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Landschaft mit Sonn(e)

So. Sonn. Sonne. Sonnenblumen. Kein anderer Künstler hat die sommerlich, leuchtenden Sonnenblumenfelder magischer ins Bild gesetzt als Vincent van Gogh (1853 – 1890). Der Maler wäre heute ein Popstar. Er schuf in seinen zehn produktiven Jahren etwa 800 Gemälde aus 1.100 Arbeiten auf Papier. Zu Lebzeiten verkaufte er kaum ein Bild. Er quälte sich durch Sinn- und Schaffenskrisen, bis er schließlich seinem Leben mit 37 Jahren auf einem Feld ein selbstbestimmtes Ende setzte. Van Gogh: „Ich kann die Tatsache nicht ändern, dass sich meine Bilder nicht verkaufen. Aber die Zeit wird kommen, in der die Menschen erkennen werden, dass sie mehr wert sind als das Geld für die Farbe, die ich darin verwendet habe.“ Gleich mehrere Van-Gogh-Ausstellungen sind Publikumsrenner, allein die Performance Van Gogh Alive lockte bislang mehr als 8.5 Millionen Interessierte an. Sein „Obstgarten mit Zypressen“ wurde letztes Jahr für 117,2 Millionen Dollar verkauft.

 

Vincent van Gogh. 12 Sonnenblumen.

 

Es gibt so viele Kreative, denen zu Lebzeiten Erfolg, Ruhm und Anerkennung versagt bleiben. Mein Patenonkel Kurt Sonn (1933-2020) hinterließ nahezu dreitausend Bilder. Den großen Durchbruch schaffte er nicht. Aber er malte unverdrossen weiter, auf den Spuren seiner Ikonen Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. In seinem Atelier roch es herrlich nach Farbe. In unregelmäßiger Folge veröffentliche ich aus seinem Nachlass Bilder auf Facebook. Immer wieder werde ich angesprochen, wer dieser unbekannte Maler mit seinen warmen Farben ist. Wer mag, kann gleich weiterlesen und mehr erfahren. Vielleicht wird jemand aus der Galerieszene neugierig? Kurt Sonn lohnt sich zu entdecken. Er hätte eine Ausstellung mehr als verdient.

 

Kurt Sonn. Bild-Nr. 1381. Seine Bilder blieben grundsätzlich namenlos. Die Numerierung übernahm die Familie bei der Nachlassverwaltung.

 

Hier mein (leicht gekürzter) Text aus dem Jahre 2020: „Kurt Sonn suchte Klarheit und Reinheit. Die Harmonie der Farben. Die Heilung in der Kunst. Er fand seinen Lebenssinn in Natur und Landschaften. Sein Sonnenreich war die Malerei. So arrangierte er unermüdlich seine Kompositionen in warmen, wohltuenden Farben und fließende Formen. Häuser, Kirchtürme, Höfe, Schuppen scheinen auf. Kantige Brüche, Dissonanzen oder dunkle Störungen sind eher selten zu erkennen.

Seine Sache war das Entdecken und Sehen, das Malen und Zeichnen. Einer, der genau hinschaute, das Spiel der Wolken und den Wechsel der Landschaften in den Jahreszeiten. Seine in den Grundtönen rot, braun und gerne mit gelben Sonnentupfern oder Flächen versehenen Landschaftsmotive folgen der expressionistischen Schule. Abstraktion der Natur auf Basis der Romantik, Tendenz zum Kontrast, dünne lasierende, tuschende Malweise. „Vom Wollen zum Können voranschreitend“, wie es im berühmten Manifest von 1916 heißt.

 

Kurt Sonn. Bild-Nr. 0980

 

Kurt Sonn fand seine Bestimmung in der Natur. Sein Gegenbild zur zerstörerischen Kraft der Menschheit in Zeiten von maximalen Gewinnstreben, Globalisierung und Digitalisierung. Harmonische Farben und Formen sind seine Antwort auf Raubbau und Ausplünderung des Planeten. Sein Atelier in der (noch) heilen Unberührtheit der lieblichen schwäbischen Heimat inspirierte und beflügelte ihn genau wie seine geliebten mediterranen Motive.

 

Kurt Sonn. Bild-Nr. 1362

 

„Schau dir die Natur an! Jeder Sonnenuntergang zaubert jeden Abend ein anderes Licht. Sie ist unser größter Lehrmeister“. Einer seiner Sonn-Sätze. Der Künstler malte nicht nur mit Farben, auch mit Tönen und Worten. Am Klavier oder an der Schreibmaschine. Bis kurz vor seinem Tod (2020) hat er nahezu jeden Tag ein neues Bild gemalt. Natur, Landschaften, Hügel, Dörfer, Kirchen. In den warmen, sonnigen Kurt-Sonn-Farben.“

 

Kurt Sonn. Bild-Nr. 1859

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Fegefeuer der Eitelkeiten

Was muss, was sollte privat bleiben? Gelten für den internen Verkehr von Personen des öffentlichen Lebens eigene Regeln? Menschen mit großem Geld, großer Macht und noch größerem Ego.  Beim aktuellen Gemetzel im Hause Springer scheinen viele Sicherungen durchzuknallen. Kündigt sich ein großes Fegefeuer an? Holen Mathias Döpfner die Geister ein, die er anheuerte oder feuerte? Der 60-jährige studierte Musikwissenschaftler inszeniert sich gerne als Feingeist. Motto: das Einzige, was zählt, seien Kunst und Liebe. Aber er kann auch anders. Der milliardenschwere Springer-Chef laut „Zeit“:  „Mein Kompass geht so: Menschenrechte – keine Kompromisse. Rechtsstaat – zero tolerance und alles für die reine Lehre. Lebensstil ((was Ficken und solche Sachen betrifft – Fritz zwo: jeder soll nach seiner Fasson (oder facon)…))“. Schreibweise Original Döpfner. Der gebürtige Bonner nimmt viele Menschen, doch bevorzugt Ostdeutsche ins Visier. „Meine Mutter hat es schon immer gesagt. ossis werden nie Demokraten. Vielleicht sollte man aus der ehemaligen ddr eine Agrar und Produktions Zone mit Einheitslohn machen.“ Wow! „Eigentlich ist eine Entschuldigung fällig, Chef“, meint Bild-Chefin Marion Horn. Aber warum nur „eigentlich“? Mittlerweile hat sich Döpfner „in eigener Sache“ auf der BILD-Website entschuldigt, beharrt jedoch auf Gedankenfreiheit.

 

Mathias Döpfner. Mächtiger, milliardenschwerer Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE im Zenit, 2018. Quelle: Wikipedia

 

An der Echtheit der Aussagen aus Döpfners Welt scheint es kaum Zweifel zu geben. Logischerweise ist die Quelle im nächsten Umfeld Döpfners zu vermuten. Der Verlagschef hat sich offenbar zu viele Feinde gemacht. Vieles spricht dafür, dass sein geschasster Ziehsohn Julian Reichelt die große Rache-Keule in die Hand genommen hat. Seine Waffe: eine Doppelseite in der seriösen „Zeit“ garniert mit saftigen Zitaten seines früheren Chefs Döpfner. Merke: Gekränkte Eitelkeit ist mindestens so toxisch wie Eitelkeit selbst, eine der sieben Todsünden. So ist das in der Welt der sonnenbebrillten Männer mit Sneakers ohne Socken. Frauen mit viel Geschmeide in bunten, kurzen Sommerkleidchen. Nimm-mich-Blicke, Sex-on-demand, ich will spielen…

 

Ziemlich beste Freunde. Ein Gruppenbild ohne Dame. Mathias Döpfner, Julian Reichelt, Richard Grenell (damaliger US-Botschafter) Juni 2019. Quelle US-Botschaft Berlin

 

Es gibt keinen besseren Gesellschaftsroman aus der Welt der selbstverliebten Eliten als „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von Tom Wolfe. Die Geschichte des Wallstreet-Brokers Sherman McCoy mit Wohnsitz Park Avenue und einem Apartment mit Vier-Meter-Decken. 1987 erschienem, zeitlos und perfekt anschlussfähig an die Berliner Eitelkeitsmaschine im Springer-Konzern. Lust auf mehr?

 

https://youtu.be/CywDxMCmVfY

 

 

„Wenn man Sherman McCoy so dahocken und so angezogen sah, wie er´s jetzt war, in seinem karierten Hemd, den Khaki-hosen und den ledernden Ledermokassins, hätte man nie erraten, was für eine imposante Erscheinung er normalerweise abgab. Noch jung … achtunddreißig Jahre alt … hochgewachsen … fast einsfünfundachtzig – hervorragende Körperhaltung … hervorragend, um nicht zu sagen: gebieterisch … so gebieterisch wie sein Daddy … volles sandbraunes Haar … lange Nase … ein markantes Kinn … Er war stolz auf dieses Kinn. Es war ein männliches Kinn, ein starkes, rundes Kinn, ein aristokratisches Kinn, wenn man wissen möchte, was Sherman dachte. Er war Yale-Absolvent.

Aber in diesem Augenblick sollte seine ganze Erscheinung ausdrücken: Ich gehe nur mal mit dem Hund um den Block. Der Dackel schien zu wissen, was auf ihn zukam. Er drückte sich beharrlich vor der Leine. Die kurzen Beine des Köters täuschten. Wenn man ihn zu greifen versuchte, verwandelte er sich in eine sechzig Zentimeter lange muskelbepackte Röhre. Bei dem Gerangel mit dem Tier musste Sherman sich nach vorn werfen. Und als er sich nach vorn warf, stieß er mit der Kniescheibe gegen den Marmorboden, und der Schmerz machte ihn wütend.“

 

Mehr über Sherman, den Master of the Universe und seinen Dackel Marshall, seinen Aufstieg wie Fall in: „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Es lohnt sich.

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„Morgens um vier“

„Still ist die Stadt, die Straßen sind leer. Müde und wach morgens um vier“. Plötzlich setzt die Trompete ein. Sven Regener bläst gegen den Frust morgens um vier an. Ach! Ja. Wie immer? Genau. Element of Crime hat das fünfzehnte Studioalbum veröffentlicht. Krieg, Krise, Klimawandel, hilflose, überforderte Eliten? Lösungen? – Pustekuchen. Alles wankt, nur eines bleibt. Element of Crime. Dieser sehr spezielle Mix aus verregnetem Sonntagmittag, Langeweile, Liebesschmerz, Einsamkeit und Sehnsucht. Was die Babyboomer-Band von vielen anderen Combos im fortgeschrittenen Alter unterscheidet, sind ihre Texte mit Sinn für Romantik und Melancholie, gewürzt mit einem Grundgefühl von Gelassenheit und Ironie. Sinnfrei wie tiefschürfend. Augenzwinkernd wie treffend: „Du bist das Monster, ich bin der Held, es kommt zum Showdown im Sauerstoffzelt der Heilsarmee – Müde und wach morgens um vier.“

 

 

„Wir tauchen unter, wir tauchen auf/ Aus unseren Mündern kommen Schall und Rauch/ Wir haben keine Lösung, wir haben Lieder.“ Lösungen haben die vier Herren nicht, aber eine gelöste Stimmung können sie verbreiten. 1985 wird die Band gegründet, als die Neue Deutsche Welle gerade abebbte. 1987 veröffentlichten sie ihre erste LP „Try to be a Mensch“. Regner sang auf Englisch, auf den ersten Videos gaben sich die vier Neuberliner cool und abgeklärt. So schafften sie es mit dem Song Something was wrong in den ZDF-„Schüler-Express“. Die auf locker-flockig-jung getrimmte Sendung hieß wirklich so. Element of Crime-Mitglieder radelten am „Görli“ vorbei ins „Madonna“. Treffpunkt für Trinker, Aussteiger und Glücksucher jeglichen Alters und Geschlechts. Rauchen war im Doppeldecker-Bus oben noch möglich. Der Reporter fragte Sven Regener nach Vorbildern? Nee, eigentlich nicht, antwortete dieser auf breitestem Bremerisch. Regener. „Wir sind eben Element of Crime“. – Könnt Ihr davon leben? Nein, sagt einer, mein Chef ist beim Sozialamt. Sven ergänzt: „Ich bin Tippse. Ich tippe Forschungsberichte“. Gegenfrage Regener an den nassforschen Reporter: „Kennst du John Cale?“ – Nein. „Dann kannst du gehen!“ John Cale war der Plattenproduzent des ersten Albums in London und Mitglied von Velvet Underground.

 

Sven Regener vor dem „Madonna“ und mein Kameramann René Feldmann in Aktion.

 

„Und in meinem tanz ich dich, aber unscharf, und du hältst eine Axt in den Händen/ Und in deinem tanzt du mich mit einer Katze, und die sagt: Leute, wo soll das enden?“ In den wilden Achtzigern fand auch das legendäre Konzert in der Ost-Berliner Zionskirche statt. Neonazis verprügelten 1987 mit Sieg-Heil-Rufen Band und Besucher. Niemand schritt ein. Keine Polizei half. Doch die „Elements“ machten unverdrossen weiter, besangen den ersten Sonntag nach dem Weltuntergang, oder den legendären Sonntag im April. Zartbittere Songs für manisch-Depressive, hieß es damals in meiner Clique. Egal, wenn schon melancholisch, dann aber bitte mit einem Trompetensolo, schlürfenden Bass und einem schnoddrigen Text von Regener & Co. „Saufbrüder werden ihren Deckel bezahlen/Flugzeuge werden den Himmel bemalen/Und dann kommst du wieder/Und gehst nie wieder fort von hier“, heißt es jetzt wieder, nach vierzig Jahren, im neuen Album „Morgens um vier“. Schöner kann Älterwerden nicht sein.

 

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Beste Freundin

Hallöchen! Kennst Du Jessie Weiß? Wen? Jessie! Nie gehört! – Dann gehörst du zu den Gruftis. Willkommen bei den Uhus, den Unter-Hundertjährigen, den Babyboomern mit Rentenzukunft! Bei den meisten Bivis, den Bis-Vierzigjährigen ist Jessie Weiß eine bekannte Größe. Die Frau bringt täglich „Liebe in Deinen Posteingang“. Jessie hilft dein Leben zu organisieren. Schöne Fotos in Pastell, noch mehr Style, stets up-to-date. Die 36-jährige Jessie ist Deutschlands erfolgreichste Mode-Influencerin. Jessie lebt den Traum Von-der-Tellerwäscherin-zur-Millionärin. Ein Kind des Instagram-Jahrhunderts. Jessie ist Bloggerin, Chefredakteurin, perfekte Mutter, gestylte Lebensgefährtin, souverän in allen Lebenslagen. Eine Frau, die Tipps gewinnbringend verlinkt. Mittlerweile ist das Prenzlauer-Berg-IT-Girl Bauherrin. Nun also Home Suite Home. Der Nestbau wird die nächste Instagram-Story.

 

 

“The show must go on”. Jessie Weiß hat es auf den Titel des Zeit-Magazins geschafft. Eine Reporterin hat die Influencerin ein Jahr lang bei ihrer Daily Show begleitet. Die Zeit-Frau rätselt zwischen den Zeilen, wie echt Jessie eigentlich ist. Egal. Jessie ist längst ihr eigenes Medium. Eine gut geschmierte Content-Maschine für den Mainstream-Geschmack, jederzeit anschluss- wie mehrheitsfähig. Badezimmertipps, der neue Pullover, ein praktisches Accessoire für die Küche. Jessie weiß Bescheid. Die gebürtige Essenerin bedient unsere Sehnsüchte und Unzulänglichkeiten. Ein Role Model, das ihrer Gemeinde vorlebt, wie sie besser durch den Alltag kommt. Die Mutter von mittlerweile drei Kindern gibt sich ihrer Kundschaft – überwiegend Frauen ihrer Generation – als “beste Freundin im Netz“. Das rechnet sich.

Die neue Medienwelt hat mit der Generation Z Stars wie Lisa & Lena Mentler, Fynn Kliemann oder Rezo hervorgebracht. Bloggerinnen und Blogger gelten als „authentischer“, sind persönlicher, nahbarer und reaktionsschneller als „alte“ Medien. Reise- Lifestyle-, Beauty- und Modeblätter sind mega-out. Die Sternchen am Instagram-Himmel leuchten, kommen und gehen. Die Influencer-Szene aktualisiert permanent das passende Lebensgefühl. Motto: Du bist nicht allein! Ich bin für da! Der alte Kniff des Geschichtenerzählens vom kleinen Pumuckl, der auf die Härte des Lebens stets eine Antwort weiß. Neu ist, dass ihre Alltagsgeschichten gleich mit passenden Produkten verlinkt werden. Product-Placement fürs Smartphone. Der Lieferdienst bringt das Objekt der Begierde direkt ins Haus.

 

Jessie Weiß vom Prenzlauer Berg. Homestorys als Markenkern. Wenn das Private öffentlich wird. Quelle: Westwing

 

Instagram macht reich. Reich an Erlebnissen, Emotionen, Einkaufsreizen. Eine nicht-stoppbare Bilderflut, ein Rund-um-die-Uhr-Kick: Willst-du-nicht-auch? Ich habe dich doch lieb. Jessie Weiß ist eine typische Mega-Magierin der Neuen Medienwelt. Sie weiß um den Wert der „Birkin-Bag“, der angeblich begehrtesten Tasche der Welt. Dabei pflegt sie bodenständige Durchschnittlichkeit als Markenzeichen. Instagram hat Jessie Weiß reich gemacht.

 

Sonnenuntergang geht immer…

 

Bleibt eine Frage: Führt Jessie das schöne Leben, das sie ihren Followern vorlebt? Oder inszeniert sie nur Illusionen? Macht ihr Mix aus Beauty Rituals, Ignorance is bliss und Berliner Coolness am Ende wirklich glücklich? Das weiß nicht einmal die Reporterin der Zeit, die Jessie ein Jahr lang begleitet hat. Sie wirkt ein wenig ratlos. Der letzte Satz ihrer Reportage lautet: „Ein Porträt mit einem Punkt zu beenden, ist vielleicht auch absurd“ … also ein Ende ohne Punkt. So wirkt Jessie Weiß wie ein Märchen aus 1001-Nacht. Ein langer, glatter Fluss, am Horizont ein megageiler Sonnenuntergang. Perfekt mit Photoshop gepostet! In Liebe, nur für Dich.

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Herbert, der Träumer

Auf zu Grönemeyer! Einladung zur Premiere: „Das ist los“! Der Hauseingang in der Berliner Kantstraße ist unscheinbar. Nichts Besonderes. Nach der Einlasskontrolle erreicht man eine Art Gefängnishof. Hier begrüßt Herberts Hofstaat Besucher mit einem Covid-Testpäckchen. Stäbchen in die Nase, dreimal rühren, tröpfeln, warten. Hurra. Negativ! Auf zum Listening. Der Star des Abends kommt, wird an eine Mauer gestellt. Kameraleute und Fotografen machen ihre Bilder. Der blondtoupierte Herbert ganz in Schwarz posiert. 18 Millionen verkaufte Platten. 40 Jahre Bühnenpräsenz. No Business like Show-Business. Was aber war vor Herbert G. in diesem seltsamen Hinterhof? – Ein Frauengefängnis, raunt jemand. Heute ein vornehmes Hotel. Google meldet: Einst 77 Zellen, sechs Quadratmeter groß, jeweils mit drei Frauen belegt. Bis 1985 als Jugendarrest in Betrieb. Danach Leerstand. Heute 44 Hotelzimmer. Gediegen umgewidmet vom Ort der Verdammnis zum Hort für „Komfort und Ruhe inmitten der pulsierenden Stadt“. Das ist los.

 

Das ist los. Der Meister im Gefängnishof. Herbert Grönemeyer präsentiert sein neues Album.

 

Das Premierenpublikum sammelt sich an festlich gedeckten Tafeln. Medienleute, Menschen aus der Musikbranche, man kennt sich. Küsschen links, Küsschen rechts. Rasch ein Selfie und den besten Platz sichern mit gepflegtem Wein und 5-Gänge-Menu. Als Top Act: Grönemeyers neues, mittlerweile sechzehntes Album. Es geht los. „Hoffnung ist gerade so schwer zu finden/Ich suche sie. Ich schaue nach links und fühle mich blind/für Perspektiven, die uns weiterbringen.“ Knapp fünfzig Minuten Grönemeyer vom Band, alle dreizehn Songs. Ich schaue nach links und nach rechts. Einige hören aufmerksam zu. Viele fingern nervös an ihren Handys. Angst etwas zu verpassen? Offensichtlich! Selbst hier, wo die Happy Few der Premierengäste unter sich sind. Verrückt. Onkel Herbert singt: „Cis, binär und transqueerphob, Gucci, Prada, Taliban / Schufa, Tesla, Taiwanwahn / Was ist, Kid, kriegst du noch was mit.“  Der Titelsong. Das ist los. Ah. Aha. Ach so. Schenk mir deine knappe Aufmerksamkeit. Halte inne. Bitte. – Herbert surft im Zeitgeist der heutigen Zwanziger Jahre. Ich erkenne im dunklen Gefängnishof ein erleuchtetes Fenster und frage mich, wer in den Zellen saß.

 

 

Es folgt „Angstfrei“. „Fesch sein, frech sein, keiner kriegt uns jetzt klein/Tanz` drüber nach, tanz` drüber nach“, röhrt Deutschlands populärster Verseschmied. Knödelbarde Herbert. Poet der Babyboomer. Seelenklempner des Landes. Lieferservice für Mut, Trost und Orientierung. Heimlicher Bundespräsident. Das beherrscht er wie kein anderer. Der Mann, der uns seit Jahrzehnten begleitet. Als Herzensbrecher, politisches Auskunftsbüro, seelischer Kummerkasten. Ein Sinnsuchender wie du und ich. Nur, dass er Stadien füllt. Wir nicht. „Ohne Druck keine Diamanten/Ohne Flugangst würde keiner mehr landen“, knattert Herbert im letzten Song „Turmhoch“. Beifall. Der Meister betritt den Saal. Er sagt, was er wohl bei solchen Anlässen sagen muss. Er möchte „Mut machen in krisenbehafteten Zeiten“, er suche wie ein wildgewordenes Känguru nach den passenden Worten, werfe viele Texte wieder weg.  „Dinge sind nicht rosarot“. Er will alle mitnehmen. Schön, wenn ein Mensch mit 66 Jahren noch Träume hat.

 

 

Waren die Frauen in diesem Gefängnis angstfrei? Wohl kaum. Aber auch sie träumten. Auf dem Heimweg beschließe ich mich schlau zu machen. Ich erfahre eine Menge über das versteckte Frauengefängnis in der Kantstraße 79. Frauen aus dem NS-Widerstand waren hier bis 1945 zusammengepfercht. Darunter die einunddreißigjährige Libertas Schulze-Boysen. Tochter einer preußischen Adelsfamilie. Verheiratet mit Harro Schulze-Boysen. Beide Mitglieder der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Libertas sammelte Film- und Bildmaterial über die Verbrechen der Nazis. Ab September 1942 war sie nach ihrer Verhaftung im Frauengefängnis. Bis zu ihrem gewaltsamen Tod am 22. Dezember 1942. Libertas Schulze-Boysen (20.11.1913-22.12.1942) wurde in Plötzensee enthauptet.

 

Libertas Schulze-Boysen (20.11.1913-22.12.1942) Mitglied der „Roten Kapelle“. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

 

Sie hinterließ diese Zeilen:

„Sie nahmen den Namen mir an der Tür,

Das Wünschen an der Schwelle.

Die Träume einzig blieben mir,

in meiner kahlen Zelle.“

 

Libertas war eine Mutige. Eine Hoffende und eine Träumerin, bis zum Schluss. Ich bin so berührt, dass ich diese Entdeckung machen konnte. Danke, Herbert. Für die Einladung an diesen besonderen Ort.

 

Einst Ort des Schreckens, heute ein Hotel. Frauengefängnis in der Berliner Kantstraße 79. Foto: Grüntuch Ernst Architekten.

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Israel: Putsch oder Paranoia?

„Achtung, Oberlehrer!“ In Fragen wie Menschenrechte, Klimawandel oder gesunde Ernährung schwingen wir Deutschen gerne den Zeigefinger. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Diese Moral-Keule kommt keineswegs überall gut an. Siehe Katar, Polen oder … Israel. Israelkritik? Schwierig. Der deutsche Stresstest schlechthin. Wer wie ich in Israel war, ist von diesem kleinen Land mit der großen Geschichte fasziniert wie verwirrt zugleich. Jerusalem, Klagemauer, al Aksa-Moschee, Grabeskirche, Yad Vashem. Bethlehem, See Genezareth, Tel Aviv, Checkpoints, Mauern, Ramallah, Gaza. Auf engstem Raum knallen Glaube, Liebe, Hoffnung aufeinander, duellieren sich Ressentiments und blanker Hass. Als ich mit einer deutschen Gruppe die Gedenkstätte Yad Vashem verließ, sagte unser israelischer Reiseleiter: „Ihren Schäferhund haben sie besser behandelt. Das werden wir Euch nie vergessen.“

 

In der Altstadt von Jerusalem. Foto: Waldemar_RU

 

„Das war doch nicht ich, auch nicht meine Eltern“, murmelte ich, meine Gedanken behielt ich für mich. Aber Ackermann, so der Spitzname unseres Schwejk`schen Begleiters bemerkte meinen zweifelnden Blick. „Weißt Du was? Schweigen ist Zustimmung. Gleichgültigkeit ist ein scharfes Schwert.“ Punkt. Das saß. „Aufsitzen zum nächsten Ziel“, rief er unserer schweigenden Gruppe zu. „Ich zeige Euch jetzt, wo es in dieser gottverdammten Stadt die beste arabische Falafel gibt.“ Das war vor langer Zeit, ein paar Jahre nach der deutschen Einheit, als unser Land wieder groß geworden war. Die Lage in Jerusalem ist in diesen Tagen einmal mehr scharf wie eine Rasierklinge, an der man sich leicht verletzen kann. Israel mit seinen neun Millionen Menschen ist aufgewühlt. Juden, israelische Araber und Christen, Regierungsanhänger und Gegner streiten um eine Justizreform. Und wie!

 

Jerusalem. Stadt der drei Religionen. Ein Ort voller Geschichte und Konflikte. Foto: rquevenco

 

Großdemonstrationen, Straßenblockaden und angedrohte Befehlsverweigerung durch Eliteoffiziere, Kampfjetpiloten und sogar Generäle erschüttern seit Monaten das Land. Die Regierung Netanjahu will die Justiz reformieren, damit „endlich die schweigende Mehrheit“ entscheiden könne. Demnach soll die einfache Mehrheit des Parlaments (Knesset) Entscheidungen des Obersten Gerichts außer Kraft setzen können. Benjamin „Bibi“ Netanjahus Koalition aus national-konservativen Likud, den religiösen Ultraorthodoxen und 14 Abgeordneten des Religiösen Zionismus wollen mit ihrem Gesetz die Herrschaft der „liberalen Elite“, verkörpert durch das Hohe Gericht, abschaffen. Es sind ähnliche Konflikte wie in Polen, Ungarn oder auch in der Türkei. Entmachtung der Demokratie durch „Reformen“ wie einst beim „NS-Ermächtigungsgesetz“, protestieren Kritiker. Tausend israelische Intellektuelle haben in einem Aufruf Alarm geschlagen.

 

Seit fast drei Monaten demonstrieren Zehntausende jeden Samstag in Israel gegen die Justizreform. Eine Gruppe von Frauen in den Kostümen der Fernsehserie „The Handmaid’s Tale“ in Tel Aviv. Bild: AFP

 

Dazu Schweigen? Geht nicht. Besser als belehren aber ist zuhören. Daher folgen einige Passagen aus einem Text des israelischen Historikers Yuval Noah Harari („Eine kurze Geschichte der Menschheit“), die bedenkenswert sind. „Das ist keine Rechtsreform – es ist ein Staatstreich“, schreibt Harari und weiter:

„Historisch betrachtet gibt es vor allem zwei Arten von Staatsstreichen. Die eine ist der „Putsch von unten“, und sie ist leicht zu erkennen: Der machthungrige General Strongman zum Beispiel beschließt, die Kontrolle in einer Bananenrepublik an sich zu reißen. Eines Morgens wachen die Bürger auf und sehen Panzer auf den Straßen der Hauptstadt. Ein Panzerbataillon umstellt das Parlament und feuert Granaten auf das elegante Marmorgebäude. Eine Kompanie von Fallschirmjägern stürmt das Haus des Premierministers, legt ihm Handschellen an und sperrt ihn in ein Militärgefängnis.

In der Zwischenzeit beschlagnahmt eine zweite Fallschirmjägerkompanie die zentrale Rundfunkstation. Um acht Uhr morgens schalten die verängstigten Bürger ihre Fernsehgeräte ein. Dort verkündet der mit goldenen Orden schwer dekorierte General Strongman mit gebieterischer Stimme, er ergreife hiermit „zum Wohle des Volkes“ die Macht im Land.

So etwas schwebt uns vor, wenn wir an einen Staatsstreich denken. Aber es gibt noch eine andere Sorte, für die es in der Geschichte zahlreiche Beispiele gibt: den „Putsch von oben“. Er ist weniger leicht zu erkennen.

Mit einem solchen Staatsstreich hat man es zu tun, wenn eine Regierung, die auf ganz legale Weise gewählt wurde, gegen die ihr vom Gesetz auferlegten Beschränkungen verstößt und versucht, unbegrenzte Macht zu erlangen. Das ist ein alter Trick: Erst das Gesetz nutzen, um Macht zu erlangen, dann die Macht nutzen, um das Gesetz bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen.

Die Regierung spricht von Reformen „zum Wohle des Volkes“.

 

Yuval Noah Harari. „Das ist keine Rechtsreform – es ist ein Staatstreich“.

 

Ein Putsch von oben kann eine sehr verwirrende Erfahrung sein. Auf den ersten Blick fühlt sich alles normal an. Es rollen keine Panzer auf den Straßen. Kein General mit einer vor Orden strotzenden Uniform unterbricht das Fernsehprogramm. Der Staatsstreich findet hinter verschlossenen Türen statt. Dort werden Gesetze verabschiedet und Dekrete unterzeichnet, welche die Regierung von jeder Einschränkung befreien und sämtliche Kontrollmechanismen außer Kraft setzen. Natürlich verkündet die Regierung den Staatsstreich nicht offiziell. Sie behauptet lediglich, sie führe nun einige dringend notwendige Reformen „zum Wohle des Volkes“ ein. Woran können wir nun erkennen, ob das, was derzeit in Israel vor sich geht, wirklich eine Reform ist, oder doch ein Staatsstreich? Der einfachste Test ist folgende Frage: Sind der Macht der Regierung noch Grenzen gesetzt? (…)

Ob ein Bataillon oder ein Gesetz den Staat dem Herrscher unterwirft, spielt keine Rolle Fragt man die Putschisten geradeheraus, was die Macht der Regierung unter den neuen Regelungen begrenzen wird, lautet die einzige Antwort: „Unsere wohlwollende Haltung. Vertraut uns.“ Die klassische Antwort jedes Diktators. Auch General Strongman erklärt nach der Machtübernahme mit Hilfe eines Panzerbataillons in seiner Rede an die Nation: „Vertraut mir. Ich werde euch beschützen. Ich werde für euch sorgen.“

 

 

Der ganze Essay von Yuval Noah Harari erschien am 16. März 2023 in der Süddeutschen Zeitung. Die Regierung Benjamin Netanjahu plant mit ihrer Mehrheit das neue Justiz-Gesetz Anfang April zu verabschieden.

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Tacheles reden

Tacheles kann viel bedeuten. In Berlin ploppt bei Google „ein einzigartiges Objekt an einem der begehrtesten Standorte Europas“ auf. Mitten in der Hauptstadt. Ein Filetstück an der Friedrich-, Ecke Oranienburgerstraße. Auferstanden aus Ruinen lockt ein 23.000 Quadratmeter großes Prestigeprojekt für „gehobene Ansprüche“. Eines der luxuriösen Wohnhäuser, entworfen von renommierten Architekturbüros, nennt sich „Vert“. Französisch für grün. Das neue grüne Tacheles lässt keine Wünsche offen. In blumiger Maklerprosa heißt es: „Urbanes Lebensgefühl und Rückzug ins Apartment. Lässig und stilvoll lebt es sich in der von Herzog & de Meuron neu interpretierten Gründerzeitarchitektur“.

Ein Werbefilmchen produziert fröhliche Momentaufnahmen vom sorgenfreien Luxusleben mit leckerem Kuchen, treuem Hundeblick und dynamischen Menschen. Sie trägt High Heels und trinkt Champagner, er bindet sich eine Fliege um den Hals und radelt mit dem Einstecktuch „durch eine inspirierende Nachbarschaft“. Die Performance erinnert an eine Neuauflage von Ton Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“. In der Kinoversion spielte Tom Hanks einen New Yorker Börsenguru, einen Master of the Universe. Sinn des modernen Lebens: Geld verdienen und ausgeben.

Das neue Berliner Tacheles verspricht noch mehr: den Himmel auf Erden. Mit Concierge, Lobby, Tiefgarage mit E-Ladestation, Fahrradwaschanlage, Health Club, Hundewaschplatz, Spa, Quartiers-App und selbstredend Security. Dazu jede Menge Lebensqualität mit „Szenerestaurants, Conept-Stores oder Nachtleben … in den schillernden Farben der Metropole“. Wow! Dieses Paket hat seinen Preis. Im Schnitt kostet der Tacheles-Quadratmeter 15.000 Euro. Für Interessierte: Der „Schlüssel zum guten Leben“ passt bei einem 1-Zimmer-Apartment ab ca. 685.000, – Euro; bei einer Penthouse-Wohnung mit vier Zimmern ab 4.5 Millionen Euro.

 

1909 als „Friedrichstraßenpassagen“ mit Kuppel errichtet, ein Jahr später in Konkurs gegangen. Diese Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahre 1928. Nutzung durch AEG. Zu der Zeit hieß es „Haus der Technik“.  In der DDR übernahm u.a. die Gewerkschaft FDGB den kriegszerstörten Gebäudekomplex. Quelle: Museum für Technik

 

Tacheles hat noch eine andere Bedeutung. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und steht für: Tacheles reden, das heißt offen und unverblümt seine Meinung äußern. Reden wir also Klartext: Das neue Vorzeigeprojekt ist ein Musterbeispiel wie Berlin Bestlagen für ein Butterbrot verscherbelte und zugleich jede Grundlage für eine soziale Wohnungspolitik gegen die Wand fuhr. Die Hauptstadt verkaufte 1998 das riesige Filetstück für 2,8 Millionen DM an die Fundus-Gruppe des Investors Anno August Jagdfeld. Als der Adlon-Investor ins Straucheln kam, verkaufte Jagdfeld 2014 das Ruinen-Areal für 150 Millionen Euro an die amerikanische Vermögensverwaltung Perella Weinberg Partners LP.

 

 

How long is now? 12 Jahre diente das „Tacheles“ als Kreativ- und Kunstzentrum bis zur Räumung. (1990-2012) Blick von der Oranienburgerstraße. (2008) Quelle: Kunsthaus Tacheles.

 

Das war das Aus für das „alte“, nichtkommerzielle Tacheles. Künstler hatten Anfang der Neunziger das Ruinengelände besetzt. Sie übernahmen eine verwahrloste, einstige Einkaufspassage aus der Kaiserzeit, die zum Ende der DDR abgerissen werden sollte. Kreative aus aller Welt eroberten den Freiraum und gaben dem Gelände seinen Namen. Mit dreißig Ateliers, Bars, Cafés, einem Programmkino, den Salons, in denen bis tief in die Nacht Theater, Tanz und Performances aller Art gefeiert wurden. Das Tacheles brillierte als Symbol für das neue wilde, kreative Berlin. Aufregender als New York und dennoch unvorstellbar billig. Was geschah nach 2015? Die US-Investoren rissen die Reste des einstigen Kunsttempels ab, ließen teure Eigentumskomplexe errichten. Jetzt vermarkten sie ihr hochpreisiges „Investment“ und Konzept vom Schöner Wohnen „Am Tacheles“ passgenau mit der sagenumwobenen Legende des von ihnen selbst beerdigten Ortes. So macht Kapital aus Kunst maximalen Kommerz.

 

Das „Tacheles“ war ein offenes, selbstbestimmtes Haus für Kreative aus der ganzen Welt. (1990-2012) Quelle: Kunsthaus Tacheles.

 

Die Architektur des neuen 780-Millionen-Projekts mag jedoch nicht recht überzeugen. Die FAZ beklagt Eintönigkeit: „Belebung ist aber auch nötig, denn die Fassade knattert monoton einmal durch die 150 Meter lange Passage hindurch, als ob sie aus einem 3D-Drucker stammte, bei dem die Architekten den Abschaltknopf nicht mehr fanden; es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass man an ihrem Ende auf eine Praxis für Schnarch-Therapie zu spaziert.“

 

Vert Am Tacheles. Nordfassade. Xoio. Quelle: www.vert-amtacheles.de

 

Was noch mehr als fehlende Ästhetik schmerzt: Das Tacheles-Schicksal steht für das Versagen der Berliner Baupolitik der letzten Jahrzehnte. Seit langem herrscht große Wohnungsnot. Selbst Gutverdienende aus der Mittelschicht können sich in Berlin-Mitte kaum noch eine Wohnung leisten. Kreative schon gar nicht. Am Ende heißt Tacheles reden, ja leider und hier und heute: Eine Mehrheit der Berliner fordert die Enteignung der großen Player, während eine kleine Minderheit das Geschäft ihres Lebens macht. Willkommen im neuen, grünen Tacheles.

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Alles bleibt anders

Keine Sorge: Berlin bleibt sich treu. Die Hauptstadt liefert weiter Schlagzeilen, die blankes Erstaunen, Kopfschütteln oder Heiterkeit auslösen. Franziska Giffey, die nach der Pannenwahl in der Wiederholungswahl ihre Wiederwahl verpasst hat, bleibt trotz des Wahldebakels – schlechtestes Berliner SPD-Ergebnis aller Zeiten – voraussichtlich im Amt. Nicht als Regierende, vielmehr als Mitregierende in einer schwarz-roten Koalition. Die will gerne eine ganz Große sein, wird wohl aber eher eine halbstarke Regierungskoalition werden. Der wahrscheinliche, neue CDU/SPD-Senat vertritt 46,6% des Wählerwillens, wobei die größte Gruppe, die der Nichtwähler, gar nicht berücksichtigt ist. Doch das haben wir gelernt. Am Ende zählt nur eines: Mehrheit ist Mehrheit.

 

Potsdamer Platz. Foto: Robin Berndt.

 

Was ist zu tun? Eine Menge. Wohnen, Verwaltung, Bildung, Sicherheit, Verkehr, Umwelt und noch mehr. Wird sich etwas ändern? Wohl kaum. Im Alltag der knapp 4-Millionen-Stadt fehlt es häufig an einfachsten Voraussetzungen für eine bessere und „progressive“ Politik. Ein Beispiel von vielen: Wie hat sich auf Berlins Straßen der Verkehr im Winter 2023 entwickelt? Sind mehr oder weniger Autos unterwegs als im Vorjahr? Wäre gut zu wissen. Das Problem: Die Langzeit-Messstellen, die vorbeifahrende Fahrzeuge aufzeichnen, sind seit Oktober 2022 defekt. Nach Angaben der grün geführten Verkehrsverwaltung hat „die Solartechnik mit sehr alten Batterien“ den Geist aufgegeben. Neue Technik werde installiert. Wo sind die bislang gesammelten Messwerte? Antwort: „Mutmaßlich verloren“. Wenigstens der Berliner Mutterwitz kehrt zurück. Nur ein Beispiel: „Liegt ein Skelett auf dem Flur des Bürgeramtes. Was steht auf der Tür? – Bin gleich zurück!“

 

Sie dreht sich weiter. Weltzeituhr am Alex. Foto: Chris Beutke

 

Die Berliner Verwaltung ist bis zur Unkenntlichkeit kaputtgespart worden. Ihr Hoheitszeichen ist das gute, alte Fax-Gerät. Ohne dieses Kommunikationsgerät geht in Berlin nichts. Trotz x-fach angekündigter Digital-Offensiven. Jetzt „im Frühjahr 2023“ soll das digitale Ummelden des Wohnsitzes tatsächlich wahr werden. Wirklich? Der Berliner Alltag liefert wunderbare Possen. Wenn Bürger Stadtbäume spenden wollen, kann die Realisierung bis zu zwei Jahre dauern. Begründung: „Keine Leute“. Die 2006 versprochene Sanierung einer DDR-Plattenschule in Berlin-Lichtenberg, deren Fenster aus Sicherheitsgründen verschweißt werden mussten, lässt auch 2023 auf sich warten. Die Installierung einer „Lichtzeichenanlage“, volkstümlich Ampel genannt, benötigte in Berlin-Mahlsdorf rekordverdächtige 25 Jahre. Nach einem Vierteljahrhundert Planungs- und Projektierungsphase blinkt sie jetzt. Für Ampelfans die genauen Daten: Hultschiner Damm/Ecke Rahnsdorferstraße.

 

Wohnort: Unter der Brücke, Savignyplatz.

 

Wenn genervte Bürger zur Selbsthilfe greifen, erinnert sich Berlin jedoch seiner preußischen Vergangenheit. Unerlaubtes freiwilliges Engagement stößt auf staatlichen Ordnungssinn. Wer etwa in tristen Innenstadtstraßen Baumscheiben mit frischem Grün bepflanzt, muss mit Maßnahmen des zuständigen Grünflächenamtes rechnen. Ungenehmigtes Grün wird sogleich mit Stumpf und Stiel entfernt. Motto: „Da kann ja jeder kommen“. Dieses behördliche Grundgesetz bekam auch ein Rentner zu spüren. Der Mann begann verwahrloste Parkbänke eigenverantwortlich zu streichen und selbsttätig Schlaglöcher zu füllen. Das ging dann doch zu weit. Der Mann wurde mit einer Ordnungsstrafe belegt.

Keine Sorge. Berlin wächst weiter. Wird größer und weiter attraktiv bleiben. Trotz oder vielleicht wegen seiner Schwächen. „Um Berlin in seiner jetzigen Verfassung zu malen, müsste man den göttlichen Dante Alighieri bemühen, welcher die Hölle und das Fegefeuer zu schildern wusste“, schrieb Alfred Kerr, ein scharfer Beobachter des Berliner Stadtlebens. Das war 1896. Da regierte noch der Kaiser. Und das ist schon ziemlich lange her.

 

Da hilft nur: Vergessen wie. Der neue Berlin-Sound von Peter Fox.

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„Be a Mensch“

Sei ein Mensch, meinte einmal Hollywood-Regisseur Billy Wilder. Das zählt. Sonst nichts. So ein Mensch ist Ruth Weiss, 98 Jahre jung. Mit Kopfhörern und voller Elan gibt sie per skype ein Videointerview zum Reichstagsbrand. Ruth spricht ein wunderbares Thomas-Mann-Deutsch. Klar und deutlich, die Sprache ein wenig altmodisch, aber detailgenau und auf dem Punkt. Ihr Jahrhundertleben beginnt im Juli 1924. Das Elternhaus steht in Fürth, in der Theaterstraße. Die Eltern sind Kaufleute. Die kleine Ruth Löwenthal erlebt eine unbeschwerte Kindheit, wird mit „Wärme, Liebe und Geborgenheit“ groß, bis die Nazis an die Macht kommen. Da ist sie acht Jahre alt: „Ich ging um die Ecke, und da stand er vor mir, mit der Peitsche in der Hand: Julius Streicher.“  Der Mann mit der Peitsche ist der Gauleiter von Mittelfranken (Nürnberg/Fürth) und ein NS-Scharfmacher. In Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage.

 

Ruth Weiss (2022) Seit 2020 Ehrenpräsidentin des PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. Foto: CC BY-SA 4.0

 

1936, im Jahr der Olympischen Spiele können die Löwenthals nach Südafrika fliehen. Hier gehören sie zu den insgesamt rund sechstausend deutschen Juden. Ruth schließt sich als Teenager der „Unabhängigen Kulturvereinigung“ an, einem deutscher Exil-Club.  Dort lernt sie Hans Leopold Weiss (1909-1989) kennen, einen liberalen Intellektuellen, gleichfalls heimatlos wie sie. In jungen Jahren war Weiss in die KPD ein- und im Pariser Exil wieder ausgetreten. Als 24-jähriger Redakteur beim Berliner Tageblatt (Leitung Chefredakteur Theodor Wolff) sieht er als Augenzeuge wie der Reichstag brennt. Der Himmel über Berlin verfärbt sich blutrot, die Kuppel explodiert. Im dunklen Gebäude riecht es nach Benzin. Die Massenverfolgungen beginnen. Der damals 24-jährige Hans flüchtet Hals über Kopf nach Prag, bevor er über Frankreich nach Südafrika auswandert. Seine Rettung.

 

Ruth Weiss zwischen Alexander Mayer und Andrei S. Markovits vor ihrem Geburtshaus in Fürth. (Juli 2022) Foto: CC BY-SA 4.0

 

Ruth und Hans heiraten in Südafrika. Sie nimmt seinen Namen Weiss an. Ruth veröffentlicht als „Hans Weiss“ erste Artikel, so bleibt sie die „graue Maus“ im Hintergrund. „Er füllte mein Leben, glücklich war ich nie.“  Ruth beginnt sich zu lösen. „Wir trennten uns nach einigen Jahren wieder. Er wollte immer den deutschen Pass behalten.“ Ruth geht eigene Wege. Sie beginnt in einer Versicherungsgesellschaft, macht erste Schritte als Wirtschaftsredakteurin. Sie hat Talent. Und Ausdauer. Bald berichtet sie für den renommierten Guardian und die Deutsche Welle aus Afrika. Ihre zweite Heimat Südafrika jedoch bleibt für sie ein absurdes Land. Sie streitet gegen die Apartheid, gerät in den 60er Jahren rasch auf die „Schwarze Liste“, wird zur Persona non grata erklärt und ausgewiesen. Erst mit dem Amtsantritt von Nelson Mandela 1991 wird sie wieder von den Fahndungslisten gestrichen. Einmal erlebte sie den Anti-Apartheid-Führer, in der Küche einer Freundin, die mit ihm im Untergrund zusammenarbeitete: Da saß er am Küchentisch, „vor sich einen dampfenden Teller. Er lachte uns an. Nelson Mandela.“

 

 

Dreimal in ihrem Leben wurde Ruth Weiss ausgewiesen. Aus Deutschland, aus Südafrika und aus Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Warum? Weil sie sich als linke Jüdin nicht den Mund verbieten ließ. Ob gelber Stern oder schwarze Hautfarbe, sie hat sich in Afrika engagiert „wie dies nur sehr wenige Weiße getan haben“, schrieb Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer im Nachwort zu ihrer Autobiografie „Wege im harten Gras“ (1994). Mittlerweile hat die unermüdliche Autorin ihre siebenbändige Familiengeschichte Die Löws. Eine jüdische Familiensaga in Deutschland, vollendet. Ruth lebt heute in Dänemark. Als wir unseren Videocall zum Reichstagsbrand beendet haben, fragt sie noch: „Können Sie damit etwas anfangen?“ Und wie. Ruth Weiss ist ein Mensch, und was für einer. Eine Jahrhundertfrau, die etwas zu sagen hat. Ein Glück, dass es sie gibt. Im Juli wird sie 99.

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„Große Schwester“

Wie bitte? Ihr Partner gendert nicht! Ihr Chef reißt fahle Alt-Herren-Witze! Der dicke Nachbar schimpft über feministische Außenpolitik?! So was von gestern. Aufgepasst: Hilfe naht. Sollten Sie im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder beim Familientreffen antifeministische Zoten vom Kümmerling bechernden Onkel aus Buxtehude  ertragen müssen, einfach melden, und zwar bei der neuen Meldestelle Antifeminismus. Der offizielle Titel lautet: „Meldestelle für Betroffene von Hass gegen Frauen und andere geschlechtliche Minderheiten“. Sollte es sich beim Onkel aus Buxtehude um eine „Person öffentlichen Interesses“ handeln, können Sie ihn ruhig namentlich nennen. Start frei für „Germanys Next Top Blaming“.

„Wir sind überrannt worden – es ist erschreckend zu sehen, wie viele Fälle schon reingekommen sind“, sagt Judith Rahner, Initiatorin der Meldestelle bei der Antonio-Stiftung der WELT. Endlich können „organisierte Kampagnen gegen geschlechtergerechte Sprache“ oder „Angriffe auf queere Menschen und Einrichtungen“ gemeldet werden. Eingehende Daten würden nach Art und Anlass kategorisiert. Das gesammelte Wissen soll zur Schulung für Polizei und Justiz genutzt worden. Kritik an der staatlichen Meldestelle kontert das federführende Familienministerium: „Bitte beachten Sie, dass grundsätzlich keine Klarnamen oder persönlicher Personen mitgeteilt werden“. Ausnahme, „sofern es sich nicht um Personen öffentlichen Interesses handelt“. Wie gesagt, Achtung! Ihr Brüderles, Kubickis, Lindners und alle anderen im Lande: Zügelt Eure Zungen.

 

Bitte melden! Das neue Portal des Bildungsministeriums.

 

Wäre es da nicht konsequent weitere Meldestellen einzurichten? Für eine bessere Politik, im Namen des Fortschritts? Der Urtrieb des Menschen missliebige Menschen anzuschwärzen ist unermesslich und kann optimiert werden. Was ist mit abfälligen Äußerungen über Klimawandel, Elektroautos, Lastenfahrräder, Corona-Impfungen, Hafermilchtrinker oder Mitglieder der Bundesregierung? Kurzum: warum nicht politisch unkorrekte Worte oder Witze direkt melden können? Sinnvoll wäre zurzeit auch eine Meldestelle Putinversteher oder eine Meldestelle Grundsteuerverweigerer. (hier bitte eigene Wünsche ergänzen und an die Bundesregierung schicken) Somit könnte „total innovativ“ und mit viel Wumms eine neue Dimension der Debattenkultur nach dem deutschen Reinheitsgebot erreicht werden. Melden. Enter. Genau.

 

Schöne Neue Welt. 2023. Meldet, was stört. Quelle: Amadeo-Antonio-Stiftung-

 

„Winstons Umerziehung macht Fortschritte. Er übt sich im „Doppeldenk“: widersprechende Argumente entweder gar nicht sehen oder nicht begreifen. Doch als ihm Julia im Traum erscheint und er laut nach ihr ruft, erkennt O’Brien, dass Winstons Liebe zu Julia ungebrochen ist. Er wird in das berüchtigte Zimmer 101 gebracht. Dort erwartet jeden Menschen seine persönliche Hölle. Danach glaubt Winston endlich frei zu sein, durch seine neu entdeckte Liebe zum Großen Bruder. Die Gehirnwäsche war erfolgreich.“

 

 

Wir ersetzen Orwells Großen Bruder (1984) durch das 2023 zeitgemäßere Große Schwester. So könnte das grüne „Petz-Portal“ zur Erlangung von „Täter*innendaten“ (Antonio-Stiftung), ausgestattet mit Staatsknete und dem Versprechen „ausnahmslos anonymisiert“ zu sein, in eine progressive Zukunft führen. Wer das meint, glaubt vermutlich auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Sorry, Falter*innen!