Category : aktuelles

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Bürger begehren

Herrschaft bedeutet im Alltag primär Verwaltung, schrieb vor hundert Jahren Vordenker Max Weber. Heutzutage im Internetzeitalter produziert Verwaltung zuallererst Verdruss. Es heißt Warten auf die Gnade eines Termins. Auf einen Bescheid, eine Zugangsnummer, eine wohlwollende Prüfung. Der Bürger hat dankbar zu sein. Der Ton in den Amtsstuben ist dementsprechend rau. Hier überforderte Beamte, deren Dienststellen zusammengespart wurden, dort frustrierte Bürger, die ungeduldig auf einen Hauch  Besserung hoffen. Das Ergebnis: knechtische Gesinnung breitet sich aus. Folge einer tyrannischen Bürokratenherrschaft, die ihre Waffen Abstumpfung, Prinzipienreiterei und Gleichgültigkeit wirkungsvoll einzusetzen weiß. Beispiele gefällig? Bürgeramt Berlin-Kreuzberg in der Yorckstraße. Ein Herbsttag. 11 Uhr vormittags. Ein kranker Mann möchte einen Berlinpass beantragen. Die Dame hinterm

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Freude durch Arbeit

Eine große Mehrheit der Deutschen gibt an, gerne zu arbeiten.  88% erklären in Umfragen, Arbeit macht Spaß. Das ist weltweit Spitze. Typisch deutsch? – Typisch Luther! Da ist es das Mönchlein, das vor fünfhundert Jahren den Grundstein legte, Arbeit sei keine Strafe sondern sinnerfülltes Tun. Aus Beruf machte er Berufung, aus Musik eine höhere Mission. Die Folgen beschäftigen uns bis heute: Protestanten haben ein höheres Bildungsniveau als Katholiken. Am Ende des Tages klingelt es bei ihnen im Durchschnitt mehr im Portemonnaie. Zufall? Nein, sagen Luther-Experten. Das sei sein Erbe.     Martin Luther war ein Kraftmensch. Und ein Workaholic. Das Neue Testament übersetzte er in wenigen Monaten. Dabei plagte ihn

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Apokalypse Now

Die Apokalypse findet statt. Jetzt. In Aleppo. Das Stalingrad des 21. Jahrhunderts. Die Allermeisten schauen weg. Die Waffe der Gleichgültigkeit. Sie ist sehr effektiv. Andere verstecken sich hinter einem Panzer aus Ideologie und Gewissheiten. Schuld ist Putin! – Schuld sind die Amerikaner! – Schuld sind die Muslime! – Diese Reaktionen verlängern das Abschlachten in Aleppo. Und führen zu Bilden von Ameer Alhalbi. Auf den ersten Blick ist sein Foto auszuhalten. Kriegsalltag eben. Ein Mann kauert fassungslos in den Trümmern eines zerstörten Hauses.     Auf den zweiten Blick ist die Aufnahme Ameers kaum noch zu ertragen. Aus dem tonnenschweren Schutt ragt ein kleiner Kinderfuß. Kopf und Körper sind verschüttet. Das

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Vogel flieg

Wer ist der größte Feind einer guten Idee? Der eigene Kopf. Die eigene Mutlosigkeit. Und: Das Weiter-so-bloß-nichts-ändern-Denken. Jeder kennt das. In großen Unternehmen hat es der kleine Freigeist besonders schwer. Er trifft allzu schnell auf den Typus des Feldwebels. Dieser vertritt Dienstweg, Vorschriften und die Kraft der Vorgesetzten. Denken ohne Geländer? Geht gar nicht. So werden die besten Ideen zielsicher zur Strecke gebracht. Gebügelt, geplättet, notfalls bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen. Der Illustrator Christoph Niemann kennt diesen Kreislauf der Kreativen zur Genüge.     Aus einem kleinen Fabelwesen, das so gerne das Fliegen lernen will, kann schnell ein bunter, prächtiger Paradiesvogel werden. Die Fantasie nimmt ihren Lauf. Ungehemmt, wild und herrlich

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Erinnerung an Esbjörn

Es war ein warmer freundlicher Sommertag, dieser 14. Juni 2008. In den Schärengärten vor Stockholm sprang Esbjörn Svensson in die Ostsee und tauchte ab. Sein Sohn wartete am Ufer. Dann passierte Schreckliches. Esbjörn verhedderte sich, tauchte nicht mehr auf. Das abrupte Ende einer Leidenschaft. Einer der bedeutendsten und einflussreichsten Jazz-Pianisten der Jahrtausendwende starb im Alter von 44 Jahren. Ein Unglück notierte die schwedische Polizei. Es war eine Tragödie für die Welt des Jazz. Esbjörn Svensson, Sohn einer Konzertpianistin, revolutionierte den gefühlvollen Piano-Jazz. Der große Bach-Liebhaber setzte mit seinem Trio e.s.t. neue Maßstäbe. Nach dem Motto Weniger ist mehr machte er das Komplexe sinnlich begreifbar und ließ das Einfache nicht banal

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Ein Leben mit vielen Akten

Es war das einzige Buch, das in fast fünfzehn Jahren meiner Moderationen auf dem Blauen Sofa während der Buchmessen sofort geklaut wurde. Es war ein neuer Bildband von Günter Rössler. Den damals bereits betagten Leipziger Fotografen begleitete ich von der Bühne hinunter zum Signieren an den nahen Autogrammtisch. Das Buch ließ ich für einen winzigen Moment liegen. Ein Fehler. Als ich zurückkehrte, war es längst weg.     Rösslers Buch erschien 2006. Es hieß: „Mein Leben in vielen Akten“. Es erzählt die Geschichte eines DDR-Fotografen, der aus Leidenschaft unbekümmert und unverkrampft die Weiblichkeit in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hatte. „Nacktheit empfand ich von Anfang an nicht als Peinlichkeit oder

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Musik, die träumt

Er wird viel gespielt, ist verkannt und vergessen. Von jungen Musikern wird er jedoch begeistert wiederentdeckt: Gabriel Fauré. Ein französischer Komponist und Pianist. Spätromantiker vom Scheitel bis zur Sohle. Ein stiller, leiser Mann, der die sanfte Macht der Musik zelebrierte wie kein anderer. Er ist es wert, gespielt zu werden. Besonders Cantique, sein Lobgesang. Komponiert im Alter von 19 Jahren. Ein frühes Meisterwerk.     Der junge Student vertonte im Choral Cantique, auf Deutsch Lobgesang, eine 200 Jahre alte Textvorlage seines Landsmanns Jean Racine aus dem Jahre 1688. In dieser Hymne heißt es: „Gieße aus auf uns das Feuer deiner machtvollen Gnade, dass die ganze Hölle flieht vor dem Klang

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Was Recht war…

„Alles war Recht und Gesetz.“ – „Wir taten nur unsere Pflicht.“ – „Fachleute werden immer gebraucht.“ So hieß es unter Juristen nach Kriegsende. Der Rest war Schweigen. Jahrzehntelang. Erst jetzt über siebzig Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes klärt eine aufsehenerregende Studie, wie unbeschadet Justizvertreter in der Nachkriegszeit im neuen Bundesjustizministerium weiter machen konnten. Als wäre nichts passiert. Zehn von dreizehn Abteilungsleitern der Rosenburg, dem ersten Bonner Dienstsitz, waren im Jahre 1957 frühere Parteigenossen der NSDAP. Das bedeutet 76,9 Prozent. Mit dabei Eduard Dreher, einst Sonderstaatsanwalt am NS-Sondergericht in Innsbruck.   Eduard Dreher machte in der Rosenburg Karriere. Er stieg in den fünfziger Jahren am Bonner Venusberg zum Referatsleiter auf,

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„Merkel muss weg“

Das muss weg, sagte sich Irmela Mensah-Schramm im Mai 2016. Die rüstige Rentnerin nahm eine Spraydose, Farbe Pink, und verwandelte die Parole in einer Unterführung  in ein friedlicheres „Merke! Hass weg“. Dazu sprühte sie zwei Herzchen. Die siebzigjährige Berlinerin wurde beobachtet, angezeigt und in diesen Tagen vom Amtsgericht Tiergarten offiziell verurteilt. Bei Wiederholung drohen der engagierten Frau 1.800 Euro Geldbuße und eine Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Mit der grellen Farbe Pink habe sie wissentlich eine Sachbeschädigung herbeigeführt, argumentierte die übereifrige Staatsanwältin. Sie beharrte auf einer Bestrafung, obwohl das Gericht zu einer Einstellung des Verfahrens tendierte. Die Frau, die sich selbst einmal als Politputze bezeichnete, wäre damit vorbestraft. Dabei

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Stadt der Zwerge

Wer genauer hinschaut, kann sie überall entdecken. 300 kleine Zwerge bereichern das Zentrum von Wroclaw. Mal versteckt, mal offen, jedoch stets aus Bronze. Musiker-Zwerge, Feuerwehrzwerge, deutsche und polnische Gartenzwerge: gemeinsam vereint, beim Feiern des Mauerfalls. Wo? In Breslau, der Stadt der Zwerge. Zudem für drei Monate noch Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, die heiter stimmt, trotz der traurigen Geschichte.     Eine polnische Stadt als offizielle Kulturmetropole Europas. Geht das denn? Die Breslauer müssen nicht lange überlegen. Sie fühlen sich allein durch die Frage geradezu beleidigt. Im Gegensatz zu Warschaus Eliten und den Menschen auf dem flachen Land, wo die EU verdammt und verteufelt wird, steht das junge Breslau für Europa.

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