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Der Seiltänzer

Posted on: 15. Dezember 2019 /
Categories: aktuelles

Der ganze Ost-West-Streit heutzutage ist an den Haaren herbeigezogen und „pille-palle“. Das sagt der Berliner Maler Trak Wendisch, geboren in der DDR. Seit dreißig Jahren gesamtdeutscher Bundesbürger. „Die Digitalisierung ist der Epochenbruch. Das ist die Entscheidungsfrage. Wer es nicht will, muss den Seiltänzer machen.“ Die Balance im Leben halten ist ein Grundthema des 61-jährigen Künstlers. Immer nah am Abgrund. Dicht vor dem Absturz. Wie sich oben halten? Mit erhobenem Haupt, auf dünnem Seil, ohne Netz und doppelten Boden?

Trak Wendisch gehört eher zu den stillen Künstlern im Lande. Er lässt seine Werke sprechen, seine Haltung ist seine Botschaft. Er war in der DDR unangepasst, blieb sich in der Neuen Zeit treu und ist es heute noch. Auch wenn sein mittlerweile berühmter „Seiltänzer“ im Schloss Bellevue hängt, weil es Bundespräsident Steinmeier wollte. Trak – ein Staatskünstler? Das passt nicht zusammen. 1988 hatte er als einer der wenigen aus dem Kulturbetrieb den Mut offen Probleme anzusprechen. Der Ort? Eine Jubelfeier. Die Kulturfunktionäre feierten im Palast der Republik das Finale der „X. Zentralen Kunstausstellung der DDR“ mit insgesamt einer Million Besuchern. Es sollte die letzte der DDR werden, was damals niemand ahnen konnte. Und dann geschah im Festsaal etwas Unerwartetes.

 

 

 

Wendisch nahm allen Mut, trat ans Mikrofon. Statt Lobeshymnen ging er die Macht der Greisen im Politbüro an und forderte im Namen der Künstler mehr Freiheit und Modernität – inhaltlich wie stilistisch. Die staatliche Feierstunde erzitterte in ihren Grundfesten. Der Eklat war perfekt. Journalisten mussten eilig den Saal verlassen, allen Beteiligten wurde ein Maulkorb verpasst. Die DDR-Medien verschwiegen die Rede des Rebellen. Kein Wort war jemals zu hören oder zu lesen. Aber auch die Westkorrespondenten deckten den Mantel des Schweigens über die Palast-Revolte. Nichts sollte wohl das betuliche deutsch-deutsche Verhältnis 1988 belasten. Ruhe sollte herrschen.

In dieser bleiernen DDR-Endzeit blieb es Malern wie Wendisch vorbehalten, in ihren Bildern das „Ungesagte“ auszudrücken. Das Publikum verstand jede Anspielung, jeden Strich, jeden Hinweis. In einer Gesellschaft der hohlen Sprüche, der Lügen und Parolen fand Wendisch Antworten, formulierte bissig Zeit- wie Staatskritik. Legte die Finger in die Wunden der Mächtigen, die partout nicht mehr hinzulernen wollten. Das Ende ist bekannt. 1989 ging die DDR unter. Heute muss der Seiltänzer beweisen wie er im eiskalten Wind des Digital-Kapitalismus Balance halten kann. Abstürzen kann er jederzeit. Doch die Kunst besteht genau darin mit Haltung oben zu bleiben.

 

Trak Wendisch. Frau vorm Fernseher. 1984

 

Unter dem Titel „Das Ende der Eindeutigkeit“ sind 34 Bilder der letzten DDR-Kunstausstellung noch bis zum 12. Januar 2020 in der Städtischen Galerie in Dresden zu sehen.

 

Trak Wendisch. Goldener Käfig. 2015

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Schöner Wohnen

Posted on: 2. Dezember 2019 /
Categories: aktuelles

Die Uhlandstraße in Berlin ist knapp drei Kilometer lang. Sie verbindet die gutbürgerlichen Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf, quert kerzengerade den Kurfürstendamm. Nach der Wende lange im Schatten vom neuen Babylon-Berlin in Mitte holt nun der „alte Westen“ auf. Ihren Namen verdankt die Straße Ludwig Uhland. Ein Dichter und Denker aus der schwäbischen Professorenhochburg Tübingen. Uhlands DNA ruht im bürgerlich-gelehrten Milieu. Rechtssinn und Unbeugsamkeit rühren vom Vater, heißt es, Phantasie und Gemüt von der Mutter. Ludwig Uhland war einer der Vordenker der bürgerlichen Revolution von 1848. Sie scheiterte. Aber der stille Dichter Uhland glaubte fest an eine humanistische Zukunft, in der nicht Besitz und Herkunft, sondern Talent, Fleiß und Können maßgeblich sind. Was für ein Traum.

 

Damenmode nach Maß. Das war einmal…  Wie hieß es bei der Linie 1 vom Grips-Theater: „Die Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wären wir schon längst chaotisch, russisch oder grün.“

 

In der Straße, die seinen Namen trägt, weht seit einiger Zeit der eisige Wind der allesverschlingenden Gentrifizierung. Häuser werden hin- und hergeschoben, gekauft und alsbald teurer weiterverkauft. Gute Zeiten für Glücksritter und Spekulanten aus aller Herren Länder. Haus um Haus verändert seinen Charakter. Viele der angestammten Bewohner klagen längst über schlechten Schlaf, besonders in der Uhlandstraße 61. Hier wird auffällig rabiat saniert. Für eine neue schicke Maisonette-Wohnung muss eine ältere Dame aus dem Stamme der berühmten Wilmersdorfer Witwen weichen. Die Rentnerin wohnt seit sechzig Jahren im Seitenflügel. Für die lukrative Umwandlung brauche es „nicht einmal eine Genehmigung“, klagt Dirk Franz, Sprecher der Initiative „Uhland61“.

 

Alles muss raus. Berlin. Uhlandstraße 61.

 

Die altehrwürdige Uhlandstraße verliert in diesen Tagen ihre kleinen Läden und damit ihr Gesicht. Was bereits der mächtige Online-Handel eingeleitet hatte, führt jetzt dank großer ausländischer Investoren zum Massenexitus kleiner Mittelständler-Unternehmen. Das Beste: Alles legal. Niemand stoppt diesen Prozess. Für Gewerbetreibende gibt es keinen rettenden Mietendeckel. Die Folge – es kracht ganze Straßenzeilen entlang: Der Reinigung wird eine 100%-ige Mieterhöhung zugestellt. „Unmöglich zu stemmen“, sagt die Betreiberin, „so viel reinigen kann ich gar nicht. Das war´s nach sechzehn Jahren harter Arbeit“. Das Resultat: Ende, aus und raus. Gleich nebenan Belle Moden, eine Boutique für die reifere Dame. Mieterhöhung. Ergebnis: Räumungsverkauf. Ende, aus und raus. Nicht anders der Schreibwarenladen. Ende, aus und raus. Der Bäcker, eine Ladenzweile weiter. Ofen aus und raus. Der Sushi-Laden. Ende – aus die Maus. Und so weiter…

 

Apotheke raus. Tigerlilly Waxing rein. Bitte klingeln!

 

Ach – es trifft auch die Apotheke gegenüber. Gekündigt. Feierabend. Exitus. Ende und raus. Zumindest in diesem Fall wurde kein Leerstand produziert. Nun gibt es statt helfender Medizin Haarentfernung: Tigerlilly waxing. Bitte diskret klingeln. Waxing braucht wahrlich der moderne Großstadtmensch. So ändert die altehrwürdige Uhlandstraße unaufhaltsam ihren Charakter. Nichts bleibt wie es war, dichtete Ludwig Uhland vor zweihundert Jahren. Aber nichts in der Welt muss ewig bleiben.

 

Wohnungsangebote in der Uhlandstraße? Alles eine Frage des Portfolios.

 

Ludwig Uhland – Gang der Welt
(1802)

Da zieht in des Triumphes stolzem Glanze,
Umflattert von des Glückes Lorbeerkranze,
Da zieht die freche Bosheit hin.
An ihrem Wagen keucht im Fesselklange

Die Tugend, trüben Blicks und blasser Wange,
Die unterdrückte Königin.

Da schwelgt der Frevler von der Länder Marke
Und führt von beiden Polen seinem Parke
Gefräß’ge Ungeheuer zu.

 

 

Seit zehn Jahren der Song zur Stadt. Dickes B von Seeed.

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Wollen wir tanzen?

Posted on: 26. November 2019 /
Categories: aktuelles

Kaum zu glauben. In diesen Novembertagen meldet sich ein lange Vermisster zurück. Aus dem Nichts. Seine Stimme kommt direkt aus dem Jenseits. Aber sie klingt, als wäre sie nie weg gewesen. Als hätte sie sich mit neuen Rasierklingen aufgeladen. Hallelujah, Leonard Cohen ist zurück. Dieser bekannte Unbekannte bittet zum letzten Tanz. Sohn Adam (mittlerweile auch schon 47 Jahre alt) präsentiert posthum sein Album Thanks for the Dance mit neun neuen Songs. Aufgenommen kurz bevor er diese Welt im November 2016 still und leise verließ. Drei Jahre ist das schon her. Damals intonierte er im Angesicht des Todes demütig „I´m ready, my Lord.“

 

 

Seine allerletzten Lieder erzählen einmal mehr von Trauer und Einsamkeit. Ein Mann sitzt mutterseelenallein verlassen am Weihnachtstag in einer leeren Wohnung. Er fragt sich, warum niemand seine Gesellschaft sucht. Der Weihnachts-Blues, den viele kennen, über den jedoch niemand offen spricht. Cohen kämpfte sein Leben lang mit der Volkskrankheit Depression. Einmal sagte er: „Wenn ich von Depressionen spreche, spreche ich von klinischen Depressionen, die der Hintergrund meines ganzen Lebens sind, ein Hintergrund voller Angst und Beklemmung, einem Gefühl, dass nichts richtig läuft, dass Zufriedenheit nicht möglich ist und alle Strategien in sich zusammenfallen.“

Der Singer-Songwriter probierte alles aus, um den „schwarzen Hund“ los zu werden. Er zog sich jahrelang in ein buddhistisches Kloster zurück. Dann komponierte, schrieb und sang er wieder, perfektionierte seinen düster-unverwechselbaren Sprechgesang. Über dreitausend Cohen-Cover-Versionen gibt es mittlerweile. Ganze Musikergenerationen bedienen sich seiner Poesie, seinen Gefühlen und Balladen. Im neuen Album  Thanks for the dance fordert er seine Freunde ein letztes Mal zum Tanz auf. „But the green was so green/And the blue was so blue/I was so I/And you were so you.“

 

 

Sohn Adam finishte die Rohversionen seines Vaters aus dem Jahre 2016. An manchen Stellen klingt des Vaters Tanz-Album als hätte sie eine bayrische Blasmusi-Band intoniert, die einen Kameraden verabschiedet – mit einem letzten wehmütig-liebevollen Walzer.

 

 

Leonard Cohen. „Thanks for the Dance“. 2019.

 

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Doppel-Daumen-Sound

Posted on: 15. November 2019 /
Categories: aktuelles

Wer hört was? Welche Lieder bewegt das Land? Was ist im Netz angesagt? Wohin treibt die Pop-Branche? Wer das wissen will, braucht schon lange nicht mehr die Charts zu befragen. Die alten Erfolgslisten wie verkaufte Singles oder Alben sind von vorvorgestern. Denn die Doppel-Daumen-Klick-Generation streamt. Musik ist allzeit abrufbar. Ein Alltagsgegenstand, ein Wegwerfartikel, jederzeit online und löschbar. 24/7. Der Pop-Vordenker Carl Jakob Haupt klagte einmal: „Eine Jacke kann man besitzen, einen Popsong leider nicht mehr.“

 

Die ZEIT hat sich den Streaming-Riesen Spotify genauer angeschaut. Unter den 100 Top-Titeln der aktuellen Streaming-Charts sind exakt 22 deutschsprachige Hits. Die ZEIT mäkelt jedoch, dass viele der Songs „ein problematisches Frauenbild“ propagieren, also politisch unkorrekt sind. Kein Wunder. Rapper sind keine Chorknaben. Chauvi-Sprüche gehören zum Geschäftsmodell. Spannend: die wirklich Erfolgreichen kommen aus der Provinz. Der Streaming-Hit „Was du Liebe nennst“, schaffte es bisher auf 146 Millionen Klicks. Songschreiber und Rapper Bausa kommt aus Bietigheim-Bissingen. Sein Liebes-Lied handelt vom Kohle verballern, von teuren Uhren, Golfplätzen und Luxus-Apartments. Service-orientiert blendet das Video gleich die Preise mit ein. Was kostet die Welt? Der Dreißigjährige aus der schwäbischen Tiefebene steht auf Rang 2 der Spotify-Topliste.

 

Zweitmeister gehörter Song in Deutschland (spotify)

 

Weit über allen Charts-Wolken schwebt Ed Sheeran. Ein 28-jähriger Mädchenschwarm aus der britischen Provinz. Sein „Shape of you“ tanzt elegant den Zeitgeist auf der Stecknadel-Spitze. Sheeran verkörpert alle Ikonen des jungen 21. Jahrhunderts wie Amazon, Google, Instagram, Ikea und das Iphone – zusammengeschnurrt in einer Person. Sheeran bringt es allein mit seinem Video Shape auf schwindelerregend hohe 4,4 Milliarden Klicks. Mehr geht nicht im Musikbusiness. So dudelt der windkanalgestylte Rekordhalter aus Warenhaus-Lautsprechern und bohrt sich in die Kopfhörer im morgendlichen Schulbus. Ed sei der wahre „Pop-Monopolist“, befindet die ZEIT. Was soll´s! Hinreißend schmachtet der Provinz-Boy die Girlies und Ladies dieses Planeten mit seinem Ohrwurm an: „Oh, I`m in love with your body“. Der perfekte Song für die globale Doppel-Daumen-Digi-Generation an ihren mobilen Endgeräten.

Einsam an der Spitze – nicht nur bei spotify

 

 

Wie meint Drake (Platz 7 auf spotify-Rangliste) so schön? YOLO – You only live once.

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Von Siegern und Besiegten

Posted on: 7. November 2019 /
Categories: aktuelles

Der dreißigjährige Frieden seit dem Mauerfall ist ein Grund zum Feiern. Das findet eine Mehrheit der Deutschen laut Umfragen. Doch die Ruhe trügt. Unter dem Einheits-Jubel gärt es kräftig. Ist das berechtigter, nachvollziehbarer Frust oder selbstgerechter Wohlstandsblues einer verwöhnt-überempfindlichen Gesellschaft?

Sieger schreiben Geschichte. Das heißt: es gibt auch Besiegte. Diese schweigen, ziehen sich grollend zurück, verbittern. Ist folglich die AfD die logische Antwort auf die letzten dreißig Jahre? Bedeutet die Wahl in Thüringen den Einstieg in den Ausstieg aus alten Gewohnheiten, Mustern und Illusionen der vereinten Bundesrepublik? In diesem prosperierenden Bundesland wählten vor kurzem mehr als 55% scharf Rechts oder scharf Links. Die sogenannte Mitte aus CDU und SPD kam nicht einmal auf ein Drittel Zustimmung. Wer ist nun nach dreißig Jahren Sieger, wer Besiegter?

 

Pariser Platz. Ostseite Brandenburger Tor am 10. November 1989 früh.  Foto: Andreas Schoelzel

 

Zur Erinnerung einige Momentaufnahmen aus der Nacht vom 9. November 1989 am Brandenburger Tor. Zusammengestellt aus Lageberichten der DDR-Grenztruppen, Volkspolizei, Ministerium für Staatssicherheit, (West)Berliner Polizei und eigenem Erleben als einer der wenigen TV-Journalisten vor Ort zwischen 23 Uhr und 4.30 Uhr früh am 10. November 1989. Eine Nacht, in der nichts blieb wie es war. Eine Nacht, die alles veränderte.

 

Lageberichte Brandenburger Tor. Donnerstag, 9. November. 11 Grad.

21:00 Dienstwechsel bei den Grenzregimentern.

22:00 Ein Zug der OHS Suhl (Offiziershochschule) wird zum Checkpoint Charlie abkommandiert.

22:44 Uhr Lagemeldung der West-Berliner Polizei. Menschenmenge auf 400-500 Personen angewachsen

22:45 Uhr Lagemeldung Volkspolizei-Inspektion Mitte. 50-60 Personen am Sperrzaun B-Tor.

23:05 Uhr Der einzige schriftliche Befehl des MfS (Ministeriums für Staatssicherheit) am Abend der Maueröffnung ist ein chiffriertes Fernschreiben, den die HA VI (Passkontrolle) um 23:05 Uhr an die grenznahen Bezirksverwaltungen für Sicherheit übermittelte. „Neben dem Lichtbild im Personalausweis – rechts – ist ein Passkontrollstempelabdruck anzubringen, der zugleich als Entwertungsvermerk gilt.“ (Abstempeln von Passfotos; Zählen)

23:50 Uhr „Mauerkrone wird erneut bestiegen“. Mehrere tausend Menschen auf Westseite. Auf Ost-Berliner Seite am Pariser Platz mehrere hundert Personen am Rollgitter.

23:57 Uhr „Panzermauer und Mauerkrone wird erneut bestiegen“. Grenztruppen setzen Wasserspritzen ein. Mehrere tausend Menschen auf Westseite. Auf Ost-Berliner Seite mehrere hundert Personen am Rollgitter.

23.59    Personen, die auf Mauer stehen, werden durch DDR-Grenzorgane mit Wasserstrahl von der Panzer-Mauer gespritzt.

 

Party am Brandenburger Tor. Feiernde Menschen.  Ratlose Grenzer. Foto: Andreas Schoelzel

 

10. November 1989

00:10 Uhr Ca. 100 Personen dringen „über die Rollgitter in den Sicherungsbereich der Grenztruppen ein“

00:20 Uhr Befehl: GKM (Grenzkommando Mitte) in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzen. Die GÜST (Grenzübergangsstellen) sollen mit Personal unterstützt, Reserven mobilisiert und herangeführt werden. Oberst Heinz Geschke: „Ruhe bewahren, Lage stabilisieren, keine Unfälle zulassen, in ruhige Bahnen lenken.“

00:30 Uhr: Live-Schalte US-Sender NBC auf Westseite mit Tom Brokaw. Im Hintergrund ist Wasserwerfer-Einsatz zu sehen. Der Mauerfall wird zum weltweiten Live-TV-Ereignis.

01:10 Uhr: Mauer wird wieder von Westseite bestiegen. Grenzer greifen nicht mehr ein. Auch von der Ostseite klettern Menschen auf die Panzermauer. Beginn der Party auf der Mauer.

01:10 Uhr Eine Menschenmenge von ca. 300 Personen bewegt sich von Unter den Linden westwärts auf das B-Tor zu. Befehl, auf keinen Fall von Maschinenpistolen Gebrauch zu machen.

01:20 Uhr Die Zahl der „im Grenzgebiet sich aufhaltenden Personen wuchs in der Folge auf rund 500 an“.

Ein unvergesslicher Moment. Kein großdeutsches Imponiergehabe.

 

Ca. 4.30 Uhr. Der Pariser Platz ist wieder „besenrein“. Was bleibt? In der Stunde ihrer größten Niederlage errangen die DDR-Grenzer ihren größten Triumph. Am 9. November 89 schoss die Armee des Volkes nicht auf das Volk. Foto: Andreas Schoelzel

 

Das Klopfen der Mauerspechte geht den Grenzern durch Mark und Bein. Oberst Günter Leo: „Die Offiziere waren total konfus, die fühlten sich betrogen, hinters Licht geführt. Mit denen war auch nicht mehr zu reden. Für sie war der Sinn ihres Berufslebens, ihre Erde, ihre Würde zerstört.“

Oberst Hans-Joachim Krüger (MfS) und Generaloberst Wagner (Ministerium des Innern) am frühen Morgen des 10.11.89:

Wagner: „Es sieht schlimm aus. Soll ich dir mal was sagen?

Krüger: Na, sag´s!

Wagner: Der Sozialismus ist verloren. Sieh in die Augen der Menschen. Wir haben kein Hinterland mehr.“

 

 

01:30 Uhr Reservekräfte in Berlin-Wilhelmshagen, Oranienburg und am „Hölzernen See“ (OHS = Offiziershochschule) werden in Marsch gesetzt.

01:39 Uhr Elitetruppe der Bereitschaftspolizei in Basdorf wird mobilisiert.

Bis 02:00 Uhr Weitere 1.000 Personen dringen „von der Otto-Grotewohl-Straße (heute Wilhelmstraße) aus in den Sicherungsbereich ein und durchbrechen die Sicherungsketten der Grenztruppen, die „ohne jegliche Gewaltanwendung ihren Dienst versahen“.

03:00 Uhr „Insgesamt wurden 546 AGT (Angehörige Grenztruppen) im Abschnitt des Brandenburger Tores eingesetzt (inklusive der ständigen Sicherheitskräfte im Abschnitt BBT= Brandenburger Tor)“, dazu rund 100 VPs (Volkspolizisten).

03:30 Uhr Entwarnung der Volkspolizei

04:30 Uhr Lagebericht MfS: Pariser Platz zwischen Panzermauer und Rollgittern geräumt. Rund 2.000 bis 3.000 Menschen auf der Westseite.

06:00 Uhr Eintreffen einer Elite-Kompanie aus Perleberg (Offiziersschule)

Die Lage im „Objekt Schallplatte“ (Deckname der Grenztruppen für Grenzabschnitt Brandenburger Tor/Reichstag) hat sich beruhigt.

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Über sieben Brücken

Posted on: 4. November 2019 /
Categories: aktuelles

Das Lied ist ein echter Ohrwurm. Und längst deutsches Kulturgut – im ganzen Land, nunmehr seit fast dreißig Jahren vereint. „Über sieben Brücken musst du gehen“. Wer aber konstruierte die Brücken? – Helmut Richter. Ein Ingenieur und Dichter. Jemals gehört? Wohl kaum. Einige wenige kennen seinen Roman „Scheidungsprozess“ oder Hörspiele wie „Schornsteinbauer“ und „Alfons Köhler“. Mit seinem Brückenlied traf er ins Schwarze. Ein Lied, das buchstäblich über Nacht berühmt wurde. Richter schrieb den Song eigentlich für eine DDR-Fernsehproduktion im Jahre 1978. Der Film erzählt die Liebesgeschichte eines deutsch-polnischen Pärchens. Der vierminütige Abspann ist mit dem Song der Ost-Berliner Band Karat unterlegt. Das Lied traf den Nerv. Karat verkaufte ihren größten Hit über eine Million mal. Die Brücken gingen auf eine lange Reise.

 

 

1980 coverte Peter Maffay den Karat-Song. Die sieben Brücken überwanden flugs die innerdeutsche Grenze. Maffay gelang in der Bundesrepublik ein Riesenerfolg. Wie heißt es so schön: Musik kennt keine Grenzen. Mittlerweile sind über hundert Versionen in mehr als dreißig Sprachen erschienen, unter anderem von Max Raabe und Jose Carreras.

Helmut Richter selbst blieb unbekannt. Ein stiller Mann aus Leipzig, der sich jedoch große Verdienste um die Literatur erwarb. Den Schneidersohn aus dem Sudentendeutschen verschlug es nach dem II. Weltkrieg in die damalige Ostzone. Zunächst arbeitete er in der jungen DDR als Landarbeiter und Maschinenschlosser. Doch er wollte mehr. Er absolvierte die Arbeiter- und Bauern-Fakultät und studierte Physik in Leipzig. Seine Leidenschaft aber galt nicht seinem Brotberuf Prüfingenieur sondern dem Dichten.

 

Das Original

 

Er hing den sicheren Job an den Nagel, um als freier Schriftsteller sein Glück zu suchen. Er schrieb Drehbücher, Hörspiele und Gedichte. Er textete die „Sieben Brücken“. 1982 gründete er die „Leipziger Blätter“, deren Cheflektor er bis 1989 blieb. Die Zeitschrift hat überlebt, es gibt sie noch heute. 1990 wollten Studenten und Mitarbeiter des Literatur-Instituts einen Neuanfang. Sie wählten Richter zum Direktor. Sein größter Erfolg: Er wendete die Abwicklung des Instituts ab, auch mit Hilfe von prominenten Autoren wie Elfriede Jelinek oder Peter Turrini. Nach der Rettung gab er 1993 seinen Posten wieder auf. Er wollte lieber frei sein und Gedichte schreiben. Das reizte ihn mehr als ein Leben als Kulturfunktionär.

 

Das Cover

 

Richter muss ein feinfühliger, genauer Beobachter gewesen sein. Seine Brücken-Geschichte mit der Deutschen Gitta und dem Polen Jerzy verlegte er an die Grenzflüsse Oder und Neiße. Die beiden wollten sich weder durch Vorurteile noch durch Grenzen aufhalten lassen. So bestieg er seine „sieben Brücken“.

Über sieben Brücken musst Du gehn
Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
machmal bin ich schon am Morgen müd
und dann such ich Trost in einem Lied
Über sieben Brücken musst du gehen sieben dunkle Jahre überstehn
sieben Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen
manchmal ist man wie von Fernweh krank
manchmal sitzt man still auf einer Bank
Manchmal greift man nach der ganzen Welt
manchmal meint man dass der Glücksstern fällt
manchmal nimmt…

 

Helmut Richter. Lyriker. Ingenieur. Brückenbauer.  Quelle: wikipedia

 

Helmut Richter ist Anfang November im Alter von 85 Jahren in seiner Wahlheimat Leipzig gestorben. Sein Lied macht ihn unsterblich. Die Sieben Brücken halten und sind stabil. Sehr stabil. Was für ein wunderschöner Wurf!

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„Wahnsinn“

Posted on: 30. Oktober 2019 /
Categories: aktuelles

Es war einmal ein Land, das geteilt war. Das ist lange her. Heute teilen wir alles. Berlin, Deutschland, Europa und die Welt. Genau wie unsere Gefühle und Emotionen: Liebe, Hass, Leidenschaft, Wut, Überzeugungen, Ideologien, Hoffnungen, Enttäuschungen, Resignation, Trauer.

Sofort, per Klick, rund um die Uhr. Wir teilen auf facebook, twitter, instagram, telegram, tiktok. Make your day. Real people. Real videos, heißt es in den digitalen Netzwerken. Dort findet heute der Kalte Krieg statt. Wir teilen aus, teilen uns mit, teilen die Welt ein in Gut und Böse. Im einst durch Mauer und Stacheldraht eingeschnürten Land gab es eine geflügelte Redewendung. „…in dieser Frage sind wir aber absolut geteilter Meinung.“

 

10.315 Tage hielt das deutsche Symbol von Abgrenzung und Abschottung. Die Mauer an der heutigen Wilhelmstraße, am Finanzministerium. Vorher Treuhand, zuvor Haus der DDR-Ministerien, davor Görings NS-Reichsluftfahrtministerium… Quelle: BSTU.

 

Vor genau dreißig Jahren war ich mit Notizblock und Stift unterwegs. Mobiltelefon, Laptop, IPad? Unvorstellbar! Aber ich traf reale Menschen, stellte reale Fragen und versuchte reale Filme zu drehen. Das reichte in den späten achtziger Jahren als Ansporn und Ausdruck. Am 9. November 1989 war ich die ganze lange Berliner Nacht unterwegs. Mit meinem Team Michael Koltermann, Hartmut Pauls und Marco Mangelli. Ihnen meinen Dank. Wir waren mittendrin, nicht nur dabei. Wir drehten, bis die Kassetten ausgingen und wir vor Müdigkeit fast umfielen. Es waren Momente, in denen Gänsehaut unser Begleiter war. Menschen wie du und ich rüttelten an der Mauer. Kein Politiker, kein Regime, kein Militär konnte die Menge aufhalten. In Berlin und anderswo.

 

Ohnmächtige DDR-Grenzer. Von oben keine Befehle, vor ihnen das Volk, hinter ihnen 28 Jahre Druck, Drill, Stress. Sie taten in dieser Nacht das einzig Richtige. Sie schossen als Angehörige der Nationalen Volksarmee nicht auf das eigene Volk. In der Stunde ihrer absoluten Niederlage errangen sie ihren größten Erfolg.  Foto: Die letzte Truppe ZDF.

 

Der 9. November 1989 war für mich ein Glücksfall. Als junger Reporter traf ich in dieser Nacht am Brandenburger Tor so viele fröhliche, friedliche und feiernde Menschen wie nie zuvor und auch nicht mehr danach. Sie kamen von überall, aus Ost und West. Alle einte der Wunsch, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Was viele umsonst mitbrachten – ungläubiges Staunen! Kein Schuss fiel. Nur und ab und zu krächzten Stimmen aus Armee-Lautsprechern, die aufforderten die Staatsgrenze der DDR sofort zu verlassen. Doch niemand rührte sich. Das Grenzregime war am Ende und das Wort des 9. November 89 war geboren – Wahnsinn.

 

Brandenburger Tor. Hauptstadt der DDR. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 2019. Gegen ein Uhr früh. Blick von Ost nach West am Pariser Platz.

 

Erinnern wir an diese Stunden als die Mauer in Berlin fiel, die so viel Leid, Tränen und Tote brachte. Und fragen nach, was aus diesem Glücksmoment der deutschen Geschichte geworden ist. Ein Fest ohne Buden, Gourmet-Meile, Kommerz. Ich teile hier 45 Minuten meiner Erlebnisse und Erfahrungen vom 9. November 1989 – mit realen Menschen und realen Bildern.

 

Demnächst mehr.

Mit-Gefühl – Feeling

Posted on: 24. Oktober 2019 /
Categories: aktuelles

Sie ist jung, talentiert, sieht gut aus und wird als Jazz-Wunder in den Medien gefeiert.  Sie selbst ist bescheiden geblieben. Kinga Glyk. Singen kann sie nicht, sagt die junge Polin über sich selbst. Will sie auch nicht. Lieber beherrscht sie ihren Bass wie keine andere ihrer Generation. Dabei ist der Bassist in der Regel männlich, eher zurückgezogen und zupft diskret im Hintergrund. Als Instrument übernimmt der Bass vorzugsweise eine dienende Rolle. Nicht bei Kinga Glyk. Virtuos entwickelt die Polin auf ihrem Lieblingsgerät eine eigene Handschrift, die überrascht und überzeugt. Kinga ist mittlerweile zwanzig Jahre alt. Sie gilt als eines der großen Talente im europäischen Jazz.

Kinga ist ihr polnischer Vorname und bedeutet auf Deutsch Kunigunde. Glyk kommt aus dem Griechischen und steht für „süß schmeckend und Zucker“. Kinga Glyk stammt aus einer polnischen Musikerfamilie. Vater Irek ist ein versierter Schlagzeuger, ihr Bruder ebenfalls Musiker, meistens sitzt er am Mischpult. Die Mutter organisiert das Management. Lange funktionierte die Band als Familienbetrieb. Mit zwölf begann Kinga den Bass zu entdecken. Nun legt sie ihr neues Album in verändeter Besetzung vor. Anfang November erscheint Feeling.

 

 

„Als Kind interessierte ich mich für den Bass, weil er mir eine ungewohnt kraftvolle Stimme gab, die ich damals nicht besaß“, erinnert sich Kinga. „Inzwischen sind seine Sounds längst zu meiner eigentlichen Sprache geworden, in der ich meine Empfindungen viel intensiver ausdrücken kann.“ Für Feeling komponierte sie sieben Stücke. Zwei weitere schrieb sie zusammen mit ihrem Pianisten und Produzenten Pawel Tomaszewski.

Ihr neues Album zollt dem Mainstream bei einigen Titeln Tribut. Zum Beispiel bei 5 Cookies, eine der ersten Auskopplungen. Jazz-Puristen werden die Nase rümpfen und solche populären Abstecher als Himbeer-Jazz verdammen. Zu süß? Zu seicht? Zu leicht? Von wegen. Kinga Glyk ist live ein Erlebnis. Da kann sie zeigen, wie sie modernen Jazz präsentiert. Ungeschminkt, voller Energie und mit dem richtigen Feeling.

 

 

Hier einige deutsche Tourneedaten für den Herbst 2019.

7.11.      Hamburg, Fabrik

8.11.      Göttingen, Festival

9.11.      Leverkusen, Jazztage

10.11.   Hannover, Pavillon

11.11.   Oldenburg, Kulturetage

12.11.   Marburg, KFZ

13.11.   Dresden, Jazztage

14.11.   Karlsruhe, Tollhaus

16.11.   Nordhausen, Theater

17.11.   Koblenz, Café Hahn

19.11.   Unna, Kühlschiff

20.11.   Mainz, Frankfurter Hof

Seelen-Futter

Posted on: 13. Oktober 2019 /
Categories: aktuelles

Je älter desto besser? Tja. Sagt man so. Gilt das auch für Van the Man? Für den Nordiren Van Morrison, der auf den Bühnen der Welt so gerne übelgelaunt die beste weiße Bluesperformance in die Herzen seines Publikum trägt. Und das seit über fünf Jahrzehnten. Ja, richtig. Es stimmt. Der Mann ist wie guter Wein. Und: Je trostloser die Lage, desto besser der Sound? Auch das trifft zu. Sir Van Morrison, von der Queen vor einigen Jahren geadelt, legt in diesen Tagen sein neues Album vor. Sein wievieltes? Ich weiß es nicht. Es sind so viele.

Was ich aber weiß: In Zeiten von Attentaten, Anschlägen, Brexit-Gezerre, zynischen Eliten, Kriegen und Klima-Turbulenzen soll, kann und will Van Morrison die aufsteigende Seelenpein mit Musik heilen. Die Vorab-Auskopplung ist jetzt online und zu hören: In the dark night of the soul.

 

In the dark night of the soul

Meditate on this and it will be revealed
Meditate on this and you will get healed
Meditate on this and you will feel whole
Get the vision of the ghost, again

 

 

Das komplette neue Album „Three Chords And The Truth“ erscheint Ende Oktober 2019. Es ist bereits sein sechstes Werk allein in den letzten vier Jahren. Van Morrison ist mit seinen mittlerweile 74 Jahren offenbar nicht mehr zu stoppen. Als renne er wie ein 100-Meter-Läufer gegen alle Stopp-Uhren an. Der Mann aus Belfast ist produktiver denn je. Three Cords verspricht sein bestes Album seit langer Zeit zu werden, mutmaßen Kritiker. Der ausgekoppelte Song In the dark Night of the soul ist auf jeden Fall typisch ungeschminkter Van-The-Man-Sound. Einfach, klar, unverfälscht. Und Balsam für die geschundene Seele.

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Der Traum vom Baum

Posted on: 17. September 2019 /
Categories: aktuelles

Neues zur Klimakrise. Politiker zeigen Entschlossenheit, wollen handeln. Ob in der Bundesregierung oder auf lokaler Ebene. Dort, wo Politik konkret ist. Der Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hat in diesen Tagen den „Klimanotstand“ ausgerufen. Rot-Rot-Grün packt an. Denn: „Das Klima wartet nicht“, sagt der Sprecher der Bündnisgrünen. Was geschieht? Unzählige Papiere werden gedruckt, in Umlauf gebracht, verworfen, korrigiert, um am Ende wieder im Papierkorb zu landen. Kreislaufwirtschaft im 21. Jahrhundert.

Alle Beschlüsse vor Ort sollen künftig auf Folgen für die Umwelt überprüft werden. Auf Basis der 17 UNO-Nachhaltigkeitsziele. Das hört sich beeindruckend an – Klimarettung auf höchstem Niveau.  Und die Praxis?

 

Das Sturmtief „Xavier“  entfaltete 2017 volle Wirkung. Der Ahorn war weggeknickt. Das Auto der Nachbarin optisch verändert. (Totalschaden). Unsere Räder blieben wie durch ein Wunder verschont.

 

Tatsächlich hat der wohlsituierte Kudamm-Bezirk andere Probleme. Neue Bäume zu pflanzen ist hier schwieriger als zum Mond zu fliegen. Da das Setzen und Pflegen von Straßen-Bäumen im Kernland Preußens eine hoheitliche Aufgabe ist, passiert seit Jahren – nichts. Die Verwaltung hat keine Mitarbeiter, die sich um Bäume kümmern könnten. Der Bezirk hat seit Jahren einen Baum-Notstand. Deshalb scheitern wir seit über einem Jahr  beim Versuch mehr Grün für die Stadt zu spenden. Die passende Fläche ist vorhanden, ausreichend Spendengeld vorhanden. Jeder Baum wäre ein kleiner Klimaverbesserer, heißt es. Eine Win-Win-Situation, nicht aber in Berlin.

Alle schriftlichen Anfragen um Hilfe an den zuständigen grünen Stadtrat blieben unbeantwortet. Auch seine Fraktion ignorierte mit lässiger Eleganz unsere Bürgeranfragen, ebenso das verantwortliche Grünflächenamt. Ämter und Politiker flüchten in Schockstarre. Es lebt sich heute wie in Zeiten des Absolutismus, Friedrich der Große lässt grüßen. Die Verwaltung hat Recht. Der Bürger zu funktionieren. Und muss warten.

Eine winzige Chance bleibt. Der Senat propagiert die Aktion „Stadt-Bäume für Berlin“. So will Berlin die dicke Luft in der Hauptstadt bekämpfen. Rund 60.000 Bäume seien allein in den letzten Jahren verloren gegangen. Überraschenderweise antwortete eine Senats-Mitarbeiterin (Referat Bäume) binnen vierzehn Tagen. Doch sie dampfte aufkeimende Hoffnungen zwei Zeilen später gleich wieder ein. Die praktische Umsetzung – sprich Pflanzung von Spendenbäumen – obliege dem zuständigen Bezirksamt. Endstation Baumsucht. Das war´s wohl. Munter wedelt der Schwanz mit dem Hund.

 

September 2019. Mut zur Lücke. Struppiges Berliner Straßengrün gedeiht, wo seit zwei Jahren ein Baum fehlt.

 

Letzter Stand: 2020 werde unsere Baumspende in der Bedarfsplanung „priorisiert“, verspricht die Frau vom Senat. Es bestehe eine gewisse Möglichkeit, dass die Lücke im nächsten Jahr geschlossen werden könne. Charlottenburg-Wilmersdorf hat ja offiziell den Klima-Notstand ausgerufenen. Per Amtsblatt und mit Aktenzeichen. Das muss reichen. Auftrag erfüllt. Gewissen beruhigt.  So funktioniert Berlin.

 

Quelle: Tagesspiegel

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