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Der kleine Unterschied

Es gibt viele kleine, feine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Der deutsche Durchschnittsmann trinkt im Jahr 20,4 Liter Alkohol, die deutsche Frau nur 8,9 Liter. Er verdient in der Stunde 19,84 Euro im Schnitt, sie exakt 15,56 Euro. Das Gehirn des Mannes wiegt 1.375 Gramm, das einer Frau 1.245 Gramm. Sind Männer deshalb klüger? 80 % der Männer geben an beim Sex zum Orgasmus zu gelangen. Nur 33% der Frauen tun dies. Sind sie einfach nur ehrlicher?

Das ewig junge Spiel um geheime Leidenschaften und Sehnsüchte erlebt gerade ein mediales Festmahl. Fifty Shades of Grey ist der Bestseller der westlichen Welt. Das Buch wurde angeblich rund um den Globus einhundert Millionen Mal verkauft. Die Käufer sind vor allem Frauen, heißt es. Auch bei der Weltpremiere in Berlin überwiegen im Zoo-Palast auffallend hübsch herausgeputzte junge Damen. Die Männer halten sich zurück und genießen offenbar im Stillen. Woran liegt´s

Fifty Shades erzählt die Geschichte der kleinen Literaturstudentin Anastasia Steele, die dem schnöselige Milliardär Christian Grey verfällt. Sie ist jung und hübsch. Hinzu kommt eine Prise aus Naivität, Bodenständigkeit und Schlagfertigkeit. Der Upper-Class-Mann hingegen ist unendlich reich, cool und arrogant. Aber unfähig zur Liebe. So regiert die Peitsche. Ein postmodernes Aschenputtel-Märchen.

Bei der Berliner Premiere wird das kleine Mädchen, die Hauptdarstellerin Dakota Johnson wie ein Superstar zelebriert. Die 25-jährige erfüllt mit Ponyfrisur, rotem Lippenstift und einem gewagten Ausschnitt alle Jungs- und Mädchenträume. Der Film zeigt zwei Stunden lang Flirts, Stellungen verschiedenster Art und als Höhepunkt Gymnastik im Dark Room des armen Reichen. Das Ende wird politisch höchst korrekt erzählt. Die freizügigen Szenen werden von Osnabrück bis Oklahoma-City vom Publikum genossen werden. Fifty Shades hat das Zeug, den Blockbuster Harry Potter in den Schatten zu stellen.

Es lebe der kleine Unterschied. Erfolgreiche Männer brauchen den Schmerz, um Lust zu empfinden. Frauen fügen sich. So ist die Botschaft. Hollywood inszeniert und verkauft wieder einmal erfolgreich Gefühle. Das Ziel des Daseins ist die Unterwerfung, die ewige Lust verspricht, wie schon Friedrich Nietzsche hoffte. Nietzsche? Das war ein Philosoph. Der Mann mit der Peitsche. Unterwerfung bedeutet übrigens übersetzt Islam.

Deutsch to go

Ein neuer Text? Let´s go. Wir loggen uns ein, brainstormen und googeln, um am Laptop oder Smartphone die News zu checken. Wir mailen, downloaden und haben Fun, wenn wieder ein Shit-storm eine Very Important Person, kurz VIP, voll erwischt. Wir genießen das Surfen bei einem Coffee to go. Alles klar? Anything goes. Englisch ist die Weltpower. Unter den sechstausend Sprachen dieser Erde liegt der Anteil des Deutschen gegenwärtig bei fünf Promill. Tendenz weiter fallend.

Der Chef der Deutschen Welle Peter Limbourg will seinen Auslandssender modernisieren und stärker internationalisieren. Deutschland dürfe diesen „Wettbewerb um Werte, der in englischer Sprache gemacht werde“ nicht auf der Coach verschlafen. Der Mann schafft gerade die Programmangebote in fast allen Muttersprachen ab. Auch der Anteil der Sendungen in deutscher Sprache soll drastisch zurückgefahren werden. Ab Sommer sendet die Deutsche Welle überwiegend auf Englisch. Let´s broadcast German News.

 

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Der Siegeszug der Hashtags. Im Zeichen der Raute.

 

Was bedeutet das? Deutsch als Auslaufmodell? Lohnt sich ein Kulturkampf gegen die antigermanische Anglizismierung des Abendlandes? Haben die „Wir sind das Volk“-Brüller aus Dresden etwa Recht? Widmen wir uns einem der letzten deutschen Universalgenies Gottfried Wilhelm Leibniz. 1717 veröffentlichte er seine Schrift „Unvorgreiflichen Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“. Sein Kerngedanke, sorry seine Message: Es fehle den Deutschen „nicht am Vermögen sondern am Willen, ihre Sprache durchgehends zu erheben“.

Natürlich ist die dumpfe Eindeutschung von Fremdwörtern Unsinn. Logischerweise macht es keinen Sinn, die Zukunft in gedanklicher Isolierung und Provinzialität zu suchen. Dann müssten Tugendwächter das Fremdwort Philosophie durch Weltweisheit und Theologie durch Gottesgelehrtheit ersetzen. Geschenkt! Doch die sprachliche Globalisierung lässt den Horizont nicht erweitern, sie schränkt Kreativität und Wortbildungsschöpfung ein. Der Trend führt zu neuer Armut. Sprachlich und geistig gesehen.

Deshalb werde ich diesen Blog jetzt posten und pitchen, auf dass mein Content auf Facebook, twitter und youtube viele Likes erklickt und die User mich nicht mobben. Hashtag# noch mal…

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Über die Berliner

Sie ist dick, kugelrund und bietet auf wenig Fläche viel Raum für Selbstdarstellung. Sie steht gerne im Mittelpunkt und will rund um die Uhr bewundert werden. Die Litfass-Säule mit drei S. Ein echtes Berliner Kind. Längst eine „Säulenheilige“ der Spree-Metropole. Die Vaterschaft liegt bei Ernst Litfass, einem gewitzten Druckereibesitzer aus dem 19. Jahrhundert.

Wenn Katharina Thalbach über Helene Weigel, Gregor Gysi über Rosa Luxemburg oder Peter Schneider über Axel Springer schreibt, „dann kann das nur faszinierend und unterhaltsam werden“, feuert sich der Verlag selbst an. Von Eisbär Knut bis zur Diva Marlene Dietrich reicht die Palette der Porträtierten eines neuen Berlin-Werkes. Einziges Kriterium: die Auserwählten müssen irgendetwas mit der Stadt an der Spree zu tun haben.

Das ist nun nicht sehr schwer. Wie in den wilden zwanziger Jahren zieht die deutsche Metropole magisch Abenteurer, Glücksritter und Glückssucher, kleine und große Talente an. Berliner ist man, wenn man sich so fühlt, heißt es. Das Berlin-Sein ist eine Frage des Lebensgefühls und keine der Geburtsurkunde. Heinrich Zille, der Ur-Berliner, ja, der mit dem Pinsel und dem Milljöh, war ein waschechter Sachse aus Radeburg.

Da dachte sich der Stadtmöbelfabrikant Hans Wall, bloß kein falsche Bescheidenheit. Der umtriebige Mann aus Künzelsau macht mit schwäbischen Qualitäten aus Schiete Konfekt. Seine Bedürfnisanstalten und Wartehallen sind an fast jeder Ecke anzutreffen. Folgerichtig kümmerte sich der schwäbelnde Selfmade-Mann in seinem Text um Ernst Litfass, einen echten Berliner. Dieser erfand vor gut hundertfünfzig Jahren die nach ihm benannte Werbesäule und avancierte zum „König der Reklame“.

Abgeguckt und besser gemacht, lautet das Motto von Hans Wall. Der Kopierer hat das Glück des Tüchtigen. So schildert Wall en passant, dass er das völlig verwahrloste Grab des Litfass-Erfinders auf dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof wieder auf Vordermann gebracht hat. Für damals   sagenhafte 180.000 DM! Im Gegenzug und als Dankeschön übernahm er die Reklame auf allen Berliner Litfass-Säulen. Er ließ sie mit einer 40 Watt „Funzel“ an der Unterseite des Hutes ausstatten. Das sei zehnmal sparsamer als bei der Konkurrenz. Hans Wall lächelt siegesgewiss. „Hast du gut gemacht, Hans.“

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Die moderne Kopie mit Hut und 40 Watt-Funzel

Großzügiger geht es da bei der Liebeserklärung der Autorin Maria Ossowski an Kurt Tucholsky zu. Der Schriftsteller aus Moabit war ein gebürtiger Berliner genau wie Reklamefuchs Litfass. Nur: Tucho liebte und hasste seine Stadt zu gleichen Teilen.  Nüchtern urteilte er: „Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.“ Den zugereisten Aufschneidern und Wichtigtuern warf er zu: „Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Lebens.“

Die Auswahl der 33 Helden in diesem neuen Berlin-Buch ist so kunterbunt wie willkürlich. Dafür fließen wahre Ströme an Lokalpatriotismus. Die Journalistin Irene Bazinger (eine Salzburgerin) und der Hans Dampf in allen Gassen der Berliner Kulturwelt Peter Raue (ein Anwalt, gebürtig aus München) sammelten die Geschichten ein und packten sie munter zwischen zwei Buchdeckel. Der Titel ist schlicht: Wir Berliner.

Na, dann mal los. Mit Gebrüll. Langweilen kann ich mich alleine…


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Schöner Wohnen

Der perfekte Traum. Ein Versprechen, das verlockend wirbt. Eine sinnliche Sprache, die verführerisch wirkt. Wir betreten das Paradies auf Erden. Hier und heute. Diese Sehnsucht erfüllt das „DORF DER UNBEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN“. Im vornehmen Berliner Vorort Dahlem gedeiht auf einem ehemaligen US-Militärgelände ein neuer Paradiesgarten, genannt Dahlem Urban Village. Die Marketing-Profis des Investors steigern sich bei ihren Konzepten in schöpferische Höhen: „Zu Hause ist kein Ort, sondern ein Gefühl“. Auf der Website plätschert sphärische Wellness-Musik.

So fröhlich friedvoll eingestimmt geht es in die Vollen: „In FÜNF MORGEN gehört es zum Alltag, den Alltag zu vergessen. Denn alle Annehmlichkeiten des Lebens findet der Bewohner vor Ort: Menschen unterschiedlichsten Alters, die das Leben reicher und vielfältiger machen, selektierte hochwertige Einkaufsmöglichkeiten, einen Wald und naturnahen See zum Verweilen und Durchatmen.“

Die neuen Villen und Apartments sind großzügig, repräsentativ, ökologisch und mit „unverbaubarem Blick“ auf einen künstlichen Teich ausgestattet, „individuell der märkischen Seenlandschaft nachempfunden“. Über die Eintrittskosten ins Paradies soll an dieser Stelle nicht kleinlich Zeit verloren werden. Es handelt sich um ein Objekt im hochpreisigen Segment. Träume haben ihren Preis.

Berlin Dahlem. Tom-Sawyer-Weg

Berlin Dahlem. Tom-Sawyer-Weg

Ungelegen nur, dass in unmittelbarer Nachbarschaft seit langem das Kinder- und Jugendzentrum „M“ seine Heimat und Spielstätten hat. Doch für jedes Problem gibt es eine Lösung. Ruhe ist ein wirkliches Anliegen im neuen Dahlem Urban Village. Da sich die Spielplätze nicht wegklagen ließen, errichtete man eine Lärmschutzwand von doppelter Höhe der einstigen Berliner Mauer. Vorbildlich ökologisch natürlich. Das Mauerwerk könne „beidseitig extensiv begrünt“ werden. Es bestehe durchaus die Möglichkeit, dekorativ Kletterpflanzen ranken zu lassen.

So ist das neue Paradies vorbildlich und bestens geschützt. Vor Lärm, neugierigen Blicken und Bällen, die möglicherweise in den Paradies-Vorgarten fliegen könnten. Der Nachwuchs aus dem benachbarten Jugendzentrum kann zugleich Ziele für die eigene Zukunft entwickeln. Für ein Leben im Urban Village, das nicht weniger verspricht als: »Es sind deine Träume und Wünsche, für die wir das geschaffen haben. Jetzt bist du an der Reihe, um es mit Leben zu füllen.«

Die "von beiden Seiten begrünbare Wand" aus Kinderpersektive.

Die „von beiden Seiten begrünbare Wand“ aus Kinderpersektive.

Das zuständige Amt hat übrigens nicht dementieren lassen, dass die fünf Meter hohe Berliner Anti-Lärm-Mauer im vorauseilenden Gehorsam errichtet worden ist. Man wollte offenbar den Investor der „Schönen Neuen Welt“ nicht verschrecken. Während der Kinderschutzbund nörgelnd von einem „Skandal“ spricht, heißt es nun unbeschwert hinter schützenden Mauern: „Treten Sie ein, in das Dorf der unbegrenzten Möglichkeiten.“

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Die Kraft der Trompete

Er galt lange als das Wunderkind des Jazz. Mit 19 Jahren hatte er sein erstes Album „Diamond in the Rough“ veröffentlicht. Das war 1989. Seitdem schleift und poliert der US-Trompeter Roy Hargrove seine musikalischen Diamanten, sucht nach neuen Ausdrucksformen. Ein derart hoher Erwartungsdruck kann schnell Freude in Frust verwandeln. Wer geht schon gerne als ewiges Talent in die Musikgeschichte ein?

Der heute vierundvierzigjährige Musiker erklärte einmal einem Journalisten: „Ich habe den Anspruch, dass jede meiner Platten auf gewisse Art und Weise ein Ereignis wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Hörer sich auch rückblickend noch an meine jeweilige Musik erinnern können. Ich versuche jedenfalls nicht, das gleiche bewährte Muster ständig zu wiederholen“.

Bei seinem aktuellen Konzert im Berliner A-Trane gab sich der einstige junge Löwe eher zahm und unnahbar. Wie immer mit Sonnenbrille, Fliege und buntkarierten Hosen ausstaffiert, absolvierte er  sein Repertoire routiniert und professionell. Nur manchmal blitzten Spielfreude, Witz und Variantenreichtum auf. Musikalische Stärken, die den Vorzeigemusiker und sein Quintett bisher so auszeichneten.

Vielleicht war es der graue November-Blues, den Roy Hargrove in Berlin ereilt hatte. Er wirkte reduziert, zeitweise wie abwesend. Als er einmal das Flügelhorn ansetzte, blitzte sein Können auf – wie ein funkelnder Stern am Nachthimmel. Zu hoffen bleibt, dass die Last ein ewiges Wunderkind sein zu müssen, nicht seinen weiteren Weg verfolgt. Denn der Mann verzaubert in seinen besten Momenten die Trompete in ein Spiegelbild seiner Seele. Dann entsteht der Hargrove-Sound mit Leidenschaft, Freude und Schmerz, der einfach nur berührt.

With a little help… from some friends

Manchmal hilft ein guter Song. Feeling allright… Manchmal ist ein Lied ein treuer Begleiter. You are so beautiful…

Das himmlische Orchester hat 2015 einigen Zuwachs erfahren: Joe Cocker, Udo Jürgens, Jack Bruce, Johnny Winter, Paco de Lucia, Pete Seeger, Claudio Abbado und viele andere, die nicht immer im Rampenlicht standen. Wir Zurückgeblieben halten kurz inne, erleichtert, dass der Kelch an uns vorbei gegangen ist, dankbar für die Erkenntnis, dass gute Songs unsterblich sind. Denn Musik kann niemals verloren gehen. Wir verlieren jedoch die, die sie für uns gemacht haben.

Wie heißt es doch so vielversprechend im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach: „Großer Herr, oh starker König“ und ab geht der groovende, göttliche Bass-Lauf. Jack Bruce liebte diesen rhythmischen Ritt durch die Bach`schen Balladenwelt. Musik hilft auch unsere Welt zu ertragen. Manchmal ist der Alltag kaum auszuhalten, wie bei dieser wahren Geschichte. Sie handelt von einem Freispruch nach einer brutalen Prügel-Attacke. Sie spielt in Kreuzberg. Sie könnte an jedem anderen Ort in dieser Republik stattgefunden haben. Da wird ein Mensch, der helfen will, zum Pflegefall. Der Täter wird freigesprochen. Mangels an Beweisen, wie es heißt:

Die Meldung hat folgende Überschrift: „Freispruch nach brutaler Prügel-Attacke“. Ich habe sie im Archiv der Deutschen Presse Agentur gefunden. Und darum geht es:

„Nach einer brutalen Attacke auf einen 55 Jahre alten Passanten, der zwei belästigten Frauen helfen wollte, ist ein 22-Jähriger vom Vorwurf der schweren Körperverletzung freigesprochen worden. „Es ist nicht sicher nachweisbar, ob er Mittäter war“, urteilte das Berliner Landgericht. Der Angeklagte habe aber erkannt, dass das Opfer regungslos am Boden lag. Weil er nicht half, sei er der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Er soll deshalb fünfhundert Euro an den Schadensfonds für Opfer von Gewalttaten zahlen.

Der Passant war bei dem Angriff im Mai 2012 in Berlin-Kreuzberg lebensgefährlich am Kopf verletzt worden. Er ist seitdem zu 80 Prozent schwerbeschädigt. „Ein Mann hat seine Hilfsbereitschaft mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen bezahlt, es ist eine Tragödie“, sagte der Vorsitzende Richter. Dem Angeklagten sei aber nicht zu widerlegen gewesen, dass ein anderer Mann den Helfer derart verletzte. Die Staatsanwaltschaft hatte das anders gesehen und drei Jahre Jugendhaft gefordert.

Der Angeklagte und ein bislang unbekannter Mann hatten an einem Parkhaus im Stadtteil Kreuzberg zwei junge Frauen behelligt. „Sie wurden aggressiv angebaggert“, heißt es im Urteil. Zwei Radfahrer und der Passant seien daraufhin eingeschritten. Einer der beiden jungen Männer habe dem 55-Jährigen einen starken Schlag oder Tritt versetzt. In Richtung des Opfers sagte der Vorsitzende Richter: „Wer das war, konnte nicht geklärt werden, es tut mir leid.“

Der Passant erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Fünf Monate lang befand er sich in Kliniken. An die Tat habe er keine Erinnerung, sagte seine Anwältin. Die Folgen seien gravierend: Er könne nur verwaschen sprechen und leide an Störungen der Bewegung. „Er ist ein Pflegefall.“ Der Angeklagte hatte erklärt, sein damaliger Begleiter, den er lediglich mit einem Vornamen benannte, sei der Angreifer gewesen. Der Richter sagte, er hoffe, dass sich bei dem Angeklagten „eines Tages das schlechte Gewissen meldet und er sagt, wer der Täter ist“.

Jetzt hilft nur noch Joe Cockers wunderbare Version eines alten Beatles-Songs. „With a little help from my friends.“ Allen Unverdrossenen, Mutigen und Couragierten dieses Landes gewidmet…

Eine Auswahl aus Leserreaktionen. Viele wollen anonym bleiben. (2008 – 2013)

„Hopefully a US publisher will be wise enough, someday, to publish „Verrat verjährt nicht“ in English.  It’s chilling how the Stasi was able to control society.  More people need to be made aware of the tactics they used.“

Al Vybiral, Wahoo, Nebraska

 

„Ihr ‚Ringen um den richtigen Ton‘ hat mich ihr Buch in einem Atemzug (bei einer 87jährigen schon etwas schwächlich) lesen lassen, obgleich es mich und meine Auseinandersetzungen mit der NS-Geschichte, bzw. erst ansatzweise von West/Ost-Begegnungen, kaum zu betreffen schien. Aber Ihr Buch betrifft vielmehr als das Titel-Thema, ja es könnte Grundlage werden für ganz neue Gesichtspunkte der öffentlichen Vergangenheitsdiskussion, an der ich mich seit mehr als 30 Jahren beteilige. (…)
Denn mich bewegt seit 1989 der Wunsch, den damaligen Bürgerrechtlern in der DDR (und nicht nur diesen!) mögen einige der Erfahrungen von uns Überlebenden des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus erspart bleiben; zumal, wenn aus Überzeugung auch „Normalbürger“ zwischen allen Stühlen sitzen.“

Anna Sabine Halle, Großnichte von Otto Lilienthal, NS-Widerstandskämpferin

 

„Mich hat das Buch begeistert: es ist nah an den Menschen – ohne zu moralisieren – . Es beschreibt Menschen, die suchen oder verführbar sind aus den unterschiedlichen Gründen   … und irgendwo findet man sich auch selber ein bißchen wieder.“

Michael Hillmann, Schortens

 

„Ich möchte mehr über Machenschaften in meiner Familie wissen. Da hat die Stasi mitgewirkt. Da ist vieles noch verborgen.“ Ob ich helfen könne. Als Journalist. Oder ob er sich bei der Behörde als Hobbyjournalist ausgeben solle. Ich verweise ihn an den zuständigen Landesbeauftragten.

Leser aus Dresden

 

„Außenstehende sehen nur die Schattenrisse derer, die weder Schuld noch Reue spüren und heute, die in der Mielkemühle verübten Taten als Ehrendienst verkaufen. Ihre Strukturen zerbröseln, aber mein enteignetes Eigentum – Werkzeug, gesammelte Arbeiten, auch mein Elternhaus – ging an Stasileute und ihre Erben, eben weil ihre Strukturen noch in diversen Ämtern wirksam sind. Da frag ich, wo leben wir heute? Im Krieg lebten wir in „Meuchland“, dann in SED-„Deuchtland“ und heut? etwa in „Heuchland“ oder „Täuschland“? Meine Lebensgeschichte war jedenfalls kein Kindermärchen. Ohne Schulabschluss fand ich mein Berufsleben allein, verlor es aber als Dissident; wie mein Vater 1942 sein Leben verlor.“

Hans Georg Urbschat. Lehrmittelgestalter, Grafiker, Raumfahrtjournalist, Briefmarkengestalter und Erfinder. – Gründungsmitglied der „Deutschen Astronautischen Gesellschaft  der DDR“

 

„Verblüfft muss ich also jetzt feststellen, dass der „Meisterspion von Dresden“ mir das Überleben in den Jahren der Wende, wo für freischaffende Künstler der ehemaligen DDR die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen  war, doch ein wenig erleichtert hat.  Dass er mich und meine Familie möglicherweise (oder vermutlich) auch „nebenberuflich“ auswertete, davon war ich weniger geschockt, als von der „Betreuung im guten Sinne“. Persönlich „betreut“ wurde ich und meine Familie seit den siebziger Jahren reichlich und durchaus nicht immer „im guten Sinne“. Doch das ist eine andere Geschichte, die noch nicht geschrieben ist und vielleicht nie geschrieben wird.“

Aini Teufel. Künstlerin. Dresden

 

„Jetzt endlich komme ich dazu das Buch zu lesen….es ist super spannend!!! Und es ist einfach unglaublich, was man da zu lesen bekommt. Die Frau, die das in einer Nacht durch hatte, kann ich gut verstehen.“

Nadja Deckers. Berlin

 

„Das Buch hat einen „warmen“ Schreibstil. „Man“ (auch Frau) liest allein schon deswegen die Texte gerne. Es beschreibt sehr genau ohne langatmig und verwirrend zu wirken. Ich kann mich gut in die Personen hineinversetzen. Z.B. kommt bei der Meisterspionin aus Leipzig sehr deutlich die eigene Zerissenheit zum Ausdruck und man versteht ihre ursprnglichen Motive. Ganz toll! Und ganz wichtig: Das Buch moralisiert nicht! Soweit die Kritik eines Lesers.“

Klaus Schneider. Berlin

 

„Nun habe ich es also erst vor wenigen Tagen geschafft, die erste Seite aufzuschlagen und in die Welt von denjenigen Menschen einzudringen, die andere hintergangen haben oder hintergangen wurden. Ich konnte es schon bald nicht mehr aus der Hand legen. Nicht nur haben mich die einzelnen Lebensgeschichten der Protagonisten fasziniert – wenngleich dies ein ambivalentes Wort für die Realitäten sind, die das Buch beschreibt -, es war auch die Frage danach, was Verrat bedeutet und wie er einen Menschen (vor allem wohl die Opfer) sein Leben lang begleitet, die mich bei diesem Buch in einen Sog gezogen hat. Vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass letztendlich die Frage nach einer Motivation oder einer Erklärung, warum jemand einen anderen geliebten oder befreundeten Menschen verrät, nie zu einem Abschluss kommen kann, die so bewegend ist.  Das Buch ist sehr eindringlich in seinem Blick und gerade in seiner zurückhaltenden Sprache auch sehr berührend.“

Sarah Hofmann. Berlin

 

„Was ich gesehen (und natürlich bei der Lesung in Halberstadt gehört habe), gefällt mir in seiner nüchternen und doch warmherzigen Art, mit der das Buch dem Gegenstand gerecht zu werden versucht. Das ist wohltuend, denn es gibt viel Geschrei rundherum. Zudem liest es sich auch noch gut – will meinen, die Sprache klingt im Kopf gut, alles ist flüssig, da habe ich ein Gespür als Musiker…“

Ralf Hoyer. Berlin

 

„Ich war beides. Erst Opfer, dann Täter. Als Lehrer musste man das. Ich habe mich öffentlich in der Geschichtswerkstatt Jena gestellt, vor dreihundert Leuten, aber das hat keinen wirklich interessiert. Nur die wirklichen Opfer verstehen mich. Wenn Sie weiter Interesse am Thema haben, stehe ich zur Verfügung.“

Leser aus Jena

 

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Die Mauer des Schweigens durchbrechen

Von Alexander Maier

Sie haben andere bespitzelt, verraten und verleumdet. Und was für viele ihrer Opfer am schlimmsten ist: Sie haben jenes Vertrauen missbraucht, das man den Menschen aus seinem engsten Umfeld ganz selbstverständlich entgegenbringt. Viele der ehemaligen Stasi-Spitzel waren überzeugt, das Richtige zu tun. Andere spitzelten, weil sie sich Vortei- le versprachen. Wieder andere wag- t en nicht, nein zu sagen. In seinem Buch „Verrat verjährt nicht“, das er nun in der Stadtbücherei vorstellte, erzählt Christhard Läpple „Lebensgeschichten aus einem einst geteilten Land“, die zeigen, was Menschen dazu brachte, ihre Nächsten zu hintergehen. Und die zeigen, welche Verletzungen das bei ihren Opfern hinterlassen hat. Wie wichtig es ist, sich diesen Fragen zu stellen, mach te Läpple im erhellenden Dialog mit EZ-Chefredakteur Markus Bleistein deutlich.

„Verrat verjährt nicht“ (Verlag Hoff mann & Campe, 19,95 Euro) gehört zu jenen Büchern, deren Entstehen gar nicht geplant war. Der Fernsehjournalist Christhard Läpple sollte vor Jahren für seinen Sender recherchieren, wie weit der Arm der Stasi einst bis ins ZDF gereicht hatte. Die Ergebnisse waren nicht allzu spektakulär, doch Läpples Interesse war geweckt: Er wollte erfahren, wie einstige Informanten 20 Jahre nach der Wiedervereinigung mit ihrem Verrat umgehen. Doch die Recherchen gestalteten sich denkbar schwierig, weil sich nur die wenigsten ihrer Schuld stellen. „Keiner redet gern über seinen Verrat. Ich war über jeden einzelnen froh, der bereit war zu reden“, resümiert der Autor.

 

Fallstudien moralischen Versagens

Ein halbes Dutzend einstiger Stasi-Informanten hat Christhard Läpple in seinem Buch vorgestellt. Und weil er nicht zu denen gehört, die die Verräter von damals vom hohen Ross herunter verurteilen, ist es ihm gelungen, ihnen noch näher zu kommen und so noch authentischer zu erfahren, was sie zu Verrätern werden ließ. Läpple stellt keine Persilscheine aus, doch er versucht zu verstehen: „Es gibt Abgründe des Verrats, die unfassbar sind. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie es wirk- lich gewesen ist. Nur so lässt sich das Schweigen durchbrechen.“ Und das tue mehr denn je Not: „Gewissen ist etwas sehr Privates. Viele verschanzen sich heute hinter politischen Argumenten, mit denen sie ihren Verrat begründen. Wenn es uns gelingt, diese Mauer einzureißen, haben wir schon viel erreicht.“

Markus Bleistein, der diesen Abend in der Reihe „Zeit und Geist“ von Stadtbücherei, Dieselstraße und Eßlinger Zeitung kenntnisreich moderierte, sieht in Läpples Fallstudien verbindende Motive: „Das Gefühl, selbst Familienmitglieder täuschen zu müssen, lässt Schuldgefühle entstehen. Da ist wenig vom Glanz eines James Bond, sondern viel von Verstellung und Täuschung und Ein samkeit, die die Agenten zunehmend und intensiv persönlich belasten.“ Christhard Läpple unterschlägt diese armseligen Momente eines Agentenlebens nicht, sondern zeigt, dass auch die Spitzel einen hohen Preis bezahlten – etwa die junge Frau, die er in seinem Buch „Tanja“ nennt und die sich in fester Überzeugung, das politisch Richtige zu tun, anwerben ließ. Läpple hat sie mit ihrer unrühmlichen Vergangenheit konfrontiert – und er ist überzeugt, dass das nicht nur ihr selbst, sondern auch ihren Opfern hilft, das Geschehene zu verarbeiten: „Wir reagieren alle sehr empfindlich, wenn wir das Gefühl haben, hintergangen worden zu sein. Das zu verarbeiten, setzt voraus, dass sich die, die uns hintergangen haben, wenigstens für ihre Tat entschuldigen.“

Läpple versteht den Titel seines Buches „Verrat verjährt nicht“ moralisch: „Juristisch ist dieses Phänomen nicht zu bewältigen.“ Deshalb ist mit der rechtlichen Verjährung des Stasi-Unrechts im Herbst für ihn das Thema noch lange nicht abge-hakt – zumal er sich mit Bleistein einig war, „dass Verrat als Topos so alt wie die Menschheit ist“. So war es das besondere Verdienst dieses Abends, über das Fallbeispiel der Stasi-Spitzeleien hinaus den Blick auf die moralisch-universelle Dimension des Themas zu erweitern. Denn Vertrauensbruch und Verrat sind mit dem Ende der DDR aus unserer Welt nicht verschwunden.”

Über Stänkerer vom Dienst

Dieser Mitmensch ist verärgert und will, dass es die ganze Welt weiß. Sofort. Ohne Abstriche. Alle mal herhören! Sein Lebensinhalt ist sich zu beklagen und über andere herzuziehen. Diese Mission treibt ihn an, ist seine Leidenschaft, die ihm großes Vergnügen bereitet. Der Stänkerer bläst nicht allein Trübsal. Er will sich mitteilen und beklagt sich gerne schriftlich, wenn es sein muss in doppelter Ausführung. Am besten im Internet. Shitstorms sind seine Lieblings-Wetterlagen.

Der Stänkerer braucht ständig Nachschub. Er liegt stets im Hinterhalt auf der Lauer. Er registriert, wann, wo, von wem und wie der Müll in die Tonne wandert. Jedes Fehlverhalten wird denunziert. Die Nachbarschaft hallt wieder von seinen schlichten Denunzierungen, haltlosen Verleumdungen, nachbarschaftlichen Fehden, Eifersüchteleien, ständigen Rechthabereien. Es sind Reklamationen jeglicher Art und Größenordnung, en gros und en detail. Keiner ist vor dem Stänkerer vom Dienst gefeit. Er ist stets hellwach und allzeit dienstbereit.

Meckerer schließen sich gerne einer Gruppe an. Sie wollen dazugehören, gegen die da oben: die Politiker, Bosse, Chefs und überhaupt Vorgesetzte im Allgemeinen. Sie hören auf den Zeitgeist und verkörpern ihn. „Das darf man wohl noch sagen dürfen“, ist ihr Motto. Aber „die machen sowieso was sie wollen“, bleibt ihr Schicksal, dem sie sich gottgegeben fügen. Bloß nichts ändern! Das wäre das Schlimmste. Wenn sich wirklich etwas ändert, wäre das ein Grund mehr zum lustvollen Meckern.

Der Nörgler weiß alles besser. Er ärgert sich besonders, wenn ihm niemand zuhört. Das treibt ihn an. Er braucht eigentlich Publikum wie der Künstler den Beifall als tägliches Brot. Der Nörgler bleibt jedoch am liebsten in Deckung, gibt sich selten offen zu erkennen, würde nie seinen Namen preisgeben. „Das tut nichts zur Sache“ – sagt er – obwohl es ihm stets um die Sache geht wie er betont. Nörgler nerven. Das ist ihre wahrlich verkannte Größe und Stärke.

Was tun? Gegen Stänkerer, Meckerer und Nörgler ist buchstäblich kein Kraut gewachsen. Es sei denn ausgesprochen gute Laune oder viel Geld, sogar sehr viele Euros als Schweigeprämie. „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“, warf Klebstoff-Fabrikant und Wohlstandsmonster Haffenloherseinen Kritikern an den Kopf, in der Fernsehserie Kir Royal großartig verkörpert von Mario Adorf. Bleibt eine Frage an alle unsere Stänkerer, Meckerer und Nörgler vom Dienst:  Was ist der Grund, dass sich so viele unwohl fühlen, obwohl es den meisten verdammt gut geht? Oder geht es ihnen nur gut, wenn sie stänkern, meckern, nörgeln…?