, 19) Fertigstellung, 20) Einweihung der Bildungsstätte durch Senat, Bezirk, Integrations- und Gleichstellungsbeauftragte. 21) Verteilung von Schultüten.

 

Eine Momentaufnahme vom stillgelegten Flughafen Tempelhof.

 

Im konkreten Fall nahm dieser Ablauf gerade einmal acht Jahre in Anspruch. Das ist durchaus sportlich zu nennen. Der Flughafen BER strebt möglicherweise, vielleicht oder vielleicht auch nicht im sechzehnten Jahr seiner Planung, Genehmigung und Ausführung (genauer Ablauf siehe einen Absatz weiter oben) der Vollendung entgegen. Merke: Den Bürokratismus in seinem Lauf, halten weder Ordnungsamt noch Schladi auf.

Wut ist ein Geschenk

Er ging um neun Uhr abends zu Bett und stand um drei Uhr früh auf, um zu meditieren. Um fünf wurde gebetet. Danach ging es ans Tageswerk. Der disziplinierte Frühaufsteher war Anwalt, Pazifist, Publizist und Politiker. Sein Motto: „Die Kraft jedes Einzelnen kann die Welt ändern.“ Der Mann hieß Mahatma Gandhi. An die friedliche Veränderbarkeit der Welt glaubte er bis zu seinem gewaltsamen Tod. Gandhi starb 1948 beim Gebet – durch drei Schüsse eines Nationalisten.

 

Mahatma Karamchand Gandhi. (1869 – 1948)

 

Die Geschichte des schmächtigen Mannes, der nur 1 Meter 64 groß war, erzählt nun sein Enkel Arun. 1934 geboren, nannte er seinen berühmten Großvater nur Babuji. In elf Lektionen nähert sich Arun einem Menschen, der so bescheiden lebte wie die Mitglieder der untersten Kasten: „Sein Blick glich zwei weichen Lichtern im Dunkel“. Das Buch erzählt von der Freundschaft zum Großvater und der Wut der vielen Ausgegrenzten und Unterdrückten. Wut sei der erste Schritt zur Überwindung.

 

Gandhi 1930 – beim Protestmarsch. Ein kleiner unscheinbarer Mann mit Schultertuch, Sandalen und Wanderstock stürzt das Salzmonopol der Briten.

 

„Die meisten Menschen brauchen sehr wenig, um glücklich zu sein“, zitiert Journalist Arun seinen Großvater. „Wer am lautesten schreit, hat am wenigsten zu sagen“, denn: „Hohle Trommeln dröhnen am lautesten“. Typische Gandhi-Gedanken. Aus der Zeit gefallen? Keineswegs, findet Enkel Arun. Er besteht darauf, dass sein Prinzip der Gewaltlosigkeit im Zeitalter von Terror, Kriegen und neuem Nationalismus aktuell bleibe. Mahatma Gandhis Antwort an seine vielen Gegner: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du“,

Allerdings gab es durchaus Momente, die an Gandhis Pazifismus Zweifel nähren. Als Hitler die Judenverfolgung perfektionierte, schrieb er dem Rabbiner Leo Baeck: „Mein Rat an die deutschen Juden lautet, am selben Tag zur selben Stunde gemeinsam Selbstmord zu begehen. Dann wird das Gewissen Europas erwachen.“ Gandhi meinte tatsächlich auch angesichts größter Verbrechen, dass Hungerstreik und gewaltloser Widerstand die besten Waffen seien.

 

„Die Kraft jedes Einzelnen kann die Welt ändern.“

 

Gandhi saß immer wieder in Haft. Er überlebte acht Anschläge. Dennoch verzieh er seinen Attentätern. „Viel Glück. Sollte es mein Schicksal sein, dann sterbe ich von ihrer Hand. Wenn nicht, denn eben nicht.“ Das neunte Attentat überlebte er nicht. Am 30. Januar 1948 um fünf Uhr nachmittags feuerte sein Landsmann Nathuram Godse die tödlichen Kugeln ab.  Der Mörder war ein nationalistischer Hindu. Er warf Gandhi Verrat an der indischen Nation vor.  Zur Trauerfeier für den 78-jährigen strömten mehr als anderthalb Millionen Menschen zusammen. „Unfriede kann keinen Frieden schaffen. Das ist, als versuche man, Trauben von Distelbüschen zu ernten“, erwähnt Arun des Großvaters Vermächtnis.

 

War er nicht unglaublich naiv? Brauchen wir einen neuen Gandhi? Enkel Arun ist überzeugt, dass seine Botschaft sinnvoller ist als jemals zuvor. „Millionen Menschen spürten seine Aufrichtigkeit und tiefen Glauben. Eine unwiderstehliche Kombination“, schreibt er. „Wut als Geschenk. Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi.“ Eine kurze, kompakte Streitschrift zum Nachdenken. Beklemmend aktuell.

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Stadt von morgen

Neu in Berlin? Auf Wohnungssuche? Viel Spaß. Der Traum von einer neuen Bleibe: Schwierig bis unbezahlbar. Eine Drei-Zimmer-Wohnung im Berliner Zentrum liegt bei 2.000 Euro. Busfahrer, Polizisten und Krankenschwestern sind ohne Chance. Ein WG-Zimmer für 650 Euro. Nur etwas für den Nachwuchs der Besserverdienenden. Wer ändert das? – Wir, versprechen die Parteien, dann wird´s besser.

 

Kontraste. Alt -neu. Günstig – abgehoben.

 

Wenn Wohnen oder Kaufen in den Innenstädten zum Luxus wird. Dann ist Zeit über Alternativen nachzudenken. Wir blättern in Schriften und Archiven, finden diesen Aufruf:

„Vorspruch. Unsere Städte sind für eine frühere Zeit und die damals gültigen Lebensbedingungen der Menschen gebaut. Mit der fortschreitenden Entwicklung unserer „technischen Welt“ stimmen unsere Städte dabei immer weniger überein, sie funktionieren nicht mehr.

Wir erleben es täglich: Das Leben des einzelnen, das Dasein der Familie und der Gemeinschaft aller Bürger sind in dem nicht mehr passenden Stadt-Gehäuse in Unordnung geraten. Um das Leben in der Stadt wieder in Ordnung zu bringen, müssen wir daher heute die Stadt von morgen planen.“

 

Die Traumwohnung für „unter“ 200 Euro/Monat. Gesehen in Berlin-Charlottenburg

 

Was tun, fragen die unbekannten Autoren. „Unsere öffentlichen und privaten Mittel müssen nach einer Rangfolge verteilt werden, in der die Aufwendungen für Umgestaltung und Erneuerung unserer Städte an bevorzugter Stelle stehen. Wer Städte von morgen bauen will, muss die Nutzung ihres Bodens bestimmen können. Hierzu müssen neue Begriffe und neue gesetzliche Ermächtigungen geschaffen werden, deren Kernpunkt das Verfügungsrecht über den Boden ist.

 

Interbau-Broschüre von 1957 – wie soll die Stadt von Morgen aussehen?

 

Boden darf keine Ware sein, deren Verfügung im Belieben des Eigentümers liegt. Boden ist die Grundlage unserer Ernährung und unseres Bauens. Keine Angst vor Planung! Sie bedeutet nicht Planwirtschaft, sondern ist eine unentbehrliche Hilfe, um im engen Raum Freiheit und gesunde Lebensbedingungen für alle zu sichern.“ Am Ende heißt es: „Ob das geschieht, liegt auch in deiner Hand. Der Bauherr Deiner Stadt bist Du!“

 

Gebaute Utopie. Das Hansaviertel. Das Flagschiff – die Akademie der Künste. 1960.

 

Wer hat dieses Programm verfasst? Weltfremde Spinner, Jusos oder 68er-Altkader? Keineswegs. Diese Ideen sind genau sechzig Jahre alt. Entwickelt von Architekten und Stadtplanern für die Interbau 1957. Die ungenannten Verfasser suchten West-Berliner Antworten auf Krieg und Teilung, Wohnungsnot und SED-Propaganda. Es war die Utopie von einer besseren Gesellschaft auf Basis einer sozialen Marktwirtschaft. Im untergegangenen alten Hansaviertel wurde dieser Traum Realität. Mit allen Vorzügen und Fehlern der Moderne. Das Hansaviertel wird in diesen Tagen sechzig Jahre alt. Sein Versprechen ist aktueller denn je.

 

„Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel aus wenig viel“. Inschrift an einem Berliner Mietshaus der 50er Jahre.

 

Alle Zitate aus der Broschüre „Die Stadt von morgen“ von 1957.

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Oh wie schön …

Janosch. Das Leben ist so schön. Der Meister des heiteren Müßiggangs liebt seine Hängematte in seiner Finca auf Teneriffa. Mehr braucht es nicht im Leben. Der mittlerweile 86-jährige ist Kinderbuchautor. Romantiker. Weltverbesserer. Ein Mann der feinen Ironie. Und: Der Vater der Tigerente. „Scheiß Tigerente. Ich halte die für Kitsch“, antwortete Janosch einmal einer naseweißen Reporterin. Er hasst Interviews und Talkshows. „Die sind doch nur zum Lügen da“ warf er einmal bei einem seiner wenigen Auftritte in die Runde. Das Publikum tobte begeistert.

 

Der kleine Bär und der kleine Tiger suchen das Land ihrer Träume. Wo ist es?

 

Geboren wurde er 1931 als Horst Eckert im schlesischen Dorf Hindenburg. Er selbst hatte als Kind eine schwierige Kindheit. Der Vater ein prügelnder Nazi. Krieg, Flucht, Vertreibung und Neuanfang in München. Dort wollte er Kunst studieren. Der Professor warf ihn raus, wegen „mangelnder Begabung“. Dann erfand er die Geschichte von Panama. Warum? „Ich hatte die Schnauze voll von Kinderbüchern. Keiner kaufte die. Und da wollte ich einen Racheakt an der Welt landen. Ich wollte ein Kitschbuch machen. Da gibt es so ein paar Regeln. Da muss ein Kuschelbär dabei sein und der Bär muss eine Reise machen und muss einen Freund haben und schon fangen die Weiber an zu heulen.“

 

Der Durchbruch kam für Janosch im Alter von 47 Jahren mit seiner Panama-Geschichte. Der Erfolg machte ihn jedoch keineswegs glücklicher. Im Gegenteil. Im Jahr 2000 verkaufte er seine Nutzungsrechte. Die cleveren Vermarkter verdienen seitdem allesamt an Janosch prächtig, packen die Tigerente sogar auf die Wurstscheibe.

Sein Glück fand Janosch in den Bergen von Teneriffa. Hier lebt er zurückgezogen. Kinder liebt er, nicht aber deren Eltern. Janosch ist ein liebenswerter Anarchist und Aussteiger. Sein Herr Wondrak, jede Woche zu Gast im ZEIT-Magazin bleibt stets froh, heiter und gelassen. Die beste Antwort auf die vielen leistungsoptimierten Burn-Out-Zeitgenossen. Älter werden, na und? „Das Alter ist die beste Zeit meines Lebens. Es ist so was von schön. Das kann ich jedem nur empfehlen. – Was ist am Alter so schön? – Der Geschlechtstrieb ist abgestorben bzw. beseitigt. Man wird nicht mehr ernst genommen von den Leuten. Man kann machen, was man will.“

 

 

Janosch. Was für ein Leben, was für eine wunderbare Botschaft! Warum hektisch herumeilen? Es gibt doch so einfache Lebensweisheiten, Marke Janosch.

  • Das Paradies ist in uns.
  • Ein guter Freund ist unbezahlbar.
  • Glück heißt, frei sein.
  • Irrtum ist manchmal besser als Wahrheit.
  • Vielleicht ist auch alles Unsinn was ich sage.
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Guten Morgen, Berlin

„Guten Morgen!“ Er grüßt freundlich, wünscht einen guten Tag und lächelt auf seinem Stammplatz am Berliner Savignyplatz. Einer der vielen Bettler in der Hauptstadt. Die Menschen eilen an ihm vorbei durch die Passage von oder zur S-Bahn. Ich bleibe stehen, frage endlich einmal, wie er heißt. Zu oft habe ich ihn schon gesehen, ab und zu eine Münze in den Blechnapf geworfen, um dann weiter zu hasten. Gefragt hatte ich ihn noch nie. Der Mann antwortet. „Ciprian!“ – Mmh. Wie? – „Ciprian. Schöner Name. Kommt in meiner Heimat häufig vor“, sagt der Mann auf der Decke.

 

Morgens am Savignyplatz. Das Herz des vornehmen Berliner Westens.

 

Heimat? Wo das sei, frage ich nach. „Rumänien.“ Jeden Morgen grüßt er mich an der gleichen Stelle. Er ist da wie der Bäcker und der Kiosk nebenan mit seinen bunten Boulevard-Schlagzeilen. Ciprian hat wache offene Augen, die Hand bereit zum Gruß. Vor ihm eilen Menschen zur Arbeit, neben ihm liegt eine Krücke, hinter ihm ist ein feines katalanisches Delikatessengeschäft. Dessen Jalousien sind noch geschlossen. Meistens trägt Ciprian eine Pudelmütze und einen grünen dicken Parka, auch im August. In seiner Hand eine Tasse aus Blech. Sein Arbeitsgerät.

 

Ciprian ist ohne Obdach. Einer von mindestens 6.000 Menschen in der Hauptstadt.

 

Ciprian mag Mitte vierzig sein, vielleicht auch jünger. Er ist schwer zu schätzen. Tatsächlich ist er Anfang dreißig, verrät er mir. Das Leben hat sein Gesicht gezeichnet. Der freundliche Mann vom Savignyplatz erzählt mir nun mit Händen und Füßen von Pitescht. Ich verstehe ihn nicht richtig. Ich google den Namen später. Es muss wohl Pitesti sein. Eine Provinzstadt mitten in der Walachei. 160.000 Einwohner. Ciprian schaut mich fragend an. „160 Kilometer von Bukarest entfernt. Kennst Du Bukarest –unsere Hauptstadt.“ Was ihn nach Berlin verschlagen hat, will er nicht sagen. Er winkt ab. Was zählt, dass er jetzt hier sei. Ciprian ist EU-Bürger. Wie ich. Und doch trennen uns Welten. Zum Abschied lächelt er – wie jeden Morgen und wünscht einen „Guten Tag!“

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Glückskind

„Der Mensch ist frei, und würd´ er in Köthen geboren“, spottete einst Heinrich Heine. Michael Naumann erblickte genau dort das Licht der Welt, in der verträumten Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Von Köthen zog er in die Welt hinaus. Er kam bis nach New York, als erfolgreicher Verleger. Oder ins Kanzleramt, als erster Kulturstaatsminister der Ära Gerhard Schröder. Nun hat er sein Leben aufgeschrieben. Keine Frage: Seine Memoiren sind nicht unbescheiden. Eine Berufskrankheit sei diese verdammte Eitelkeit, zwinkert er. Aber Naumann das Glückskind aus Köthen hat viel zu erzählen. Anekdotenreich, süffisant und so manches Mal mit überraschendem Mehrwert.

Michael Naumann schlüpfte in seinen 75 Jahren in viele Rollen. Er war Journalist, Politikwissenschaftler, Kulturstaatsminister, ZEIT-Chefredakteur. Lobbyist. Am Ende mühte er sich als einer von zehntausend Türöffnern auf dem Berliner Hauptstadtparkett. Allerdings mit kulturellem Auftrag und einem vorzeigbaren Ergebnis. Naumann fungierte als intellektueller Bauleiter für den schicken neuen Pierre-Boulez-Saal. Er diente als Macher und Manager seinem Hausherrn Daniel Barenboim. Eine Erfolgsgeschichte.

 

Michael Naumann. Seit 2015 Gründungsdirektor das Barenboim-Said-Akademie in Berlin.

 

In seinen Glücks-Memoiren schaut Naumann ausführlich zurück auf prominente Zeitgenossen. Dichter, Minister, Schauspieler beiderlei Geschlechts kommen zahlreich vor. Aber er lässt auch Unbekanntes aufscheinen. Von schwarzen Listen des Verfassungsschutzes in den siebziger Jahren erzählt er. Vom Elend von Bochum: Die Ruhr-Universität. Ein Komplex, der „in alle Ewigkeit als Monument von Großmannssucht, bildungspolitischer Protzerei, architektonischem Brutalismus“ eingehen wird. Scharf rechnet mit der liberalen Zeit ab. Das Hamburger Magazin sei ein „Konsensblatt“ geworden, „ein wenig schrill war nur das bunte Layout“.

Gnadenlos geht er mit seiner Generation, den 68ern ins Gericht. Als sie am Kabinettstisch saßen, wurden sie „pragmatisch – bis zum Rand der Selbstverleugnung.“ Rot-Grün hätte nur erreicht, dass man oben reicher wurde, „in der Mitte bescheidener und unten ärmer.“ Das macht ihn wütend. 23,6 Milliarden Euro habe Rot-Grün den Banken geschenkt. Finanzminister Hans Eichel erließ die Körperschaftssteuer für Banken und Versicherungen. Urheber „dieser strategischen Großmutsregelung“ sei ein ehemaliger Steuerabteilungsleiter der Bayer AG“ gewesen, klagt Naumann. „Eine linke Regierung subventionierte also das deutsche Großkapital“. Da sei selbst Kohl sozialer gewesen.

 

Naumann: „Unsicher und eitel? Das passt zusammen, aber die journalistische Berufskrankheit der Eitelkeit hatte ich im Verlag überwunden“.

 

Michael Naumann kann sich mit seinen 75 Jahren noch so herrlich erregen wie einstweilen der zornige junge Mann von 1968. Sein größtes Glück sei übrigens gewesen, dass er bei der Blockade der Auslieferung der Bild-Zeitung in München in jenen Tagen nicht erwischt wurde, erzählt er beiläufig. Seine Freunde seien allesamt geschnappt worden.

Michael Naumann. Glück gehabt. Hoffmann und Campe 2017.

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Letzte Ruhe

Ein Sonntagmorgen im August. Heinz werkelt im Hof des kleinen Anwesens. Ein einfaches Büdnerhaus im Brandenburgischen. Hinterm Schuppen ein paar Hühner, auf der Wiese einige Ziegen. Ich rufe ihm zu und frage, wie es der Frau Mutter gehe. Missmutig nähert sich der Anfang Sechzigjährige. „Sie ist tot.“ – Wie, frage ich ahnungslos nach. Heinz knurrt: „Ja, lieste keine Zeitung?!“

Dann erzählt er, seine Mutter sei im Dezember letzten Jahres hier im Haus verstorben. Er habe sie bis zum Schluss gepflegt. „Das Herz wollte nicht mehr. Ein Vierteljahr war sie im Krankenhaus. Dialyse und all der Quatsch. Sie wollte nicht mehr. Nur noch nach Hause.“ Heinz fixiert mich. Dann geht sein Blick ins Leere. „Nach Steinwehrsruh, nach Hause wollte sie immer noch einmal hin. Aber wie denn? Wir haben doch kein Geld!“

 

Louis Busman 1997

 

In So viel Anfang war nie beschreibe ich die einfache Landfrau Marie. Mutter von acht Kindern. Ein Flüchtlingskind. Mit 15 Jahren vertrieben aus ihrer Heimat. Ihr Zuhause war rund zweihundert Kilometer weiter östlich. 1945 musste sie mit nichts als einem guten Willen komplett neu anfangen. Geblieben waren ihr ein Bündel mit wenigen Habseligkeiten und ein Sack voller Erinnerungen. Ich traf Marie im August 2010 in ihrer kargen Küchenstube. Im Buch heißt es:

 

„Die Küchenuhr tickt. Marie Herres wirkt müde und erschöpft, aber eines will sie doch noch loswerden. Das Leben habe es nicht gut mit ihr gemeint. Vielleicht sei sie nicht die beste Melkerin gewesen, aber sie habe acht Kinder großgezogen. Ihr Mann konnte einen Hof nicht führen, sei ein Totalausfall gewesen. Ständig litt er an Krankheiten, trank, verlor ein Bein und starb früh. Marie Herres atmet tief durch. Über sechzig Jahre sei sie nun hier und fühle sich doch so fremd.

 Ich will es kaum glauben. So ein Dorf hat eigene ungeschriebene Gesetze. Wer hier neu anfängt, lernt sie eines Tages kennen. Meist ist das sehr schmerzhaft. Einheimisch wirst du vielleicht in der zweiten oder dritten Generation, meint Marie Herres. Am Ende antwortet sie kurz und knapp: „Ich bin nicht freiwillig hier. Wir hatten ein so schönes Haus in Steinwehrsruh. Dort ist mein Zuhause. Dort will ich begraben werden.“

 

Maries letzte Reise.

 

Marie liegt nun auf dem Friedhof gleich nebenan. Dort hat sie ihre letzte Ruhe gefunden, neben ihrem Mann. Obwohl sie viel lieber in ihrer Heimat begraben sein wollte. Sohn Heinz verschränkt die Arme. „Nun ist es eben so!“ Wie es ihm gehe, frage ich noch. Er brummt, von „der Euro-Rente“ könne er nicht leben. „Lausig. Kannste Vergessen!“ Grundsicherung. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. Seinen 45er hat er noch. „Den lass ich mir nicht nehmen. Der ist versteckt, dass er nicht geklaut wird.“ Es ist sein Moped-Kleinwagen, mit dem er nicht schneller als 45 Km/h fahren kann. Was wird, will ich wissen. „Mist. Was soll das Ganze noch?“ Heinz zuckt mit den Achseln. Dann zieht er sich zurück über den Hof in sein kleines Haus.