post image

Ball im Korb

Was geschieht, wenn zwei Außenseiter aufeinandertreffen? Wenn ein schwarzer Lulatsch in eine traditionsreiche aber verschlafene Unistadt zieht, um dort mit seinem Talent eine Randsportart nach vorne zu bringen? Dann kann sich eine gute Geschichte entspinnen. Im Glücksfall sogar ein richtig toller Wurf. In diesem Fall hat der Ball in den Korb gefunden. Es geht um „Deutschland für eine Saison. Die wahre Geschichte des Wilbert Olinde Jr.“ Dieses Buch erzählt von einem deutschen Basketball-Märchen, das bis heute anhält.

Autor Christoph Ribbat, ein Anglistik-Professor, ist eine beeindruckende Nahaufnahme der Göttinger Basketball-Legende Wilbert Olinde gelungen. Ende der siebziger Jahre war Wilbert einer der ersten schwarzen Profis in der provinziellen deutschen Bundesliga. Für eine Saison wollte er bleiben. Es wurde ein Leben daraus. Was fand er 1977 vor? Ein studentisches Team mit gewissen Ambitionen und bescheidenen Erfolgen. Beim SSC Göttingen zählen andere Werte. Bei den Auswärtsspielen wird nach einer Stunde im Bus Rothändle geraucht. Nach dem Spiel warten zwei volle Kisten Bier. Ob Sieg oder Niederlage, zum Auspegeln trifft man sich im Rialto oder beim Altdeutschen. Dieter Bohlen ist dort Stammgast.

 

Wilbert Olinde. Geboren in Louisiana. Er lebt heute als Motivationscoach in Hamburg.

 

Olinde kommt in das Deutschland der Siebziger. Der Fußgängerzonen und RAF-Hysterie. „Yes Sir, I can boogie“, ist der populärste Song. Der Göttinger Chemie-Professor Michael Buback forscht an den Grundlagen der Kunststoffgewinnung. Ein Göttinger Mescalero-Aufruf bekundet „klammheimliche Freude“ über den Tod seines Vaters Siegfried Buback. 1977 erscheinen Reiner Kunze „Die wunderbaren Jahre“, Erica Jong „Die Angst vorm Fliegen“, Erich Däniken, Herbert Gruhl „Ein Planet wird geplündert“, Erich Fromm „Haben oder Sein“. Die Deutschen interessieren sich verstärkt für alternative Gesellschaftsmodelle. Die Grünen stehen vor dem Eisprung. Der Göttinger Student Jürgen Trittin ist einer ihrer Geburtshelfer.

 

 

Wilbert Olinde, Typ kalifornischer Sunnyboy, genannt die Schwarze Perle, verhilft dem Uni-Team zu größten sportlichen Erfolgen. Die Göttinger werden zweimal Deutscher Meister. Das haben sie danach nie wieder geschafft. Olinde spielt smooth, flüssig, elegant. Wenig später wird Basketball auch in Deutschland härter, dynamischer, kommerzieller. In den letzten Jahren haben viele Tausend US-Profis in deutschen Ligen angedockt. Längst ist auch diese Sportart eine Arena der globalen Gladiatoren und Glücksritter.

Als schwarzer Pionier musste sich Olinde „Hornhaut auf dem Trommelfell“ wachsen lassen. Die Entscheidung Deutscher zu werden, habe ihn dennoch „glücklich gemacht“. Das Leben sei einfacher als in den USA. Besonders bei den Studentinnen beliebt, punktet der Modellamerikaner – bis ihn sein Knie im Stich lässt. 1987 schließlich nach 4.640 Punkten das Aus.. Es gibt kein Abschiedsspiel. Ein Krebstumor beendet alle Ambitionen.

 

Basketball-Profis sind „hyperflexible Migranten, ihre Karrieren oft international, ihre Arbeitsverträge manchmal nur einige Wochen gültig.“ Olinde war ein Gegenentwurf, fast ein Jahrzehnt blieb er beim gleichen Verein.

 

Olinde übersteht die schwere Krankheit und erfindet sich neu. Er arbeitet als Versicherungsangestellter, Damentrainer, schließlich gründet er seine Coaching-Firma Black Pearl Inspiration. Das positive Denken wird zu seinem Beruf. Motto: Jeden Tag solle man sich sieben Minuten frei Notizen machen.

 

„Basketball ist ein Spiel, das von der Dynamik lebt, von schnellen Schritten und Sprüngen, vom raschen Verfolgen des Gegners. Gleichzeitig aber ist Raffinesse gefragt: die Präzision der Finger, Arme, Schultern beim Wurf auf den Korb, das kontrollierte Abstoppen und Innehalten.“ (Ribbat)

 

Heute lebt Olinde in Hamburg. Sohn Louis Olinde ist 2 Meter 05 groß, Schuhgröße 48. Er tritt mittlerweile in Vaters Fußstapfen. Louis spielt beim Spitzenteam in Bamberg. Kritik an ihm: Der 19jährige soll mehr den Bad Boy heraushängen. Er spiele zu aristokratisch. Das warf man auch seinem Vater vor. Deutschland für eine Saison ist keineswegs eine Basketball-Heldengeschichte. Das Buch erzählt unaufdringlich auch vom alltäglichen Rassismus auf beiden Seiten des Atlantiks. Und zeigt einmal mehr: Sport ist neben Musik die einzige echte Chance für junge Schwarze nach oben zu kommen. In die Spitze zu den Auserwählten und Anerkannten.

Ein kluges Buch. Christoph Ribbat. „Deutschland für eine Saison. Die wahre Geschichte des Wilbert Olinde Jr.“ Suhrkamp.

post image

Über den Wolken

Weihnachtsfeier der Ehrenamtlichen in einem Berliner Krankenhaus. Es gibt Kekse, Glühwein und gemütliches Beisammensein. Die meisten in der Runde gehören zur Generation der Baby-Boomer. Geboren in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Kinder des Wirtschaftswunders. Am Ende wird ein Text verteilt, dann gesungen. Es ist ein altes Lied von Reinhard Mey. Es heißt: „Ich denk`, es war ein gutes Jahr.“ Ein Raunen geht durch die Runde. Zustimmung. Freude. Alle singen mit. Der Liedermacher ist hier bekannt und beliebt.

 

Reinhard Mey. 1974 schrieb er „Über den Wolken“.

 

                                         „Ich denk`, es war ein gutes Jahr.“

Du kommst, den Arm um mich zu legen,

Streichst mit den Fingern durch mein Haar:

„Denk` dran, den Holzscheit nachzulegen …

Ich glaub` , es war ein gutes Jahr.“

 

Der „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“-Erfinder gilt als großer Romantiker, als „Rückzugslyriker“ und der nette, ideale Schwiegersohn. Er wurde vom Zeitgeist oft belächelt und heftig unterschätzt. Reinhard Mey will ja niemand weh tun, hieß es. Ein großer Irrtum. Reinhard Mey wollte, dass zugehört wird. Anfangs zog er mit Hannes Wader durch kleine Clubs und gastierte auf Liedermachertreffen, wie dem berühmten Folkfestival auf der Burg Waldeck Mitte der sechziger Jahre.

Er entdeckte den französischen Chanson, nannte sich zweitweise Frédéric Mey. Folgerichtig erzielte er seine ersten Erfolge in Frankreich. In Deutschland stand er lange unter Schlagerverdacht. Das hielt ihn nicht auf. Über 500 Lieder hat er geschrieben, 27 Alben veröffentlicht. Klassiker sind seine Songs „Ich wollte wie Orpheus singen“ – „Ich bin Klempner von Beruf“ – „Ankomme Freitag den Dreizehnten“.

 

 

Nun ist Reinhard Mey 75 geworden. Kaum zu glauben, so frisch und zeitlos klingen seine Lieder. Als einer der wenigen gelingt es ihm nach wie vor über Schichten und Generationen hinweg Zuhörer zu erreichen. Eine seltene Gabe im Zeitalter der hemmungslosen Selbstoptimierung. Und so singen der Chefarzt, die Sekretärin und der Pastor fröhlich mit, um mit Reinhard Mey die Weihnachtsfeier zu beenden. Wo? In Berlin-Wilmersdorf, dort, wo Reinhard Mey, der Bürgersohn einmal geboren wurde. Der leise Liedermacher, der so viel zu sagen hat. Ein Beispiel aus dem Jahre 1996 – Sei Wachsam.

 

 

Im Februar 2018 geht Reinhard Mey wieder auf Tournee.

post image

Babylon Berlin – Dan, Silvio, Mike und all die anderen

Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es. An einer Häuserwand hängt ein Plakat: „Grundeinkommen für alle“.  An einem Hauseingang reden zwei Rollator-Alte über Rüpel-Radler auf Gehwegen und die Wucht von Schlaganfällen. Während sie Krankenberichte austauschen, beobachten sie junge Eltern, die wiederum ihre Fahrradhelm-bewehrten Sprösslinge beaufsichtigen.

Die kleine Parkanlage in Berlins Mitte ist eine Oase. Und eine Art Volksbühne. Freier Eintritt. Schauspieler, Inszenierungen und Publikum wechseln. Ein Kommen und Gehen. Ein Passant, vielleicht Anfang vierzig, trägt seinen Rucksack fluchend zur Parkbank. Dort stellt er ihn umständlich ab, beginnt laut auf ihn einzureden. Es muss eine slawische Sprache sein. Ich vermute Polnisch. Aber klar wird, der Rucksack ist sein Gegner. Ist es sein Chef oder vielleicht die Partnerin? Drohend hebt der Mann die Stimme, gestikuliert mit den Armen. Er wirkt wie aufgezogen. Ein älteres Ehepaar verfolgt ein paar Bänke weiter das Schauspiel und genießt den Monolog. Niemand kümmert sich um den brüllenden Fremden. Passanten ziehen ungerührt an dem tobenden Mann vorbei. Ist das Berliner Toleranz oder Gleichgültigkeit?

Plötzlich nähert sich ein verkleideter Werbehase und durchquert den Park. Für wen er im Ganzkörper-Kostüm Reklame läuft, ist nicht zu erkennen. Er lässt Kopf und Schulter hängen, zieht wie ein geschlagener Krieger durch die Anlage. Hat er seine Mission erfüllt oder jede Lust auf seinen Job verloren? Die Parkbesucher schauen dem Hasen auf zwei Beinen verstohlen nach. Jemand zuckt die Achseln. Das war´s.

 

Dan. Standort: Friedrichstraße vor der Sparkasse. Herkunft: Rumänien.

 

In die halbvolle S-Bahn presst sich umständlich ein Plakatträger. „Gegen den Zionismus“, ist zu lesen und vieles mehr. Das Transparent ist eng beschrieben, als sollen alle Katastrophen dieser Welt auf einer Tafel festgehalten werden. Niemand im Abteil reagiert auf den Mann. Die meisten starren unbeeindruckt auf ihr Smartphone. Der Plakatträger murmelt ein paar Parolen, dann setzt er sich und gibt Ruhe, als zwei Kontrolleure zusteigen.

„Die Fahrausweise bitte“, schallt es durch den Wagen. Einige Fahrgäste nesteln in ihren Taschen. Eine ältere, sehr bescheiden gekleidete Frau, schaut unruhig nach links und rechts, spannt ihren schmalen Körper. Sie atmet tief durch. Die Kontrolleure nähern sich, bleiben jedoch beim Kämpfer gegen den Zionismus hängen. Dort entwickelt sich ein anhaltender Disput über Zionismus und die Notwendigkeit des Mitführens eines Beförderungsscheins.

 

Silvio. Standort: Friedrichstraße vor Starbucks. Herkunft: Magdeburg.

 

„Repression überall. Widerstand“, ruft erregt der Anti-Zionist. Die S-Bahn hält an der nächsten Station. Die Kontrolleure walten ihres Amtes. Der Demonstrant wird laut diskutierend zur Türe eskortiert. Derweil verlässt die ältere Frau blitzschnell die Bahn. Auf dem Bahnsteig steckt ihr eine andere aussteigende Mitreisende ihr Ticket zu. Flugs kehrt die ältere Dame in den Zug zurück und setzt ungehindert mit einem gültigen Fahrschein ihre Fahrt fort. Auf dem Bahnsteig streiten der Kämpfer gegen Zionismus und die beiden vermutlich türkischstämmigen Kontrolleure um das Schwarzfahren und alles andere Übel dieser Welt.

„Mach´ s gut und zehntausend Küsse“, sagt die Berlinerin, wenn sie genug hat. Von dir oder mir oder was weiß ich von wem. Wenn alles vorbei ist. Ich könnte noch von vielen Straßenbekanntschaften erzählen. Von der polnischen Kristina mit der Panzerglasbrille, die Jesusbilder verkauft. Von Silvio aus Magdeburg mit der Kinderlähmung, der glücklich strahlt, wenn er zwölf Straßenfeger verkauft hat. Vom „Original-Westberliner“ Torsten an der Weidendammerbrücke, der „Maut für Rollis“ fordert. Von Torsten, dem alten Schweden. Ihm ist die Frau weggelaufen und seitdem hängt er auf der Straße.

 

Mike. Standort: Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße. Herkunft: Schweden.

 

Wen interessiert´s? „Bloß nicht ins Bier weinen“, sagt Ronny, der vor dem Bioladen betuchte Bürger anschnorrt. Als wir uns unterhalten, nähert sich ein Rentner in Jack-Wolfskin-Jacke. „Geh doch arbeiten! Dann brauchst Du hier nicht rumzustehen und Zeitungen verkaufen.“ Antwort des Verkäufers: „Geh Du doch arbeiten, damit Du meine Zeitung kaufen kannst.“ So ist Berlin. Mein Freund und meine Geliebte.

***

Wer in der Winterzeit nachts obdachlosen Menschen in Not helfen will, der Kältebus ist von 21 – 03 Uhr unter der Nummer 0178 523 5838 zu erreichen.

Wer lieber spenden möchte, hier der Weg zur Berliner Stadtmission. Jeder Euro hilft.

post image

Babylon Berlin – Uwe

„Um Berlin in seiner jetzigen Verfassung zu malen, müsste man den göttlichen Dante Alighieri bemühen, welcher die Hölle und das Fegefeuer zu schildern wusste.“ Dieser Satz ist gut hundert Jahre alt. Der Schriftsteller und Chronist Alfred Kerr notierte ihn 1896 und schilderte in einer Mischung aus Faszination und Entsetzen, wie sich die neue Hauptstadt häutete. Heute steht an den Häuserwänden: „Leute kauft Deckel! Die Welt ist bald im Eimer.“

Der nachfolgende Text stammt aus dem September 2017.

 

Uwe. Standort: Berlin-Charlottenburg. Herkunft: Brandenburg.

 

„95% der Obdachlosen sind an ihrem Schicksal selbst schuld“ erklärt Uwe. Der Mann mit dem Rauschebart sitzt im Schneidersitz vor der S-Bahnstation, solange Tageslicht ist. Er könnte jederzeit bei einem Karl Marx-Casting mitmachen. Uwe hat fast alles hinter und nur wenig noch vor sich. Jobverlust, Spielsucht, Scheidung, Schulden, Alkohol, Einsamkeit, Obdachlosigkeit. Uwe lebt von 430 Euro Grundsicherung. Den Rest zum Überleben erbettelt er sich. „Wenn es kalt ist, geben die Leute mehr. Besonders Frauen.“ Uwe zieht an seiner Pfeife. „Ich habe Landwirt gelernt.“ Jetzt hat er Probleme mit dem Herzen. Es flattert. „Meine Pumpe will nicht mehr so“.

 

 

Was sich in letzter Zeit geändert habe? „Die Zeiten sind härter geworden. Die Leute fragen mich, ob ich Deutscher bin, bevor sie etwas geben. Das ist neu.“ Uwe hat noch eine winzige Wohnung. Die will er nicht verlieren. „Heute schimpfen alle auf Merkel. Sie muss weg. Ich will den Bayern. Den Horst.“ Uwe meint den Seehofer von der CSU. Mit den Pegida-Leuten will er aber nichts zu tun haben. Da seien zu viele Braune dabei. Er hebt seine Stimme: „Damit eines klar ist: Ich bin Deutscher, kein Faschist.“

 

Gesehen in Lübeck. 2017.

 

Eine Frau steckt ihm ein Schoko-Croissant zu. Sie lächelt Uwe an. „Sollst auch was Süßes haben. In diesen harten Zeiten.“ Uwe streicht sich durch den Bart. Schnurrt zufrieden. Sie hastet weiter. Manchmal gibt es Momente, die das Leben lebenswert machen. Tja, sagt sein Blick. So sieht es aus, mein Leben. Das können sich die meisten überhaupt nicht vorstellen. „Tapfer bleiben. Haltung bewahren“, murmelt Uwe. „Ohne Gegenwehr hören die Schweinereien nie auf.“ Er hält inne. „Die Welt ist unfair. Was kann ich noch tun?“ Sein Fragezeichen verliert sich im Straßenlärm. Uwe zieht an seiner Pfeife. Sie ist längst aus.

***

Fortsetzung folgt.

post image

Brief an die Kanzlerin

Sei niemals Opfer! Eine Binsenweisheit. Wer das Pech hatte, einmal zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, muss in Windeseile begreifen: Nichts ist mehr wie es war. Im Alltag wird es schwer, aufrecht und weiter unbeschwert durchs Leben zu gehen. Am 19. Dezember 2016 traf ein LKW die Besucher des Weihnachtsmarktes an der Berliner Gedächtniskirche ungebremst, ohne Rücksicht auf Herkunft, Alter und Geschlecht. Der Todesfahrer spielte Roulette. Es war ein Akt der Willkür. Ein zutiefst feiger Anschlag.

Ein Jahr danach haben Angehörige und Überlebende einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben. Dieser berichtet von unglaublichen Versäumnissen. Er erzählt von einer Eiseskälte, die einen frösteln lässt. Es lohnt sich, diesen Brief bis zur letzten Zeile zu lesen. Es kostet einige Überwindung und rund zehn Minuten Lesezeit. Dafür gewinnen Sie einige Einsichten, was in diesem Lande derzeit schief läuft. Zurück bleiben Fragen, die bis heute auf Antworten warten.

 

 

 

„Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
am 19. Dezember 2016 erschoss ein islamistischer Terrorist in Berlin einen polnischen LKW-Fahrer, raubte das Fahrzeug und steuerte es in den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Er ermordete dabei weitere elf Menschen aus Israel, Italien, Tschechien, der Ukraine und Deutschland. Mehr als 70 Personen wurden – teilweise sehr schwer – verletzt.

Wir, die Verfasser dieses Briefes, sind Familienangehörige aller zwölf Todesopfer. Einige von uns gehören auch selbst zu den Verletzten und Nothelfern am Breitscheidplatz. Wir haben uns nach dem Anschlag in einer Gruppe zusammengeschlossen und stehen miteinander in Kontakt. Wir teilen unsere Trauer, versuchen uns gegenseitig so gut es geht zu unterstützen und informieren uns über Entwicklungen in der Politik und den Medien.

 

Gedächtniskirche. Kurz nach 19.30 Uhr setzte sich der entführte LKW in Moabit in Bewegung. Am Steuer der 23-jährige Anis Amri.

 

Wir nehmen in den Monaten seit dem Anschlag vielfältige Missstände wahr und haben uns nun entschieden, uns mit diesem Brief direkt an Sie, Frau Bundeskanzlerin, zu wenden. Die Missstände betreffen sowohl die mangelhafte Anti-Terror-Arbeit in Deutschland als auch den Umgang mit uns als Opfer und Hinterbliebene.

Während sicherlich kein Land der Welt absolute Sicherheit vor terroristischen Anschlägen gewährleisten kann, mangelt es in Deutschland an grundlegender Professionalität im Umgang mit dem Terrorismus. Durch die Arbeit von investigativen Journalisten sowie des Untersuchungsausschusses in NRW und des Sonderbeauftragten des Senats von Berlin, Bruno Jost, sind mittlerweile Fehlleistungen der Anti-Terror-Arbeit in Deutschland ans Licht gekommen, die als alarmierend einzustufen sind.

 

Gedächtniskirche. 19. Dezember 2016. Plötzlich rast ein LKW mitten in den Weihnachtsmarkt.

 

Dazu kommentierte Claus Kleber im ZDF „heute journal“ am 12. Oktober 2017: „Das Erschreckende ist, dass es zu spät ist, man kann die Fehler nicht mehr korrigieren. Aber zwölf Menschen könnten noch leben, 70 Verletzte unversehrt sein, wenn Behörden, allen voran die Landeskriminalbehörden von NRW und Berlin, ihren Hintern hoch bekommen hätten, wenn dort nicht katastrophale Zustände geherrscht hätten. Das ist auch in dieser drastischen Formulierung das Ergebnis des Sonderermittlers Jost.“

Der Terrorist, der den Anschlag am Breitscheidplatz verübt hat, ist unter vielen Migranten zu Beginn der Flüchtlingskrise nach Deutschland gekommen, hat vielfach Asyl beantragt, war als einer der Top-Gefährder bekannt und ist auch vor dem Anschlag bereits mehrfach straffällig geworden. Seine Fingerabdrücke zur elektronischen Identifizierung wurden – wie die der meisten Flüchtlinge – mehrfach gar nicht oder erst mit großer Verzögerung ausgewertet. Als Top-Gefährder in der Bundeshauptstadt wurde er nur gelegentlich und nur an Werktagen und nie nachts observiert, obwohl bekannt war, dass er gewerbsmäßigen Drogenhandel betrieb. Möglichkeiten zur Abschiebung wurden verpasst. Es herrschte ein Kompetenzchaos zwischen Landeskriminalämtern (LKAs) verschiedener Bundesländer, dem Bundeskriminalamt (BKA) und weiteren circa 50 Behörden, deren genaue Aufgaben kaum abgegrenzt werden können und die ihn betreffende Informationen nur äußerst mangelhaft austauschten.

 

Der LKW am Tag danach. Aufnahme vom 20.12.2016.

 

Frau Bundeskanzlerin, der Anschlag am Breitscheidplatz ist auch eine tragische Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung. In einer Zeit, in der die Bedrohung durch islamistische Gefährder deutlich zugenommen hat, haben Sie es versäumt, rechtzeitig den Ressourcenausbau und die Reformierung der wirren behördlichen Strukturen für die Bekämpfung dieser Gefahren voranzutreiben.

Wir fordern Sie dringend auf, die vorhandenen Defizite so schnell wie möglich zu beseitigen. Sie sind in der Verantwortung, die für die Bekämpfung des Terrors erforderlichen Ressourcen im Bund mit Priorität bereitzustellen. Aber auch die Länder müssen ihre Strukturen ausbauen und mit Ihnen gemeinsam an einer Entwirrung der behördlichen Strukturen arbeiten. Es darf künftig nicht mehr zu so gravierenden Problemen in der Koordination kommen. Gerade im Falle des Attentäters vom Breitscheidplatz sind diesbezüglich eklatante Missstände offenbar geworden, die so nicht weiter toleriert werden können.

In Bezug auf den Umgang mit uns Hinterbliebenen müssen wir zur Kenntnis nehmen, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie uns auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert haben. Wir sind der Auffassung, dass Sie damit Ihrem Amt nicht gerecht werden. Der Anschlag galt nicht den unmittelbar betroffenen Opfern direkt, sondern der Bundesrepublik Deutschland. Es ist eine Frage des Respekts, des Anstands und eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass Sie als Regierungschefin im Namen der Bundesregierung unseren Familien gegenüber den Verlust eines Familienangehörigen durch einen terroristischen Akt anerkennen.

 

Berlin-Breitscheidplatz. 20. Dezember 2016.

 

Auch Ihre bisherigen Aktivitäten zur Unterstützung unserer Familien sind nicht ausreichend. So haben Sie schon am Tag unmittelbar nach dem Anschlag in der Gedächtniskirche einen Trauergottesdienst mit anderen Vertretern hoher politischer Ämter begangen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir Betroffenen noch gar nichts von unserem Schicksal. Das dem Bundesministerium des Innern nachgeordnete BKA hatte eine Informationssperre zum Verbleib der Opfer verhängt und sich 72 Stunden Zeit für die Identifikation der Opfer gelassen. Während also der Trauergottesdienst stattfand, haben wir Hinterbliebenen verzweifelt nach unseren Angehörigen gesucht und dabei sämtliche Krankenhäuser in Berlin persönlich aufgesucht oder telefonisch kontaktiert.

Überhaupt stand uns nach dem Anschlag anfangs nur die allgemeine Meldestelle für Vermisste der Berliner Polizei zur Verfügung. Hier wurden keinerlei Auskünfte erteilt und Rückrufe versprochen, die aber nicht erfolgten. Erst nach massiven Beschwerden über die fehlende Kommunikation und über 36 Stunden nach dem Anschlag wurden den Familien Beamte vom LKA Berlin als persönliche Ansprechpartner zugeordnet. Die LKA-Beamten konnten aber aufgrund der Informationssperre des BKA über weitere 36 Stunden keinerlei Auskünfte über unsere Angehörigen geben. Während einige Beamte sich nach Kräften um uns bemühten und zum Beispiel Notfallseelsorger vermittelten, ließen es andere an Empathie deutlich fehlen. Es kam sogar zu Zurechtweisungen.

 

 

In der Folge hat sich in den ersten Tagen und Wochen tatsächlich niemand von offizieller Seite um uns gekümmert. Das erste offizielle Schreiben deutscher Behörden kam 22 Tage nach dem Anschlag von Bundesjustizminister Heiko Maas an einen Teil der Familienangehörigen. Er unternahm dabei keine Anstrengungen, zumindest alle Familienangehörigen ersten Grades direkt zu erreichen, sondern beließ es dabei, mit unvollständigen Listen zu arbeiten. Er kondolierte den Hinterbliebenen, die er so erreicht hatte persönlich, allerdings nicht im Namen der Bundesregierung, und erläuterte den Prozess der Antragstellung für Härteleistungen aus Mitteln des Deutschen Bundestages.

Es hat 60 Tage gedauert, bis uns der damalige Bundespräsident Joachim Gauck zu einem Zusammentreffen im Schloss Bellevue einlud und kondolierte. Dank der großen Menschlichkeit und Offenheit von Herrn Gauck fand dort eine würdevolle Zusammenkunft statt, an der auf Einladung des Bundespräsidenten auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière teilnahm.

Auch wenn der Bedarf schon wenige Tage nach dem Anschlag hätte erkannt werden müssen, dauerte es fast drei Monate bis die Bundesregierung Herrn Ministerpräsident a.D. Kurt Beck zum Beauftragten für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 ernannte. Seit seiner Benennung setzten sich Kurt Beck und ein Team von Mitarbeitern sowohl für uns Hinterbliebene als auch für die Verletzten des Anschlags ein.

 

Wir sind Herrn Beck für seinen Einsatz sehr dankbar. Leider ist er jedoch nicht mit Ressourcen ausgestattet, effektiv helfen zu können. So bleibt ihm als eingesetztem Vertreter der Bundesregierung teilweise auch nichts anderes übrig, als Spendenorganisationen um Hilfen für Betroffene zu bitten. Das ist zwar eine im Einzelfall kreative Herangehensweise, ein Vertreter der Bundesregierung sollte diesen Schritt jedoch nicht unternehmen müssen, um die notwendige Versorgung von Opfern eines terroristischen Akts sicherzustellen.

Wir empfehlen im Übrigen dringend, das Amt von Herrn Beck nach seinem angekündigten Abschlussbericht fortzuführen. Die Aufgabe dieses Amtes besteht nicht nur in der weiterführenden Betreuung der Hinterbliebenen und Verletzten vom Breitscheidplatz. Es bedarf dieses Amtes zur dauerhaften Koordination von Aktivitäten im Bereich der Prävention, Vorbereitung und Kommunikation im Bereich des Opferschutzes auf Bundes- und Landesebene.

 

Käthe Kollwitz. Pieta.

 

Der Verlust eines geliebten Menschen lässt sich nicht durch materielle Kompensationen entschädigen. Die Lücke in unserem Leben wird bestehen bleiben und uns bis an das Ende unseres Lebens begleiten. Wir müssen lernen, damit umzugehen.

Der Verlust eines engsten Angehörigen verursacht aber auch finanzielle Schäden. Unsere Erwartung ist, dass der Staat für die Familien der Hinterbliebenen „in die Schuhe der Opfer steigt“ und zumindest die finanziellen Lücken schließt, die der Anschlag reißt. Es ist unsere konkrete Erwartung an Sie, Frau Bundeskanzlerin, dass die Bundesrepublik unseren Familien unbürokratisch und umfassend hilft und für die heutigen und künftigen finanziellen Schäden aufkommt.

Gegenüber dieser Erwartung bleibt der Umfang der aktuellen staatlichen Unterstützung weit zurück. Es gibt nach aktuellem Rechtsstand für uns drei in Summe unzulängliche Entschädigungsquellen:

(1) Zunächst gab es für Hinterbliebene einer terroristischen Straftat die bereits erwähnte, einmalige sogenannte Härteleistung des Deutschen Bundestages, allerdings in niedriger Höhe.

(2) Darüber hinaus gibt es Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG). Im Rahmen des OEG werden Bestattungskosten übernommen, die nicht mehr als die Kosten der billigst möglichen Bestattung decken. Etwaige Rentenansprüche nach OEG werden darüber hinaus mit erarbeiteten Rentenansprüchen verrechnet. Die Sätze sind so gering, dass auch auf sehr niedrigem Rentenniveau kein Anspruch verbleibt.

(3) Zuletzt stehen Mittel der Verkehrsopferhilfe (VOH) zur Verfügung. Nach dem Verkehrsopfer-Hilfegesetz leistet die VOH nur Entschädigungen nach einem begrenzten Katalog für unmittelbare Schäden. Durch den Anschlag verursachte Verdienstausfälle von Selbstständigen und andere indirekte Folgekosten des Anschlags werden nicht berücksichtigt und damit auch nicht erstattet.

Die Anspruchsgrundlagen der drei Entschädigungsquellen sind sehr komplex und für uns oftmals kaum zu durchschauen. Für jede mögliche Unterstützung ist es erforderlich, umfassende Anträge auszufüllen, zum Teil mit identischen Fragestellungen in den Formularen. Erst dann wird beschieden, ob ein Anspruch besteht. Ansprüche bestehen dann jedoch oftmals nicht, oder nur in sehr geringem Umfang. Das ist sehr frustrierend und führt zu extrem belastenden Situationen.

 

Ernst Barlach. Schwebender Engel.

 

So stehen viele von uns seit dem Anschlag vor ungelösten finanziellen Herausforderungen. Wer kommt für den Beitrag des Verstorbenen für die Finanzierung einer Hypothek auf? Wie gelangt jemand, der seine Wohnung wegen des Anschlags aus finanziellen Gründen aufgeben musste ohne externe Hilfe an eine neue Unterkunft, wenn als regelmäßiges Einkommen nur kaum nennenswerte und unter Vorbehalt gezahlte Renten dem Vermieter nachgewiesen werden können? Was sollen Eltern tun, die psychisch nicht stabil genug für ihre bisherigen Vollzeitstellen sind, die aber aus finanziellen Gründen voll arbeiten müssten? Wie sollen Alleinerziehende den Alltag mit ihren Kindern gestalten, wenn sie zu mehr als 100% arbeiten müssen, um den Verdienstausfall des verstorbenen Elternteils zu kompensieren? Wer kommt für dauerhafte psychische Schäden auf, die bis hin zur Berufsunfähigkeit führen?

Frau Bundeskanzlerin, es besteht der dringende Bedarf für eine finanziell umfassendere Unterstützung: Zum einen müssen – wie von Herrn Beck auch bereits öffentlich gefordert – die Härteleistungen signifikant aufgestockt werden. Zum anderen müssen Rentenansprüche ausgeweitet, aufgestockt und losgelöst von finanzieller Bedürftigkeit geleistet werden. Diese Leistungen sollten mit möglichst geringem bürokratischem Aufwand für die Betroffenen erbracht werden – im Übrigen nicht nur für Opfer und Hinterbliebene in Deutschland, sondern explizit auch für die vom Terror betroffenen ausländischen Gäste.

Die Inanspruchnahme der Verkehrsopferhilfe erscheint uns darüber hinaus als eine inadäquate Mittelverwendung und nicht nachhaltige Lösung. Vor Kurzem hat Ihr Innenminister vermeldet, dass in Deutschland ein Bombenanschlag verhindert wurde. Opfern dieses geplanten Anschlages hätten die Mittel aus der Verkehrsopferhilfe nicht zur Verfügung gestanden und die Versorgungslücke für die Betroffenen wäre noch größer gewesen als sie für uns ohnehin schon ist. Auch stellt sich die Frage, warum die Automobilversicherer und somit indirekt deren Versicherte für die Schäden eines Terroraktes aufkommen, nur weil der Terrorist anstelle einer Bombe einen LKW benutzt hat?

 

 

Zum Glück sind wir in den schwierigen Monaten nicht ganz allein gelassen worden. Während im Bund und im Übrigen auch im Land Berlin sich kaum jemand um die Verletzten und Hinterbliebenen kümmerte, sprang beispielsweise der ehrenamtliche Opferbeauftragte des Landes Berlin, Rechtsanwalt Roland Weber, in die Lücke. Er versuchte vor allem in den entscheidenden ersten Wochen nach dem Anschlag, die Familien so gut es ging zu unterstützen und benötigte Informationen zusammenzustellen.

Neben Familien und Freunden haben sich auch zahlreiche Notfallseelsorger und Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz und vor allem der Weiße Ring umfangreich für uns eingesetzt. Sie haben uns mit viel Energie und Aufopferungsbereitschaft unterstützt. Ihnen und den vielen großzügigen Spendern gilt unser großer Dank.

 

 

Frau Bundeskanzlerin, leider ist zu befürchten, dass der Anschlag vom Breitscheidplatz nicht der letzte terroristische Anschlag in Deutschland gewesen sein wird. Auch deshalb wenden wir uns mit diesem offenen Brief an Sie. Es sollte alles dafür getan werden, künftige Anschläge zu verhindern und zumindest einen angemessenen Umgang mit Opfern und Hinterbliebenen, ungeachtet der Nationalität, zu gewährleisten. Der Bund im Zusammenwirken mit allen 16 Bundesländern muss den Umgang mit dem Terrorismus so schnell wie möglich lernen. Die einfache Fortschreibung des aktuellen Versagens der Bundesrepublik ist unverantwortlich.

Auch wenn die von uns benannten Probleme nicht alleine auf Bundesebene gelöst werden können, erfordert deren Lösung die maßgebliche Federführung der Bundesregierung. Wir fordern Sie daher dringend auf, gemeinsam mit den Bundesländern die Probleme umgehend anzugehen und Lösungen herbeizuführen.“

Gez. Mitglieder aller 12 Familien der Todesopfer vom Breitscheidplatz“

Berlin, 1. Dezember 2017

post image

Babylon Berlin – U-Bahn-Gott

Die Bahn rumpelt Richtung Osten. Ein Sonnabend im Advent. Mittagszeit. Der Zug ist gut gefüllt. Ein beleibter Straßenmusiker entert den Wagen. Sofort legt er auf seiner Gitarre los. Er trällert ein amerikanisches Weihnachtslied. Die Fahrgäste lassen es über sich ergehen und ertragen seinen Vortrag teilnahmslos. Keiner schaut hin. Wie immer. Am Ende seines Liedes wünscht der Musiker mit britischem Akzent „Merry Christmas. Frohe Weihnachten. Salam Aleikum.“ Der Gitarrist zückt den Hut, um sein Honorar einzusammeln, als ein Mann mit Bart, Mitte dreißig, laut und deutlich ruft: „Du hast meinen Gott beleidigt.“

Für einen kurzen Moment herrscht so etwas wie Irritation im Abteil. „Mein Gott?“ Ich sitze mehrere Reihen entfernt. Anspannung liegt in der Luft. Plötzlich geht der Mann an der Tür auf den Musiker los. Er brüllt voller Hass: „Du hast Allah beleidigt. Du bist ein Ungläubiger.“ Die letzten Worte sind nicht richtig zu verstehen. Der Musiker wiegelt ab. „Ich habe allen ein frohes Weihnachten gewünscht. All People here. Fuck. That´s it.“ Der Bärtige hebt die Fäuste. Der Musiker ruft: „Damned. Du hast mir nichts zu verbieten!“ So stehen sie sich nicht einmal eine Armlänge entfernt gegenüber. Der Vulkan spukt Feuer, droht zu explodieren.

 

„U-Bahnfahren ist wie Schule. Eine Menge Leute sitzen auf engstem Raum und warten bis es vorbei ist.“ Werbespruch der Berliner Verkehrsbetriebe BVG.

 

Da geschieht ein kleines Wunder. Eine schmale Frau stellt sich zwischen die Streithähne, redet auf den Bärtigen ein, er solle sich wieder einkriegen, der Musiker habe es nicht so gemeint. „Vertragt Euch“, ruft sie. Und: „Nicht hier. Das geht gar nicht.“ Ein Vater, der mit seinem Kinderwagen direkt neben den Männern steht, schiebt seinen kräftigen Körper zwischen die Kontrahenten, drängt den schimpfenden Muslim ab, trennt die Hitzköpfe. Eine zweite, großgewachsene Frau, Mitte vierzig, eilt hinzu. Stellt sich gleichfalls beschwichtigend vor den Bärtigen. Das alles passiert in wenigen Sekunden. Der Zug hält am nächsten Bahnhof.

Die Streithähne lassen voneinander ab, steigen an verschiedenen Türen aus. Draußen rufen sie sich weiter wüste Schimpfworte zu. Ihre Wut hallt durch den Bahnhof.  Aber: sie gehen getrennte Wege. Die Prügelei wegen Gott und Weihnachten konnte um eine Haaresbreite verhindert werden. Die Türen schließen. Die Bahn fährt weiter. Allmählich stellt sich der übliche Großstadt-Blues wieder ein. Alle atmen auf. Die drei beherzten Mitfahrer haben durch ihr Eingreifen Schlimmeres verhindert.

 

Unter Tage. Voll. Eng. Stickig. Manchmal genügt ein falscher Blick.

 

Eine bizarre Alltagsepisode, verstörend, aber eigentlich nicht mehr. Ich hätte sie längst vergessen. An manchen Tagen ist das Aggressionspotential auf hohem Level. Ein falscher Blick zur falschen Zeit, ein Rempler, das kann Folgen haben. Man lernt damit umzugehen, verhält sich streetwise. Aber die kleine Szene geschah wenige Tage vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Das war im Dezember 2016. Da konnte keiner mehr dazwischen gehen. Eine bange Frage bleibt: An welchen Gott glaubt dieser Mann?

 

 

***

Fortsetzung folgt.

post image

Babylon Berlin – Kalle

Seit ein paar Jahren brummt es wieder im Viertel. Be Berlin. Die Immobilienkäufer fallen aus der ganzen Welt ein. Es sind Schweden, Spanier, Griechen, anyway. „Investieren Sie in die Zukunft! Die Gründerzeit ist zurück!“ Es gilt wieder als angesagt hier zu wohnen. Die Preise schnellen nach oben. Geld sucht optimale Optionen, vermehrt sich in Windeseile. Grundstücke verdoppeln binnen Jahresfrist ihren Wert. Wohnen wird zum Luxus. Schicke Apartments entstehen und stehen leer. An die Scheiben einer funkelnagelneuen Eigentumsresidenz – Motto „Verwirklichen Sie ihre Träume“ – hat ein Unbekannter mit knallroter Farbe gesprüht: „Suche Traumwohnung für unter 200 Euro im Monat.“ Am nächsten Morgen kommt die Polizei. Ein paar Tage später der Fensterreiniger. Aus dem Café gegenüber dudelt der Song: I will survive.

An den Wochenenden bevölkern Touristen das Quartier. Menschen mit klappernden Rollkoffern und festem Blick auf ihre Smartphone-Apps. In ihren Augen das Staunen, dass hier alles so „authentisch“ sei. Dabei sind Bäcker, Buchladen und Schuster verschwunden. Gehalten haben sich Restaurants mit Namen wie Ali Baba, Calcutta oder Reste fidèle. Geblieben sind auch die Parfümerie Sergio und der Ausstatter Berlingold. Nur Dolce Vita scheint vorbei zu sein. Die Boutique verspricht „Wahnsinnsangebote zu unglaublich günstigen Preisen“. Totalausverkauf steht auf roten Werbebannern. An einem Verteilkasten klebt ein Theaterplakat. Dort steht: „Und Gott sprach: Wir müssen reden.“

 

Berlin leuchtet.

 

 

Ich eile die Treppe zur S-Bahn hoch. Kalle winkt mir zu. Sein Stammplatz ist auf dem Absatz zwischen zwei Treppen. Genau hier wartet der Punker auf Kundschaft. Mit Hund, Decke, Bierflasche und Buch. Kalle vertreibt sich die Zeit mit Lesen. Es verkürzt die Wartezeiten und bildet ungemein, erklärt er. Kalle raucht und redet gerne. In seinen Händen hält er ein abgegriffenes Taschenbuch. „Mieses Karma“ steht auf dem Umschlag. Ich frage ihn, worum es in der Geschichte geht. Kalle kratzt sich am Kopf, dreht eine neue Kippe und erzählt den Plot. Die Heldin sei eine attraktive Talkmasterin, die allmählich zu einer kleinen miesen Ameise schrumpft.

Was fasziniert den Berufs-Schnorrer mit den gelb gefärbten Haaren am bösen Karma? Der Roman sei klasse, sagt er. Übersetzt bedeute dies, dass richtige Bösewichte vom Schlage eines Hitler, Stalin oder Erdogan künftig als Darmbakterien Wiedergutmachung leisten müssten. Wäre doch cool, oder? Pause. Passanten hetzen vorbei. Sie haben den Kopf eingezogen, eiligen Schrittes, froh in Ruhe gelassen zu werden.

 

Berlin Art Week. 2017.

 

Der Punker hat seine Werbestrategie geändert. Statt des branchenüblichen „Haste Kleingeld?“ oder „Hey Alter, Du siehst gut aus, Du hast doch sicher ein paar Groschen“, flötet er den Vorbeihastenden zu: „Guten Tag. Sind Sie motiviert, Ihr Geld mit mir zu teilen?“ Einige wenige lächeln. Diese Geldanlageoption klingt wie das Versprechen eines Finanzberaters der Immobilien oder Windräder verticken will.

Da auch die Sharing-Strategie nur bedingt fruchtet, schaut Kalle, der Punker mit Decke, Hund und Buch wieder in sein „mieses Karma“. Dort liest er weiter über bedeutende Menschen, die ganz schnell zu Käfern schrumpfen.  Nun lächelt er. Das Leben ist doch wie ein Roman.

 

 

Fortsetzung folgt

post image

Babylon Berlin – Ciprian

Berlin wächst. Jeder Jahr um die Größe einer deutschen Provinzstadt wie Pinneberg oder Pirmasens. Dabei scheint in der Hauptstadt – außer der großen Klappe – nichts so richtig zu funktionieren. Verstopfte Straßen, unbezahlbare Wohnungen, überforderte Behörden, kaputte Schulen, gigantische Großprojekte, die nicht fertig werden wollen. Der Flughafen BER ist bereits über zweitausend Tage im Rückstand. Nur noch Optimisten glauben an eine Eröffnung vor 2021. Berlin erlebt in diesen Tagen eine zweite Gründerzeit. Die 3.6 Millionen-Metropole ist ein nervöser Moloch – und doch wollen alle hin. Was sich geändert hat? – Täglich sehe ich in den Straßen Berlins  an fast jeder Ecke, auf Plätzen, vor U- oder S-Bahnhöfen mehr Not, Elend und Gleichgültigkeit. Mein nachfolgender Text stammt aus dem September 2017.

***

„Guten Morgen!“ Der Mann sitzt auf einer Decke, grüßt freundlich, wünscht einen guten Tag. Er lächelt auf seinem Stammplatz in der Passage am Savignyplatz. Einer der vielen Bettler der Hauptstadt. Die Menschen eilen an ihm vorbei, zur S-Bahn. Ich bleibe stehen, entschließe mich endlich einmal zu fragen, wie er heißt. Wie oft habe ich ihn schon gesehen, ab und zu einen Groschen in seine Tasse geworfen, um dann weiter zu hasten. Gefragt hatte ich ihn noch nie. Der Mann schaut hoch. „Ciprian!“ – Mmh. Wie?  – „Ciprian. Schöner Name. Kommt in meiner Heimat häufig vor“, sagt der Mann auf der Decke.

 

Ciprian. Berlin-Savignyplatz. Herkunft: Rumänien.

 

Heimat? Wo das für ihn sei, frage ich: „Rumänien.“ Jeden Morgen ist er da wie der Bäcker. Oder der Kiosk nebenan mit seinem BILD-Aufsteller und den dicken Schlagzeilen. Ciprian hat wache Augen, die Hand bereit zum Gruß. Meistens trägt er eine Pudelmütze und einen grünen dicken Parka, auch im Sommer. In seiner Hand eine klappernde Tasse aus Blech. Sein Arbeitsgerät. Vor ihm huschen Menschen zur Arbeit, neben ihm liegt eine Krücke, hinter ihm befindet sich ein katalanisches Delikatessengeschäft. Dessen Jalousien sind schon länger geschlossen. Das Konzept hat wohl nicht funktioniert.

Ciprian ist Anfang dreißig. „31!“. Er zeigt mir mit seinen Fingern eine drei, dann eine eins. An manchen Tagen sieht er viel älter aus. Das Leben hat sich in sein Gesicht gegraben. Der freundliche Mann vom Savignyplatz erzählt mir mit Händen und Füßen von Pitescht. Ich verstehe ihn nicht. Ich google den Namen später. Es muss wohl Pitesti sein. Eine Provinzstadt mitten in der Walachei. 160.000 Einwohner. Ciprian schaut mich an. „Drei Stunden von Bukarest. Kennst Du Bukarest – Hauptstadt?“ Was ihn nach Berlin verschlagen hat, will er nicht sagen. Er winkt ab. Was zählt, dass er jetzt hier sei. Ciprian ist EU-Bürger. Wie ich. Und doch trennen uns Welten. Zum Abschied lächelt er – wie jeden Morgen und wünscht einen „Guten Tag!“

 

Berlin-Mitte. Mühlenstraße 50. Rückseite der „East Side Gallery“. Hotspot für Touristen.

 

Fortsetzung folgt.

 

Wer in der Winterzeit nachts helfen will, aber nicht weiß, wie Menschen in Notlagen vor Erfrierung geschützt werden können: Der Kältebus der Berliner Stadtmission ist von 21 – 03 Uhr unter der Nummer 0178 523 5838 zu erreichen.

post image

Babylon Berlin

Unsere Vorstellung vom Berlin der zwanziger Jahre, von den Golden Twenties, ist eine schicke Sehnsuchtsprojektion. Die TV-Serie Babylon Berlin bedient diese fiebrige Endzeitstimmung, den Tanz auf dem Vulkan. Erzählt wird von einem Sündenbabel, einem Chicago an der Spree mit Sex, Drogen, Mord und Gewalt. Mehr Grusel-Marketing geht nicht: „Revolution. Korruption. Prostitution.“ Auf der Coach mit der Fernbedienung in der Hand lässt sich solch ein Event genüsslich goutieren: Wie bescheuert waren die Menschen damals?

 

https://youtu.be/SBgAlOb2niY

 

Heute geht es der großen Mehrheit materiell unendlich viel besser als vor neunzig Jahren. Doch der Zeitgeist weht wieder streng in Richtung Überlebenskampf. Entertainment und gutes Leben für die Schönen und Reichen. Der Rest muss sehen, wo er bleibt. Moral? – Fehlanzeige. Einzige Botschaft: Jeder ist seines Glückes Schmied. Bei diesem Babylon-Berlin-Hype drängt sich die Frage auf, ob wir aus diesem Tanz gelernt haben könnten. Selbst nach langem Überlegen drängen sich keine beruhigenden Antworten auf. Warum? Täglich sehe ich in den Straßen Berlins auf Plätzen, an fast jeder Ecke, vor U- oder S-Bahnhöfen mehr Not, Elend und Gleichgültigkeit. Mein nachfolgender Text stammt aus dem September 2017.

 

Folge 1

Das ist meine Stadt. Freund und Geliebte. Fast täglich durchquere ich sie auf vertrauten Wegen. Ein paar Varianten gibt es. Auf dem Weg von West nach Ost in die Mitte und zurück. Aber eine Konstante bleibt. Armut macht Beute. Nicht wegzuleugnen. Überall Elendsgestalten an Ecken, Eingängen, in der Bahn. Sie betteln, musizieren, schnorren. Mal aggressiv, mal melancholisch, mal höflich oder trotzig resignierend. „Will denn hier keiner was geben? Ich wünsche noch einen schönen Tag!“

Irgendwann reichte es. Ich wollte und konnte nicht weiter den Kopf einziehen, wegschauen, mit der Großstadtmaske an der Not vorbeigehen. Verdammtes Gewissen! Eine blöde Erfindung. Also fing ich an, an Bahnhöfen, Straßen, Supermärkten, vor Geldautomaten oder in Zügen für einen Moment genauer hinzuschauen. Ich bin nicht Jesus, klar. Aber wenigstens das wollte ich tun. Bei Gelegenheit und vorhandener Zeit einfach mal anhalten und das Gespräch suchen. Gutmenschen-Gedanken? Vielleicht! Auf alle Fälle kostet es Überwindung. Es klappt nicht immer. Manche wollen nicht. Was funktioniert: ein paar Münzen, keine Besserwisserei, einfach zuhören, dann geht es in der Regel.

 

Dan. Standort: Friedrichstraße. Heimat: Transsylvanien, Rumänien.

 

Mein Viertel ist ein angesagtes aber in die Jahre gekommenes Altbauquartier. In den Jahren nach der Wende stagnierte das Leben.  Die Gegend war out. Menschen, Läden und Clubs wechselten in den neuen Osten. So viel Vergangenheit war nie. Die Zukunft fand woanders statt. Die Gründerzeit mit Boom und Baulärm, neuen Gewinnern und alten Verlierern hatte sich in meiner Straße vor einem guten Jahrhundert abgespielt. Diesmal fuhr der Zug woanders ab. Merkwürdig. Alles wiederholt sich. Alles ist im Fluss. Jeder neue Tag ein Wagnis.

 

Fortsetzung folgt

post image

Der Lamborghini des Papstes

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Der Sportwagenhersteller Lamborghini wollte Papst Franziskus eine große Freude machen. Ganz nebenbei noch einen gewissen PR-Effekt erzielen und das eigene Image aufpolieren. Der italienischen Autobauer überreichte daher in diesen Tagen dem obersten Kirchenvertreter eine funkelnagelneue schneeweiße Extraanfertigung des Hurucan. Wert: gut 183.000 Euro. Franziskus segnete und signierte die vierrädrige Rakete mit Straßenzulassung. Das könnte für weitere Wertsteigerungen sorgen. Nur: Was soll der Papst mit einem 325 Kilometer schnellen Zweisitzer anfangen? An den Gläubigen vorbeiheizen?

 

Papst Franziskus signiert sein Geschenk – einen Lamborghini – und versteigert ihn.

 

Keine Frage: Viele Vorsteher und Chefs nichtkirchlicher Organisationen können sich jederzeit mehrere Lamborghinis leisten. Die Explosion ihrer Gehälter und Provisionen hat längst die Beschleunigungswerte des 610-PS-Boliden Hurucan übertroffen. In Interviews reden sie von Moral. Im Alltag treiben sie Rendite und das eigene Konto stetig nach oben. Der Lamborghini-Effekt.

„Mich treibt nicht das Geld. Mir ist wichtig, was die Menschen einmal über meine Amtszeit sagen.“  Joe Kaeser (*1957). Vorstandsvorsitzender der Siemens AG seit 2013.

Was nun, Joe Kaeser von Siemens? Der Vorstandschef verkündete im Zeichen eines Rekordgewinns von 6.1 Milliarden Euro einen massiven Arbeitsplatzabbau. Kaeser will weltweit 6.900 Arbeitsplätze streichen, die Hälfte davon in Deutschland. Seine aktuelle Begründung muss man sich genießerisch auf der Zunge zergehen lassen. Wortlaut Kaeser: „Siemens stellt sich strukturellem Marktwandel und stärkt globale Wettbewerbsfähigkeit“.

 

Thomas Winkelmann. Mit Air Berlin in die Pleite. Macht nichts. Das eigene Salär ist gesichert.

 

Auch Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann könnte eine ganze Flotte Lamborghinis einfach aus seiner Portokasse bezahlen. Winkelman trat seinen Job bei der abgestürzten Fluglinie kurz vor dem Konkurs an. Sein Gehalt in Höhe von 4.5 Millionen Euro mit einer Laufzeit von vier Jahren hatte er sich vorsorglich per Bankgarantie absichern lassen. Während tausende Air-Berliner um ihre Zukunft bangen, wickelte Winkelmann das Unternehmen ab und sorgte vorab für das eigene Wohlbefinden. Gewissensbisse? Von wegen. Den Vorwurf der „Raffke-Mentalität“ wies er empört zurück. Das Gehalt stehe ihm zu. Vorgänger Hartmut Mehdorn habe sogar mehr verdient.

 

Vier Räder, zwei Sitze. 610 PS. Background: Dubai. So werden Träume verkauft.

 

Manager nehmen, was sie kriegen. Ihre Optimierungsqualitäten sind beeindruckend. Goldene Handschläge für Pleiten, Pech und Pannen-Verantwortliche gehören zum Alltag. Egal wo, egal wer. Ob Air Berlin, Siemens, Flughafen BER oder VW.

 

Papst Franziskus. Lieber Fiat als Lamborghini.

 

Wenigstens der Papst zeigt noch Taktgefühl. Der Lamborghini tauge nicht als Papamobil, heißt es. Franziskus nutze lieber Kleinwagen der Marken Fiat, Ford oder Nissan. Der weiße PS-Protz soll nun versteigert werden. Der Erlös gehe an verschiedene Hilfsprojekte. Unter anderem an eine Organisation, die im Exil lebenden Christen aus dem Irak unterstützt. Oder an Opfer sexueller Ausbeutung in Italien. Der Lamborghini des Papstes kann am Ende doch noch für etwas gut sein. Das ist mehr wert als der ganze PR-Rummel oder zynische Manager, die sich für moderne Götter halten.