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Vermisst

Das Bild entstand 1913. Der Turm der blauen Pferde. Ein ganz großer Wurf. Intensiv, wild, expressionistisch. Ein Jahr vor Ausbruch des ersten großen Infernos des 20. Jahrhunderts. Vor genau einhundert Jahren starb an den Fronten des I. Weltkrieges dessen Schöpfer Franz Marc. Für Kaiser, Reich und Vaterland, wie es hieß. Die Pferde gehören zu seinen aufwühlendsten und bekanntesten Werken. Sein Werk hat den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Seit 1945 sind die Pferde spurlos verschwunden.

Der letzte bekannte Besitzer des Turms der blauen Pferde war Nazi-Größe Hermann Göring. Der selbsternannte Reichsfeldmarschall hatte das Gemälde nach Ende der Ausstellung Entartete Kunst im Jahr 1937 in München einfach beschlagnahmt. Es soll sich in seiner Privatsammlung befunden haben. Offiziell ist das Werk seitdem verschollen. Niemand weiß, wo es sich befindet oder ob es überhaupt noch existiert.

 

Hermann Göring nach seiner Festnahme am 9. Mai 1945. Im Hintergrund eine texanische Flagge der US-Army.

 

Der gebürtige Münchner Franz Marc hatte 1911 den Künstlerbund „Blauer Reiter“gemeinsam mit Wassily Kandinsky, August Macke und Paul Klee gegründet. Der Gruppe gelang ein atemberaubender Aufbruch in die Moderne. Intensive Farben, expressionistische Leidenschaft und ungezügeltes Temperament. Franz Marc: „In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue Kunst streiten wir als Wilde. Die gefürchteten Waffen der Wilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

1914 tauschte Franz Marc Pinsel und Worte gegen Karabiner und Stahlhelm. Sein enger Freund August Macke fiel bereits wenigen Wochen nach Kriegsausbruch im Alter von 27 Jahren. Es dauerte ein weiteres Jahr, bis Franz Marc das Gemetzel an den Fronten entscheidend veränderte. In einem Brief an Lisbeth Macke, der Witwe seines Freundes August, schrieb er desillusioniert, der Krieg sei der „gemeinste Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.

Franz Marc wurde 1916 in die „Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands“ aufgenommen. Damit konnte er vom Kriegsdienst befreit werden. An seinem letzten Einsatztag vor der Rückkehr fiel er während eines Erkundungsritts kurz vor Verdun. Zwei Granatsplitter trafen ihn tödlich. Das war am 4. März 1916 – vor hundert Jahren.

 

Der Turm der blauen Pferde. 1912/13. Beschlagnahmt, vermisst, verschollen.

 

Zwölf internationale zeitgenössische Künstler in Berlin und acht in München suchen nun mit Mitteln der Malerei, Skulptur, Video, Fotografie, Installation und Texten nach der Imagination dieses Bildes. Sie wollen neue Fragen rund um Mythos und Verbleib des Turm der blauen Pferde aufwerfen.

In Berlin mit dabei sind die Künstler: Martin Assig, Norbert Bisky, Birgit Brenner, Johanna Diehl, Marcel van Eeden, Julia Franck, Arturo Herrera, Christian Jankowski, Via Lewandowsky, Rémy Markowitsch, Tobias Rehberger, Peter Rösel
In München beteiligen sich: Viktoria Binschtok, Dieter Blum, Tatjana Doll, Slawomir Elsner, Jana Gunstheimer, Almut Hilf, Thomas Kilpper, Franz Marc, Dierk Schmidt.

 

Das Kunstexperiment startet am 3. März 2017 im Haus am Waldsee Berlin und sechs Tage später am 9. März in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München.

Über eine Zipfelmütze

Die Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt sich empört. Eine weihnachtliche Zipfelmütze auf einem DDR-Wachturm. Das geht gar nicht. Kostümierung für einen Werbegag, nein danke! Direktor Axel Klausmeier: „Ich hoffe, die Initiatoren der Aktion entfernen die Mütze umgehend. Das hat für mich mit Humor nichts zu tun, sondern mit einer totalen Verfremdung eines historisch bedeutsamen Relikts zugunsten von Geschäftemacherei.“ Der Berliner CDU-Abgeordnete Schatz pflichtet konsequent humorfrei bei. Das sei „Verharmlosung des Unrechtsstaates DDR“.

Die Zipfelmütze – ein abgeschmackter billiger Jakob? Der Chef vom Projekt Berlin Wall Exhibition wundert sich. Seine Firma hatte den übrig gebliebenen, etwas versteckt stehenden Turm am Potsdamer Platz restauriert. Und jetzt den BT9, so im Grenzer-Jargon, vorweihnachtlich geschmückt. Seine Guides erinnerten täglich Touristen aus aller Welt an das DDR-Grenzregime, erklärt Jörg Moser-Metius gegenüber der Berliner Zeitung. „Wenn man dieser bedrückenden Atmosphäre etwas Humor in der Weihnachtszeit entgegensetzt, kann das jeder verkraften“. Die Mütze bleibt.

 

Der BT9 – Beobachtungsturm – ungeschmückt. Relikt der Teilung am Rande des Potsdamer Platzes.

 

Die Zipfelmütze – ein schlechter Witz? Humor war in der geschlossenen Gesellschaft DDR einmal eine wirkungsvolle Waffe. Je länger das Regime regierte desto besser wurde die Humorproduktion. Hohn und Spott blühten jenseits von Wachtürmen und Mauern besonders üppig. Der Witz ist die Waffe der Wehrlosen, sagte einmal Siegmund Freud. Ein Beispiel gefällig?

„DDR-Staatschef Honecker sieht eine große Menschenschlange vor einem Gebäude. Auch er stellt sich an, ohne zu wissen, was angeboten wird. Da löst sich die Schlange schlagartig auf. Honecker fragt seinen Vordermann: Kannst du mir sagen, Genosse, weshalb wir hier Schlange gestanden haben? – Klar, sagt der, die Leute standen hier, um ihre Ausreiseanträge abzugeben. Honecker: Und weshalb gehen die jetzt alle so plötzlich? Antwort: Na, wenn du einen Ausreiseantrag stellst, können wir ja alle hierbleiben!“

 

Am 4. November 1989 schlug die Schauspielerin Steffi Spira auf der großen Kundgebung am Alex vor, künftig möge doch die Staats- und Parteiführung am Volk vorbeiziehen.

 

Kein Witz. Solche Geschichten notierte damals der BND. Von Amts wegen. Die westdeutschen Nachrichten-Lauscher überwachten – streng geheim – den volkseigenen Humor-Output. Ein Beispiel von vielen aus der BND- Verschlusssache: „Was ist das: Es hat 80 Zähne und 4 Beine? Ein Krokodil! – Und was ist das: Es hat 8 Zähne und 52 Beine? – Das SED-Politbüro!“ In den späten achtziger Jahren notierte der westdeutsche BND diesen ostdeutschen Kalauer: „Warum sind DDR-Bürger immer so müde? Weil es schon seit 40 Jahren bergauf geht!“

 

In der Humorproduktion erreichte die DDR durchaus Weltniveau. Der „Krenzman“ stammt vom 4. November 1989, als das Volk seine Kreativität zum ersten Mal offen laufen lassen konnte…

 

Einer aus 40 Jahren Humorproduktion geht noch: „Sozialismus ist schöner als Sex. Da stöhnt man länger.“

Weitere Witze aus 40 DDR-Mauerjahren und wie und warum sie der BND gesammelt hat, bei Hans-Hermann Hertle und Hans-Wilhelm Saure: „Ausgelacht“. Ch. Links Verlag, Berlin.

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„Unser Uwe“

„Angela Merkel war vor kurzem hier. Heimlich. Ohne Tamtam. Einfach so. Und Thomas de Maiziere auch.“ Kurze Pause. Der Mann lächelt zartbittersüß. „Eigentlich hätte ich das vorher wissen müssen. Ich bin ja der Bürgermeister.“ Der Mann grinst weiter. Lokalstolz steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Städtchen Klütz ist ein Anlaufpunkt für Bundesprominenz. Warum?  Wegen eines Speichers, der zu einem Literaturmuseum für Uwe Johnson umgebaut wurde. Ein Mann, den auch sonst kaum noch jemand kennt.

Wie bitte, Klütz? Das Provinzstädtchen liegt am nordwestlichen Zipfel Mecklenburgs, auf halbem Wege zwischen Lübeck und Wismar. Eine stille, spröde Landschaft mit wortkargen Menschen, deren sanfte Hügel plötzlich in der Ostsee versinken. Ein Flecken Erde, einst Deutsche Demokratische Republik. Mitten in Deutschland, jedoch zwei Generationen lang in tödlicher Randlage. Östlicher Außenposten vor dem reichen Westen, gegen den sich die Oberen mit Sperranlagen und Küstenschutzbooten abriegelten. Zu viele schwammen von hier einfach rüber. Die meisten schafften es.

 

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Uwe Johnson. Schriftsteller im eigenen Auftrag. (1934 – 1984)

 

Uwe Johnson war vermutlich nie hier, muss die freundliche Mitarbeiterin des Klützer Literaturhauses eher kleinlaut einräumen. Aber der gleichfalls verschlossene wie geniale Chronist des geteilten Deutschlands Johnson erfand in seinen „Jahrestagen“ einen fiktiven Ort mit dem Namen Jerichow. Und dieses Jerichow „unweit der Lübecker Bucht“ passe auf Kluetz wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf. Darum das Literaturhaus.

Uwe Johnson war ein vertriebener Heimatdichter im besten Sinne. Er beschrieb Menschen, Landschaften und Traditionen, die sonst verloren gingen. Rastlos war er unterwegs, nirgendwo zuhause. Ein heimatloser Intellektueller. Geboren in Pommernland, seine Heimat im Nazi-Krieg abgebrannt. Aufgewachsen in der Barlach-Stadt Güstrow. Studium in den Fünfzigern in Leipzig. Parteifunktionäre, die ihm die Luft zum Atmen nehmen. Wechsel, nicht Flucht, wie er stets betonte, von Ost- nach West-Berlin. Dann der große Sprung nach New York, bald weiter in eine arme Arbeitergegend nach London. Dort starb er gerade mal mit 49 Jahren. An Alkohol, Weltschmerz und gebrochenem Herzen.

„Auch die rücksichtsloseste Diktatur“ ist nicht in der Lage „die Seelen ihrer Opfer zu beherrschen“, schrieb der Kritiker Joachim Kaiser über den unerschrockenen Erzähler Uwe Johnson. Mitglied der legendären „Gruppe 47“ und Weggefährte von Günter Grass, Max Frisch und Hannah Arendt. Johnson träumte die Sehnsucht vom freien Leben – ohne Unterordnung, Willkür und eitle Kulturfunktionäre.

 

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Uwe Johnsons Studienbuch an der Uni Rostock in der DDR.

 

In Klütz, am mecklenburgischen Ende der Welt, sind Spuren seines kurzen intensiven Lebens liebevoll zusammengetragen worden. Der vergessene Dichter darf hier reden: „Das Romane-Schreiben kann auch Geschichten-Erzählen sein. Für mich ist da aber noch etwas anderes dabei, nämlich der Versuch, ein gesellschaftliches Modell herzustellen. Das Modell besteht allerdings aus Personen. Diese Personen sind erfunden, sind zusammengelaufen, aus vielen persönlichen Eindrücken, die ich hatte. Und insofern ist der Vorgang des Erfindens eigentlich ein Erinnerungsvorgang.“ (Uwe Johnson. 29. Juli 1971)

 

 

Mehr Erinnern an diesen außergewöhnlichen Schriftsteller im Uwe-Johnson-Literaturhaus in Kluetz. Im Winter nur Do bis So von 10-16 Uhr geöffnet.

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Der Augen-Blick

Paris 1950. Das US-Magazin LIFE bestellte eine Reportage zum Thema „Verliebte in Paris“. Ein lukrativer Job. Der Fotograf Robert Doisneau zog los, um seine Heimatstadt für amerikanischen Leser auftragsgemäß einzufangen. Er entschied sich für ein junges verliebtes Paar mitten in der Menge, direkt vor dem Rathaus der französischen Hauptstadt. Dieser stürmische Kuss machte Karriere. Die Momentaufnahme verzauberte die Welt. Schlicht, in Schwarz-Weiß aber voller Hingabe. Ein Jahrhundertbild.

Vive l´amour. 1986 erlebte das Foto vom küssenden Paar ein weltweites Comeback. Es wurde wieder entdeckt, erschien in Magazinen und auf Postern. Mehrere Passanten meinten, sich auf dem Foto wiederzuerkennen. Sie verklagten Fotograf Doisneau auf Tantiemen. Doisneau weigerte sich. Erfolgreich. Denn er hatte dem Zufall nachgeholfen. Das Foto war mit zwei Pariser Schauspielstudenten inszeniert worden. Françoise Bornet und ihr Freund Jacques Carteaud erhielten für den Kuss sogar ein kleines Honorar. 2005, zehn Jahre nach dem Tod Doisneaus  wurde seine Rolleiflex-Aufnahme für 155.000 Euro an einen unbekannten Schweizer Sammler versteigert.

 

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„Un regard oblique, 1948.“ Quelle: Atelier Robert Doisneau, 2016.

 

Der Kuss war eine Ausnahme. Normalerweise inszenierte das Leben Doisneaus Arbeit. Der Alltag der kleinen Leute von Paris, das war sein Metier. Er fotografierte Naheliegendes und Abseitiges. Vor, während und nach dem II. Weltkrieg. So porträtierte er seine Sicht von Paris: Einfache Arbeiter und Handwerker. Tänzerinnen und Nachtschwärmer, Stadtstreicher und Straßenjungen, Einsame und Liebespärchen. In den Cafés, auf den Straßen oder in Vorortzügen. „Meine Fotos gefallen den Leuten, weil sie darin wiedererkennen, was sie sehen würden, wenn sie aufhören würden sich abzuhetzen. Wenn sie sich Zeit nehmen würden, um die Stadt zu genießen…“

 

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Quelle: Atelier Robert Doisneau, 2016

 

So durchwanderte er die Straßen der französischen Metropole. Über 350.000 Aufnahmen entstanden in fünf Jahrzehnten. Doisneaus Chronik eines steten Wandels und der doch immer ähnlichen Sehnsüchte. Das Streben nach dem kleinen und großen Glück. Festgehalten in Momenten, die Menschen verändern, überraschen oder in Bann halten. “Die Wunder des täglichen Lebens sind so spannend; kein Regisseur der Welt könnte das Unerwartete, das man auf der Straße findet, arrangieren”.

 
Längst zählen seine Arbeiten zum Besten der humanistischen Fotografie. Es zeigt, dass sich der genaue Blick doch lohnt. Beim Fotografieren und beim Betrachten. So entstehen statt hektischer Selfies zeitlose magische Momente. Liebevoll und geduldig verwandeln sich Anekdoten auf subtile Weise in einzelne Geschichten, die sich jeder selbst neu zusammensetzen kann. Der Standort im Schaufenster eines Antiquitätenhändlers war sicher kein Zufall, aber wie Doisneau den flüchtigen Augenblick der Voyeure festhält, erzählt viel von seiner Vorliebe für Humor, Details, Respekt und Zärtlichkeit.

 

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Quelle: Atelier Robert Doisneau, 2016

 

Unter dem Titel „Robert Doisneau – Fotografien. Vom Handwerk zur Kunst“ ist dem 1994 gestorbenen Pariser Fotografen eine große Retrospektive im Martin-Gropius-Bau Berlin gewidmet. Vom 9. Dezember 2016 bis 5. März 2017. Öffnungszeiten Mittwoch bis Montag 10:00–19:00 Uhr.

 

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Robert Doisneau. (1912-1994) Eine Aufnahme aus dem Jahre 1992.

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Bedingungsloses Höchsteinkommen

Josef Ackermann ist ein Mann von Welt. Korrekter Anzug, elegante Etikette, gut sitzende Frisur. Alles andere aber spielt verrückt. Boni zurückzahlen? – Geht gar nicht! Der Ex-Vorstandschef der Deutschen Bank erklärt, er könne doch „seine jüngeren Kollegen nicht unter Druck setzen“. Ackermanns Leistungsbilanz: Die Deutsche Bank ist heute nur noch die Hälfte wert. Im Mai 2002 übernahm er die Vorzeigebank für zehn Jahre und kassierte Millionen. Seitdem ist das Geldhaus im steten Sinkflug.

Alles Bingo in der Unternehmenskultur. Casino- und Manager-Kapitalismus haben sich auf ihr allerhöchstes Level geschraubt. Durchgezockt bis auf die Dachterrasse der 60. Etage, mit beiden Beinen am Abgrund. Geländer wurden abgeschraubt, zu teuer. Sicherheit ist ein unnützer Kostenfaktor. Überall überdrehte Unternehmensziele: Josef Ackermann wollte eine 25%-Eigenkapitalrendite, Martin Winterkorn pushte VW zum Weltmarktführer hoch, Drogist Schlecker träumte davon ganz Europa zu erobern. Alle glanzlos abgetreten und gescheitert. Nie war die Verweildauer von CEOs (Vorstandschefs) kürzer als heute. Der Durchschnitt liegt bei vier Jahren. Gerade etwas länger noch als Bundesligatrainer.

 

Doch ob VW, Flughafen BER oder Ackermanns Deutsche Bank. Ein Prinzip bleibt trotz allem Schlamassel bestehen. Die Boni fließen weiter für Aufschneider, Blender und Versager. Die Kaste der Profiteure eines bedingungslosen Höchsteinkommens verteidigt eisern ihre Privilegien. Bezahlung ohne Leistung. Vorstand, Aufsichtsrat und Aktionäre dealen im „stahlharten Gehäuse“ (Max Weber) des Kapitalismus ihre Gehälter, Zulagen und Prämien weiter ungestört unter sich aus.

Der Staat holt sich seine Existenz-Grundlagen in Form von Steuern bei der Mittelschicht. Motto: Unten ist nichts zu holen, oben wird verschont. Weiter so? – Es sieht so aus. Nichts scheint den Zug der Zeit aufzuhalten. Der feudale Boni-Kapitalismus rast weiter bis zur nächsten Pleite. Dann rufen die Herren der Banken, Versicherungen und Immobilienfonds wieder nach dem Staat. Rettet uns! Wir haben es doch verdient.

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Ruf mich nicht an

Eine dicke Erkältung fesselte mich auf mein Sofa. Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Wummern im Kopf. Die Auszeit mit Kamillen-Dampfbädern und Ingwertee war nicht schön aber heilsam. Was ich nicht ahnte: ich blieb in diesen Tagen nicht allein. Denn das gute alte Festnetz-Telefon, eine Erfindung aus dem letzten Jahrhundert, ließ mich nicht im Stich. Es klingelte munter. Mal morgens, mal mittags, mal abends.

Doch nicht Freunde, Kollegen oder die liebe Verwandtschaft wollten sich nach meinen Gesundheitszustand erkundigen. Irrtum. Nummern tauchten auf dem Display auf, die ich nicht kannte. Als ich abhob, machte ich eine spannende Erfahrung. Am anderen Ende meldeten sich äußerst aggressive Stimmen, die mir erklärten, es sei höchste Zeit endlich meine aufgelaufenen Schulden zu begleichen. Hä? Ich war überrascht und verwirrt. Suchte nach Erklärungen, als mir eine schneidige Dame unmissverständlich darlegte, dass ich mit 69 Euro 95 monatlich seit drei Monaten im Rückstand sei.

 

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Anrufe aus dem Maschinenraum des Verkaufs-Kapitalismus. Manche versuchen es fünfzehnmal und mehr.

 

Ihr Ton wurde fordernder und ausfälliger. Auf meine Frage, wie sie auf mich käme und was das ganze soll, betonte sie mit einem Tremolo: Sie sei von der Schadensabteilung, ich hätte meine Rechnungen nicht bezahlt und werde auch noch frech. Sie habe meine Adresse „aus dem Internet“. Ich legte auf. Grübelte. Gewinnspielagentur hatte sie als Firma angedeutet. Dabei habe ich das letzte Mal in meinem Leben vielleicht vor dreißig Jahren Lotto gespielt. Ich kontrollierte die Nummer. 0152-264229… Achtmal war bereits von dieser Nummer aus angerufen worden.

Tags darauf meldete sich ein „Deutscher Energieverband“, Telefon 089-1437938…. Jetzt war ich gewarnt. Ich legte wieder auf. Auf dem Display waren zehn Versuche gespeichert. Dann folgte ein Anruf der Nummer 040-900 28… Dummerweise wartete ich auf einen Rückruf aus Hamburg. Doch der Anrufer entpuppte sich wieder als Mitarbeiter einer „Gewinnspielkündigungszentrale“. Erneut der frech-dreiste Tonfall. Ich hätte die Zwei-Monate-Zahlungsfrist überschritten. Insgesamt 15 Anrufe in fünfzehn Tagen. Okay! Nichts bestätigen, einfach auflegen, fertig.

 

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Bei ungebetenen Anrufen: Nichts bestätigen, auflegen, fertig.

 

Telefonterror vom Feinsten. Vielleicht eine Zersetzungsmaßnahme fremder Geheimdienste? Weit gefehlt. Im Internet sind die Nummern auf entsprechenden Warnseiten zu finden. Ich bin mit dieser Erfahrung nicht alleine auf dieser Welt, nur war ich mal zuhause. Wieder klingelte es. Am anderen Ende ein Herr Wolf. Seine Nummer 0176-833 49277. Er sei von der „Austragungs GmbH“. Verständnisvoll schmeichelt er, er habe gehört, ich würde von Werbeanrufen belästigt. Da könne er helfen. — Großartig! Ich wünschte diesem Datenfänger einen schönen Tag und drückte ihn schwungvoll weg.

Längst bin ich nicht mehr verschnupft und tagsüber nicht mehr Zuhause. So landen die ungebetenen Anrufer auf dem Display. Manche zehn bis fünfzehnmal. Bei besonders hartnäckigen Telefon-Terroristen empfiehlt sich eine Beschwerde bei der zuständigen Bundesnetzagentur. Ob es wirklich hilft, weiß ich nicht. Schade nur, dass man sich nicht mehr auf Überraschungsanrufe freuen kann. Dabei könnte Telefonieren so schön sein.

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Schweine verboten

Wir scheiben das Jahr 2016. Der neue doppeltrotgrüne Senat hat ein Vorzeigeprojekt. Berlins Prachtstraße Unter den Linden soll wieder ein Bummel-Boulevard werden. Autofrei auf knapp anderthalb Kilometern. Eine Flaniermeile wie zu Fontanes Zeiten. Schon Kaiser Wilhelm II. erklärte vor gut einhundert Jahren: „Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung“.

Apropos Verkehr wie zu Kaisers Zeiten. Auch Pferdedroschken sollen künftig verboten werden. Was die Touristen lieben, sei reine Tierquälerei, erklären die Verantwortlichen von SPD, Linkspartei und Grünen. Obwohl es künftig keine stinkenden, lärmenden Automobile mehr auf den Linden geben soll. Spätestens 2019. Das ist der große Plan. Rechtzeitig zur Fertigstellung des neuen Schlosses, genannt Humboldt-Forum. Dann kann der Berlin-Besucher lärm- und abgasfrei von der Schlossbrücke bis zum Brandenburger Tor promenieren. So das Versprechen.

 

 

Unverzüglich regt sich in Berlin heftiger Widerspruch gegen solche Pläne. Das sei „Unsinn“ stöhnen Stadtplaner, „einer Großstadt unwürdig“, die Linden würden nur „mit drittklassigen Stadtmöbeln und Aufstellern zugemüllt werden“. Völliger Quatsch meckern Vertreter der Autoclubs. Die Innenstadt ersticke im Stau. Doch Berlin soll nun gleichfalls autofrei werden wie der Times Square in New York oder das Seine-Ufer in Paris.

Die Linden existiert nun gut vierhundert Jahre. 1573 befahl Kurfürst Johann Georg einen Reitweg anzulegen. Es dauerte fast ein Jahrhundert bis 1706 mit dem Zeughaus das erste größere Gebäude fertiggestellt wurde. Dessen innerer Ausbau dauerte weitere 36 Jahre. Gleich darauf – 1707 – erließ Friedrich I. ein Gesetz, nach dem jeder Linden-Anwohner Hausschweine nur noch im Stall halten durfte. Der Grund: Schweine wühlten mit Hochgenuss den Boden der Linden auf.

 

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Unter den Linden 1691.

 

Der Kaiser verabschiedete 1880 ein spezielles Lindenstatut. Die Höhe der Bauwerke wurde auf 22 Meter begrenzt, die Straßenbreite mit 60 Meter festgelegt und die Mindestanzahl der Linden mit exakt 297 vorgeschrieben. Für Fußgänger gab es eine öffentlich heiß diskutierte Kleiderordnung. Soll es nun heute wieder so Biedermeier gemütlich werden wie auf alten Stichen? Die Damen mit Hüten und Herren im Gehrock? Heute kaum vorstellbar.

 

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Unter den Linden um 1900.

 

1905 fuhren die ersten motorisierten Omnibusse die Flaniermeile entlang. Dann eroberte das Auto die Straße. Die Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße verwandelte sich zum chaotischsten Knotenpunkt Berlins. Die Verkehrspolizisten tauschten die Trillerpfeife gegen Trompeten aus.

 

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Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße. Anfang 1900. Trompeten statt Trillerpfeifen.

 

In den letzten hundert Jahren erlebten die Linden Glanz, Gloria, Großmannssucht und alle Gräuel deutscher Geschichte. Siegesparaden, Bomben, Zerstörung, Teilung. Durch die Mauer wurden die Linden verkehrsberuhigt und zur „repräsentativsten Sackgasse der Welt“. Seit der Wende streiten sich nun Planer und Politiker über die Zukunft des Verkehrs. Erst wurde das Brandenburger Tor für Autos geöffnet, dann wieder geschlossen. Seit Jahren wird eine U-Bahn in den märkischen Sand gebuddelt. Das Datum der Fertigstellung ist gegenwärtig so unklar wie das des legendären Berliner Flughafen. Manche Dinge dauern in Berlin halt länger.

 

ADN-ZB/Donath Berlin 1946 Auch in der Straße Unter den Linden wurden sogenannte Trümmerbahnen eingesetzt, die den Schutt zerstörter Häuser abfahren. Im Hintergrund das Brandenburger Tor.

Unter den Linden 1946. Als die Stadt ein Schutthaufen war. Trümmerbahn.

Good Bye, Mister Cohen

Die Schlange bei der Einreise am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv nahm kein Ende. Warten auf die Güte der Grenzbeamten. Ich summte „First we take Manhattan, then we take Berlin“. Warum, weiß ich nicht mehr. Hinter mir begann plötzlich eine mittelalte Frau mitzusingen. Ich drehte mich um. Sie lachte mich fröhlich an. „I love him. Leonard is simply the best“. Für einen kurzen Moment verwandelte sich die nervige Warteschlange am Flughafen zur unwichtigsten Nebensache der Welt. Leonard Cohen verband uns. Wir lächelten beide.

120 wollte er werden. 82 Jahre ist er geworden. Der beste und tiefsinnigste Melancholiker, der mein Leben zuverlässig begleitet hat. Vor kurzem erst zelebrierte er bescheiden mit rauer Stimme seinen Abschied. You Want It Darker erschien vor wenige Wochen. Auf Hebräisch hauchte er „Hineni, Hineni“. »Hier bin ich, hier bin ich.« bedeutet es. Der zentrale Ausdruck in der jüdischen Religion für menschliche Aufmerksamkeit und Bereitschaft, eine Aufgabe mit eindeutiger Verpflichtung und Präsenz einzugehen.

 

 

Cohen beginnt sein letztes Album mit Hineni, I´m ready my Lord. In einem Interview erklärte er: „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich.“ In seinem Abschiedslied heißt es weiter: »Wenn du der Dealer bist, bin ich raus aus Deinem Spiel. Wenn deines die Glorie ist, muss meines die Schande sein – du willst es dunkler, dann töten wir die Flamme.«

Cohen beschreibt eine Welt, »in der eine Million Kerzen brennen, für Hilfe, die niemals kam«. Wie kein anderer war er in seiner künstlerischen Arbeit der komplette Gegenentwurf zur heutigen Selfie-Spaßgesellschaft. Am Ende schien er all die Anfechtungen, Niederlagen und Schicksalsschläge zu akzeptieren – demütig, lebensklug und zum letzten Schritt bereit. „Hier bin ich.“ – „Hineni!

 

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„In Uffing wollte er sich erschießen“

Das Geburtshaus in Braunau soll abgerissen werden. Schluss mit dem Hitler-Rummel, sagen österreichische Behörden. Das wäre schade, meint Hobby-Historiker Harald Sandner. Er legte vor kurzem sein Mammutwerk vor: Hitler. Das Itinerar. Itinerar bedeutet so viel wie „Reiseroute“ eines Herrschers.  Jedem Krümel seines Lebens spürte der Coburger Geschichtsforscher mit Hilfe von Urkunden, Chroniken, Zeitungsartikeln und Tagebucheinträgen nach. Ein weltweit einmaliges Werk, an dem er Jahrzehnte arbeitete.

Der Mühe wert? Noch ein Hitler-Buch nach mittlerweile über achtzig seriösen Hitler-Biografien? Ja, schon stellt  das Itinerar stellt doch  etwas Neues dar. Die Sammlung ist Dokumentation, nicht Interpretation. Eine Art Hitler-Tagebuch, nur diesmal nicht gefälscht. Der methodische Ansatz: Hitler war ständig unterwegs. Das wird festgeghalten. Auf Reisen zelebrierte er seine Omnipräsenz und pflegte die propagandistische Inszenierung. Seine Botschaft: Ich bin überall. Hannah Arendt sagte dazu einmal: „Die Uneindeutigkeit des Machtzentrums ist das entscheidende Charakteristikum totaler Herrschaft.“

 

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„Unsern Hitler gibt uns täglich“. Itinerar-Forscher Harald Sandner. Foto: Philip Artelt.

 

Nehmen wir den 9. November 1923. Hitler ist auf der Flucht. Sein Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle endet mit einem ausgekugelten Arm. Sein großangekündigter Putsch versinkt im Desaster. Es gibt zwanzig Tote. Hitlers linker Arm ist lädiert, weil der bei ihm untergehakte Max Erwin von Scheubner–Richter von Kugeln getroffen auf den Anführer der NSDAP fiel. Auf dem Fluchtweg über Pullach ins oberbayrische Uffing bleibt der Wagen mit Motoschaden stehen. Auf Nebenwegen erreicht Hitlers Flucht-Trio am Abend erschöpft das Anwesen der Erna Hanfstaengel in der Uffinger Rußbichlstraße 2.

 

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Fluchtpunkt Uffing. Rußbichlstraße 2. Quelle: Harald Sandner.

 

Was dann passiert, schildert Itinerar-Autor Harald Sandner so: „Hitler ist leichenblass und barhäuptig. Gesicht und Kleidung sind schmutzig. Er hält sich im ersten Obergeschoss auf. NSDAP und SA werden verboten. Bei einem Putschteilnehmer wird Hitlers Notverfassung gefunden, in der es heißt: „Alle in Deutschland aufhältliche Angehörige des jüdischen Volksstammes sind in Sammellager zu überführen.“

Am darauffolgenden Sonnabend beschattet ein Gendarmerie-Kommissar das Haus. Die Polizei hat Hitlers Schlupfloch in Uffing ausgekundschaftet. Am Sonntag, den 11. November 1923 gegen 17 Uhr umstellen sieben Polizisten das Bauernhaus. Hitler bemerkt die Falle, zieht seinen Browning-Revolver und will sich im Wohnzimmer töten. „Das ist das Ende! Mich von diesen Schweinen verhaften lassen … niemals! Lieber tot!“ Harald Sandner weiter: „Frau Hanfstaengl entwindet den Revolver durch einen Jiu-Jitsu-Griff. Hitler sitzt in einem Polstersessel im Schlafanzug mit blauem Bademantel, als er durch Oberleutnant Rudolf Belleville verhaftet wird.“

 

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Sandners Mammutwerk. „Hitler. Das Itinerar“.

 

Wenig später stellen die bayrischen Behörden einen Schutzhaftbefahl aus. Was wäre der Welt erspart geblieben, hätte nicht ein beherzter Griff einer Frau Hitler an seiner Tat gehindert. Ausführlich beschreibt Harald Sandner diese Szene und viele weitere aus den 11.443 Tagen im Leben des Diktators. Hitler. Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945. Vier voluminöse Bände. 2.432 Seiten. Stolzer Preis: 499 Euro.

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Bürger begehren

Herrschaft bedeutet im Alltag primär Verwaltung, schrieb vor hundert Jahren Vordenker Max Weber. Heutzutage im Internetzeitalter produziert Verwaltung zuallererst Verdruss. Es heißt Warten auf die Gnade eines Termins. Auf einen Bescheid, eine Zugangsnummer, eine wohlwollende Prüfung. Der Bürger hat dankbar zu sein. Der Ton in den Amtsstuben ist dementsprechend rau. Hier überforderte Beamte, deren Dienststellen zusammengespart wurden, dort frustrierte Bürger, die ungeduldig auf einen Hauch  Besserung hoffen. Das Ergebnis: knechtische Gesinnung breitet sich aus. Folge einer tyrannischen Bürokratenherrschaft, die ihre Waffen Abstumpfung, Prinzipienreiterei und Gleichgültigkeit wirkungsvoll einzusetzen weiß.

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Beispiele gefällig? Bürgeramt Berlin-Kreuzberg in der Yorckstraße. Ein Herbsttag. 11 Uhr vormittags. Ein kranker Mann möchte einen Berlinpass beantragen. Die Dame hinterm Schalter: „Heute sind die Nummern alle, kommen Sie morgen wieder.“ Am nächsten Tag, 10 Uhr 20: „Heute sind die Nummern alle…“ Und so geht es eine Woche lang, bis…: „Ich möchte einen Berlinpass beantragen. Ich habe Krebs und war schon sieben Mal hier.“ Die Schalter-Dame: „Da können wir eine Ausnahme machen. Aber heute sind die Nummern alle, kommen Sie morgen wieder.“

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Nach mehreren Unfällen verlangen Bürger längere Grünphasen für Kinder und Alte an Ampeln. Berlins zuständige Behörde – die Verkehrslenkung VLB – antwortet nach sorgfältiger Prüfung: „Das führt nicht per se zu größerer Akzeptanz der StVO. Eine Verlängerung von fünf Sekunden für die querenden Fußgänger würde den Straßenverkehr für den MIV (Motorisierten Individualverkehr) erheblich beeinträchtigen. Die daraus folgende Staubildung führt zu weiteren Schadstoffbelastungen zum Nachteil von Mensch und Umwelt. Darunter würden alle Anwohner und vor allem die Kinder an Ihrem Wohnort leiden.“ Anliegen der Bürger abgelehnt.

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Da stimmt es geradezu heiter und gelassen, was Im Sommer zu Ferienende im Vorzeigebezirk Prenzlauer Berg geschah. An einer Grundschule fehlte zu Schulbeginn der Stundenplan. Kein Problem, sagten sich die Lehrer. Zur Beruhigung der besorgten Eltern konnten die Kinder am zuckerfreien Vormittag schon mal ihre Namen tanzen.