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Darf ich bitten?

Seine Figuren sind üppig, voller Hingabe und stehen auf wunderbare Weise mitten im Leben. Es macht Freude, ihnen beim Sonntagstanz zuzuschauen. Wie sich die Paare festhalten, drehen und im Rhythmus der Melodien wiegen. Wie ihre Gedanken in die Ferne schweifen oder für Momente in bessere Welten verlieren. Der polnische Maler Andrzej Umiastowski hat ein Händchen für Stärken und Schwächen seiner Mitmenschen. Selbst dann, wenn sie beim eher stillen Schach am Ende matt sind, verbreiten sie beim Betrachtenden ein ganz bestimmtes Gefühl: Genauso ist es. Man kommt seinen Porträtierten nahe, ohne zum Voyeur zu werden. Trotz ihrer manchmal mächtigen Leibesfülle werden die Zeitgenossen weder vorgeführt noch zur Schau gestellt. Viele seiner Bilder spiegeln die kleinen und großen Freuden der einfachen Leute – mit einem Augenzwinkern im typischen Umiastowski-Stil.

 

Schachmatt 2024.

 

Nun feiert der gebürtige Sopoter sein vierzigjähriges Künstlerjubiläum. Sopot ist ein beliebter, einst mondäner Badeort an der Ostsee dicht bei Danzig. Klaus Kinski ist hier geboren, lange blieb seine Familie jedoch nicht. Heute zieht es viele Urlauber nach Sopot. Umiastowski malt nicht nur seine Heimatstadt, die an Ahlbeck auf Usedom oder Binz auf der Insel Rügen erinnert. Er widmet sich gerne Landschaftsmotiven aus der kaschubischen Umgebung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Menschen. In den kommunistischen Kriegsrechtjahren und in der nachfolgenden bleiernen Zeit bis 1989 waren seine Porträts eher abgewandt, grau und dunkel. Die Menschen schnappten nach Luft, wie Fische an Land, sagt der französische Maler und Weggefährte Alain Duronsoy über diese Phase.

Auch heute sind die Zeiten wieder unruhig und voller Spannungen. Polen ist ein zerrissenes Land. Politisch, gesellschaftlich, ökonomisch und sozial. Doch am Ende zählt für den polnischen Maler Andrzej Umiastowski der genaue Blick auf das, was seine Mitmenschen umtreibt. Stets verfeinert mit einer Prise Humor. Das macht seine Bilder so liebenswert.

 

Valentinstag. 2024.

 

 

Seine aktuelle Ausstellung hat den Titel „Obrazy“. Auf Deutsch übersetzt schlicht und einfach: „Bilder“. Bis zum 6. Oktober 2024 in der Panstwowa Galeria Sztuki, Sopot. Wer mehr erfahren will, hier geht es zu Andrzej Umiastowski.

 

 

 

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Petras Traum

Sie war gerade einmal 44 Jahre alt, als sie im Oktober 1992 mit einem Kopfschuss in einem Bonner Reihenhaus aufgefunden wurde. Petra Kelly. Friedenskämpferin. Frauenrechtlerin. Frontfrau im internationalen Kampf für Menschenrechte. Die Kugel stammte aus der Pistole ihres Partners und Beschützers Gerd Bastian. Ein Ex-General, der sich unmittelbar danach selbst das Leben nahm. Das tragische Ende konnte bis heute nicht restlos und zweifelsfrei geklärt werden. Doch auch der neue bewegende Dokumentarfilm „Act Now“ von Doris Metz lässt nur einen Schluss zu. Es war Mord, kein verzweifelter Doppelselbstmord. So hatte Alice Schwarzer bereits 1993 ihre Recherchen im Buch „Eine tödliche Liebe“ auf den Punkt gebracht.

 

 

Das kurze Leben der Petra Kelly. Es war leidenschaftlich, intensiv, kompromisslos und stets am Limit. Bei ihr hätte jeder Tag 48 Stunden haben müssen, so eilte sie in Zeiten des Kalten Krieges von einem Konflikt zum nächsten. Weltweit. Sie unterstützte Indigene in den USA, solidarisierte sich mit Anti-Apartheid-Kämpfern in Südafrika oder Dissidenten in der DDR. Sie wollte Politik komplett neu denken. Kellys Traum: Menschen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. „Auf der Straße verändert sich mehr als im Parlament. Diese Veränderungen auf der Straße sind wichtiger als die im Parlament“, sagte sie 1985 auf einer Studentenkonferenz in den Räumen der Vereinten Nationen in New York. Kelly, so zeigt der Film, forderte früh die „Verbindung von Feminismus und Gewaltlosigkeit“.

Starke Momente in der Doku von Doris Metz sind Passagen, die Petra Kelly persönlich und nahbar zeigen. Der Einfluss der geliebten Großmutter, die ihr resolut und in weißer Strickjacke im Alltag zur Seite steht. Sie sei von Trümmerfrauen erzogen worden, sagt Kelly. „Meine Omi hat mich eine gehörige Portion Ungehorsam gegen Kirche und Männerbünde gelehrt, weil sie unheimlich aggressiv dagegen aufgetreten ist“.  Mit diesem Selbstbewusstsein stürmte die gebürtige Günzburgerin Männer- und Machtbastionen. Petra Kelly war eine Ausnahmefrau. Eine, die mit jedem Atemzug Veränderung wollte. Und eine, die ihrer Zeit weit voraus war.

 

Premiere von Act Now in Berlin. Regisseurin Doris Metz (rechts im Bild)

 

Als Kelly Mitte der achtziger Jahre für die Grünen im Bundestag saß, lernte ich sie in Bonn persönlich kennen. Sie ging stets einen Schritt weiter als andere. Dadurch eckte sie rasch an. Sie war wie eine Kerze, die an beiden Enden brannte. Sie sprach schnell und doch präzise und inhaltsstark. Eine Welt ohne Waffen sei möglich, betonte sie immer wieder. Die Ausnahmefrau folgte ihren Vorbildern Martin Luther King und Robert Kennedy. Kelly gehörte zum Wahlkampfteam des jüngeren Bruders von US-Präsident John F. Kennedy. Alle drei, die Kennedy-Brüder und der schwarze Pastor, wurden ermordet. Das konnte Petra Kelly, die Pionierin der Friedens-, Frauen- und Menschenrechtsbewegung nicht aufhalten. Der Film „Act Now“ ist verstörend aktuell. Er holt mit der weithin vergessenen Petra Kelly eine Frau aus dem Gestern ins Heute. Ein Film, der nicht nur deshalb sehenswert ist.

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Der Bankier

Das wahre Leben spielt sich auf Bänken ab. So der 35-jährige Schriftsteller Patrick Holzapfel in seinem Debütroman: „Hermelin auf Bänken“. Schauplatz: seine Wahlheimat Wien. Nicht das Touristen-Fiaker-Walzer-Wien im ¾-Takt mit viel Inszenierung, Opernball, Burgtheater, Zentralfriedhof-Melancholie und Wiener Schmäh. Nein. Der gebürtige Augsburger Holzapfel schaut auf die kleinen Bühnen des Lebens. Er konzentriert sich auf Sitzgelegenheiten aller Art zwischen Donau und 9. Bezirk. Sein Ausgangspunkt: Wir haben das Sehen verlernt. Sein „Bank“geheimnis: Hinsetzen, entschleunigen, wahrnehmen. Unablässig steuert sein Held, ein Student alle möglichen Park-, Sitz- und Stadtmöbel der Stadt an. Seine Mutter ist gerade verstorben. Er studiert lieber das Leben als unnützes Wissen im Hörsaal. »Je länger man sitzt, desto mehr erfährt man über die Bank. Und zugleich erfährt man auch etwas über Menschen, die auf Bänken sitzen«.

 

Patrick Holzapfel enthüllt Bank-Geheimnisse. Quelle: open mike

 

Als er zufällig einem wundersamen Sandlerkönig im Hermelinmantel begegnet, ist seine Neugier geweckt. Er sucht nach dem geheimnisvollen Obdachlosen und hofft, ihn auf einer der vielen Parkbänke wiederzutreffen. In dichten, poetischen Szenen beschreibt Holzapfel Zufallsbegegnungen. Stille Beobachtungen abseits vom Getöse der Großstadt. Jenseits von Eile und Hektik der „Geradeausmenschen“, die selbst in der Mittagspause unentwegt ihr Smartphone checken. „Seit ich auf Bänken sitze, fällt mir das allgemeine Treiben, das ziellose Kommen und Gehen der Masse umso stärker auf. Niemand scheint je anzukommen, alle und alles befinden sich auf einer ewigen Durchreise.“

Ganz anders der junge Romanheld auf der Suche nach dem, was die Welt zusammenhält, Er bankiert, so nennt er seine Mission. Manchmal muss er sich Stunden lang in Geduld und Zurückhaltung üben. So trifft er einen Mann mit Mops, der die Zeit totschlägt. Plötzlich sitzt ein Thomas Bernhard auf einer Parkbank, die Wiener Ikone aus dem Burgtheater. Natürlich ist er ein Doppelgänger, der munter schwäbelt. Oder die Bankenbekanntschaft Toni. Der frühere Busfahrer trinkt gerne Stamperl, Wienerisch für Schnaps. Das helfe gegen die Kälte auf der Bank und gegen die der Gesellschaft. Ach ja, Manuela. Eine einsame Sechzigjährige, die täglich zwischen Fast-Food-Ketten und Kinemathek pendelt. Jeden Abend schaut sie sich Filme an. Seit zehn Jahren. Im Kino gebe es keine Vergangenheit, erzählt sie, beständig werde Erinnerung übermalt.

 

Patrick Holzapfel hat ein Händchen für melancholisch-skurrile Momente und Menschen. Wie er ein langjähriges Ehepaar schildert, das sich nichts mehr zu sagen hat, ist echtes Kopf-Kino. Der Mann mit Dreitagebart, glasigem Blick und gebückter Haltung. Sie mit rosa Hamsterbäckchen, großem Mund und schluchzend. „All die Vergeblichkeit! All die mühevollen Jahre der Liebe! Und dann, an deren Ende, sitzt man auf einer Bank.“ Endstation Sehnsucht? Abstellgleis Bank? Da beginnt die Frau ein russisches Lied zu singen. Alles ändert sich. Der Mann tanzt, die Frau singt, bis beide erschöpft auf die Parkbank sinken. Sie prosten sich zu. „Ich stoße heimlich mit ihnen an. Von meiner Bank aus. Auf das Glück“, notiert Bankier Holzapfel.

Die Bank sei ein guter Freund. Sie beschwere sich nie, heißt es bei Patrick Holzapfel. Er widmet seine einfühlsamen Wiener Bankgeschichten dem spanischen Dichter Miguel Hernandez. „Wir haben niemand gesehen, so blind sind wir vor lauter Sehen.“ Machen sie doch mal selbst den definitiven Bank-Test. Es gibt viel zu entdecken. Eine gelungene Anleitung finden Sie bei Patrick Holzapfel. Hermelin auf Bänken.

Zum Schluss ein musikalischer Gruß an die Parkbank.

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Leni forever?

Sie war Hitlers Lieblingsregisseurin. Und seine beste Frau für filmische Propaganda. Leni Riefenstahl. Wie keine andere perfektionierte die ehrgeizige Filmemacherin Ästhetik, Macht und Verführbarkeit des Faschismus. Leni Riefenstahl zählt zu den bekanntesten und umstrittensten Frauen des 20. Jahrhunderts. An diesen großen Mythos hat sich Andres Veiel gewagt. Er nähert sich der Berlinerin aus dem Weddinger Arbeitermilieu, die mit „Triumph des Willens“ und „Olympia“ Bilder schuf, die bis heute wirken. Veiel ist ein beharrlicher Dokumentarfilmer, der sich akribisch mit sperrigen Tabu-Themen auseinandersetzt. Erinnert sei an Der Kick, Black Box BRD oder Beuys.  Auf den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig feiert Veiels neuer Dokumentarfilm „Leni Riefenstahl“ Premiere. Es ist sein Versuch, ihre Magie der (Selbst-)Inszenierung und ihren unbedingten Willen zu Macht und Ruhm zu hinterfragen und zu entzaubern. Ein Tanz auf dem Drahtseil.

 

 

Veiels Produktionsfirma Vincent erklärt in der Ankündigung, dass sich die Reizfigur Riefenstahl mit ihren Bildern aus „Triumph des Willens“ selbst beschreibt: „Ihre strikte Leugnung, die Wechselwirkung ihrer Kunst mit dem Terror des Regimes nach dem Krieg anzuerkennen, ist mehr als nur eine abgewehrte Schuld: In persönlichen Dokumenten trauert sie ihren „gemordeten Idealen“ nach.“ Riefenstahl – eine ungebrochene NS-Narzisstin bis ins Grab?

Veiels Produzentin – die Fernsehjournalistin und Talkmasterin Sandra Maischberger – konnte 2002 die damals fast hundertjährige Riefenstahl kurz vor ihrem Tod interviewen. „Ich hatte das Gefühl nichts zu erfahren. Zwischendurch dachte ich, sie lügt. Nicht, dass sie mich explizit angelogen hätte, eher hatte sie sich vermutlich schon so lange selbst belogen, dass sie nun ihrer eigenen Wahrheit glaubte“, sagt Maischberger in einem Interview der Zeit.

 

Ästhetin, Manipulatorin oder Lügnerin? Andres Veiel nähert sich dem Mythos um die Filmemacherin Leni Riefenstahl. (1902-2003)

 

Maischbergers Begegnung mit Riefenstahl blieb unbefriedigend, quasi unvollendet. „Tante Leni“ sperrte sich, wiederholte beharrlich ihre Version von einer unpolitischen Filmemacherin, die von den NS-Verbrechen erst nach Kriegsende erfahren habe. Seit 2016 unterstützte Maischberger ein Mammutprojekt. Der 700 Kisten-Riefenstahl-Nachlass wurde von einem Team gemeinsam mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erschlossen. Aus dieser einmaligen Datenfülle – Kalendereinträge, Briefe, Entwürfe, Filmreste, aber auch von Riefenstahl selbst heimlich mitgeschnittene Telefonate – schöpft Andres Veiels Film: „Riefenstahl“.

Wer ist nun Helene Bertha Amalie „Leni“ Riefenstahl? Visionärin, Manipulatorin oder Lügnerin? Wie aktuell ist diese Frau? Für Sandra Maischberger keine Frage: Riefenstahl wäre heute der perfekte Instagram-Star, betont sie. Verführbarkeit sei kein Privileg der Ewiggestrigen, meint Andres Veiel: Warum fallen Menschen immer wieder auf gut gemachte Lügen herein, fragt der Regisseur, „so sehr, dass sie von Wahrheit und Fakten nicht mehr zu überzeugen seien. Das ist das Gegenwärtige von einer Figur, die vor hundert Jahren angefangen hat zu wirken.“ Das Ergebnis seiner dreijährigen Riefenstahl-Recherche kommt Ende Oktober in die deutschen Kinos.

 

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„Wo Freunde sind, da ist Heimat“

Die Berlinerin Inge Deutschkron wurde fast hundert Jahre alt. Alt werden sei keine Leistung, sagte sie manchmal, denn etwas anderes war ihr viel wichtiger: Sie überlebte die Nazis um sage und schreibe 77 Jahre, als sie im Frühjahr 2022 starb. Ihr persönlicher Triumph, betonte Inge Deutschkron. Denn die Hitler-Partei wollte sie und ihre ganze Familie ausrotten. Einfach nur, weil sie „jüdisch“ waren. Ihre Bindung an den Glauben? Fehlanzeige. Vater Martin, ein Sozialdemokrat und Träger des „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ im I. Weltkrieg wurde 1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Er konnte im April 1939 nach England auswandern. Inge blieb mit ihrer Mutter Ella in Berlin. Die beiden Frauen mussten ab Januar 1943 untertauchen. Sie überstanden zweieinhalb qualvolle Jahre im Untergrund. Das war nur mit viel Glück und vor allem dank der Hilfe mutiger Menschen in acht verschiedenen Verstecken möglich. Nur 1.700 sogenannte „Illegale“ überlebten, von einst 160.000 Juden in Berlin.

 

Zum 90. Geburtstag von Inge Deutschkron. Heute Journal. ZDF 2012.

 

Nach dem Krieg fühlte sich die „Berliner Pflanze“ heimatlos. Sie zog nach Israel, schrieb ein Dutzend Bücher, darunter den Klassiker „Ich trug den gelben Stern“. Inge Deutschkron war es wichtig, gegen das Vergessen, das so bequem ist, mit Herz, Witz und Verstand anzugehen. Anders sein. Sich wehren. Nicht aufgeben, das war ihr Antrieb. Im Januar 1989 brachte das Grips-Theater mit ihrer Unterstützung das Stück „Ab heute heißt du Sara“ auf die Bühne.  Niemand konnte ahnen, dass diese Geschichte ein Riesenerfolg werden würde. 2001 kehrte Inge Deutschkron nach Berlin zurück. Ganzen Schülergenerationen erzählte sie vom Wunder des Überlebens und ihrer Überzeugung: „Auch in einer unmenschlichen Welt gibt es Menschlichkeit“. Das Grips-Theater wurde ihre kulturelle Heimat. In der Kantine sang sie nach den Vorstellungen mit dem Ensemble gerne fröhliche Lieder – bis tief in die Nacht.

 

 

An „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ erinnert derzeit eine kleine Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße. Bis 3. November 2024.

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Was tut gut?

Neulich mit meiner sechsjährigen Enkelin im Bäckerladen. Bei all den feilgebotenen Köstlichkeiten kann sie sich nicht sofort entscheiden. Ihre Wahl fällt auf ein schlichtes Croissant. Eine Kundin in der Warteschlange beobachtet uns aufmerksam. Als wir bezahlen und uns Richtung Ausgang bewegen, schaut uns die Frau fragend an. „Na, bei so einer süßen Tochter kann der Papa aber mächtig stolz sein.“ Wir lachen. Die Dame traut mir eine Menge zu. Sie macht meinen Morgen zu einem das-tut-mir-gut-Ereignis. „Ich bin nur der Opa“, antworte ich und wünsche einen schönen Tag.

Nach dem Frühstück singt die Sechsjährige gemeinsam mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester textsicher und mit großer Leidenschaft Katharina von AnnenMayKantereit. “Katharina, ich glaub an dich. So viele Zweifel, die brauchst du nicht, Katharina, ich glaub an dich. So viele Zweifel, die brauchst du nicht. Katharina.“ Das bringt mich auf die Idee, nachzufragen, welche Songs bei Kids und Heranwachsenden gerade angesagt sind. Eine Zufallsumfrage, klar. Taylor Swift, der absolute Kick bei allen Mädchen ab zehn oder zwölf, bleibt mal außen vor. Hier kommt Katharina.

 

 

Was tut Teenagern gut? Klar. CooIer Sound, Digger. Oder etwas zum chillen, „Bro“, was sonst?  Die britische R&B-Sängerin Raye ist ein Kind des 21. Jahrhunderts. Eine durchgestylte Instagram-Performerin. Markenzeichen: gelockte Bobfrisur, das kurze Schwarze, dazu eine perfekte Big-Band mit viel Brass-Power. Wie viele aus der Generation Z will sie ernst genommen werden. Die Botschaft der 26-jährigen in ihrem neuen „Genesis-Projekt“: Let the light in. Raye: „Man sagt die Zwanziger sind die beste Zeit im Leben, doch ich verbringe meine damit, Sonnenuntergänge zu verpassen, weil ich mich auf meinem Handy mit allen anderen vergleiche.“

 

 

Sonnenuntergänge verpassen? Wäre schade drum, sagt eine andere 23-jährige Künstlerin.Man braucht nur eine Insel/allein im weiten Meer: Man braucht nur einen Menschen, den braucht man aber sehr“. Mascha Koléko. Sie kannte 1930 kein Smartphone, auf das sie unentwegt starrte. Sie freute sich über Strandspaziergänge auf Hiddensee. Sie suchte auch vor hundert Jahren, nach dem, was uns bewegt. Ein freundliches Wort. Menschen, die sich Zeit nehmen. Die nicht immer Angst haben, etwas zu verpassen. Und: Eine zeitgemäße Ansprache. Mascha Koléko. Ein letzter Tipp für alle, die gelassen durch die Sommertage gehen wollen.

 

 

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Fuck you, Othello

Sommerzeit. Chance zum Abschalten, Runterkommen und Entdecken. Es muss keine Weltreise sein. Keine überfüllten Autobahnen, Flughäfen oder Züge. Manches Ziel liegt sehr nahe. Immer wieder Neues entdecken kann man im kleinen brandenburgischen Netzeband in der Nähe von Neuruppin. Mit dem PKW ist es von Berlin eine gute Stunde entfernt, wenn alles klappt, aber das Beste: Netzeband hat einen eigenen Bahnanschluss und kann mit der RE6 alle zwei Stunden erreicht werden.

Das vergessene Straßendorf hat der Düsseldorfer Landschaftsarchitekt Horst Wagenfeld nach der Wende wachgeküsst. Seit dreißig Jahren lebt nun das knapp 200-Seelen-Theaterdorf seinen Traum. Und der heißt: Kunst und Kultur für alle. Theater, Klassik, Jazz, Disco, Lesungen, kurz: das volle Programm. Das Besondere: Alle machen mit – vom Klempner bis zur Computer-Spezialistin. Vor, auf und hinter der Bühne. Regisseur und Mitbegründer Frank Matthus: Es gibt ein bisschen den Spaß, dass wer bei uns beim Catering oder auf der Bühne steht, der muss mindestens einen Doktorabschluss haben.“

 

Wohin hat sich Othello verlaufen? Wer zeigt ihm den richtigen Weg? Foto: Uta Chrost

 

In diesem Sommer steht das neue Masken-Synchrontheaterstück Othello von Shakespeare auf dem Spielplan. Regie: Hans Machowiak. Synchrontheater bedeutet: Die Stimmen kommen vom Band. Liebevoll gefertigte Masken und Kostüme tragen Zugezogene wie Einheimische. Die Kulisse: Ein herrlicher Gutspark. Othello verhandelt Macht, Intrigen und Eifersucht. Natürlich zieht Jago, der Untergebene von Othello, alle Register der verführerischen Schmeichelei und Hinterlist. Zeitlos aktuell, verankert in kriegerischen Zeiten, modernisiert mit Musikeinlagen von Seeed bis Roger Whitaker. Jago will Fuck you Othello aus dem Feld räumen. Gelingt das? Ebenfalls neu: Das Familien- und Kinderstück Regentrude von Theodor Storm. Regie: Judith Zieprig. Gleichfalls eine hochaktuelle Geschichte für Kleine und Große über Hitze und Dürre. Was tun, wenn Regen so wertvoll wird wie ein Sack Goldtaler? Hier sucht das Ensemble, wieder eine Mischung aus Profis und Laien, auf einer Naturbühne nach Antworten. Spielerisch und ganz ohne Maske.

 

Der magische Moment. Kommt an, was auf der Bühne der Welt gezeigt wurde? Das Ensemble von Othello in Netzeband. Foto: Uta Chrost

 

Seit fast dreißig Jahren zeigt der Theatersommer Netzeband den Klassiker „Unter dem Milchwald“. Das Kultstück von Dylan Thomas über einen Frühlingstag in einem kleinen walisischen Ort – mit selbstgebauten Puppen und Stimmen vom Band. Der Milchwald war so eine Art Urknall für das bundesweit einmalige Synchrontheater. Raus aufs Land! Netzeband steht für das Zusammenwachsen von Ost und West. Frank Matthus: „Wenn das Publikum dann wirklich jubelt, und wir die Masken abnehmen, dann sieht man glückliche Gesichter. Das ist was Schönes.“ Das zählt. Egal wieviel Arbeit Theater macht und wie schmal die Fördertöpfe geworden sind. Gemeinsam macht alles mehr Spaß. Draußen in der Sommerfrische mit Theater, Natur und Kultur. Wahrhaftiges Leben ist Begegnung. Und das ist am vermeintlichen Ende der Welt auf eine sehr schöne Art möglich.

 

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„Wirds besser?“

„Wirds schlimmer? Leben ist immer lebensgefährlich.“ Einer der vielen Erich Kästner-Sätze, die mich ein Leben lang begleiten. Seit ich lesen und einigermaßen denken kann, ist Kästner mein treuer Weggefährte. Aus seinem „Emil und die Detektive“ habe ich mit acht oder neun Jahren meine erste Kurzgeschichte zusammengebastelt. Mit Bleistift und Radiergummi im kleinen schwarzen Oktavheft, liebevoll „Muttiheft“ genannt. Ich hatte seinen Emil  mehr oder weniger übernommen, nur einige Varianten waren neu und ein paar Namen. Egal. Die Erwachsenen lobten mich, meine Eltern nickten beifällig, meine Tante spendierte ein Eis. Später sah ich ein Fernsehporträt in Schwarz-Weiß. Schriftsteller Kästner saß mit Anzug und Hut in den Bergen auf einer Holzbank mit Tisch. Er schaute Pfeife rauchend in die Ferne und paffte lustige Kringel in den Himmel. Dann kritzelte er ein paar Worte in ein Heft. So wollte ich auch werden. „Das ist das Leben. Das ist der Lauf. – Das ist der Lebenslauf.“

 

Erich Kästner. (23. Februar 1899 Dresden – 29. Juli 1974 München)

 

„Vergesst eure Kindheit nie! Versprecht Ihr mir das!“ Der lange kinderlose Kästner, erst mit sechzig wurde er Vater, bleibt für den Nachwuchs ein Held. Bis heute. Warum? Weil Kinder ehrlich sind, neugierig und weil sie eine Zukunft haben wollen und sollen. Im Fliegenden Klassenzimmer schreibt Kästner einen seiner typischen Merksätze: „Seid glücklich so sehr Ihr könnt. Nur: Macht euch nichts vor und lasst euch nichts vormachen.“  Erich Kästner hat viele Facetten. Als Kinderbuchautor, Verseschmied oder politischer Wachrüttler. Seine Lyrische Hausapotheke half dem jungen Marcel Reich-Ranicki nicht zu verzweifeln.  Seine Lebensgefährtin Teofila Langnas hatte im Warschauer Ghetto das gesamte Büchlein eigenhändig abgeschrieben, verziert mit Bildern und Titelblatt. Teofila und Marcel lasen sich gegenseitig aus Kästners Moral vor: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Literatur als Überlebenshilfe in größter Not.

 

Fabian, 1931 erschienen. Kästner erzählt über das Dilemma eines Moralisten in aufgewühlten Zeiten.

 

Kästner nannte sich selbst einen Moralisten, manchmal auch einen „gekränkten Idylliker“. Als ungebrochen pessimistischer Optimist wollte er stets für das Volk schreiben. Einfach, kurz, klar, ohne Umschweife, auf den Punkt kommend. Der gebürtige Dresdner sah den Ungeist der Nazis aufkommen, textete und dichtete dagegen an. Vergeblich. Seine Bücher wurden verbrannt. Er blieb dennoch im Lande, flüchtete in innere Emigration. 1943 gelang ihm ein Husarenstreich. Unter einem Pseudonym verfasste er das Drehbuch für Goebbels Film und Prestigeprojekt Münchhausen. Der Lügenbaron aus der Feder eines verfemten Dichters? Als der Coup aufflog, erhielt Kästner endgültig Publikationsverbot.

 

 

Kästner sei ein Autor, „der Auswege suchte, selbst wenn wirklich keine zu finden waren“, schreibt die Zeit in einer lesenswerten Würdigung. Ach, Kästner, Held meiner Kindheit, Freund bis heute: Wo bleibt denn heute das Positive? 1930 antwortete er mit einem seiner bekanntesten Gedichte: „Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. Die Spezies Mensch ging aus dem Leime, und mit ihr Haus und Staat und Welt. Ihr wünscht, dass ich`s hübsch zusammenreime und denkt, dass es dann zusammenhält.“

Kästner lesen. Das hilft die Welt besser zu ertragen. Am 29. Juli 1974, vor genau fünfzig Jahren, hat der Mann mit Hut, Anzug und Pfeife unsere Welt verlassen. Der elegante Mann mit Notizheft, den ich als kleiner Knirps so bewunderte. Seine Werke bleiben. Wie schön!

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Sterne am rumänischen Himmel

Gute Geschichten erzählen sich von selbst, heißt es. Klingt verlockend einfach, ist jedoch keineswegs so leicht. Für die heißen Sommertage kann ich eine spannende und vielversprechende Entdeckungsreise empfehlen. Ein Buch wie eine Einladung. Keines, bei dem man ohne Gangschaltung einen hohen Berg hinaufstrampeln muss. Wie heißt es?  “Das Pfauengemälde”. Die Reise führt nach Rumänien. Für viele ein Land irgendwo im Hinterhof Europas, unbekannt, verwegen, fremd. Das Karpatenland hat jedoch mehr zu bieten als die üblichen Netflix-Klischees von Pferdewagen, Bären, billigen Arbeitskräften, Kriminellen, Neureichen und Securitate-Finsterlingen.

 

Maria Bidian: Das Land ihres Vaters ist Rumänien. Aus dem deutschen Exil zurück, zieht er sich in eine einsame Hütte zurück.

 

Das Roman-Debüt von Maria Bidian erzählt eine Vater-Tochter-Exil-Geschichte. Maria Bidian sagt mir: “Rumänien ist ein sehr herzliches, wildes Land. Wo gerade sehr viel passiert. Wo sehr viel im Aufbruch ist. Wo viele Menschen weggegangen sind. Menschen wieder hingehen. Die Gesellschaft sich gerade sehr verändert. Auf einmal kommen sehr viele Menschen aus Indien, aus Sri Lanka. Ich habe vorher dort nie Zugezogene gesehen oder Ausländer, die dort arbeiten. Also da verändert sich gerade sehr, sehr viel. Es ist sehr spannend und die Menschen sind schon auch hoffnungsvoll. Sie bauen sich ihre Häuser und wollen sich irgendwie ein Leben wieder aufbauen. Und wollen dazugehören zu Europa.”

 

Maria Bidian (*1988 in Mainz) über ihre Romaheldin Ana: „Was sie eigentlich interessiert, ist dieses  Pfauengemälde. Für sie ist das etwas, was sie mit ihrem Vater in Verbindung bringt. Er hat immer davon erzählt, es gehört zu ihrer Kindheit, es gehört zu ihren Momenten mit dem Vater.“

 

Im Mittelpunkt des Romans: Die junge deutsche Filmemacherin Ana. Sie begibt sich auf die Suche nach einem Pfauengemälde, einem verschollenen Erbstück ihres Vaters Nicu. Als sie von seinem einsamen Tod erfährt, entdeckt sie ihren Vater, ihre eigenen rumänischen Wurzeln und eine Vergangenheit, die fortlebt. Nicu war im kommunistischen Rumänien eingesperrt, flüchtete ins deutsche Exil, nahm seine verlorene Heimat mit, blieb Wanderer zwischen den Welten. Ein heimatloser Intellektueller. Ana, die in Deutschland aufgewachsen ist, trifft nun in Transsylvanien ihre weitverzweigte, lebhafte Familie mit Onkel, Tanten und Cousins. Der Beginn eines turbulenten Kampfes um die Nutzung eines Familienhauses. Siebzig Jahre enteignet und verwahrlost, selbst Toilette und Rohre waren herausgerissen worden. Wem gehört das Rumänische Haus? Was soll damit geschehen?

Maria Bidian sagt in unserem Gespräch: “Es ist eine Familiengeschichte, in der es um Familie und Freundschaft geht, aber auch um Verlustüberwindung und Trauerüberwindung. Und natürlich um das Rumänien der letzten Jahre, das heutige Rumänien. Und das wäre mein Wunsch, wenn viele unterschiedliche Menschen diesen Roman lesen und für sich etwas herausholen und danach Rumänien mit anderen Augen sehen.”

 

 

“Nirgendwo ist der Sternenhimmel so schön wie hier”, hatte Anas Vater schwärmerisch seiner Tochter erzählt. Schöner als in Deutschland? Das wird nicht verraten, auch nicht, ob Ana am Ende das Pfauengemälde wieder in den Händen hält. Aber was es noch zu betonen gilt: Maria Bidian ist eine wunderbare, leicht zu lesende und dennoch literarisch anspruchsvolle Erzählung gelungen. Mit viel Gefühl, Genauigkeit und Tiefgang. Für eine Debütantin ein bemerkenswert starker Einstieg.

Maria Bidian. Das Pfauengemälde. Roman. Zsolnay. 2024

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Die Kunst der Verführung

Können wir aus der Geschichte lernen? Oder tappen wir heute wieder in die gleiche Falle? Haben wir keine Schlüsse gezogen aus den Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern? Das neues Kino-Dokudrama „Führer und Verführer“ erzählt über die Kraft der Lügen und die Macht der Inszenierung. Dies sei ein Film für heute, heißt es. Es geht um die Geschichte der Verführung eines ganzen Volkes. Ein Meister der Inszenierung aus Deutschland war NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Robert Stadlober spielt diesen schreienden, schmeichelnden, genialisch verführerischen, abgrundtief hassenden Rheinländer mit Hut und Hinkefuß. Goebbels: „Propaganda ist eine Kunst wie die Malerei. Wir schaffen Bilder, die bleiben werden. Wir gehen in die Geschichte ein.“

In einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarszenen zeichnet der gut zweistündige Film eine Innenansicht der geschlossenen Welt des Ehepaars Goebbels. Hitler (dargestellt von Fritz Karl) ist ihr Held, Fixstern und Bestimmer. Goebbels über Hitler: „Mein Hexenmeister hat wieder gezaubert“. Ein Trio Infernale, zu allem entschlossen, das so viel Anklang, Aufmerksamkeit und Gefolgschaft findet. Bereit für ihre „höhere Bestimmung“ alles zu tun, was befohlen wird. Der Weg ins Verderben ist kurz. Von „Deutschland erwache“ über Goebbels Sportpalastrede vom „totalen Krieg“ bis zur Götterdämmerung im April 1945. Der NS-Untergang mit Durchhalteparolen und einer nibelungischen „Treue bis in den Tod.“  Am Ende opfert Goebbels sich, seine Ehefrau Magda (Franziska Weisz) und deren sechs Kinder „für Deutschland“, wie es heißt.

 

 

Eine der Thesen des Films: Die Nazis haben äußerst erfolgreich Bilder, Legenden und einen Führer-Mythos geschaffen. Bilder, die bis heute in unseren Köpfen herumspuken. Das Goebbels-Gift wirke bis ins TikTok-Zeitalter nach, meint Regisseur Joachim A. Lang. Sein Film zeigt Hitler, Goebbels und Co nicht als Monster, sondern als „normale“ Menschen, nur so seien ihr Wesen und ihr Charakter besser zu erfassen. Denn das Nazi-System hätten Menschen erschaffen, keine Dämonen, wie es Thomas Mann einmal ausdrückte. Das bedeute im Umkehrschluss: Menschen können das Gewalt-, Willkür- und Propagandasystem auch verhindern. Regisseur Lang möchte den Kern des NS-Systems freilegen. Er will Goebbels „beim Lügen über die Schulter schauen“.

Wie werden wir resistent gegen die Kunst der Verführung? Mit ihren einfachen Parolen und schnellen Lösungen? Mit ständiger Angstmache, Hetze und dem Beschwören des ewigen Sündenbocks. Goebbels ließ Propagandastreifen produzieren wie „Jud Süß“, „Der ewige Jude“ oder „Kolberg“. Das kam an. Die Überlebende Margot Friedländer, mittlerweile biblische 102 Jahre alt, sagt am Ende des Films: „Menschen haben es getan, weil sie andere nicht als Menschen anerkannt haben.“ Und weiter: „Was war, kann so schnell wieder geschehen. Nur, wer die Gefahr der Verführung kennt, kann mit all den Einflüssen aus den Medien bewusst umgehen.“

 

 

So verhallt ihr Appell – „Sei ein Mensch“ – in der Dunkelheit des halbvollen Kinosaals. Draußen flanieren noch einige Berliner Nachtschwärmer. Ein junger Mann streitet am Smartphone lautstark mit seiner Mutter. Jeder kann es hören: „Papa hat mich Arschloch genannt. Und Du blendest das aus. Du bist im falschen Film.“ Irritiert ziehe ich weiter nach Hause, im Kopf die vielen Goebbels-Sprüche. „Führer und Verführer“ ist keine leichte Sommerkost. Aber ein wichtiger Film zur richtigen Zeit, aus dem man klüger herausgeht.