Archive for : November, 2017

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Babylon Berlin – U-Bahn-Gott

Die Bahn rumpelt Richtung Osten. Ein Sonnabend im Advent. Mittagszeit. Der Zug ist gut gefüllt. Ein beleibter Straßenmusiker entert den Wagen. Sofort legt er auf seiner Gitarre los. Er trällert ein amerikanisches Weihnachtslied. Die Fahrgäste lassen es über sich ergehen und ertragen seinen Vortrag teilnahmslos. Keiner schaut hin. Wie immer. Am Ende seines Liedes wünscht der Musiker mit britischem Akzent „Merry Christmas. Frohe Weihnachten. Salam Aleikum.“ Der Gitarrist zückt den Hut, um sein Honorar einzusammeln, als ein Mann mit Bart, Mitte dreißig, laut und deutlich ruft: „Du hast meinen Gott beleidigt.“

Für einen kurzen Moment herrscht so etwas wie Irritation im Abteil. „Mein Gott?“ Ich sitze mehrere Reihen entfernt. Anspannung liegt in der Luft. Plötzlich geht der Mann an der Tür auf den Musiker los. Er brüllt voller Hass: „Du hast Allah beleidigt. Du bist ein Ungläubiger.“ Die letzten Worte sind nicht richtig zu verstehen. Der Musiker wiegelt ab. „Ich habe allen ein frohes Weihnachten gewünscht. All People here. Fuck. That´s it.“ Der Bärtige hebt die Fäuste. Der Musiker ruft: „Damned. Du hast mir nichts zu verbieten!“ So stehen sie sich nicht einmal eine Armlänge entfernt gegenüber. Der Vulkan spukt Feuer, droht zu explodieren.

 

„U-Bahnfahren ist wie Schule. Eine Menge Leute sitzen auf engstem Raum und warten bis es vorbei ist.“ Werbespruch der Berliner Verkehrsbetriebe BVG.

 

Da geschieht ein kleines Wunder. Eine schmale Frau stellt sich zwischen die Streithähne, redet auf den Bärtigen ein, er solle sich wieder einkriegen, der Musiker habe es nicht so gemeint. „Vertragt Euch“, ruft sie. Und: „Nicht hier. Das geht gar nicht.“ Ein Vater, der mit seinem Kinderwagen direkt neben den Männern steht, schiebt seinen kräftigen Körper zwischen die Kontrahenten, drängt den schimpfenden Muslim ab, trennt die Hitzköpfe. Eine zweite, großgewachsene Frau, Mitte vierzig, eilt hinzu. Stellt sich gleichfalls beschwichtigend vor den Bärtigen. Das alles passiert in wenigen Sekunden. Der Zug hält am nächsten Bahnhof.

Die Streithähne lassen voneinander ab, steigen an verschiedenen Türen aus. Draußen rufen sie sich weiter wüste Schimpfworte zu. Ihre Wut hallt durch den Bahnhof.  Aber: sie gehen getrennte Wege. Die Prügelei wegen Gott und Weihnachten konnte um eine Haaresbreite verhindert werden. Die Türen schließen. Die Bahn fährt weiter. Allmählich stellt sich der übliche Großstadt-Blues wieder ein. Alle atmen auf. Die drei beherzten Mitfahrer haben durch ihr Eingreifen Schlimmeres verhindert.

 

Unter Tage. Voll. Eng. Stickig. Manchmal genügt ein falscher Blick.

 

Eine bizarre Alltagsepisode, verstörend, aber eigentlich nicht mehr. Ich hätte sie längst vergessen. An manchen Tagen ist das Aggressionspotential auf hohem Level. Ein falscher Blick zur falschen Zeit, ein Rempler, das kann Folgen haben. Man lernt damit umzugehen, verhält sich streetwise. Aber die kleine Szene geschah wenige Tage vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Das war im Dezember 2016. Da konnte keiner mehr dazwischen gehen. Eine bange Frage bleibt: An welchen Gott glaubt dieser Mann?

 

 

***

Fortsetzung folgt.

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Babylon Berlin – Kalle

Seit ein paar Jahren brummt es wieder im Viertel. Be Berlin. Die Immobilienkäufer fallen aus der ganzen Welt ein. Es sind Schweden, Spanier, Griechen, anyway. „Investieren Sie in die Zukunft! Die Gründerzeit ist zurück!“ Es gilt wieder als angesagt hier zu wohnen. Die Preise schnellen nach oben. Geld sucht optimale Optionen, vermehrt sich in Windeseile. Grundstücke verdoppeln binnen Jahresfrist ihren Wert. Wohnen wird zum Luxus. Schicke Apartments entstehen und stehen leer. An die Scheiben einer funkelnagelneuen Eigentumsresidenz – Motto „Verwirklichen Sie ihre Träume“ – hat ein Unbekannter mit knallroter Farbe gesprüht: „Suche Traumwohnung für unter 200 Euro im Monat.“ Am nächsten Morgen kommt die Polizei. Ein paar Tage später der Fensterreiniger. Aus dem Café gegenüber dudelt der Song: I will survive.

An den Wochenenden bevölkern Touristen das Quartier. Menschen mit klappernden Rollkoffern und festem Blick auf ihre Smartphone-Apps. In ihren Augen das Staunen, dass hier alles so „authentisch“ sei. Dabei sind Bäcker, Buchladen und Schuster verschwunden. Gehalten haben sich Restaurants mit Namen wie Ali Baba, Calcutta oder Reste fidèle. Geblieben sind auch die Parfümerie Sergio und der Ausstatter Berlingold. Nur Dolce Vita scheint vorbei zu sein. Die Boutique verspricht „Wahnsinnsangebote zu unglaublich günstigen Preisen“. Totalausverkauf steht auf roten Werbebannern. An einem Verteilkasten klebt ein Theaterplakat. Dort steht: „Und Gott sprach: Wir müssen reden.“

 

Berlin leuchtet.

 

 

Ich eile die Treppe zur S-Bahn hoch. Kalle winkt mir zu. Sein Stammplatz ist auf dem Absatz zwischen zwei Treppen. Genau hier wartet der Punker auf Kundschaft. Mit Hund, Decke, Bierflasche und Buch. Kalle vertreibt sich die Zeit mit Lesen. Es verkürzt die Wartezeiten und bildet ungemein, erklärt er. Kalle raucht und redet gerne. In seinen Händen hält er ein abgegriffenes Taschenbuch. „Mieses Karma“ steht auf dem Umschlag. Ich frage ihn, worum es in der Geschichte geht. Kalle kratzt sich am Kopf, dreht eine neue Kippe und erzählt den Plot. Die Heldin sei eine attraktive Talkmasterin, die allmählich zu einer kleinen miesen Ameise schrumpft.

Was fasziniert den Berufs-Schnorrer mit den gelb gefärbten Haaren am bösen Karma? Der Roman sei klasse, sagt er. Übersetzt bedeute dies, dass richtige Bösewichte vom Schlage eines Hitler, Stalin oder Erdogan künftig als Darmbakterien Wiedergutmachung leisten müssten. Wäre doch cool, oder? Pause. Passanten hetzen vorbei. Sie haben den Kopf eingezogen, eiligen Schrittes, froh in Ruhe gelassen zu werden.

 

Berlin Art Week. 2017.

 

Der Punker hat seine Werbestrategie geändert. Statt des branchenüblichen „Haste Kleingeld?“ oder „Hey Alter, Du siehst gut aus, Du hast doch sicher ein paar Groschen“, flötet er den Vorbeihastenden zu: „Guten Tag. Sind Sie motiviert, Ihr Geld mit mir zu teilen?“ Einige wenige lächeln. Diese Geldanlageoption klingt wie das Versprechen eines Finanzberaters der Immobilien oder Windräder verticken will.

Da auch die Sharing-Strategie nur bedingt fruchtet, schaut Kalle, der Punker mit Decke, Hund und Buch wieder in sein „mieses Karma“. Dort liest er weiter über bedeutende Menschen, die ganz schnell zu Käfern schrumpfen.  Nun lächelt er. Das Leben ist doch wie ein Roman.

 

 

Fortsetzung folgt

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Babylon Berlin – Ciprian

Berlin wächst. Jeder Jahr um die Größe einer deutschen Provinzstadt wie Pinneberg oder Pirmasens. Dabei scheint in der Hauptstadt – außer der großen Klappe – nichts so richtig zu funktionieren. Verstopfte Straßen, unbezahlbare Wohnungen, überforderte Behörden, kaputte Schulen, gigantische Großprojekte, die nicht fertig werden wollen. Der Flughafen BER ist bereits über zweitausend Tage im Rückstand. Nur noch Optimisten glauben an eine Eröffnung vor 2021. Berlin erlebt in diesen Tagen eine zweite Gründerzeit. Die 3.6 Millionen-Metropole ist ein nervöser Moloch – und doch wollen alle hin. Was sich geändert hat? – Täglich sehe ich in den Straßen Berlins  an fast jeder Ecke, auf Plätzen, vor U- oder S-Bahnhöfen mehr Not, Elend und Gleichgültigkeit. Mein nachfolgender Text stammt aus dem September 2017.

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„Guten Morgen!“ Der Mann sitzt auf einer Decke, grüßt freundlich, wünscht einen guten Tag. Er lächelt auf seinem Stammplatz in der Passage am Savignyplatz. Einer der vielen Bettler der Hauptstadt. Die Menschen eilen an ihm vorbei, zur S-Bahn. Ich bleibe stehen, entschließe mich endlich einmal zu fragen, wie er heißt. Wie oft habe ich ihn schon gesehen, ab und zu einen Groschen in seine Tasse geworfen, um dann weiter zu hasten. Gefragt hatte ich ihn noch nie. Der Mann schaut hoch. „Ciprian!“ – Mmh. Wie?  – „Ciprian. Schöner Name. Kommt in meiner Heimat häufig vor“, sagt der Mann auf der Decke.

 

Ciprian. Berlin-Savignyplatz. Herkunft: Rumänien.

 

Heimat? Wo das für ihn sei, frage ich: „Rumänien.“ Jeden Morgen ist er da wie der Bäcker. Oder der Kiosk nebenan mit seinem BILD-Aufsteller und den dicken Schlagzeilen. Ciprian hat wache Augen, die Hand bereit zum Gruß. Meistens trägt er eine Pudelmütze und einen grünen dicken Parka, auch im Sommer. In seiner Hand eine klappernde Tasse aus Blech. Sein Arbeitsgerät. Vor ihm huschen Menschen zur Arbeit, neben ihm liegt eine Krücke, hinter ihm befindet sich ein katalanisches Delikatessengeschäft. Dessen Jalousien sind schon länger geschlossen. Das Konzept hat wohl nicht funktioniert.

Ciprian ist Anfang dreißig. „31!“. Er zeigt mir mit seinen Fingern eine drei, dann eine eins. An manchen Tagen sieht er viel älter aus. Das Leben hat sich in sein Gesicht gegraben. Der freundliche Mann vom Savignyplatz erzählt mir mit Händen und Füßen von Pitescht. Ich verstehe ihn nicht. Ich google den Namen später. Es muss wohl Pitesti sein. Eine Provinzstadt mitten in der Walachei. 160.000 Einwohner. Ciprian schaut mich an. „Drei Stunden von Bukarest. Kennst Du Bukarest – Hauptstadt?“ Was ihn nach Berlin verschlagen hat, will er nicht sagen. Er winkt ab. Was zählt, dass er jetzt hier sei. Ciprian ist EU-Bürger. Wie ich. Und doch trennen uns Welten. Zum Abschied lächelt er – wie jeden Morgen und wünscht einen „Guten Tag!“

 

Berlin-Mitte. Mühlenstraße 50. Rückseite der „East Side Gallery“. Hotspot für Touristen.

 

Fortsetzung folgt.

 

Wer in der Winterzeit nachts helfen will, aber nicht weiß, wie Menschen in Notlagen vor Erfrierung geschützt werden können: Der Kältebus der Berliner Stadtmission ist von 21 – 03 Uhr unter der Nummer 0178 523 5838 zu erreichen.

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Babylon Berlin

Unsere Vorstellung vom Berlin der zwanziger Jahre, von den Golden Twenties, ist eine schicke Sehnsuchtsprojektion. Die TV-Serie Babylon Berlin bedient diese fiebrige Endzeitstimmung, den Tanz auf dem Vulkan. Erzählt wird von einem Sündenbabel, einem Chicago an der Spree mit Sex, Drogen, Mord und Gewalt. Mehr Grusel-Marketing geht nicht: „Revolution. Korruption. Prostitution.“ Auf der Coach mit der Fernbedienung in der Hand lässt sich solch ein Event genüsslich goutieren: Wie bescheuert waren die Menschen damals?

 

 

Heute geht es der großen Mehrheit materiell unendlich viel besser als vor neunzig Jahren. Doch der Zeitgeist weht wieder streng in Richtung Überlebenskampf. Entertainment und gutes Leben für die Schönen und Reichen. Der Rest muss sehen, wo er bleibt. Moral? – Fehlanzeige. Einzige Botschaft: Jeder ist seines Glückes Schmied. Bei diesem Babylon-Berlin-Hype drängt sich die Frage auf, ob wir aus diesem Tanz gelernt haben könnten. Selbst nach langem Überlegen drängen sich keine beruhigenden Antworten auf. Warum? Täglich sehe ich in den Straßen Berlins auf Plätzen, an fast jeder Ecke, vor U- oder S-Bahnhöfen mehr Not, Elend und Gleichgültigkeit. Mein nachfolgender Text stammt aus dem September 2017.

 

Folge 1

Das ist meine Stadt. Freund und Geliebte. Fast täglich durchquere ich sie auf vertrauten Wegen. Ein paar Varianten gibt es. Auf dem Weg von West nach Ost in die Mitte und zurück. Aber eine Konstante bleibt. Armut macht Beute. Nicht wegzuleugnen. Überall Elendsgestalten an Ecken, Eingängen, in der Bahn. Sie betteln, musizieren, schnorren. Mal aggressiv, mal melancholisch, mal höflich oder trotzig resignierend. „Will denn hier keiner was geben? Ich wünsche noch einen schönen Tag!“

Irgendwann reichte es. Ich wollte und konnte nicht weiter den Kopf einziehen, wegschauen, mit der Großstadtmaske an der Not vorbeigehen. Verdammtes Gewissen! Eine blöde Erfindung. Also fing ich an, an Bahnhöfen, Straßen, Supermärkten, vor Geldautomaten oder in Zügen für einen Moment genauer hinzuschauen. Ich bin nicht Jesus, klar. Aber wenigstens das wollte ich tun. Bei Gelegenheit und vorhandener Zeit einfach mal anhalten und das Gespräch suchen. Gutmenschen-Gedanken? Vielleicht! Auf alle Fälle kostet es Überwindung. Es klappt nicht immer. Manche wollen nicht. Was funktioniert: ein paar Münzen, keine Besserwisserei, einfach zuhören, dann geht es in der Regel.

 

Dan. Standort: Friedrichstraße. Heimat: Transsylvanien, Rumänien.

 

Mein Viertel ist ein angesagtes aber in die Jahre gekommenes Altbauquartier. In den Jahren nach der Wende stagnierte das Leben.  Die Gegend war out. Menschen, Läden und Clubs wechselten in den neuen Osten. So viel Vergangenheit war nie. Die Zukunft fand woanders statt. Die Gründerzeit mit Boom und Baulärm, neuen Gewinnern und alten Verlierern hatte sich in meiner Straße vor einem guten Jahrhundert abgespielt. Diesmal fuhr der Zug woanders ab. Merkwürdig. Alles wiederholt sich. Alles ist im Fluss. Jeder neue Tag ein Wagnis.

 

Fortsetzung folgt

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Der Lamborghini des Papstes

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Der Sportwagenhersteller Lamborghini wollte Papst Franziskus eine große Freude machen. Ganz nebenbei noch einen gewissen PR-Effekt erzielen und das eigene Image aufpolieren. Der italienischen Autobauer überreichte daher in diesen Tagen dem obersten Kirchenvertreter eine funkelnagelneue schneeweiße Extraanfertigung des Hurucan. Wert: gut 183.000 Euro. Franziskus segnete und signierte die vierrädrige Rakete mit Straßenzulassung. Das könnte für weitere Wertsteigerungen sorgen. Nur: Was soll der Papst mit einem 325 Kilometer schnellen Zweisitzer anfangen? An den Gläubigen vorbeiheizen?

 

Papst Franziskus signiert sein Geschenk – einen Lamborghini – und versteigert ihn.

 

Keine Frage: Viele Vorsteher und Chefs nichtkirchlicher Organisationen können sich jederzeit mehrere Lamborghinis leisten. Die Explosion ihrer Gehälter und Provisionen hat längst die Beschleunigungswerte des 610-PS-Boliden Hurucan übertroffen. In Interviews reden sie von Moral. Im Alltag treiben sie Rendite und das eigene Konto stetig nach oben. Der Lamborghini-Effekt.

„Mich treibt nicht das Geld. Mir ist wichtig, was die Menschen einmal über meine Amtszeit sagen.“  Joe Kaeser (*1957). Vorstandsvorsitzender der Siemens AG seit 2013.

Was nun, Joe Kaeser von Siemens? Der Vorstandschef verkündete im Zeichen eines Rekordgewinns von 6.1 Milliarden Euro einen massiven Arbeitsplatzabbau. Kaeser will weltweit 6.900 Arbeitsplätze streichen, die Hälfte davon in Deutschland. Seine aktuelle Begründung muss man sich genießerisch auf der Zunge zergehen lassen. Wortlaut Kaeser: „Siemens stellt sich strukturellem Marktwandel und stärkt globale Wettbewerbsfähigkeit“.

 

Thomas Winkelmann. Mit Air Berlin in die Pleite. Macht nichts. Das eigene Salär ist gesichert.

 

Auch Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann könnte eine ganze Flotte Lamborghinis einfach aus seiner Portokasse bezahlen. Winkelman trat seinen Job bei der abgestürzten Fluglinie kurz vor dem Konkurs an. Sein Gehalt in Höhe von 4.5 Millionen Euro mit einer Laufzeit von vier Jahren hatte er sich vorsorglich per Bankgarantie absichern lassen. Während tausende Air-Berliner um ihre Zukunft bangen, wickelte Winkelmann das Unternehmen ab und sorgte vorab für das eigene Wohlbefinden. Gewissensbisse? Von wegen. Den Vorwurf der „Raffke-Mentalität“ wies er empört zurück. Das Gehalt stehe ihm zu. Vorgänger Hartmut Mehdorn habe sogar mehr verdient.

 

Vier Räder, zwei Sitze. 610 PS. Background: Dubai. So werden Träume verkauft.

 

Manager nehmen, was sie kriegen. Ihre Optimierungsqualitäten sind beeindruckend. Goldene Handschläge für Pleiten, Pech und Pannen-Verantwortliche gehören zum Alltag. Egal wo, egal wer. Ob Air Berlin, Siemens, Flughafen BER oder VW.

 

Papst Franziskus. Lieber Fiat als Lamborghini.

 

Wenigstens der Papst zeigt noch Taktgefühl. Der Lamborghini tauge nicht als Papamobil, heißt es. Franziskus nutze lieber Kleinwagen der Marken Fiat, Ford oder Nissan. Der weiße PS-Protz soll nun versteigert werden. Der Erlös gehe an verschiedene Hilfsprojekte. Unter anderem an eine Organisation, die im Exil lebenden Christen aus dem Irak unterstützt. Oder an Opfer sexueller Ausbeutung in Italien. Der Lamborghini des Papstes kann am Ende doch noch für etwas gut sein. Das ist mehr wert als der ganze PR-Rummel oder zynische Manager, die sich für moderne Götter halten.

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Ist das ein Apfel?

Vorsicht! Die Wahrheit liegt stets im Auge des Betrachters. Der Meister des Surrealismus René Magritte ging noch einen Schritt weiter. Er warnte: Bildern sei zutiefst zu misstrauen. Der Belgier mit dem grünen Apfel meinte, es gebe einen Verrat der Bilder. Denn in seinen gemalten Apfel könne man nicht beißen. Es sei nur ein Bild. Eine Illusion, eine Täuschung. Diesen Rat gab René seiner Frau Georgette. Nimm Dich in Acht vor meinen Äpfeln. Adam warnte Eva.

 

Ceci n´est pas une pomme. 1964

 

Der Apfel war in Magrittes Arbeiten ein Lebensthema: Äpfel mit Masken, versteinerte Äpfel in karger Landschaft. Äpfel, die erklären, dass sie keine Äpfel sind. Oder ein verlorener Apfel, der über einem Mann schwebt, während dieser auf Berge starrt. Der Apfel steht in der Überlieferung für Gesundheit, Versuchung und Sündenfall. Der Apfel beschleunigt die Vertreibung aus dem Paradies. Denn Adam nahm den Apfel an. Da war es um den Himmel auf Erden geschehen.

Magritte wurde Ende des 19. Jahrhunderts in der Blütezeit der Belle Epoque geboren. Er starb im „Summer of love“ 1967, in der Hochzeit der Hippies. Seine Äpfel passten passgenau zur Pop-Art. Paul McCartney blieb bis heute ein Bewunderer und Sammler von Magritte. Er nutzte den Apfel als Markenlogo für das Plattenlabel der Beatles. Apple-Gründer Steve Jobs begründete sein Imperium gleichfalls mit Magrittes Meisterwerk. Milliardenfach leuchtet sein angebissener Apfel heute weltweit – als Sinnbild der Menschheit von Adam und Eva bis zum Iphone X im Silberlook.

 

Mann mit Apfel. 1964

 

Magritte malte sich häufig im tristen Geschäftsanzug, den er beim Malen trug. Stets gekrönt von einer schwarzen Melone. Auch diese folgt der Form des Apfels. Der belgische Maler über seine Kunst: „Meine Bilder beschwören ein Geheimnis herauf und, wenn man eines meiner Bilder sieht, fragt man sich in der Tat: „Was bedeutet das?“ Es bedeutet gar nichts, da ein Geheimnis nichts bedeutet, es ist nicht erkennbar.“

 

Die Beatles und Steve Jobs von apple bedienten sich bei Altmeister René Magritte.

 

Macht das Selfie-Zeitalter nicht eher blind? Blühen nur noch Ego-Emotionen? Führt der Overkill  zu Nervosität und Abhängigkeit wie bei Junkies? Sinken Verarbeitungs- und Erinnerungsvermögen? Reduziert die heutige Flut an Filmchen und Bilder Kreativität? Bleiben am Ende  nur noch Abstumpfung und Vereinsamung? René Magritte sagte einmal über die Macht der Bilder, sie sei für ihn gleichbedeutend mit Träumen. Aber er ergänzte: „Träume, die nicht einschläfern, sondern aufwecken wollen.“

 

Das ist keine Pfeife – natürlich. Das ist ein Magritte von 1929. „This is not a pipe“ – 59 × 65 cm Ölbild. Los Angeles County Museum of Art.

 

Magrittes Heimatstadt Brüssel feiert den Surrealisten mit zwei großen Ausstellungen.

„Magritte, Broodthaers & Contempory Art“. Brüssel. Königliche Museum der Schönen Künste. Jubiläumsausstellung. Bis 18.02.18.

„Magritte, Atomium meets Surrealism“ Brüssel. Atomium. Bis 10.09.2018.

 

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Mein 9. November

Vor genau 28 Jahren ging ich morgens in die Redaktion. Wie immer. Abends war die Welt eine andere. So schnell kann es gehen, wenn sich ganze Systeme auflösen. Von heute auf morgen. Der 9. November 1989 war ein Urknall der allerfeinsten Sorte. Friedlich, fröhlich, ohne Fanatismus, Hass und Blutvergießen. Das Volk ging auf die Straße, zeigte seine Macht und … siegte. Wenn es eine Lektion gab, dann diese: Selbst die bestbewachtesten Mauern haben nur eine begrenzte Haltbarkeit. Die Berliner Befestigungsanlage stand genau 10.315 Tage. Dann war sie fällig.

 

DDR-Grenztruppen räumen in der Nacht vom 9. zum 10.November die Ostseite des Brandenburger Tores, nachdem einige wenige Stunden das Tor frei zugänglich war.  Foto: Andreas Schoelzel

 

Die Dokumentation „Die letzte Truppe und der Fall der Mauer“ entstand 2014, zum 25ten Jubiläum des Mauerfalls. Hier erzählten zum ersten Mal Angehörige der DDR-Grenztruppen aus erster Hand, wie sie diese Nacht am Brandenburger Tor erlebten. Ihre Lage? In den Medien verkündete SED-ZK-Mitglied Günter Schabowski umständlich verschwiemelt am Abend die Grenzöffnung. Tatsächlich erhielten die Soldaten von oben keinerlei Befehle mehr. Vor und hinter dem vermauerten Brandenburger Tor  – in Ost und West – versammelten sich immer mehr Menschen. Was tun?

 

Brandenburger Tor. Ca. vier Uhr früh. Grenztruppen haben sich das „Grenzgebiet“ Pariser Platz zurückerobert. Stundenlang hatten Berliner aus Ost und West einen „visafreien Grenzverkehr“ organisiert. Alle Fotos: Andreas Schölzel.

 

Es gehört zu den historischen Wahrheiten, dass die Grenztruppen in dieser Ausnahmesituation („Grenzalarm!“) kühlen Kopf behielten und eine Katastrophe verhinderten. Die Soldaten erwiesen sich in dieser Nacht der Nächte als nationale Armee des Volkes. In den entscheidenden Stunden wurden sie ihrem Namen gerecht: als NVA, als Nationale Volksarmee. Kein Schuss fiel. Die Mauer war innerhalb von wenigen Momenten Geschichte. Die 45 Film-Minuten sind auch diesen namenlosen Offizieren und Soldaten gewidmet, die  Befehle ignorierten und einfach dem vielzitierten gesunden Menschenverstand folgten.

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte.

 

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Schlaflos in Pjöngjang – Finale –

Was ist in einem Land wie Nordkorea wahr, was nicht? Eine schlüssige Antwort habe ich nicht. Nur Erinnerungen an Begebenheiten wie diese, beiläufig passiert in unserem Ausländer-Hotel in der 40. Etage. Jedes mal, wenn ich in den Protokoll-Pausen mein Zimmer mit dem Hauptstadt-Überblick aufsuchte, klingelten zuverlässig die Zimmermädchen. Sie kamen immer zu zweit. Der Begriff Mädchen war in diesem Fall reichlich unangebracht.

Die beiden Endvierzigerinnen kicherten und brachten eine Kanne heißes Wasser. Wozu, wusste ich nicht. Ich hatte zwei Tassen im Zimmer, sonst nichts. Nun gut. Es handelte sich offenbar um eine höfliche Geste. Folglich beschloss ich am dritten Tag ein kleines Trinkgeld zu geben, obwohl alle Nordkorea-Kenner abgeraten hatten, einen Extra Groschen zu geben. Dies widerspreche den Landessitten. Doch wieviel sollte ich nun geben?

 

Unsere Tisch-Damen im Hotel hoch über der Hauptstadt.

 

Die beiden Zimmer-Damen glucksten und verbeugten sich. Jetzt standen wir uns alle drei begossen gegenüber. Ich wühlte im Portemonnaie, fand zwei 20 Cent Stücke, überlegte, ob es nicht deutlich zu wenig sei. Ich beruhigte mich damit, dass man in diesem Lande überhaupt kein Trinkgeld zu geben habe, da der Sozialismus solche rückständigen Traditionen bürgerlicher Gesellschaften siegreich überwunden habe.

Auch wenn 20 Cent ziemlich knauserig sind, überreichte ich diese kleine Aufmerksamkeit den Vertreterinnen aus dem Paradies der Werktätigen. Die Damen hielten inne. Sie bewunderten die Münze. Sie tuschelten. Dann explodierten sie. Die Ältere hielt das Geldstück in ihrer Hand wie eine Trophäe hoch. Sie gackerte. Sie schnatterte. Sie jubelte. Sie tanzte einen wahren Freudentanz. Die Münze fest in der Hand. Sie tauschte einen Blick mit ihrer Kollegin aus. Dann näherte sie sich und … warf mir eine eindeutige Geste zu. Ihre Augen funkelten: Na, wie wäre es mit uns beiden?

 

Blick aus der 40. Etage auf Pjöngjang.

 

Sie setzte ihr herausforderndstes Lächeln auf. Ich war fassungslos. Ich schaute wahrscheinlich genau so aus. Was jetzt? Ich hielt Abstand, verbeugte mich meinerseits und bedankte mich in freundlicher Bleib mir vom Leib-Haltung. Die beiden Werktätigen und Wasserträgerinnen verließen sodann laut jubelnd Zimmer 4020. Ich war perplex und sprachlos. Ich wagte mir nicht vorzustellen, was bei einem Trinkgeld von – sagen wir – zwei Euro passiert wäre.

Meine Kollegen klopften an die Zimmertür und fragten, was denn los sei. „Ach, eigentlich nichts Aufregendes“, antwortete ich. „Ich habe nur gerade erlebt, was ein kleines Trinkgeld in Pjöngjang auslösen kann…“

 

Kurz vor dem Check-Out am Flughafen.

 

Die Nordkorea-Reise vom 1. bis 5. Juni 2004 fand anlässlich der Eröffnung des ersten Goethe-Lesesaals der Bundesrepublik Deutschland in Pjöngjang statt. Er wurde einige Jahre später wieder geschlossen. Das ZDF-Team war Teil der offiziellen Delegation unter Leitung von Jutta Limbach, damals Präsidentin des Goethe-Instituts. Allerdings durften nicht alle akkreditierten Journalisten nach Nordkorea einreisen. Den Vertretern von SPIEGEL und FAZ wurde der Zutritt verweigert.

 

Schlaflos in Nordkorea. Die fünf Tage waren bizarr. Kaum in Worte zu fassen.

ENDE

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Schlaflos in Pjöngjang (5)

4. Juni 2004

Wir sitzen bereits wieder in der komfortablen Lufthansa-Maschine von Peking nach Frankfurt. Auf den allerletzten Drücker haben wir den Anschlussflug von Pjöngjang erreicht. Der Abfertigungsschalter in Peking war bereits geschlossen. Sie haben uns dennoch über einen Seiteneingang durchgelassen. Glück gehabt.

Die Frühsommertage von Pjöngjang sind schon wieder Geschichte. Als VIP-Delegation kamen wir, als beeindruckte Gäste gingen wir. Nordkorea hat meine gesamte Gefühlspalette aktiviert: Faszination, Unverständnis, Verwirrung, Entsetzen. Wir haben die Kulissen eines Staates gesehen, doch hinter die Kulissen konnten wir nicht schauen.

 

Brautpaare posieren für den Fotografen. Der Juche-Tower im Hintergrund.

 

Die Söhne und Töchter von Kim Il Sung haben ihr Klassenziel erreicht. Sie haben uns ihr Land gezeigt, ohne dass wir ihr Land wirklich gesehen haben. Die Führung Nordkoreas präsentiert das harmonische Bild eines mutigen, selbstbewussten und  kämpferischen Landes, das trotzig und unverdrossen gegen den feindlichen Rest der Welt anzukämpfen hat. An diesem Bild malen in Nordkorea viele Kulissenmaler mit.

 

Metrostation.

 

Was bleibt?

Unser glitzerndes Hotel befand sich auf einer Insel. Unerreichbar für die Einheimischen. Entrückt der Realität für die Fremden. Unsere Funktionäre haben alles getan, um die Illusionen eines wohl geordneten Staates zu unterstreichen.  Pjöngjang ist uns nach fünf Tagen so nah gekommen und doch so fern geblieben. Da wir nur wenig selbst sehen konnten, nehmen wir mehr Fragen als Antworten mit nach Hause. Wir haben gelernt, vieles gesehen und doch nur wenig verstanden.

 

Möbeltransporte in Pjöngjang.

 

Klar ist: Das nordkoreanische Regime ist allgegenwärtig. Dennoch hören wir von Geschichten, die uns hinter vorgehaltener Hand erzählt werden:  Kinder werden nach acht Wochen von ihren Eltern getrennt. In den Hochhäusern gibt es ab der sechsten Etage kein fließendes Wasser. Es existieren sogenannte Verbotene Zonen mit Arbeitslagern. Die Nahrungsmittelreserven reichen für fünfzehn Tage. Die Menschen hungern nach wie vor. 20% der Kinder sind unterernährt. 40% der Kinder sind wachstumsgestört.

 

Akkordeonklasse im Palast der Jugend.

 

Was ist davon wahr, was nicht?

 

Fortsetzung folgt.