Category : aktuelles

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Lieber Luther

Am Anfang waren viele Worte – auf Deutsch. Die Bibel. Und dann?  Aufbruch. Reformation. Religionskriege. Staatsdoktrin. Im Gepäck: Deutsche Tugenden wie Arbeit, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit. Deutschland wurde so protestantisch geprägt wie kaum ein anderes Land der Erde. Und heute? Lutherland ist abgebrannt. Es gibt kaum eine Region in der Welt, die so vollumfänglich säkularisiert – sprich: entkirchlicht – wurde wie Luthers Heimat zwischen Eisenach und Wittenberg. Kirche, was war das noch? Dennoch hat dieser aufbrausende gottesfürchtige Bibel-Mann aus Eisleben, der an Hexen glaubte, die deutsche DNA geprägt wie kein anderer. Bis heute. Die Deutschen sind fleißig, sparsam und obrigkeitsgläubig. Sie sparen wie die Weltmeister, kaufen keine Aktien, sind Überstunden-Rekordhalter, verfügen über

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Zukunft Heimat

Endlich Sommer. Raus aufs Land. Nur weg aus den Städten, die nerven. Sie sind heiß, hektisch, autistisch. Die Sehnsucht nach der heilen Welt ist längst zu einem Milliardengeschäft geworden. Magazine wie „Landlust“ fahren Auflagenrekorde ein. Dabei zeigen sie das Landleben ähnlich realitätsnah wie der „Playboy“ Frauen, so Barbara Schaefer und Katja Trippel in ihrem Buch „Stadtlust“. Auch Menschen auf dem Land hätten stressige Jobs und Zukunftsängste. Bloß nichts, was sie davon ablenke: keine Theater, keine Kinos, keine Bars. In der Lifestyle-Landleben-Literatur ist davon nichts zu lesen. Nur glückliche Kühe, die hinterm Kräutergarten auf sattgrünen Wiesen wiederkäuen.   Mega-Trend Landliebe. Früher war das platte Land einfach nur eine gefahrvolle und „wüste

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Wo der Zauber zuhause ist

„Psst! Seien Sie bitte leise, hier wird Theater gespielt.“ Der große kräftige Manager am Eingang der Gemeindehalle versperrt freundlich, aber bestimmt den Weg. Wir haben zu spät von der Aufführung erfahren, betteln um Einlass. Wir wollen unbedingt sehen, wie der Milchwald in Dylan Thomas Heimat gespielt wird. Plötzlich erbarmt sich der Mann und öffnet doch noch die Tür. Der Saal ist völlig überfüllt, es riecht nach Lampenfieber, Schweiß und Aufregung. Das Stück liegt in den letzten Zügen, auf der Bühne heißt es bald: es wird dunkel in der bibelschwarzen Nacht von … Laugharne.     Schlussapplaus brandet auf, der Saal tobt, die Schauspieler sind glücklich, der Regisseur, ein BBC-Mann, eilt

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Mein Smartphone, mon amour

Ganz ehrlich! Es geht einfach nicht mehr ohne. Nur mit meinem kleinen Freund fühle ich mich sicher, lebendig, überlebensfähig. Mein verlängerter Arm. Mein Hirn. Meine Augen, Ohren, Stimme. Mein Verlangen ist grenzenlos, meine Leidenschaft unstillbar. Das kleine Teilchen ist ein unfassbares Glück. Es wiegt nicht viel, passt in jede Tasche, begleitet mich von früh bis tief in die Nacht. Es zeigt mir die Welt, ich halte sie fest in den Händen. Ein Blick reicht. Über zweieinhalbtausend Mal berühre ich Dich täglich. Mal zärtlich, mal fordernd, mal ängstlich, mal wütend. So streichle, wische, drücke ich Dich – meine große Liebe – mein geliebt-gehasstes Smartphone. Das Zauberding kann alles, außer Kaffee kochen.

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Der Blick des Nachbarn

In der Vergangenheit war die Zukunft auch schon mal besser. Bunter. Vielversprechender. Das kann erfahren, wer bereit ist, unvoreingenommen über den Gartenzaun zu schauen. Zum Beispiel nach Prag oder auch nach Bratislava. Tschechische und slowakische Fotografen schätzen die Momente, die das Leben ausmachen. Meist in Schwarz-Weiß. Als lieferten sie die Bilder für Milan Kunderas unübertroffenen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. So entstehen Bilder in einem steten Wechsel aus Lebenslust und Melancholie. Motto: Wer mit dem Tod über das Leben verhandelt, der muss stark sein. Eine neue Ausstellung im Tschechischen Zentrum in der Berliner Wilhelmstraße zeigt eine Auswahl der besten Aufnahmen der letzten zwanzig Jahre aus dem Land der Schwejks

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Strahlende Zukunft

„Wir sind die Schmuddelkinder der Nation“, sagt Jörg Möller. Der kräftige Mann lacht. Er ist einer, der in sich ruht: Ingenieur. Kraftwerker. Hobby-Historiker. Einst hat er die leuchtende Zukunft mitorganisiert. Strom aus der Steckdose. Angetrieben von der ungeheuren Energie der Atome. Seit 25 Jahren demontiert, zerlegt und verschrottet er seinen eigenen Arbeitsplatz. Möller ist zuständig für die verstrahlten Hinterlassenschaften eines Atomkraftwerkes. Ganz genau für die des Kernkraftwerkes „Bruno Leuschner“ in Rheinsberg.   Das erste funktionierende AKW in Deutschland ging im Mai 1966 im Osten der Republik ans Netz. In der kleinen DDR. Ein großer Triumph für die Genossen. Ein knappes halbes Jahr später zog der Westen mit dem KKW Gundremmingen

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Johanssons Welt

Es ist eine fabelhafte Welt, die er zu erschaffen imstande ist. Es ist eine Welt, in der mit den Grenzen der Realität gespielt wird, bis sie leicht und elegant überschritten werden. So entstehen neue Räume, Szenen, Situationen. Der Mann greift nicht Momente auf, heißt es über ihn, er setzt Ideen um. Und wie! Die Rede ist von Erik Johansson, einem schwedischen Grafikdesigner. „Die einzige Sache, die uns begrenzt, ist unsere eigene Phantasie“, lautet sein Motto. Johansson ist ein wahrer Tüftler, geduldig und mit langem Atem. Einer, der geradezu genial die Grenzen unserer Vorstellungskraft austestet. Der Stockholmer Künstler arbeitet mittlerweile in Prag, nachdem ihn Berlin nicht mehr inspirieren konnte. Johanssons Welt

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Der kleine Unterschied

Ost trifft West. Zwei Kulturen, eine gemeinsame Sprache? Von wegen. Aber: eine spannende Beziehungskiste. Yang Liu ist in Peking geboren und aufgewachsen. Als sie dreizehn war, zog sie 1990 mit ihren Eltern nach Berlin. Ein echter Kulturschock. Sprache, Sitten, Einstellungen, Umgangsformen – alles änderte sich auf einen Schlag. Das volle Programm. Sauerkraut statt scharfer Nudelsuppe. Yang Liu schaute von nun an sehr genau auf die kleinen und großen Unterschiede zwischen westlichen Europäern und fernöstlichen Chinesen. Sie verglich Kartoffeln mit Reis, Äpfel mit Birnen, deutsche Pünktlichkeit mit chinesischer Lautstärke. Ihre Anregungen und Antworten suchte und fand sie gleich vor der Haustür, im Alltag: Ost trifft West. In einfachen Piktogrammen erklärt die

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Umsonst und üppig

Es ist heiß. Wie in einer dampfenden Waschküche. Das Thermometer zeigt auch abends noch 32 Grad. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei über 90 Prozent. Nach wenigen Minuten ist das Hemd klatschnass. Jeder Schritt fällt schwer. Neun Damen scheint die Hitze der Hongkonger Nächte wenig anzuhaben. Sie sind nackt, bewegen sich nicht, ruhen oder posieren voller Gelassenheit. Schaut her, egal was passiert, das Leben ist schön. Nehmt die Widrigkeiten nicht zu ernst. Wie Schönheitsstatuen aus der Renaissance-Ära trotzen die starken Frauen dem Zeitgeist. Fernando Botero feiert Premiere in China. Der kolumbianische Bildhauer zeigt seine Skulpturen und Werke in Peking, Shanghai und zum ersten Mal in Hongkong. „Meine Arbeit spricht eine universale Sprache“,

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Maos mächtiger Schatten am Horizont

In diesen Tagen besucht Angela Merkel mit großem Gefolge China. Es geht um Big Business, Börsenwerte und neue ökonomische Partnerschaften. Handel und Wandel auf hohem Niveau. Im Riesenreich jedoch wächst die Zahl der Abgehängten, Enttäuschten und Zurückgebliebenen. Immer mehr Chinesen träumen von alten Zeiten. Von mehr Gerechtigkeit, einer verlässlichen Macht und vor allem von Mao. Selbst junge Volksrepublik-Chinesen verehren den Führer des Großen Marsches und der Kulturrevolution. Es gibt eine anhaltende Sehnsucht nach der Ära der Kulturrevolution, schreibt die South China Morning Post, eine liberale Zeitung aus Hongkong. Was ist los im Reich der Mitte? Zurück in eine Zeit der Finsternis, in der im Namen der Revolution über 1.7 Millionen Menschen

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