Skip to content
Logo
  • aktuelles
  • literatur
    • so viel anfang war nie
      • rund um „so viel anfang“
      • echo so viel anfang
    • verrat verjährt nicht
      • echo verrat verjährt nicht
      • leserin und leser
      • lesungen
  • biografie
  • fernsehen
  • projekte
    • medien
    • wo ist luther?
    • dessau geschichte des jugendhauses
    • christianstadt geschichte der munitionsfabrik
post image

„Ich wollte frei sein!“ (2)

Posted on: 9. Januar 2020 /
Categories: aktuelles

Jutta Wehmann gehörte 1989 zum überschaubaren „Häuflein der Mutigen“. Sie wagte in der Kleinstadt Nordhausen (heute 42.000 Einwohner) mutig den Neuanfang. Die erblindete Musiklehrerin führte Tagebuch. Sie hielt die Umwälzungen in ihrer thüringischen Heimat vor dreißig Jahren fest. Hier der zweite Teil ihrer unveröffentlichten Notizen. Die Aufzeichnungen sind ein eindrucksvolles Dokument ihrer Hoffnungen und Ängste auf dem Weg zur deutschen Einheit.

 

 

„6.1.1990

In Nordhausen hat sich das Neue Forum (NF) und der Demokratischer Aufbruch (DA) etabliert. Dazu kam später Ende November die SDP (später dann die SPD). Von jeder Gruppierung saßen Abgeordnete am Runden Tisch in unserer Stadt auch von den geduldeten Führungskadern der ehemaligen SED, die sich noch im Dezember 89 zur PDS wandelten.

Wir bereiteten jedenfalls die Wahlen vor. Erste Gespräche in Herzberg! Zweite Einladung nach Osterhagen und für mich dann schon die persönliche Beschäftigung mit dem Einbinden der Bevölkerung im Wohnbezirk. Die Erfahrungen möchte ich nicht missen. Eigentlich fühlte ich mich diesen Aufgaben überhaupt nicht gewachsen. Ich bin eine fast blinde Frau, die sich nicht nur zur Ruhe setzen und „Däumchen drehen“ wollte.

 

Jutta Wehmann bei einer Ehrung 2015. Rechts der ehem. Oberbürgermeister Klaus Zeh. Foto: Stadt Nordhausen.

 

Gedanken wie es unserer Stadt weitergehen sollte und welche Möglichkeiten uns bleiben würden, mache ich mir viele. Viel geistige Hilfe konnte ich mir von Freunden aus der Bundesrepublik angedeihen lassen. Es zeichnete sich ab, dass alles zusammenbrechen würde in der Arbeitswelt unserer „Noch-DDR“! Es mussten feste Strukturen her! Koste es was es wolle. Also weitermachen! So erklärte ich mich bereit, die Wahl in unserem Wohnbezirk vorzubereiten. Diese Vorbereitungen brachten viele Ängste mit sich, wusste ich doch mit welchen Leuten ich es zum Teil zu tun bekäme!

In unserer Stadt wurde mir öfter die Frage gestellt: „Warum werdet ihr keine Partei?“ Einige Mitglieder des NF (Anm. Neues Forum) wollten das schon! Sie gingen zur Forumpartei, später FDP. Das war in Ordnung?! Für mich galt das aber nicht. Vor 1945 hatte unser Volk zwölf Jahre lang eine Partei! Vierzig Jahre mussten ALLE mit der SED konform gehen! „Die Partei hat immer Recht!“?? Nur mit einer Partei könne man etwas bewegen … so wurde gesagt!?!? Warum brauchen dann Parteien so lange, um etwas durchzusetzen? Es geht immer um Befindlichkeiten, viel Befindlichkeit Einzelner und zu wenig Vernunft!“ (…)

 

1990 vor den Wahlen. Gespräche mit Herrn Enzian und der Jagdgesellschaft in Niedersachswerfen. Tenor dieser aggressiven Stimmung jenes Abends (meinerseits beruhigend einzuwirken) war: „Stellen Sie sich vor, diejenigen, die sie anklagen sind ihre Nachbarn. Jeden Tag gab es Erklärungs- und Klärungsversuche von Waffenträgern und Zuträgern. Wir mussten uns mit Waffenträgern, manchmal auch Zuträgern der Stasi auseinandersetzen. Was nützt es diese Leute aus der Gesellschaft zu entfernen? Daraus erwächst nur Hass. Wir wollten nicht ihre Stasi-Methoden und Gewalttaten nachahmen. Diese Leute wussten auch alle, dass die DDR am Ende war. Zum Glück sind wir nur indirekt ihre Richter. Ämter aber und Regierungsaufgaben sollten diese ehemals Regierenden und ihre Mitläufer wirklich nicht mehr übernehmen dürfen!“

Am 18. März 1990 fanden in der DDR die ersten und letzten freien geheimen Wahlen zur Volkskammer statt.

„Ich wollte frei sein!“

Posted on: 4. Januar 2020 /
Categories: aktuelles

Jutta Wehmann treffe ich in einem Hotel in Berlin-Mitte. Sie begleitet ihren Mann, einen Tierarzt zu einer Untersuchung in der Charité. Die rüstige Rentnerin sprudelt voller Ideen. Wie vor dreißig Jahren, als sie im thüringischen Nordhausen zum kleinen Kreis der Mutigen gehörte, die für einen Neuanfang standen. „Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln.“ Was sonst? Sie schaut mich an. Dabei ist Jutta Wehmann mittlerweile nahezu erblindet. Doch die einstige Musiklehrerin ist aufmerksamer als viele die sehen können und am Ende doch nur wegschauen. „Wo ist der aufrechte Gang des Volkes geblieben?“ fragt sie und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Schade- nur noch Oberflächlichkeit.“

Wehmann führte in Wendezeiten Tagebuch. Sie hielt fest, wie sich in ihrer kleinen, überschaubaren Kleinstadt in Thüringen plötzlich alles bewegte und veränderte. In einer Stadt, die überregional für ihren hochprozentigen Nordhäuser Doppelkorn und die Produktion von V2-Waffen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Was kaum bekannt ist: Wenige Tage vor Kriegsende bombten die Alliierten die Stadt in Schutt und Asche. Drei Viertel der einstigen Reichsstadt waren restlos zerstört. In der DDR blieb die Industriestadt Nordhausen eine graue Maus, am Rande des katholischen Eichsfeld. Still, zurückgezogen, weit entfernt von den großen Entwicklungen der Welt.

 

Stunden des Aufbegehrens. Nordhausen. 7. November 1989. Größte Demo in der Geschichte der Stadt mit nahezu 40.000 Beteiligten auf dem August-Bebel-Platz.

 

Menschen wie die Deutsch- und Musik-Lehrerin Jutta Wehmann waren in Nordhausen Außenseiter. Sie stritt gegen den DDR-Wehrkundeunterricht und für ein Offenes Europa, gründete das „Neue Forum“. Im Revolutions-Herbst 1989 sprang der Funke über. Die Nordhäuser kamen aus der Deckung und demonstrierten dienstags, einen Tag nach den Montagsdemos in Leipzig. Am 7. November 1989 versammelten sich fast 40.000 Menschen. Die Stadt Nordhausen selbst hatte 1989 gerade einmal 54.000 Einwohner. Heute sind es noch knapp 42.000.

Zwei Tage später fiel die Mauer. Jutta Wehmann wurde – wie die allermeisten – eiskalt überrascht. In ihrem Tagebuch notierte sie am Tag nach der Öffnung. „10. November 1989. Von nun an ist es ein politischer Wettlauf für die Demokratie in unserem gesamten Deutschland oder die Diktatur des Geldes!“ Dreißig Jahre nach der Wende gehört die unermüdliche Streiterin für Demokratie längst wieder zu einer kleinen Minderheit. Die Sieger der letzten Wahlen in Nordhausen im Herbst 2019 heißen Die Linke und AfD. Zusammengerechnet erreichten sie fast sechzig Prozent der Stimmen. Die Nachfolger von Jutta Wehmanns mitbegründetem Neuen Forum, kamen auf exakt 4,9%. Mehr war für die heutigen Grünen in Nordhausen nicht zu holen.

 

Jutta Wehmann mit dem ehem. OB Klaus Zeh bei einer Ehrung im Jahre 2015.                                  Quelle: Stadt Nordhausen.

 

Aus den Tagebüchern der Jutta Wehmann

„Das neue Jahr 1990 hatte uns in Empfang genommen. Ich plädierte dafür, so schnell wie möglich weiter zu arbeiten, um der Entwicklung nicht ganz hinterherzulaufen. Die ehemaligen Parteimitglieder der SED versuchten krampfhaft einen neuen Stil, eine neue Partei (jetzt mit Gregor Gysi) zu gründen und eigentlich hatten sie ja immer noch die Macht, sie konnten sie nur nicht gebrauchen … Gewalt hätte sie vor der Welt entlarvt.

„Wir waren für Momente ein Volk! Alle zusammen; Ost und West!“ Draußen (außerhalb unserer Gemeinschaft im Denken für ein besseres Zusammenleben in Demokratie) waren nur wenig Gestrige und Unbelehrbare, die meisten aber waren Abwartende und Mitläufer. Aber schon bald gingen alle wieder ihre eigenen Wege. Jeder hatte seine Interessen zu vertreten. Konsens zu finden, Mehrheiten zu bilden, Demokratie zu wagen. Es ist ein dorniger Weg von kleinen Schritten. Der eingeschlagene Weg schien mir der beste z.Z. Jede Woche (montags in Leipzig, dienstags bei uns und überall in den großen Städten) brachten große Massen von Demonstranten; immer nach der Arbeitszeit ihren Willen lautstark gegen Egon Krenz u.a. zum Ausdruck mit den Rufen „Wir bleiben hier!“ – „Die D-Mark muss her oder wir gehen zu ihr“ Die Abstimmung mit den Füßen blockierte die nun schon zweite Machtriege der DDR.“ (…)

 

Altendorfer Kirche in Nordhausen. Zufluchtsort für Jutta Wehmann. Ort für neue Ideen. Ab Mitte September 1989 Fürbitt-Andachten für Inhaftierte und Ausreisewillige. „Die Stimmung war wie bei einem Vulkanausbruch.“ Foto: wikipedia

 

Mir und einigen anderen fehlte der Wille zur Macht. Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln. Was mich ja nicht von Verantwortung lossagt. Durch eine hochgradige Kurzsichtigkeit invalidisiert hieß, volle Kraft konnte ich nicht geben. Trotzdem zehn Jahre durchgehalten und geholfen. Dafür kann ich nur danken. Das ist ein Gottesgeschenk.“

 

Teil II  folgt

 

 

post image

Hurra! Die Zwanziger kommen

Posted on: 28. Dezember 2019 /
Categories: aktuelles

Willkommen im Berlin der Zwanziger Jahre. In der Friedrichstraße gehen die Revue-Lichter wieder an. Im Admiral-Palast wird der perfekte Berlin-Nostalgie-Abend versprochen: „Paillettenkleider glitzern im Abendlicht, heiße Melodien treiben zu immer zügelloseren Tänzen an und alle Grenzen verschwimmen im sündigen Dickicht der Nacht.“ Babylon Berlin hat Konjunktur. Im Kino, auf Netflix, in den Clubs, in den Köpfen von Unterhaltungsmachern und Vergnügungssüchtigen. Der Spiegel meint in seiner Titelgeschichte über die Goldenden Zwanziger, „als die Vergangenheit noch Zukunft war“.

 

Berlins Exportschlager: Mackie Messer – ein Welterfolg

 

Alles auf Anfang! Die Zeitmaschine kommt auf volle Touren. Mythos Berlin. Die Roaring Twenties. Mit Heilsbringern, Propheten, viel Glitzer und Elend, Halunken, Huren, Kommunisten und Nazis. Berlin inszeniert seine Vergangenheit. Die Entertainementbranche liefert noch Zugaben wie Drittes Reich, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Fridays for Future, abgerundet durch Zeitgeistsprüche wie „das System ist am Ende“ und  „wir holen uns das Land zurück – spätestens 2021“.

Berlin mal wieder im Größenwahn? Reizt nur noch der Tanz auf der Rasierklinge? Viele Serien, Shows und Event-Partys servieren diesen Cocktail. Die Parole heißt: Vorwärts, zurück in die zwanziger Jahre. Mit Dandys, Swing und dicken Zigarren. Ladys mit Bubikopf, Zigarettenspitze und Charleston-Kleid. Mit dabei Glückspieler, Gigolos und Ganoven. Wie wäre es mit Absinth, Koks und ganz viel Testosteron?

 

Rammstein-Variante von Mackie Messer

 

Willkommen in den herbeieilenden „Zwanziger Jahren“ des 21. Jahrhunderts. Aus dem verruchten Babylon Berlin von einst ist hundert Jahre später eine brummende Boomtown geworden. Ein Magnet für Abenteurer, Investoren, Projektentwickler, StartUpper und Glücksritter. Die Preise explodieren. Clevere Geschäftemacher jubeln. Andere verlieren, fluchen, müssen weichen. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben“ verkündet der Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“. Es ist Gründerzeit. Marktwirtschaft war einmal. Jetzt regiert wieder Mackie Messer.

 

„Und der Haifisch, der hat Zähne

Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.“

 

 

In den Clubs und Theatern der Stadt werden mehr oder weniger ambitioniert die Zwanziger Jahre zelebriert. Katherine Mehrling beispielsweise gibt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die kesse, rotzige Gangsterbraut Polly Peachum aus der „Dreigroschenoper“. Es war das Berlin-Zeitgeist-Stück der Goldenen Zwanziger. Brechts Welterfolg feierte Ende August 1928 Premiere im Theater am Schiffbauerdamm – dem heutigen Berliner Ensemble. Keine fünf Jahre später verboten die neuen Herren die Moritat von Mackie Messer und seiner Göre Polly. Ab 1933 stimmten die Nazis neue, andere Töne an. Das Ende ist bekannt.

post image

Oh happy Day

Posted on: 21. Dezember 2019 /
Categories: aktuelles

Heiligabend. Einmal im Jahr sind die Kirchen so rappelvoll wie Fußballarenen oder Möbelhäuser am verkaufsoffenen Sonntag. Dann werden Wünsche nach Geborgenheit, Kindheit und Gemeinsamkeit bedient. Hobby-Bläsergruppen holen das Letzte aus ihren Geräten heraus. Manchmal klingt ihr „Oh du fröhliche“ so herrlich schräg, dass die Engel im Himmel verzückt Halleluja – herrlich daneben! – rufen könnten. Die Pastorinnen und Pastoren werden an diesem Tag nicht müde, Glaube, Liebe, Hoffnung und Demut in einer überdrehten Ego-Welt zu predigen. Wie meinte doch einmal der alte Spötter Heinrich Heine? – „Wir wollen hier auf Erden schon/das Himmelreich errichten.“

Gott als Selbsterfahrungstrip? Jesus als Retter? Vielleicht für ein paar Stunden an Weihnachten, im Alltag wohl kaum. In anderen weniger begüterten Gemeinden dieser Welt wird jeden Sonntag die helfende Kraft einer höheren Instanz beschworen, die  heilen und trösten kann. Oh Happy Day! ist so ein Lied. Je mieser die Lage, desto besser der Song. In kleinen Südstaaten-Gemeinden braucht es keine Heilig-Abend-Messe. Ein Gospel-Song, das reicht. Und ab geht die Luzi.

 

 

„Wissen Sie, Gospel ist nicht der Sound, der Klang – es ist die Botschaft. Wenn es von Jesus Christus handelt, ist es Gospel.“ Das sagte Edwin Hawkins. Der Mann schrieb vor genau fünfzig Jahren den Welterfolg „Oh happy Day“. Seine Geschichte? Der Chorleiter brauchte für seine 46-köpfige Sängerschar dringend Geld, um zu einem Kirchenkongress reisen zu können. Also nahm er in der Kirche von Berkely  den Song mit Hilfe eines veralteten Zweispurtonbandes auf. Egal. Das Lied ging um die Welt. Mittlerweile wurde Oh Happy Day unzählige Male gecovert, unter anderem von Elvis Presley, Sister Act, Ray Charles und vielen anderen.

 

 

Gospel ist göttliche Musik. Gospel bedeutet übersetzt sinngemäß Evangelium. Nina Hagen, ewig suchende Schlager- und Punk-Lady, ließ sich vor zehn Jahren taufen – trotz Moralkrise der Institution Kirche. Trotz Kindesmissbrauch, Korruption und gepredigter Scheinheiligkeit. Nina wählte als Taufspruch Johannes 7,38: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Warum, fragte ich sie bei einem Interview auf dem Blauen Sofa, warum sie als geborene Atheistin plötzlich religiös geworden sei? „Ach weeste, das ist nicht nur ne Masche. Ich folge meinem Herzen.“ – Pause. Ungläubiges Staunen. – „Religion ist doch irgendwie Protest gegen Kommerz. Und weeste: Die stalinistische Gleichschaltungsmaschine hat dasselbe Betriebssystem wie die kapitalistische. Ist doch so, oder etwa nich…?

 

https://youtu.be/IaAax9hYges

 

Frohe Weihnachten. Ob in deutschen Kirchen Oh happy Day! gesungen wird?

post image

Der Seiltänzer

Posted on: 15. Dezember 2019 /
Categories: aktuelles

Der ganze Ost-West-Streit heutzutage ist an den Haaren herbeigezogen und „pille-palle“. Das sagt der Berliner Maler Trak Wendisch, geboren in der DDR. Seit dreißig Jahren gesamtdeutscher Bundesbürger. „Die Digitalisierung ist der Epochenbruch. Das ist die Entscheidungsfrage. Wer es nicht will, muss den Seiltänzer machen.“ Die Balance im Leben halten ist ein Grundthema des 61-jährigen Künstlers. Immer nah am Abgrund. Dicht vor dem Absturz. Wie sich oben halten? Mit erhobenem Haupt, auf dünnem Seil, ohne Netz und doppelten Boden?

Trak Wendisch gehört eher zu den stillen Künstlern im Lande. Er lässt seine Werke sprechen, seine Haltung ist seine Botschaft. Er war in der DDR unangepasst, blieb sich in der Neuen Zeit treu und ist es heute noch. Auch wenn sein mittlerweile berühmter „Seiltänzer“ im Schloss Bellevue hängt, weil es Bundespräsident Steinmeier wollte. Trak – ein Staatskünstler? Das passt nicht zusammen. 1988 hatte er als einer der wenigen aus dem Kulturbetrieb den Mut offen Probleme anzusprechen. Der Ort? Eine Jubelfeier. Die Kulturfunktionäre feierten im Palast der Republik das Finale der „X. Zentralen Kunstausstellung der DDR“ mit insgesamt einer Million Besuchern. Es sollte die letzte der DDR werden, was damals niemand ahnen konnte. Und dann geschah im Festsaal etwas Unerwartetes.

 

 

 

Wendisch nahm allen Mut, trat ans Mikrofon. Statt Lobeshymnen ging er die Macht der Greisen im Politbüro an und forderte im Namen der Künstler mehr Freiheit und Modernität – inhaltlich wie stilistisch. Die staatliche Feierstunde erzitterte in ihren Grundfesten. Der Eklat war perfekt. Journalisten mussten eilig den Saal verlassen, allen Beteiligten wurde ein Maulkorb verpasst. Die DDR-Medien verschwiegen die Rede des Rebellen. Kein Wort war jemals zu hören oder zu lesen. Aber auch die Westkorrespondenten deckten den Mantel des Schweigens über die Palast-Revolte. Nichts sollte wohl das betuliche deutsch-deutsche Verhältnis 1988 belasten. Ruhe sollte herrschen.

In dieser bleiernen DDR-Endzeit blieb es Malern wie Wendisch vorbehalten, in ihren Bildern das „Ungesagte“ auszudrücken. Das Publikum verstand jede Anspielung, jeden Strich, jeden Hinweis. In einer Gesellschaft der hohlen Sprüche, der Lügen und Parolen fand Wendisch Antworten, formulierte bissig Zeit- wie Staatskritik. Legte die Finger in die Wunden der Mächtigen, die partout nicht mehr hinzulernen wollten. Das Ende ist bekannt. 1989 ging die DDR unter. Heute muss der Seiltänzer beweisen wie er im eiskalten Wind des Digital-Kapitalismus Balance halten kann. Abstürzen kann er jederzeit. Doch die Kunst besteht genau darin mit Haltung oben zu bleiben.

 

Trak Wendisch. Frau vorm Fernseher. 1984

 

Unter dem Titel „Das Ende der Eindeutigkeit“ sind 34 Bilder der letzten DDR-Kunstausstellung noch bis zum 12. Januar 2020 in der Städtischen Galerie in Dresden zu sehen.

 

Trak Wendisch. Goldener Käfig. 2015

post image

Schöner Wohnen

Posted on: 2. Dezember 2019 /
Categories: aktuelles

Die Uhlandstraße in Berlin ist knapp drei Kilometer lang. Sie verbindet die gutbürgerlichen Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf, quert kerzengerade den Kurfürstendamm. Nach der Wende lange im Schatten vom neuen Babylon-Berlin in Mitte holt nun der „alte Westen“ auf. Ihren Namen verdankt die Straße Ludwig Uhland. Ein Dichter und Denker aus der schwäbischen Professorenhochburg Tübingen. Uhlands DNA ruht im bürgerlich-gelehrten Milieu. Rechtssinn und Unbeugsamkeit rühren vom Vater, heißt es, Phantasie und Gemüt von der Mutter. Ludwig Uhland war einer der Vordenker der bürgerlichen Revolution von 1848. Sie scheiterte. Aber der stille Dichter Uhland glaubte fest an eine humanistische Zukunft, in der nicht Besitz und Herkunft, sondern Talent, Fleiß und Können maßgeblich sind. Was für ein Traum.

 

Damenmode nach Maß. Das war einmal…  Wie hieß es bei der Linie 1 vom Grips-Theater: „Die Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wären wir schon längst chaotisch, russisch oder grün.“

 

In der Straße, die seinen Namen trägt, weht seit einiger Zeit der eisige Wind der allesverschlingenden Gentrifizierung. Häuser werden hin- und hergeschoben, gekauft und alsbald teurer weiterverkauft. Gute Zeiten für Glücksritter und Spekulanten aus aller Herren Länder. Haus um Haus verändert seinen Charakter. Viele der angestammten Bewohner klagen längst über schlechten Schlaf, besonders in der Uhlandstraße 61. Hier wird auffällig rabiat saniert. Für eine neue schicke Maisonette-Wohnung muss eine ältere Dame aus dem Stamme der berühmten Wilmersdorfer Witwen weichen. Die Rentnerin wohnt seit sechzig Jahren im Seitenflügel. Für die lukrative Umwandlung brauche es „nicht einmal eine Genehmigung“, klagt Dirk Franz, Sprecher der Initiative „Uhland61“.

 

Alles muss raus. Berlin. Uhlandstraße 61.

 

Die altehrwürdige Uhlandstraße verliert in diesen Tagen ihre kleinen Läden und damit ihr Gesicht. Was bereits der mächtige Online-Handel eingeleitet hatte, führt jetzt dank großer ausländischer Investoren zum Massenexitus kleiner Mittelständler-Unternehmen. Das Beste: Alles legal. Niemand stoppt diesen Prozess. Für Gewerbetreibende gibt es keinen rettenden Mietendeckel. Die Folge – es kracht ganze Straßenzeilen entlang: Der Reinigung wird eine 100%-ige Mieterhöhung zugestellt. „Unmöglich zu stemmen“, sagt die Betreiberin, „so viel reinigen kann ich gar nicht. Das war´s nach sechzehn Jahren harter Arbeit“. Das Resultat: Ende, aus und raus. Gleich nebenan Belle Moden, eine Boutique für die reifere Dame. Mieterhöhung. Ergebnis: Räumungsverkauf. Ende, aus und raus. Nicht anders der Schreibwarenladen. Ende, aus und raus. Der Bäcker, eine Ladenzweile weiter. Ofen aus und raus. Der Sushi-Laden. Ende – aus die Maus. Und so weiter…

 

Apotheke raus. Tigerlilly Waxing rein. Bitte klingeln!

 

Ach – es trifft auch die Apotheke gegenüber. Gekündigt. Feierabend. Exitus. Ende und raus. Zumindest in diesem Fall wurde kein Leerstand produziert. Nun gibt es statt helfender Medizin Haarentfernung: Tigerlilly waxing. Bitte diskret klingeln. Waxing braucht wahrlich der moderne Großstadtmensch. So ändert die altehrwürdige Uhlandstraße unaufhaltsam ihren Charakter. Nichts bleibt wie es war, dichtete Ludwig Uhland vor zweihundert Jahren. Aber nichts in der Welt muss ewig bleiben.

 

Wohnungsangebote in der Uhlandstraße? Alles eine Frage des Portfolios.

 

Ludwig Uhland – Gang der Welt
(1802)

Da zieht in des Triumphes stolzem Glanze,
Umflattert von des Glückes Lorbeerkranze,
Da zieht die freche Bosheit hin.
An ihrem Wagen keucht im Fesselklange

Die Tugend, trüben Blicks und blasser Wange,
Die unterdrückte Königin.

Da schwelgt der Frevler von der Länder Marke
Und führt von beiden Polen seinem Parke
Gefräß’ge Ungeheuer zu.

 

 

Seit zehn Jahren der Song zur Stadt. Dickes B von Seeed.

post image

Wollen wir tanzen?

Posted on: 26. November 2019 /
Categories: aktuelles

Kaum zu glauben. In diesen Novembertagen meldet sich ein lange Vermisster zurück. Aus dem Nichts. Seine Stimme kommt direkt aus dem Jenseits. Aber sie klingt, als wäre sie nie weg gewesen. Als hätte sie sich mit neuen Rasierklingen aufgeladen. Hallelujah, Leonard Cohen ist zurück. Dieser bekannte Unbekannte bittet zum letzten Tanz. Sohn Adam (mittlerweile auch schon 47 Jahre alt) präsentiert posthum sein Album Thanks for the Dance mit neun neuen Songs. Aufgenommen kurz bevor er diese Welt im November 2016 still und leise verließ. Drei Jahre ist das schon her. Damals intonierte er im Angesicht des Todes demütig „I´m ready, my Lord.“

 

 

Seine allerletzten Lieder erzählen einmal mehr von Trauer und Einsamkeit. Ein Mann sitzt mutterseelenallein verlassen am Weihnachtstag in einer leeren Wohnung. Er fragt sich, warum niemand seine Gesellschaft sucht. Der Weihnachts-Blues, den viele kennen, über den jedoch niemand offen spricht. Cohen kämpfte sein Leben lang mit der Volkskrankheit Depression. Einmal sagte er: „Wenn ich von Depressionen spreche, spreche ich von klinischen Depressionen, die der Hintergrund meines ganzen Lebens sind, ein Hintergrund voller Angst und Beklemmung, einem Gefühl, dass nichts richtig läuft, dass Zufriedenheit nicht möglich ist und alle Strategien in sich zusammenfallen.“

Der Singer-Songwriter probierte alles aus, um den „schwarzen Hund“ los zu werden. Er zog sich jahrelang in ein buddhistisches Kloster zurück. Dann komponierte, schrieb und sang er wieder, perfektionierte seinen düster-unverwechselbaren Sprechgesang. Über dreitausend Cohen-Cover-Versionen gibt es mittlerweile. Ganze Musikergenerationen bedienen sich seiner Poesie, seinen Gefühlen und Balladen. Im neuen Album  Thanks for the dance fordert er seine Freunde ein letztes Mal zum Tanz auf. „But the green was so green/And the blue was so blue/I was so I/And you were so you.“

 

 

Sohn Adam finishte die Rohversionen seines Vaters aus dem Jahre 2016. An manchen Stellen klingt des Vaters Tanz-Album als hätte sie eine bayrische Blasmusi-Band intoniert, die einen Kameraden verabschiedet – mit einem letzten wehmütig-liebevollen Walzer.

 

 

Leonard Cohen. „Thanks for the Dance“. 2019.

 

post image

Doppel-Daumen-Sound

Posted on: 15. November 2019 /
Categories: aktuelles

Wer hört was? Welche Lieder bewegt das Land? Was ist im Netz angesagt? Wohin treibt die Pop-Branche? Wer das wissen will, braucht schon lange nicht mehr die Charts zu befragen. Die alten Erfolgslisten wie verkaufte Singles oder Alben sind von vorvorgestern. Denn die Doppel-Daumen-Klick-Generation streamt. Musik ist allzeit abrufbar. Ein Alltagsgegenstand, ein Wegwerfartikel, jederzeit online und löschbar. 24/7. Der Pop-Vordenker Carl Jakob Haupt klagte einmal: „Eine Jacke kann man besitzen, einen Popsong leider nicht mehr.“

 

Die ZEIT hat sich den Streaming-Riesen Spotify genauer angeschaut. Unter den 100 Top-Titeln der aktuellen Streaming-Charts sind exakt 22 deutschsprachige Hits. Die ZEIT mäkelt jedoch, dass viele der Songs „ein problematisches Frauenbild“ propagieren, also politisch unkorrekt sind. Kein Wunder. Rapper sind keine Chorknaben. Chauvi-Sprüche gehören zum Geschäftsmodell. Spannend: die wirklich Erfolgreichen kommen aus der Provinz. Der Streaming-Hit „Was du Liebe nennst“, schaffte es bisher auf 146 Millionen Klicks. Songschreiber und Rapper Bausa kommt aus Bietigheim-Bissingen. Sein Liebes-Lied handelt vom Kohle verballern, von teuren Uhren, Golfplätzen und Luxus-Apartments. Service-orientiert blendet das Video gleich die Preise mit ein. Was kostet die Welt? Der Dreißigjährige aus der schwäbischen Tiefebene steht auf Rang 2 der Spotify-Topliste.

 

Zweitmeister gehörter Song in Deutschland (spotify)

 

Weit über allen Charts-Wolken schwebt Ed Sheeran. Ein 28-jähriger Mädchenschwarm aus der britischen Provinz. Sein „Shape of you“ tanzt elegant den Zeitgeist auf der Stecknadel-Spitze. Sheeran verkörpert alle Ikonen des jungen 21. Jahrhunderts wie Amazon, Google, Instagram, Ikea und das Iphone – zusammengeschnurrt in einer Person. Sheeran bringt es allein mit seinem Video Shape auf schwindelerregend hohe 4,4 Milliarden Klicks. Mehr geht nicht im Musikbusiness. So dudelt der windkanalgestylte Rekordhalter aus Warenhaus-Lautsprechern und bohrt sich in die Kopfhörer im morgendlichen Schulbus. Ed sei der wahre „Pop-Monopolist“, befindet die ZEIT. Was soll´s! Hinreißend schmachtet der Provinz-Boy die Girlies und Ladies dieses Planeten mit seinem Ohrwurm an: „Oh, I`m in love with your body“. Der perfekte Song für die globale Doppel-Daumen-Digi-Generation an ihren mobilen Endgeräten.

Einsam an der Spitze – nicht nur bei spotify

 

 

Wie meint Drake (Platz 7 auf spotify-Rangliste) so schön? YOLO – You only live once.

post image

Von Siegern und Besiegten

Posted on: 7. November 2019 /
Categories: aktuelles

Der dreißigjährige Frieden seit dem Mauerfall ist ein Grund zum Feiern. Das findet eine Mehrheit der Deutschen laut Umfragen. Doch die Ruhe trügt. Unter dem Einheits-Jubel gärt es kräftig. Ist das berechtigter, nachvollziehbarer Frust oder selbstgerechter Wohlstandsblues einer verwöhnt-überempfindlichen Gesellschaft?

Sieger schreiben Geschichte. Das heißt: es gibt auch Besiegte. Diese schweigen, ziehen sich grollend zurück, verbittern. Ist folglich die AfD die logische Antwort auf die letzten dreißig Jahre? Bedeutet die Wahl in Thüringen den Einstieg in den Ausstieg aus alten Gewohnheiten, Mustern und Illusionen der vereinten Bundesrepublik? In diesem prosperierenden Bundesland wählten vor kurzem mehr als 55% scharf Rechts oder scharf Links. Die sogenannte Mitte aus CDU und SPD kam nicht einmal auf ein Drittel Zustimmung. Wer ist nun nach dreißig Jahren Sieger, wer Besiegter?

 

Pariser Platz. Ostseite Brandenburger Tor am 10. November 1989 früh.  Foto: Andreas Schoelzel

 

Zur Erinnerung einige Momentaufnahmen aus der Nacht vom 9. November 1989 am Brandenburger Tor. Zusammengestellt aus Lageberichten der DDR-Grenztruppen, Volkspolizei, Ministerium für Staatssicherheit, (West)Berliner Polizei und eigenem Erleben als einer der wenigen TV-Journalisten vor Ort zwischen 23 Uhr und 4.30 Uhr früh am 10. November 1989. Eine Nacht, in der nichts blieb wie es war. Eine Nacht, die alles veränderte.

 

Lageberichte Brandenburger Tor. Donnerstag, 9. November. 11 Grad.

21:00 Dienstwechsel bei den Grenzregimentern.

22:00 Ein Zug der OHS Suhl (Offiziershochschule) wird zum Checkpoint Charlie abkommandiert.

22:44 Uhr Lagemeldung der West-Berliner Polizei. Menschenmenge auf 400-500 Personen angewachsen

22:45 Uhr Lagemeldung Volkspolizei-Inspektion Mitte. 50-60 Personen am Sperrzaun B-Tor.

23:05 Uhr Der einzige schriftliche Befehl des MfS (Ministeriums für Staatssicherheit) am Abend der Maueröffnung ist ein chiffriertes Fernschreiben, den die HA VI (Passkontrolle) um 23:05 Uhr an die grenznahen Bezirksverwaltungen für Sicherheit übermittelte. „Neben dem Lichtbild im Personalausweis – rechts – ist ein Passkontrollstempelabdruck anzubringen, der zugleich als Entwertungsvermerk gilt.“ (Abstempeln von Passfotos; Zählen)

23:50 Uhr „Mauerkrone wird erneut bestiegen“. Mehrere tausend Menschen auf Westseite. Auf Ost-Berliner Seite am Pariser Platz mehrere hundert Personen am Rollgitter.

23:57 Uhr „Panzermauer und Mauerkrone wird erneut bestiegen“. Grenztruppen setzen Wasserspritzen ein. Mehrere tausend Menschen auf Westseite. Auf Ost-Berliner Seite mehrere hundert Personen am Rollgitter.

23.59    Personen, die auf Mauer stehen, werden durch DDR-Grenzorgane mit Wasserstrahl von der Panzer-Mauer gespritzt.

 

Party am Brandenburger Tor. Feiernde Menschen.  Ratlose Grenzer. Foto: Andreas Schoelzel

 

10. November 1989

00:10 Uhr Ca. 100 Personen dringen „über die Rollgitter in den Sicherungsbereich der Grenztruppen ein“

00:20 Uhr Befehl: GKM (Grenzkommando Mitte) in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzen. Die GÜST (Grenzübergangsstellen) sollen mit Personal unterstützt, Reserven mobilisiert und herangeführt werden. Oberst Heinz Geschke: „Ruhe bewahren, Lage stabilisieren, keine Unfälle zulassen, in ruhige Bahnen lenken.“

00:30 Uhr: Live-Schalte US-Sender NBC auf Westseite mit Tom Brokaw. Im Hintergrund ist Wasserwerfer-Einsatz zu sehen. Der Mauerfall wird zum weltweiten Live-TV-Ereignis.

01:10 Uhr: Mauer wird wieder von Westseite bestiegen. Grenzer greifen nicht mehr ein. Auch von der Ostseite klettern Menschen auf die Panzermauer. Beginn der Party auf der Mauer.

01:10 Uhr Eine Menschenmenge von ca. 300 Personen bewegt sich von Unter den Linden westwärts auf das B-Tor zu. Befehl, auf keinen Fall von Maschinenpistolen Gebrauch zu machen.

01:20 Uhr Die Zahl der „im Grenzgebiet sich aufhaltenden Personen wuchs in der Folge auf rund 500 an“.

Ein unvergesslicher Moment. Kein großdeutsches Imponiergehabe.

 

Ca. 4.30 Uhr. Der Pariser Platz ist wieder „besenrein“. Was bleibt? In der Stunde ihrer größten Niederlage errangen die DDR-Grenzer ihren größten Triumph. Am 9. November 89 schoss die Armee des Volkes nicht auf das Volk. Foto: Andreas Schoelzel

 

Das Klopfen der Mauerspechte geht den Grenzern durch Mark und Bein. Oberst Günter Leo: „Die Offiziere waren total konfus, die fühlten sich betrogen, hinters Licht geführt. Mit denen war auch nicht mehr zu reden. Für sie war der Sinn ihres Berufslebens, ihre Erde, ihre Würde zerstört.“

Oberst Hans-Joachim Krüger (MfS) und Generaloberst Wagner (Ministerium des Innern) am frühen Morgen des 10.11.89:

Wagner: „Es sieht schlimm aus. Soll ich dir mal was sagen?

Krüger: Na, sag´s!

Wagner: Der Sozialismus ist verloren. Sieh in die Augen der Menschen. Wir haben kein Hinterland mehr.“

 

 

01:30 Uhr Reservekräfte in Berlin-Wilhelmshagen, Oranienburg und am „Hölzernen See“ (OHS = Offiziershochschule) werden in Marsch gesetzt.

01:39 Uhr Elitetruppe der Bereitschaftspolizei in Basdorf wird mobilisiert.

Bis 02:00 Uhr Weitere 1.000 Personen dringen „von der Otto-Grotewohl-Straße (heute Wilhelmstraße) aus in den Sicherungsbereich ein und durchbrechen die Sicherungsketten der Grenztruppen, die „ohne jegliche Gewaltanwendung ihren Dienst versahen“.

03:00 Uhr „Insgesamt wurden 546 AGT (Angehörige Grenztruppen) im Abschnitt des Brandenburger Tores eingesetzt (inklusive der ständigen Sicherheitskräfte im Abschnitt BBT= Brandenburger Tor)“, dazu rund 100 VPs (Volkspolizisten).

03:30 Uhr Entwarnung der Volkspolizei

04:30 Uhr Lagebericht MfS: Pariser Platz zwischen Panzermauer und Rollgittern geräumt. Rund 2.000 bis 3.000 Menschen auf der Westseite.

06:00 Uhr Eintreffen einer Elite-Kompanie aus Perleberg (Offiziersschule)

Die Lage im „Objekt Schallplatte“ (Deckname der Grenztruppen für Grenzabschnitt Brandenburger Tor/Reichstag) hat sich beruhigt.

post image

Über sieben Brücken

Posted on: 4. November 2019 /
Categories: aktuelles

Das Lied ist ein echter Ohrwurm. Und längst deutsches Kulturgut – im ganzen Land, nunmehr seit fast dreißig Jahren vereint. „Über sieben Brücken musst du gehen“. Wer aber konstruierte die Brücken? – Helmut Richter. Ein Ingenieur und Dichter. Jemals gehört? Wohl kaum. Einige wenige kennen seinen Roman „Scheidungsprozess“ oder Hörspiele wie „Schornsteinbauer“ und „Alfons Köhler“. Mit seinem Brückenlied traf er ins Schwarze. Ein Lied, das buchstäblich über Nacht berühmt wurde. Richter schrieb den Song eigentlich für eine DDR-Fernsehproduktion im Jahre 1978. Der Film erzählt die Liebesgeschichte eines deutsch-polnischen Pärchens. Der vierminütige Abspann ist mit dem Song der Ost-Berliner Band Karat unterlegt. Das Lied traf den Nerv. Karat verkaufte ihren größten Hit über eine Million mal. Die Brücken gingen auf eine lange Reise.

 

 

1980 coverte Peter Maffay den Karat-Song. Die sieben Brücken überwanden flugs die innerdeutsche Grenze. Maffay gelang in der Bundesrepublik ein Riesenerfolg. Wie heißt es so schön: Musik kennt keine Grenzen. Mittlerweile sind über hundert Versionen in mehr als dreißig Sprachen erschienen, unter anderem von Max Raabe und Jose Carreras.

Helmut Richter selbst blieb unbekannt. Ein stiller Mann aus Leipzig, der sich jedoch große Verdienste um die Literatur erwarb. Den Schneidersohn aus dem Sudentendeutschen verschlug es nach dem II. Weltkrieg in die damalige Ostzone. Zunächst arbeitete er in der jungen DDR als Landarbeiter und Maschinenschlosser. Doch er wollte mehr. Er absolvierte die Arbeiter- und Bauern-Fakultät und studierte Physik in Leipzig. Seine Leidenschaft aber galt nicht seinem Brotberuf Prüfingenieur sondern dem Dichten.

 

Das Original

 

Er hing den sicheren Job an den Nagel, um als freier Schriftsteller sein Glück zu suchen. Er schrieb Drehbücher, Hörspiele und Gedichte. Er textete die „Sieben Brücken“. 1982 gründete er die „Leipziger Blätter“, deren Cheflektor er bis 1989 blieb. Die Zeitschrift hat überlebt, es gibt sie noch heute. 1990 wollten Studenten und Mitarbeiter des Literatur-Instituts einen Neuanfang. Sie wählten Richter zum Direktor. Sein größter Erfolg: Er wendete die Abwicklung des Instituts ab, auch mit Hilfe von prominenten Autoren wie Elfriede Jelinek oder Peter Turrini. Nach der Rettung gab er 1993 seinen Posten wieder auf. Er wollte lieber frei sein und Gedichte schreiben. Das reizte ihn mehr als ein Leben als Kulturfunktionär.

 

Das Cover

 

Richter muss ein feinfühliger, genauer Beobachter gewesen sein. Seine Brücken-Geschichte mit der Deutschen Gitta und dem Polen Jerzy verlegte er an die Grenzflüsse Oder und Neiße. Die beiden wollten sich weder durch Vorurteile noch durch Grenzen aufhalten lassen. So bestieg er seine „sieben Brücken“.

Über sieben Brücken musst Du gehn
Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
machmal bin ich schon am Morgen müd
und dann such ich Trost in einem Lied
Über sieben Brücken musst du gehen sieben dunkle Jahre überstehn
sieben Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen
manchmal ist man wie von Fernweh krank
manchmal sitzt man still auf einer Bank
Manchmal greift man nach der ganzen Welt
manchmal meint man dass der Glücksstern fällt
manchmal nimmt…

 

Helmut Richter. Lyriker. Ingenieur. Brückenbauer.  Quelle: wikipedia

 

Helmut Richter ist Anfang November im Alter von 85 Jahren in seiner Wahlheimat Leipzig gestorben. Sein Lied macht ihn unsterblich. Die Sieben Brücken halten und sind stabil. Sehr stabil. Was für ein wunderschöner Wurf!

© Christhard Läpple 2018 - 2021 | Theme by Theme in Progress | Proudly powered by WordPress

Cookie-Zustimmung verwalten
Um dir ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn du diesen Technologien zustimmst, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn du deine Zustimmung nicht erteilst oder zurückziehst, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden.
Funktional Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt. Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
  • Optionen verwalten
  • Dienste verwalten
  • Verwalten von {vendor_count}-Lieferanten
  • Lese mehr über diese Zwecke
Einstellungen ansehen
  • {title}
  • {title}
  • {title}