Category : aktuelles

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Über eine Hassliebe

Be Berlin. Die Stadt an der Spree ist ein Ort, der Menschen zuverlässig anzieht, aufregt und auch wieder abstößt. Der Boom hält an. Trotz Flughafen-Fiasko und Flüchtlings-Chaos. Im letzten Jahr zog eine ganze Großstadt nach Berlin: 120.000 Menschen. Das ist einmal Göttingen, Ulm oder Wolfsburg. Darunter waren auch 40.000 reguläre Neubürger. Berlin wirkt weiter wie ein Magnet. Ist die deutsche Hauptstadt «romantisch wie Bullerbü, mondän wie die Côte d’Azur und weltstädtisch wie London», wie das Hochglanzmagazin «Geo special» befindet? Von wegen! Berlin ist „zum Abkacken“, schreibt Kristjan Knall in seiner Kampfschrift „111 Gründe, Berlin zu hassen“. Er nimmt Berlin-Klischees unter die Lupe, streitet gegen „Eso-Hipster, Stammtisch-Sarrazins, Dit-wird-ma-ja-wohl-noch-sagn-dürfn-Sagern und Alpha-Prolls im

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Der Menschenfreund

Es war eine Freude ihn zu treffen. Mit ihm zu arbeiten, zu reden und zu streiten. Roger Willemsen hatte stets etwas Ansteckendes, Öffnendes und Befreiendes. Selbst wenn man seine Meinung nicht immer teilen mochte, seine Fragen, Ideen und Gedanken ließen einen nicht mehr los. „Man muss dorthin gehen, wo es wehtut“, war sein Credo. Nun hat ihn der Krebs im Alter von sechzig Jahren besiegt. Nicht aber seine Haltung. Roger Willemsen hinterlässt eine Lücke. Es ist eine große Lücke. Willemsens Welt. Unerschöpflich interessierte er sich für alles, was das Leben zu bieten hatte. Afghanische Kinder, Bundestagsabgeordnete, Helden, Selbstmörder, Lügner, Blender und immer wieder und bevorzugt Außenseiter aller Schattierungen. Als er

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Mit Bach gegen Bomben

Wenn in Bagdad wieder eine Bombe explodiert ist, packt Karim Wasfi sein Cello aus und spielt genau dort, wo der Anschlag passiert ist. Auf der Straße. Vor Moscheen. In zerstörten Geschäften. Er improvisiert Bach, Chopin oder was ihm gerade durch den Kopf geht. Der 43-jährige Iraker will Mut machen. Ein Zeichen setzen gegen die lähmende Abstumpfung und Ohnmacht. Karim lächelt das Publikum im Berliner Radialsystem an. Musik hilft, sagen seine Augen. Musik kann eine Waffe sein. Wirksam werden gegen den Wahnsinn, gegen die tödliche Logik des Terrors. Karim Wasfi ist Cellist, Dirigent, Komponist und You Tube-Star. Im Hauptberuf leitet das Multitalent das renommierte „Iraqi National Symphony Orchestra“. Der Sohn eines

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Von oben betrachtet

Der kanadische Astronaut Chris Hadfield umrundete 2013 die Erde. Er war begeistert. Von der Raumstation ISS zeigte sich der blaue Planet eindrucksvoll. Eine weiß-blaue Kugel, elegant, erhaben, einzigartig. Filigran, fast zerbrechlich. Aus vierhundert Kilometern Höhe fotografierte Hadfield Städte, Landschaften, Kontinente. Bei Tag und Nacht. Über Berlin entdeckte er eine Überraschung. Aus dem All präsentiert sich die Stadt mit einer eindrucksvollen Licht-Installation. Während im Westen bläulich-kühles Licht vorherrscht strahlt der Osten in warmem Bernsteingelb.   Die Lichtgrenze verläuft exakt entlang der alten Mauer. Für Betrachter aus dem All scheint die Berliner Teilung noch Gegenwart zu sein. Auch über ein Vierteljahrhundert nach der Einheit kann die deutsche Metropole ihre getrennte Vergangenheit nicht

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Von fliegenden Karpfen

Das Drama vom todkranken Flüchtling in Berlin? Ausgedacht. Der Skandal um das vergewaltigte dreizehnjährige Teenagermädchen? Erfunden. Sensations-, Lügen- und Horrorgeschichten verfolgen uns nahezu täglich. Gerüchte und Halbwahrheiten haben Konjunktur. Es ist allzu menschlich, in Krisenzeiten Gerüchten Glauben zu schenken. Sie helfen uns, den Überblick zu wahren und wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Viele fühlen sich derzeit einfach überfordert. Gerüchte hingegen bedienen Instinkte, sind von verführerischer Einfachheit. Tatsächliche oder diffuse Ängste werden geschürt. Diese alte Sehnsucht nach Gewissheiten, festen Grenzen und stabilen Feindbildern beschleunigt Gerüchte. Ganz von allein. Wer Zweifel äußert, stört. So kann munter behauptet werden ohne Belege zu bringen. Facebook oder Twitter funktionieren wie flott entflammbare Brandbeschleuniger.

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Als der Blaue Reiter fiel

Das kranke Europa kann nur durch den Kampf geläutert werden. Dieser Krieg werde der grausame aber notwendige Durchgang zu einem neuen Europa sein. Das schrieb der Künstler Franz Marc zu Beginn des I. Weltkrieges. Der berühmte Maler und Mitbegründer des Künstlerbundes „Blauer Reiter“ zog freiwillig den Waffenrock über und diente als Leutnant der Landwehr. Franz Marc war einer von vielen Intellektuellen jener Zeit, die den Krieg als „positive Instanz“ verstanden wissen wollten. Der gebürtige Münchner Marc hatte 1911 den Künstlerbund „Blauer Reiter“ aus der Taufe gehoben – gemeinsam mit Wassily Kandinsky, August Macke und Paul Klee. Ihnen gelang ein atemberaubender Aufbruch in die Moderne. Intensive Farben, expressionistische Leidenschaft und ungezügeltes

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Fünf schnelle Tipps für einen Bestseller

Es ist verdammt früh. Kurz nach der sechsten Stunde. Ein Feiertag. Wir haben es eilig. Der Taxifahrer dirigiert mich zum Flughafen. Im Radio murmelt der Deutschlandfunk die neuesten Nachrichten. Der Chauffeur ist Anfang sechzig, vom Dialekt her ein wachechter Berliner. Er will reden. Sogleich beginnt er mit einer Geschichte vom Flohmarkt an dem wir gerade vorbeikommen. Dort bauen die Ersten ihre Stände auf. Er erzählt: „Ich kaufe dort Bücher für fünfzig Cent das Stück. Ist es ausgelesen, gebe ich das Buch an meine Tochter weiter. Sie sammelt alles und verramscht jeweils drei Gebrauchte für einen Euro. Macht manchmal bis zu fünfundzwanzig Euro am Tag. Echt! Lesen bildet“, lächelt er, „und

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Der alte Mann und die neue Literatur

Es ist kalt. Die Straßen sind voller Schnee, Eis und Matsch. Kein Mensch treibt sich freiwillig herum. Besuch bei einem alten Herrn. Ein Büchermensch alten Schlages, der sein Leben lang an die Wirkung des Wortes geglaubt hat. Sein Name: Achim Roscher. Gründungsmitglied eines kleinen Literaturmagazins über das der Mantel des Vergessens geworfen wurde. Das ist schade. Denn die „Neue Deutsche Literatur“ – abgekürzt NDL – hat viel zu erzählen. Es wird  in seiner kleinen Neubauwohnung am Rande Berlins ein lehrreicher Winternachmittag. Der gebürtige Sachse ist ein kluger Erzähler, voller Anekdoten und Geschichten. Ein lebendes Lexikon. Der 83-jährige berichtet aus über fünf Jahrzehnten deutsch-deutscher Literaturgeschichte. Es geht um die ganz Großen,

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So viel Anfang ist immer

Die aktuelle Weltlage ist derzeit nichts für zartbesaitete Gemüter. Syrien, Saudi-Arabien, die Flüchtlingskrise. Köln, Pegida und Straßenschlachten. Feste Fundamente und alte Gewissheiten wanken, die Gesellschaft ist gespalten. Scheinbar sichere Antworten greifen zu kurz. Wie damit umgehen? In den Sozialwissenschaften findet sich für verunsicherte Zeitgenossen ein Zauberwort: Resilienz. Wie bitte – Resilienz? Der Begriff entstammt dem lateinischen Verb resiliere und bedeutet so viel wie zurückspringen oder abprallen. Als Substantiv kann es daher großzügig mit Widerstandskraft übersetzt werden. Wie sagte einst der Schweizer Schriftsteller Max Frisch? „Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“   Welche Krisen machen eine Gesellschaft widerstandsfähig? Andersrum: Welche Erschütterungen und

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Auf eine Armlänge Abstand…

Alle reden über das neue Maß, das Abstand halten soll. Eine Armlänge. Sie soll Frauen in Deutschland schützen. Vor Anmache, Fremden, Machos und ausländischen Männerhorden. Das Netz läuft in diesen Tagen randvoll mit Empörung, Hass und Untergangsszenarien. Die Wutwelle rollt. Es scheint, als stünde die Apokalypse unmittelbar bevor. Von Auswandern und Bürgerkrieg ist die Rede, vom Ausverkauf der deutschen Kultur, kurz: Das Land geht unter, wenn nicht endlich etwas passiert. Aber was muss geschehen? Was ist zu tun? Den Stahlhelm aufsetzen und den nationalen Notstand ausrufen, unsere Bahnhöfe mit Bürgerwehren und Bundeswehr besetzen, an Frauen Pfefferspray verteilen und Karatekurse verordnen? Vielleicht sollten wir vorher noch ein paar Sekunden Zeit in

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